Ernst Corinth über
Marrakesch
Wenn man jahrelang
nach dem eigenen Ich sucht, dabei allen möglichen Seelenzirkus
veranstaltet, dann ist es ganz schön ernüchternd, wenn
man am Schluß feststellen muß, dass das, was man so
mühevoll gesucht hat, doch nur eine ziemlich schlappe
Angelegenheit ist. Genau das erlebt in Gillies MacKinnons Film
,,Marrakesch'' die junge Engländerin Julia, die Anfang der
siebziger Jahre ihren dichtenden und offenbar nicht ganz dichten
Gatten in London verläßt und mit ihren beiden
Töchtern ins damals so gelobte Hippieland Marokko
aufbricht.
In Marrakesch treibt sie sich gut
ein Jahr lang herum, lebt unter arg abgedrehten Gestalten, wohnt
mal in einer exotischen Villa und dann wieder in einer
schäbigen Absteige, setzt sich ein wenig mit religiösen
Fragen auseinander und redet ständig von einem ,,ego-freien''
Dasein. Doch das, wir ahnen es schon, wird nichts: Ego bleibt Ego
auch in der Tausend-und-einer-Nacht-Kulisse von
Marrakesch!
Und was noch schlimmer ist, ihre
Kinder, die sich nach einem geordneten Leben sehnen, fühlen
sich schließlich so von ihrer Mutter genervt, dass fast eine
familiäre Katastrophe geschieht und Julia sich ganz schön
anstrengen muß, um die Kleinen nicht endgültig zu
verlieren. Genervt ist allerdings auch der Kinozuschauer, dem
außer ein paar netten touristischen Impressionen kaum etwas
geboten wird. Die Story selbst ist nur eine beliebige
Aneinanderreihung von recht harmlosen Anekdoten, und sogar Kate
Winslet, die ja zuvor äußerst erfolgreich mit der
,,Titanic'' baden ging, bleibt bis Schluß als
Walle-Walle-Hippie-Julia erschreckend blaß und geht also in
und mit diesem Film wirklich mal unter.
| © 1999 © 1994 -
2010 Dirk Jasper |
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