Ernst Corinth über St. Pauli Nacht

dass in St. Pauli auf der Reeperbahn die Nächte lang sind, ist bekannt. Bei Sönke Wortmann indes dauert die "St. Pauli Nacht" nur etwa 90 Minuten, und dennoch geschieht in dieser knappen Zeit soviel, dass allein das schon ein kleines Erzählwunder ist: Da wird geliebt, gemordet und gestorben. Schicksale knallen hart und leidenschaftlich aufeinander. Eifersucht, Rache und die pure Lust haben ihre Hände mit im Spiel. - Und obwohl diese Aufzählung gleich wieder äußerst Klischee verdächtig klingen mag, gelingt es Wortmann, die üblichen Touristen- und Hans-Albers-Schunkelbilder zu vermeiden, die wir ja alle beim Stichwort "Reeperbahn" im Kopf herumtragen.

Natürlich treten auch bei ihm Zuhälter und Nutten, Freier und Kleinkriminelle auf, beispielsweise der Ex-Knacki Johnny, der im Milieu offenbar noch mehrere Rechnungen offen hat. Der herzergreifend traurige Transvestit, der von New York träumt, aber dann von seinem vermeintlichen Geliebten nur an einen anderen Nachtklub weiter verscherbelt wird. Oder der am Westen gescheiterte Ossie, der sich als Postbote verdingt und nach einem verweigerten Liebesakt nackt Amok läuft.

Aber all diese Figuren haben bis auf den Tatort nicht das Geringste zu tun mit Dieter Wedels sentimentalem Macho-TV-Mehrteiler ,,Der König von St. Pauli''. Oder mit anderen folkloristischen Reeperbahn-Bei-Nacht-Filmen. Denn bei Wortmann wirken diese Typen tatsächlich echt und ungeschminkt, auch dank der durchweg guten darstellerischen Leistung von Akteuren wie Benno Führmann, Armin Rohde, Oliver Stokowski, Florian Lukas und Valerie Niehaus. Und wie er es als Regisseur schafft, die einzelnen Schicksal schlaglichtartig zu beleuchten und dann diese kurzen Szenen zu einem nächtlichen Mosaik der Begierden, Frustrationen und Katastrophen zu verknüpfen, ist fürwahr beachtlich.

Allerdings fällt es uns Zuschauern gerade durch diesen schnellen Szenen- und Perspektivenwechsel recht schwer, sich mit einzelnen Figuren zu identifizieren oder sich emotional in die Handlung einzufühlen. Gewiss eine Schwäche des Films, die jedoch mehr als wettgemacht wird durch eine atmosphärische Dichte und durch stimmungsvolle Bilder, wie sie in den letzten Jahren selten in deutschen Produktionen zu sehen gewesen sind. Und die ganz nebenbei ja beweisen, dass mit Sönke Wortmann nach seinem flauen "Superweib" und seinem genauso lauen "Campus" in Zukunft wieder zu rechnen ist. Wenn er nicht, wie angedroht, Deutschland in Richtung Hollywood verlässt. Und das wäre fürs deutsche Kino wirklich jammerschade.

Dirk Jasper FilmLexikon
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