Peter Halm über American History X

Szenenbild INHALT: Er trägt ein Hakenkreuz auf seiner Brust, ist aufgrund seiner Intelligenz unter den kahlgeschorenen Skins eh' schon der Anführer und auch sonst wenig zimperlich. Als Derek Vinyard (Edward Norton) auf brutale Art drei Schwarze tötet, die seinen Wagen stehlen wollen, und für drei Jahre ins Gefängnis wandert, wird er endgültig von den rechtsradikalen Mitstreitern vergöttert. Unter ihnen ist auch Dereks jüngerer Bruder Danny (Edward Furlong), der eine ähnlich verhängnisvolle Entwicklung durchmacht wie sein Bruder. Doch im Knast kehrt Derek dem menschenverachtenden Gedankengut den Rücken zu. Nach seiner Entlassung unternimmt er alles, um seinen kleinen Bruder aus den Fängen der Nazi-Schergen herauszuholen ...

KRITIK: Wenn man im Vorfeld eines Films nur von Streitigkeiten der Macher untereinander erfährt, ist dies meist schon vor dem Filmstart das Todesurteil für den Film. Oft auch zurecht, da die Qualität des Streifens tatsächlich beträchtlich unter solchen Zwistigkeiten leidet. Das Waterloo von "Waterworld" mag dafür als Paradebeispiel gelten.

"American History X" dagegen hat weit Besseres verdient, als das Hickhack zwischen Regisseur und Filmstudio um den letzten Schnitt, das monatelang in der Öffentlichkeit ausgetragen wurde. Regisseur Tony Kaye war mit der endgültigen Schnittfassung nicht zufrieden und wollte seinen Namen vom Projekt zurückziehen, was jedoch verweigert wurde. Immerhin sorgte der Streit aber dafür, dass "American History X" bei der Berlinale nicht vertreten war und auch bei den Oscar-Nominierungen bis auf die des besten Darstellers gänzlich übersehen wurde. Dabei ist dieser Film in seiner kontroversen Direktheit und schonungslosen Offenheit mit das Beste, was Hollywood in den letzten Jahren zuwege gebracht hat.

Nicht zuletzt dank der schauspielerischen Tour de Force von Edward Norton ("Alle sagen: I Love You", "Larry Flynt-Die nackte Wahrheit") ist "American History X" zu einem eindringlichen Film geworden, der keinen kalt lassen kann und für einigen Diskussinsstoff sorgen dürfte. Sein Wandel vom Nazi zum guten Familienmenschen mag zwar in seiner letzten Konsequenz nicht überzeugend wirken. Dennoch bleibt insgesamt eine Mischung aus Faszination und Ekel dieser Figur gegenüber, die Norton glaubhaft darstellt.

Wie man überhaupt den ganzen Film mit Gefühlen zwischen ablehnendem Kopfschütteln und zustimmendem Nicken begleitet. Tony Kaye bringt all' seine Erfahrung als erfolgreicher Werbefilmer ein, die er in einigen Szenen mit derartiger Wucht auf den Zuschauer losläßt, dass sich jeglicher Kommentar erübrigt. Das Basketballspiel zwischen den Skins und einer schwarzen Gang wird da ebenso zur stummen Anklage wie die Vergewaltigung in der Gefängnisdusche.

Auch das Ende des Films (das angeblich Edward Norton maßgeblich beeinflußt haben soll) ist auf seine Art konsequent und hinterläßt hilfloses Entsetzen beim Zuschauer. Nach Betrachten des Films fragt man sich, was Kaye eigentlich an seinem Film auszusetzen hat. Fast jedes andere denkbare Ende wäre harmloser ausgefallen.

Fazit: Ein filmischer Schlag in die Magengrube, der nachhaltig wirkt. Zwar haben die USA auch ein Problem mit faschistischen Gruppen. Dennoch ist das Beschämendste an dem Film, dass die Amerikaner ein ureigenes deutsches Thema wieder besser verarbeiten als es in diesem Land angesichts zu Tode gehetzter Ausländer der Fall ist. Jeder, der sich in die Unterschriftenliste der CDU/CSU gegen die doppelte Staatsbürgerschaft einträgt, sollte sich vorab diesen Film antun, um zu sehen, auf welch' fruchtbaren Boden derartige Aktionen auch fallen können.

MEINE WERTUNG: 9 von 10 möglichen Punkten

Dirk Jasper FilmLexikon
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