Peter Halm über Zivilprozess

Szenenbild INHALT: Der auf Schadensersatz-Prozesse spezialisierte Yuppie-Anwalt Jan Schlichtman (John Travolta) lehnt zunächst ab, als ihm der Fall von gehäuften Leukämie-Krankheiten in der Arbeitergemeinde Woburn angetragen wird. Die durch offenbar nicht ordnungsgemäß entsorgten Chemie-Abfall erkrankten Kinder scheinen nicht genug "Geldwert" für einen Prozeß zu besitzen. Als Schlichtman jedoch erfährt, dass hinter den örtlichen Firmen zwei große nationale Konzerne stecken, wittert er das große Geld. Fortan läßt er keine Mühen aus, um nachzuweisen, dass das verschmutzte Wasser in Woburn Leukämie auslöst und dass die beiden Firmen für die Verschmutzung verantwortlich sind. Schlichtman stürzt seine Kanzlei samt seinen Mitarbeitern Kevin (Tony Shalhoub) und James (William H. Macy) in tiefe Schulden. Doch der Fall zieht sich immer mehr in die Länge, nicht zuletzt durch den findigen, eigenwilligen Anwalt der Gegenseite, Jerome Facher (Robert Duvall) ...

KRITIK: Es beginnt, wie jeder halbwegs spannende Justiz-Thriller von John Grisham à la "Die Firma" oder "Die Akte" nun mal beginnt: Attraktiver, erfolgreicher Anwalt bekommt einen spektakulären Fall, den er erfolgreich durchzieht, um am Ende als noch attraktiverer und erfolgreicher Anwalt dazustehen. Dieselben Muster, denkt sich der Zuschauer bei "Zivilprozeß" und wartet wie der Pawlowsche Hund auf die entsprechenden Zutaten.

Doch je länger der Film andauert, schleichen sich mehr und mehr Irritationen ein. Denn aus der holzschnittartigen Hauptfigur wird nach und nach ein gebrochener Held, der zwar moralisch im Recht ist, aber finanziell und karrieremäßig am Ende. Und auch der Film insgesamt entwickelt sich von der typischen David-gegen-Goliath-Geschichte zu einer pessimistischen Abrechnung mit dem amerikanischen Rechtssystem, das nur denjenigen erfolgreich werden läßt, der das nötige Kleingeld mitbringt.

Der deprimierende Verlauf dieses Prozesses wird von "Schindlers Liste"-Drehnuchautor Steven Zaillian nachgezeichnet. Auf anfangs ebenso witzige wie später lakonische Art hält er der amerikanischen Justiz den Spiegel entgegen. dass man die Geschichte einer Niederlage dennoch mit Interesse verfolgt, liegt nicht zuletzt an den hervorragenden Darstellern. John Travolta stellt den Wandel vom geldgeilen Anwalt zum Kämpfer für die Gerechtigkeit glaubhaft dar. Ähnlich stark ist William H. Macy ("Psycho", "Pleasantville") als sein verzweifelt nach Geld suchender Partner. Übertroffen wird das ganze Ensemble aber noch von Robert Duvall ("Deep Impact"), der für seine Rolle als schrulliger Anwalt zurecht eine Oscar-Nominierung erhielt. Ihm gehören die besten Szenen des Films.

Wenn man dann noch weiß, dass dieser Fall aus dem Leben gegriffen ist und es den Anwalt Jan Schlichtman wirklich gibt (er kämpft heute noch in Umweltschutz-Prozessen für angemessene Entschädigungen für erlittene Schäden), erkennt man, dass das Leben weit spannendere Justiz-Fälle bereithält, als sie sich ein John Grisham jemals ausdenken könnte.

Fazit: Komplexer und mehrdimensionaler Justiz-Film, der einige ernüchternde Wahrheiten bereithält und mit einem Ende aufwartet, das in seiner unspektakulären Stille fast schon wieder spektakulär für Hollywood-Verhältnisse ist.

MEINE WERTUNG: 7 von 10 möglichen Punkten

Dirk Jasper FilmLexikon
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