Wer einen Hang zum Masochismus verspürt oder mal wieder heftig im Kino mitleiden mächte, der sollte schleunigst in "Alice und Martin" gehen. Denn in Andre Techines ("Diebe der Nacht") neuem Film wird der genußsüchtige Problembewußte von heute wirklich bestens bedient. Und wenn zwischendurch der traurig arme Martin aufschreit: "Ich möchte gerichtet werden!", dann kann man ihm eigentlich nur kopfnickend zustimmen. Obgleich man sich nur schwer vorstellen kann, dass im Paris der späten neunziger Jahre ein junger Schönling wie er - nach Verlassen der Pubertät - noch zu solch dramatischen Auftritten und zu solch sprachlichen Ergüssen neigt.
Aber wir sitzen ja im Kino und schauen einem schwerblütigen französischen Melodram zu, bei dem es um nichts Geringeres geht als - bitte festschnallen! - um Vatermord und ungewollte Vaterschaft, um Liebe, Haß und andere diffizile Obsessionen. Und in dessen Mittelpunkt natürlich das titelgebende Paar steht. - Doch der Reihe nach: Martin (Alexis Loret) hat am Tag des Todes seines Vaters das Elternhaus fluchtartig verlassen und trägt nun ein düsteres Geheimnis mit sich herum. Und obwohl jeder Zuschauer spätestens nach fünf Minuten weiß oder wenigstens ahnt, dass der junge Mann seinen Vater höchstpersänlich die Treppe final hinuntergeschubst hat, braucht Martins ältere Geliebte Alice (Juliette Binoche) sehr viel Zeit, um ihrem Freund ein Geständnis zu entlocken. Das gelingt ihr nämlich erst, als sie von Martin ein Kind erwartet, er darauf sofort psychisch zusammenbricht, von da an nur noch mit einem finsteren Gesichtsausdruck durch die Gegend schreitet, bis ihm - aber: Hallo! - klar wird, dass er wegen der Tat gerichtet werden möchte.
So weit, so schlimm. Damit der Zuschauer dabei aber auch wirklich nichts verpaßt und jede Sekunde mitleidend ausschöpfen können, hat Regisseur Techine diese Geschichte noch extrem zäh gedehnt, läßt seine Figuren schwatzen und problematisieren und greift zu erläuternden Rückblenden, die so überflüssig und langatmig sind, dass man sich fast veralbert fühlt. Und nach zwei Stunden richtig froh ist, dass das Licht im Saal gnädig wieder angeht.