Peter Halm über Liebe deine Nächste!

Szenenbild INHALT: Die Welt zu verbessern, ist ihr Auftrag. Der Ort dafür die Obdachlosenheime dieser Erde. Die Organisation dahinter die Heilsarmee. Und die schickt ihre besten "Soldatinnen Gottes", Josefin (Lea Mornar) und Isolde (Heike Makatsch), nach Berlin, wo es ganz düster für die Ausgestoßenen der Gesellschaft aussieht. Dort wollen sie mit harter Hand die Obdachlosen wieder zu wertvollen Menschen machen. Sauberkeit, Alkoholverbot und Singen - nach dem Motto: Suppe, Seife, Seelenheil - stehen von nun an auf der Tagesordnung. Mit blauer Uniform und Häubchen auf dem Kopf geht es klampfenderweise auf die Straßen zum Spendensammeln. Dort treffen die Engel der Nächstenliebe auf Tristan (Moritz Bleibtreu), dem Ausbund an teuflischer Bosheit. Er setzt zur Sanierung von Firmen ganze Belegschaften auf die Straße, ohne mit der Wimper zu zucken. Frauen sind für ihn nur Lustobjekte für den einmaligen Bettgebrauch, und so ist sein erster Gedanke, als er die spröde Josefine erblickt: "Die ficke ich auch noch...". Um sie ins Bett zu locken, bietet er 10.000 Mark für die Spendenkasse. Überraschenderweise willigt sie nach erstem Zögern ein. Doch nach "getaner Arbeit" empfindet der Macho plötzlich mehr für Josefine ...

KRITIK: Zum Weihnachtsfest kommt Detlev Bucks ("Männerpension"; "Wir können auch anders") neuer Streifen in die Kinos mit dem passenden programmatischen Titel "Liebe Deine Nächste!"

Leider ist das aber auch fast schon alles, was sich Positives über diese Mischung aus Komödie und Liebesfilm sagen läßt. Der Versuch Bucks, die Problematik der "Neuen Armut" in Deutschland zu thematisieren und künstlerisch märchenhaft zu überhöhen, schlägt gründlich fehl. Stattdessen bietet er uns Obdachlose, die mehr wie eine Karikatur ihresgleichen aussehen (auch wenn einige Penner als Laiendarsteller tatsächlich sich selbst spielen) und eine Handlung, die niemals so richtig in Fahrt kommt und dann auch noch ein völlig motivationsloses Ende bereithält, so als wären Buck das Geld oder die Ideen ausgegangen.

Darüberhinaus bietet er Szenen an, die - vorsichtig ausgedrückt - sehr mißverständlich interpretiert werden können. So ist die Darstellung von Isoldes Vergewaltigung und ihre Behandlung des Peinigers danach eine zutiefst altmodische Männerphantasie, die so dargestellt unter jeden Schneidetisch als Müll landen müßte. Traurig, dass es so etwas an der Schwelle zum nächsten Jahrhundert noch gibt.

Da helfen dann auch kaum noch die überzeugenden Darstellungen von Moritz Bleibtreu (zuletzt "Lola rennt") als skrupelloses Arschloch und die Neuentdeckung aus Kroatien, Lea Mornar, die ihre Fremdartigkeit plausibel veranschaulicht. Heike Makatsch darf nach "Männerpension" mal wieder schräg singen und ansonsten mit ihren großen, blauen Kulleraugen brav aussehen.

Auch die visuelle Umsetzung ist in Ansätzen zwar gelungen (die kühlen Teleaufnahmen der kaltschnäuzigen Stadtwelt wechseln mit warmen, in Brauntönen gehaltenen Bildern im Obdachlosenheim), kann aber oftmals eine plakative Werbeästhetik nicht unterdrücken. So verkommt eine überflüssige Duschszene Mornars zur billigen "Dusch Das"-Allegorie.

Fazit: Von einem sehr guten Buck-Film ist "Liebe Deine Nächste!" soweit entfernt wie Ostern von Weihnachten. Waren der typische Buck-Charme und die schrägen Figuren von "Karniggels" und "Wir können auch anders" schon in "Männerpension" nur noch ansatzweise wahrnehmbar, so fehlen sie hier vollkommen. Stattdessen zeigt uns Buck, wie groß die Kluft zwischen "gut gemeint" und "gut gemacht" im schlimmsten Fall ausfallen kann. Ein trauriger Abschluß eines enttäuschenden deutschen Filmjahres 1998.

MEINE WERTUNG: 3 von 10 möglichen Punkten

Dirk Jasper FilmLexikon
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