Produktionsnotizen zu Wild Wild West

Szenenfoto Die Spürnase von Produzent Jon Peters hat sich bereits bei Superhits wie "Batman", "Die Hexen von Eastwick" und Rain Man bestens bewährt. Und mit ebendiesem untrüglichen Gespür erkannte er das Kinopotential der amerikanischen Fernsehserie "Wild Wild West" (Verrückter Wilder Westen). Sie lief 1965-1970, in den Hauptrollen Robert Conrad und Ross Martin als Spezialagenten im Auftrag des US-Präsidenten Ulysses S. Grant: eine abgedrehte Parodie auf das Agentenfilm-Genre - als Pferdeoper. In Deutschland war die Serie von Oktober 1989 bis Mai 1991 auf Sat.1 zu sehen.

"Ich dachte mir: diese Kultserie birgt ungeheures Potential für einen Unterhaltungsfilm großen Stils", sagt Peters. "Mich haben schon immer Storys mit einem soliden Fundament angezogen - auf dieser Basis kann man dann die Zaubertruhe öffnen und ein großes Spektakel entfesseln." Peters traf eine erste wichtige Entscheidung: Er holte Barry Sonnenfeld als Produzenten und Regisseur an Bord. Barry Sonnenfeld hat sich mit seinem trockenen, erlesenen Humor und prägnanten optischen Stil mit den beiden "Addams Family"-Kinofilmen einen Namen gemacht, aber auch mit Schnappt Shorty und dem Superhit von 1997, Men in Black. Keine Frage: Sonnenfeld war der perfekte Kandidat für die Leinwandversion von Wild Wild West.

"Was die Atmosphäre und den Erfindungsreichtum seiner Filme angeht, sucht Barry Sonnenfeld wirklich seinesgleichen", sagt Peters. "Er hat im besten Sinne eine blühende Phantasie und echten Humor."

Und Sonnenfeld fügt hinzu: "Der Film ist eigentlich ein James Bond im Wilden Westen: cooler technischer Schnickschnack und scharfe Frauen."

Im Geheimdienst des Präsidenten

Auch bei der Besetzung bleibt Barry Sonnenfeld seinem Image treu: Sein erster Beitrag zu dem Filmprojekt war, dass er Will Smith die Rolle des unorthodoxen Regierungsagenten James T. West anvertraute. Die beiden hatten bereits den Welthit Men in Black zusammen gedreht.

Seit einigen Jahren steht Will Smith immer wieder im Mittelpunkt riesiger Kassenerfolge, 1998 in Der Staatsfeind Nr. 1, 1997 in Men in Black und 1996 in Independence Day. "Ich glaube wirklich, dass Barry den Dreh raus hat: Er setzt eine ungewöhnliche Idee so um, dass sie verblüffend neu, originell, komisch und spannend rüberkommt", sagt Smith.

"Im Grunde habe ich Will Smith gesagt, dass ich von jetzt an nur noch mit ihm arbeiten will. Falls ich also mal auf die Idee komme, einen Revuefilm nur mit Girls zu drehen, ergeben sich da ernste Schwierigkeiten", flachst Sonnenfeld. "Aber Spaß beiseite: Will hat echt was auf dem Kasten, ist ungeheuer kreativ, und er versteht seine Rolle wie kein anderer."

"West ist ein Mann der Tat - sehr impulsiv, geradlinig, einfach und direkt", sagt Will Smith. "Es gibt nur einen rechten Weg, auf dem man gehen kann. Dieses ethische Gerüst gibt ihm seinen Halt."

Zu Will Smith alias James T. West stößt Kevin Kline alias Artemus Gordon, ebenfalls Regierungsagent, aber auch genialer Erfinder, Meister der Tarnung - und übrigens auch Meister der Kochkunst.

"Artemus verläßt sich eher auf seinen Verstand als auf seine Instinkte", beschreibt Kevin Kline seine Rolle. "Er denkt lieber nach, bevor er handelt. Nichts haßt er mehr als Gewalt und Gemeinheiten. Sein Grips hilft ihm in allen Lebenslagen: Er erfindet unglaubliche Apparaturen und Verkleidungen. Damit verneigt er sich nicht nur vor der Renaissance - einer Epoche, die er über alles schätzt -, sondern er vermeidet so auch jede gewalttätige Auseinandersetzung."

Barry Sonnenfeld fügt hinzu: "Wenn nötig, kann Kevin Kline wunderbar theatralisch übertreiben. Dennoch bleibt er mit beiden Füßen auf der Erde und macht sich einen großen Spaß daraus. Ich brauchte für die Rolle einen Vollblutschauspieler, der dem Leben mit Grandezza zu begegnen weiß. Keiner kann das besser als Kevin Kline."

So verschieden West und Gordon sind - keiner ist dem anderen überlegen. Das finden sie heraus, als sie beide gezwungen werden, als Agenten und Partner zu arbeiten. Ihr Auftraggeber: der Präsident der Vereinigten Staaten. "Sie unterscheiden sich wie Tag und Nacht", sagt Sonnenfeld. "Jim handelt nach der Devise: Schieß als erster, zweiter und dritter. Und wenn alle tot sind, kann man ja mal nachfragen, was eigentlich Sache ist. Artemus dagegen plant alles bis ins Detail - die Ausführung ist Nebensache. Natürlich kommen sie sich dauernd in die Quere, ihre Vorgehensweisen sind einfach nicht kompatibel."

West und Gordon jagen den größenwahnsinnigen Superschurken Dr. Arliss Loveless, den der vielfach ausgezeichnete britische Darsteller, Regisseur, Autor und Produzent Kenneth Branagh spielt. Loveless hat als Armeeoffizier und als Erfinder große Erfolge vorzuweisen. Als eines seiner wissenschaftlichen Experimente auf grauenhafte Weise scheitert, verliert er seinen Unterleib. Als Monster - halb Mensch, halb Maschine -, will er sich jetzt für sein eigenes Versagen an der ganzen Welt rächen.

"Jon Peters war der Überzeugung, dass wir die Loveless-Rolle etwas moderner gestalten und ihr im Film mehr Raum geben sollten", erklärt Barry Sonnenfeld. "Unser Bösewicht muß auch in unserer Gegenwart glaubwürdig wirken und unsere überirdischen Helden in echte Gefahr bringen. Gerade britische Schauspieler können ihren Darstellungsstil bis zum Anschlag übertreiben und trotzdem real wirken. Zu erleben, wie Kenneth das hinbekommt, macht wirklich Spaß: Er steckt voller Energie und Euphorie, erscheint dabei aber absolut glaubhaft und furchterregend."

"Ich verwandele mich mit großem Elan in diesen bombastischen Schurken, der allen Ernstes die Herrschaft über diese Comic-Welt an sich reißen will", fügt Branagh hinzu. "Loveless ist ein brillanter Militärstratege und eine wissenschaftliche Kapazität ungeahnten Ausmaßes. Er kennt keine Grenzen, ist elegant, aber sehr maskulin, und er hat ein unerschütterliches Selbstbewußtsein. Sein Schicksal, das er sich selbst zuzuschreiben hat, schürt in ihm einen gewaltigen Zorn. Er kanalisiert ihn jetzt in das Komplott, mit dem er sich an der Südstaatenarmee rächen will, deren leuchtendes Vorbild er einst war. Letztlich rächt er sich an der ganzen Nation."

"Loveless ist ein genialer Kopf und ein gutaussehender Mann", sagt Jon Peters. "Aber ihm fehlt der Unterleib. Er sucht die Gesellschaft schöner Frauen, die ihn aber gleichzeitig höchstwahrscheinlich sehr frustrieren. Auch das steigert seine Wut und macht ihn zu einem völlig unberechenbaren Gegner."

Bei seinem Vernichtungsfeldzug wird Loveless von einer exotischen Killertruppe unterstützt - jede der Damen bringt außergewöhnliche Talente mit. Bai Ling spielt die unwiderstehliche Miss East; Frederique van der Wal ist die muskelbepackte Amazonia; Musetta Vander tritt als Waffenspezialistin Munitia auf; und Sofia Eng mimt Miss Lippenreider, die auch auf große Entfernung Gespräche von Lippen ablesen kann und so die Strategie des Feindes ausspioniert.

"Vielleicht war Loveless der erste Arbeitgeber, der die Frauenquote durchsetzte", schmunzelt Branagh. "Vielleicht glaubt er auch, dass die Frauen ihn nicht derart im Stich lassen werden, wie er es seinen Kameraden aus dem Süden unterstellt." Auf der Suche nach Loveless reisen West und Gordon in Richtung Westen. Unterwegs gesellt sich die schöne und undurchsichtige Rita Escobar zu ihnen, die auch ein Hühnchen mit Loveless zu rupfen hat. Auf der Leinwand leiht ihr die begabte Salma Hayek ihr unverwechselbares Profil.

"Rita fühlt sich in der unbekannten Umgebung äußerst unwohl und hat keine Ahnung, wie sie ihr Ziel erreichen soll", sagt Salma Hayek. "Aber als sie kapiert, dass diese beiden Typen sie zu Dr. Loveless bringen können, setzt sie alle Mittel ein, um mitkommen zu dürfen. Was die beiden bald in echte Schwierigkeiten bringt. Rita meint es nicht böse, aber sie ist reichlich naiv."

Gimmicks, Bauten und Kostüme

Barry Sonnenfeld und Peters wußten ein hervorragendes technisches Team hinter sich. Viele Mitarbeiter kannte Barry Sonnenfeld bereits von seinen früheren Filmen. Dazu gehört Produktionsdesigner Bo Welch, der schon bei Sonnenfelds Hit Men in Black mitgewirkt hat: Bo Welch und seine Ausstatterin Cheryl Carasik wurden mit diesem Film für den Oscar nominiert.

Zu den weiteren Veteranen zählen Eric Brevig von der Trickschmiede Industrial Light and Magic, der wieder für die visuellen Effekte zuständig war, und Rick Baker, der mit seinem Special-Effects-Make-up bereits viermal den Oscar gewonnen hat, zuletzt für Men in Black. Zum sechsten Mal arbeitete Cutter Jim Miller mit Sonnenfeld zusammen, die Vorläufer waren "Addams Family", "Die Addams Family in verrückter Tradition", "Ein Concierge zum Verlieben", Schnappt Shorty und Men in Black.

Weitere drei Oscar-Preisträger, Kameramann Michael Ballhaus, Kostümbildnerin Deborah L. Scott und Special-Effects-Experte Michael Lantieri, stießen zum Team ebenso wie Stunt-Coordinator Terry Leonard, der auch die Regie des 2. Drehteams übernahm. Er hat bereits als Stuntman in der gleichnamigen Fernsehserie mitgewirkt.

Am Anfang der Vorbereitungen arbeitete Produktionsdesigner Bo Welch mit Barry Sonnenfeld das Konzept für den spezifischen Look des Films aus. Seine Sporen hat sich Welch in Filmen wie "Batmans Rückkehr", "Edward mit den Scherenhänden" und Men in Black verdient. Geschätzt wird er für seine Fähigkeit, stark stilisierte Welten zu schaffen, in denen die Figuren dennoch ein realistisches Leben führen können.

"Der Look des Films sollte natürlich dem großangelegten Abenteuer echter Männer entsprechen, aber gleichzeitig stark stilisiert wirken", sagt Sonnenfeld. "Alles mußte absolut originell und irgendwie futuristisch aussehen, aber trotzdem in die historische Umgebung des Jahres 1869 passen. Das Resultat erinnert also sehr an Jules Verne."

"Was mich als Designer angeht, so durfte ich in diesem Film wirklich meine ganze Kunst aufbieten", sagt Bo Welch. "Denn im Grunde handelt es sich nicht um einen Western, sondern eher um einen Retro-Science-fiction-Film vor Western-Kulisse. Was könnte es Spannenderes geben, als eine Science-fiction-Welt von 1869 zu entwerfen, die von einem bösen Zukunftsforscher beherrscht wird?"

Wild Wild West war eine völlig neue Erfahrung für Kameramann Michael Ballhaus, der durch seine Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder bekannt und später in Hollywood durch zahlreiche Filme mit Martin Scorsese und Mike Nichols berühmt wurde. Die äußerst komplizierte Technik dieses neuen Projekts forderte Ballhaus natürlich heraus, aber er schreckte vor den Problemen auch ein wenig zurück. "Wie der Film über eine historische Epoche sieht unser Projekt wahrlich nicht aus", sagt Ballhaus. "Barrys ganz eigener Stil besteht aus Einstellungen mit großen Brennweiten und sehr warmem Licht. Ich habe noch nie eine Nahaufnahme mit einem 18-mm-Objektiv gedreht, aber darin liegt ja gerade der Witz dieser Erfahrung: ich darf Sachen machen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich damit durchkomme. Ich glaube, für Komödien gelten einfach andere Regeln."

Glücklich schätzten sich die Filmemacher auch, weil sie sich auf das Können der Kostümbildnerin Deborah L. Scott stützen konnten, die für Titanic den Oscar gewonnen hat. "Der Reiz des Films liegt nicht nur darin, dass wir hier eine historische Epoche neu erschaffen, sondern das Ganze auch als Komödie aufziehen. So etwas habe ich noch nie gemacht", sagt Deborah Scott.

Scott mußte zum Beispiel Hunderte von Statisten auf Loveless' Kostümball einkleiden, aber auch die Soldaten und Würdenträger in Loveless' Hauptquartier. Hinzu kamen die Kostüme für Hunderte von Komparsen bei den Außendrehs zu den Szenen in Silverado und am Promontory Point. Smith und Kline äußerten sich begeistert über Deborah L. Scott und ihren langjährigen Assistenten und Illustrator David LeVay, denn deren überzeugende Arbeit ist eine unschätzbare Hilfe bei dem Ausgestalten der Rollen.

"Die Weste ist James Wests Markenzeichen - sie steht als erste Forderungsklausel in meinen Vertrag", lacht Will Smith. "Ich mußte sie einfach tragen. Hinzu kommen zum Beispiel eine Brille von 1869 und der schräg sitzende Hut. Das tolle an der Schauspielerei: wenn man endlich das Kostüm anzieht, dann fühlt man sich in der Rolle auch zu Hause - vom Scheitel bis zu den Sporen."

"Entscheidend für die Glaubwürdigkeit ist natürlich Will Smith selbst ? erst durch ihn kommt Leben in die Kleidung", sagt Scott. "Er ist wirklich erstaunlich. Durch ihn wirkt die Figur plötzlich lebendig, und er sieht echt cool aus; warum sollte ich daran noch etwas ändern?"

Aber auch der Figur des Artemus Gordon gab Scott mit ihren Entwürfen entscheidende Starthilfe. "Die Kostüme sind wunderbar: Hier spüre ich deutlich einen ausgeprägten Stil, eine ästhetische Palette am Werk", sagt Kevin Kline. "Artemus ist ein Epikureer, mit jeder Faser ein Genußmensch; er schätzt erlesene Speisen und bequeme Betten. Für jede Gelegenheit hat er das passende Outfit: fürs Kochen, fürs Reiten, einen Smoking für den Salon. Er liebt es, sich auszustaffieren."

"Faszinierend finde ich gerade die Gegensätze dieser zwei Hauptfiguren", sagt Scott. "Artemus wechselt dauernd seine Verkleidungen, sein Kleiderschrank definiert buchstäblich seinen Charakter. West dagegen ist cool - der Held der Retro-90er." Artemus legt jedoch nicht nur auf seine Garderobe größten Wert. Er ist auch ungeheuer stolz auf seine schier unerschöpfliche Ausrüstung skurriler Apparate zur Verbrechensbekämpfung - von der Billardkugel, der ein betäubendes Gas entströmt, bis zur Gürtelschnalle, die zwei rotierende Scheiben freigibt, dadurch die Gegner hypnotisiert und zur Preisgabe ihrer Geheimnisse zwingt. Gordons Arsenal enthält Erfindungen, die traumhaft funktionieren, zum Beispiel ein motorisiertes Fahrrad namens "Nitrocycle". Aber anderen Maschinen ist dieser Erfolg nicht beschieden. Allesamt sorgen sie jedoch für beste Unterhaltung.

Barry Sonnenfeld weiter: "West ist der Mann der Tat, Gordon der Mann mit den Ideen; ironischerweise können sie es nur gemeinsam mit Dr. Loveless aufnehmen, obwohl der ja eigentlich nur eine halbe Portion ist. Doch wenn man fair ist, muß man bedenken, dass Loveless unerschöpfliche finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, und natürlich kennt er im Gegensatz zu unseren Helden seinen finsteren Plan en detail. Sie müssen sich also ranhalten, um dieses Defizit auszugleichen - und wie sie das tun!"

The Wanderer: Wests und Gordons Heimat auf Rädern

Die Geschichte von Wild Wild West spielt in einer Reihe der gerade neu in die Union aufgenommenen Vereinigten Staaten, nämlich West Virginia, Virginia, Washington/DC, aber auch in New Orleans und westlicheren Schauplätzen. Um die extremen amerikanischen Entfernungen zu überwinden, bedienen sich Jim West und Artemus Gordon eines Eisenbahnzuges, einer luxuriös ausgestatteten Sonderanfertigung namens "The Wanderer".

"Im Film sind West und Gordon nirgends zu Hause", sagt Bo Welch. "The Wanderer dient ihnen also auch als Wohnung und Hauptquartier ihrer Operation. Der Zug hält als wunderbarer roter Faden den ganzen Film zusammen. Wir Zuschauer kommen uns vor, als ob wir mit den beiden durch das Abenteuer rattern."

Bei ihren Recherchen studierten Bo Welch, sein Ausstatter Tom Duffield und seine Innenrequisiteurin Cheryl Carasik akribisch, wie private Eisenbahnwagen damals aussahen. "The Wanderer sollte aussehen wie ein exklusiver Club für Gentlemen", sagt Bo Welch. "Er strotzt nur so vor Luxus." Ein elegantes Grün dominiert die Inneneinrichtung, denn zufällig haben Welch und auch Sonnenfeld grün als ihre Lieblingsfarbe.

"Wir haben alle Materialien der damaligen Zeit verwendet - echten Marmor, Kristallglas, echtes Messing und massives Mahagoni aus Honduras", fügt Tom Duffield hinzu. Requisiteurin Cheryl Carasik kümmerte sich um Details wie handgewebte Läufer aus England, spezialgefärbte Polstermöbel und extra angefertigte Vorhänge mit Hunderten von handgeknüpften Fransen.

"Unsere Helden verbringen viel Zeit im Wanderer", sagt Barry Sonnenfeld. "Wäre der Film in der Gegenwart angesiedelt, säßen sie wohl in ihrem Luxus-Wohnmobil Gulfstream V. Aber wir befinden uns im Jahr 1869, also fahren sie mit der Eisenbahn. Dieser Zug ist mit High-Tech vollgestopft wie keiner vor ihm - so eine Art Stunt-Zug."

Tatsächlich benutzen West und Gordon The Wanderer als letzten Schrei der Geheimwaffen. Überall sind Gimmicks eingebaut, um die unerschrockenen zwei im entscheidenden Moment zu unterstützen: ein Billardtisch, dessen Platte um eine Achse rotiert, Falltüren, Lampen, hinter denen sich Gatling-Maschinengewehre verstecken, Waffenarsenale hinter verschiebbaren Spiegeln und ein pendelndes Beil für unerwünschte Gäste.

Etwa zwei Monate dauerte der Bau des Wanderer in Halle 30, einer extrem langen Studiohalle auf dem Gelände der Warner-Bros.-Ranch in Burbank. Der fertige Zug bestand aus drei Waggons, gezogen von einer echten Dampflok aus dem Bürgerkrieg, der Baltimore & Ohio 4-4-0 William Mason American.

"Die Lok wirkt sehr elegant und anmutig, sie ist ein echtes Kleinod des amerikanischen Westens", stellt Jon Peters fest. "Mit ihrer Hilfe wurde die Eisenbahn über den Kontinent gebaut und der Westen erschlossen. Auf diese Weise kam sie zu ihrem Namen ,American'."

Vier Wochen waren nötig, um die Szenen im Inneren des Wanderer zu drehen. Anschließend wurde die gesamte Inneneinrichtung entfernt, nur die Außenhaut der Waggon-Attrappen blieb übrig. Die Waggons transportierte man dann per Tieflader auf der Straße zu den verschiedenen Schauplätzen, darunter auch nach Santa Fe/New Mexico, wo sie bei den Außenaufnahmen eingesetzt wurden. Anschließend ging es nach Idaho, wo das 2. Drehteam filmte. Die Waggons des Wanderer wurden dabei auf speziell eingerichtete flache Eisenbahnwagen montiert, damit sie als real funktionierender Zug eingesetzt werden konnten.

Monster aus Metall: Technik im Reich des Bösen

West und Gordon wissen also ihr Arsenal fabelhafter Waffen und ihren mit dem letzten Stand der Technik vollgestopften Zug klug einzusetzen - aber Loveless steht ihnen in nichts nach, denn er kann es nicht ertragen, in irgendeinem Bereich die zweite Geige zu spielen.

Bei dem Konzept für Loveless' Reich orientierte sich Welch an Design-Motiven der Zeit nach dem Bürgerkrieg mit Schwerpunkt auf dem New Orleans der 1860er Jahre, denn dort ist Loveless zu Hause.

"Als Futurist - als genialer Maschinenkonstrukteur seiner Zeit - kennt Loveless natürlich auch die Entwicklungen im damaligen Europa. Sein Reich ist die Mechanik der Maschinen, Dampfkraft, Schwermetalle und Gußeisen", sagt Welch. "Gerade weil New Orleans enge Verbindungen zu Frankreich hatte, ist ihm natürlich die Architektur aus Schmiedeeisen geläufig, die im Frankreich der 1860er Jahre ihre erste Blüte erlebte."

Das Loveless-Herrenhaus und sein Boudoir wurden im Warner-Bros.-Studio in Halle 20 errichtet. Dort findet der prachtvolle New-Orleans-Kostümball mit 300 phantasievoll ausstaffierten Statisten statt. Auf diesem Ball enthüllt Loveless seine wahren Ziele.

Loveless' Labor wird geprägt von der Eleganz der Epoche vor dem Bürgerkrieg: ein gigantisches Gewächshaus aus Gußeisen und Glas, das ihm als heimliches Hauptquartier dient. Hier konstruiert er seine Massenvernichtungswaffen. Das Labor entstand bei Warner Bros. in Halle 16.

Mit Loveless' Yacht zollt Bo Welch den historischen US-Kriegsschiffen Monitor und Merrimac Tribut, allerdings mit einer Prise Mississippi-Dampfer. Die Yacht entstand in der Warner-Halle 22. Bei den Außenaufnahmen benutzte man eine Version im Maßstab 1:2.

Den wild wuchernden Ideen in Loveless' Kopf entspringt zum Beispiel der erste mit Dampf betriebene Rollstuhl aus Gußeisen, aber auch der "Schwarze Tod" auf Gleisen. Der "Schwarze Tod" ist ein wendiger eiserner Panzer, der sich mit und ohne Schienen einsetzen läßt. In Verbindung mit einem stromlinienförmigen, geschoßähnlichen Zug stellt er für den Wanderer eine ernstzunehmende Bedrohung dar.

Noch gefährlicher dürfte jedoch Loveless' Trumpfkarte sein, Tarantula, die Waffe aller Waffen: eine 25 m hohe, Tod-speiende Spinne aus Eisen. Welch erklärt: "Loveless muß ohne Beine auskommen. Bei seinem Studium der Natur interessiert ihn die Spinne am meisten: Sie hat acht Beine, ist äußerst beweglich und unabhängig, und sie schafft die genialsten Konstruktionen in der Zoologie. Diese Fähigkeiten faszinieren Loveless derart, dass die Spinne zum Zentrum seiner Inspiration wird - sein Markenzeichen und ein durchgehendes Motiv im Film."

Dieses Sinnbild des Fortschritts und der Zerstörung entwarf Welch als erstes. Er erzählt: "Die Diskussion zwischen Barry und mir verlief etwa so: Wie groß? Na, ja, so 20 bis 25 Meter. Okay, sagte ich. Er wollte, dass Tarantula wie aus dem Modellbaukasten aussah und mit Dampf betrieben wurde. Und schon entstand sie vor meinem inneren Auge."

Die Tarantel erschient im Film als eine Kombination von realen Sets und im Computer generierten Bildern, die Eric Brevig und sein Team bei Industrial Light and Magic schufen.

Außerdem stand Welch der Special-Effects-Experte und Oscar-Preisträger Michael Lantieri zur Seite, dessen Erfindungsreichtum und Konstruktionstalent nicht nur die zahlreichen Gimmicks und Extras an der Tarantel kreierte, sondern praktisch alle Erfindungen, die in Wild Wild West zu sehen sind.

Für die Spinne baute Welch mit seinem Team drei verschiedene Sets, darunter zwei Versionen der Kommandobrücke. Die eine Kommandobrücke entstand in Leichtbauweise auf einer Motion-Control-Einheit. Damit ließen sich wilde Bewegungen vor dem Blue screen aufführen. Die andere Kommandobrücke wurde solide gebaut und ruhte auf Luftkissen. In diesem Dekor filmte man minimale Schwankungen, vor allem aber die Nahaufnahmen der Stuntszenen und die Dialogsequenzen der Schauspieler. Außerdem errichtete das Bauteam den Bauch der Tarantel, in dem es zum Showdown zwischen West und Loveless kommt. Schließlich mußte ein Bein der Tarantel gebaut werden. Als es fertig war, wog es fast 10 Tonnen. Spezialkräne hoben es an und transportierten es in die Studiohalle.

Schauplätze: Der Alte Westen im Neuen Westen

Loveless' Superwaffe, sein Markenzeichen, stellt sich beim Showdown dem letzten Kampf mit West und Gordon. Dieser denkwürdige, wenn auch historisch nicht verbürgte Fight fand auf der Cook-Ranch vor den Toren Santa Fes in New Mexico statt. Die Ranch besteht aus 8000 ha unbearbeitetem Boden, dort wurden bereits Lawrence Kasdans "Silverado" und "Wyatt Earp - Das Leben einer Legende" gedreht.

Zwei Wochen dauerten die Dreharbeiten auf der Cook-Ranch, dann war die berühmte Zeremonie am Promontory Point in Utah nachgestellt, an dem sich die beiden Schienenstränge aus Ost und West trafen - hier wurde Amerika mit einem goldenen Schwellennagel zusammengefügt. In diesem Moment entstand ein durchgehender Tranportweg quer über den nordamerikanischen Kontinent, eine erstaunliche technische Leistung für die damalige Zeit.

Die einschlägigen Geschichtsbücher erwähnen allerdings nicht die rüde Unterbrechung der Zeremonie durch die 25 m hohe mechanische Tarantel - aber hier endet die Realität, und die Dramaturgie des Wild Wild West übernimmt.

Zeugen der Szene waren über 300 Statisten, dazu Hunderte von Pferden und zeitgenössischen Gefährten wie Kutschen, Planwagen, Leiterwagen und Einspännern. Sie wurden vom Produktionsexperten für die Tiere, Rudy Ugland, und seinem Team dirigiert.

"Ein Film wie dieser braucht einen gewissen Rahmen", sagt Barry Sonnenfeld. "Wir drehen zwar keinen traditionellen Western, aber wir müssen der Schönheit und Erhabenheit des Westens unsere Reverenz erweisen. Das hat Spaß gemacht: Ich durfte wie die Cowboys lederne Reithosen tragen, und in Santa Fe gibt es tolle Restaurants ?"

Für Jon Peters sind die Dreharbeiten in den traumhaften Western-Landschaften nur ein weiterer Beweis für Barry Sonnenfeld unverwechselbares Wild Wild West - Konzept.

Peters stellt fest: "Hier wird die zentrale Idee unseres Films deutlich, sie liegt mir mehr als alles andere am Herzen: nämlich die Western-Stadt mit ihrer staubigen Hauptstraße, die von unserem Science-fiction-Element überlagert wird. Diese Kombination finde ich umwerfend. Man muß sich das vorstellen: nicht der Gunfighter kommt die Straße herunter, bleibt stehen, die Sporen klicken, und dann zieht er den Colt. Statt dessen taucht eine 25 m hohe Tarantel aus Eisen am Ende der Straße auf und schießt die Stadt in Grund und Boden."

"In unserem Film gibt es coole Sprüche, die Erotik kommt nicht zu kurz, die Schauwerte sind ungeheuer, und das Zusammenspiel der Hauptfiguren läuft wie geschmiert", faßt Jon Peters zusammen. "Für mich gibt es da kein Vertun: genau das wollen die Zuschauer in einem Sommerfilm sehen."

Wild Wild West - Aber von heute

Schon allein durch den Soundtrack profiliert sich Wild Wild West ganz klar als Film der 90er, dessen musikalischen Höhepunkt ein HipHop-Track von Will Smith bildet. Will Smith begann seine Karriere als scharfzüngiger und komischer Rapper, der schnell die Spitzen der Charts erklomm. Er singt Wild Wild West und tritt unter Regie von Paul Hunter auch im Musikvideo zum Film auf.

Schon das Video ist ein kleiner Kinofilm in sich, und laut Will Smith "führt es die Fabel des Films fort, um dann weiterführende Elemente vorzustellen und eine neue Geschichte zu erzählen, bei der auch die anderen Musikgrößen im Team ihren Anteil haben."

Zu den Mitwirkenden zählen die superheiße Rhythm & Blues-Gruppe Dru Hill, HipHopper Kool Mo Dee und der legendäre Songschreiber und Sänger Stevie Wonder. Sie alle bringen ihr spezifisches Talent in den Song ein. Am Anfang des Musikvideos gibt es eine Partyszene, in der Produzent/Sänger-Superstar Babyface, die Schauspieler Larenz Tate und Alfonso Ribeiro und der lateinamerikanische Popstar Enrique Iglesias zu sehen sind.

Die Filmmusik schrieb Oscar-Preisträger Elmer Bernstein. Er setzt die modernste Tontechnik ein und stellt sie dem Abenteuerambiente der Story gegenüber, was dem Spaßquotienten in jeder Szene eine überraschend neue Dimension verleiht.

Barry Sonnenfeld abschließend: "Heiße Action, epische Landschaftspanoramen, unglaubliche Spezialeffekte und Erfindungen, überdimensionale Helden - unser Film ist randvoll davon. Wir haben uns bemüht, der Story den größtmöglichen unterhaltsamen Rahmen zu verpassen. In diesem Rahmen lassen wir die Toptalente der Branche aufeinander los, und dann haben wir einfach zugeschaut, wie ein traumhafter Spaß entsteht."

Dirk Jasper FilmLexikon
© 1999 Warner Bros. © 1994 - 2010 Dirk Jasper