Ernst Corinth über
Alice & Martin
Wer einen Hang zum
Masochismus verspürt oder mal wieder heftig im Kino mitleiden
mächte, der sollte schleunigst in "Alice und Martin" gehen.
Denn in Andre Techines ("Diebe der Nacht") neuem Film wird der
genußsüchtige Problembewußte von heute wirklich
bestens bedient. Und wenn zwischendurch der traurig arme Martin
aufschreit: "Ich möchte gerichtet werden!", dann kann man ihm
eigentlich nur kopfnickend zustimmen. Obgleich man sich nur schwer
vorstellen kann, dass im Paris der späten neunziger Jahre ein
junger Schönling wie er - nach Verlassen der Pubertät -
noch zu solch dramatischen Auftritten und zu solch sprachlichen
Ergüssen neigt.
Aber wir sitzen ja im Kino und
schauen einem schwerblütigen französischen Melodram zu,
bei dem es um nichts Geringeres geht als - bitte festschnallen! -
um Vatermord und ungewollte Vaterschaft, um Liebe, Haß und
andere diffizile Obsessionen. Und in dessen Mittelpunkt
natürlich das titelgebende Paar steht. - Doch der Reihe nach:
Martin (Alexis Loret) hat am Tag des Todes seines Vaters das
Elternhaus fluchtartig verlassen und trägt nun ein
düsteres Geheimnis mit sich herum. Und obwohl jeder Zuschauer
spätestens nach fünf Minuten weiß oder wenigstens
ahnt, dass der junge Mann seinen Vater höchstpersänlich
die Treppe final hinuntergeschubst hat, braucht Martins ältere
Geliebte Alice (Juliette Binoche) sehr viel Zeit, um ihrem Freund
ein Geständnis zu entlocken. Das gelingt ihr nämlich
erst, als sie von Martin ein Kind erwartet, er darauf sofort
psychisch zusammenbricht, von da an nur noch mit einem finsteren
Gesichtsausdruck durch die Gegend schreitet, bis ihm - aber: Hallo!
- klar wird, dass er wegen der Tat gerichtet werden
möchte.
So weit, so schlimm. Damit der
Zuschauer dabei aber auch wirklich nichts verpaßt und jede
Sekunde mitleidend ausschöpfen können, hat Regisseur
Techine diese Geschichte noch extrem zäh gedehnt,
läßt seine Figuren schwatzen und problematisieren und
greift zu erläuternden Rückblenden, die so
überflüssig und langatmig sind, dass man sich fast
veralbert fühlt. Und nach zwei Stunden richtig froh ist, dass
das Licht im Saal gnädig wieder angeht.
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2010 Dirk Jasper |
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