Ernst Corinth über Nichts als die Wahrheit

Beifall oder Verriss - eine andere Reaktion auf Roland Suso Richters "Nichts als die Wahrheit" scheint nicht möglich zu sein. Und obwohl der Film erst in dieser Woche in den Kinos anläuft, tobt schon seit Tagen nicht nur unter Kritikern der wohl heftigste Streit der letzten Jahre um eine deutsche Kinoproduktion. Während Michel Friedman vom Zentralrat der Juden in Deutschland den Film für gut gemeint, aber gescheitert hält und Henryk M. Broder ihn im "Spiegel" als "prätentiöse Kolportage" enttarnt, antwortet der zuständige Verleih gleich via Presseagentur mit zustimmenden Äußerungen einer ganzen Reihe von Prominenten, vom ehemaligen österreichischen Kanzler Franz Vranitzky über Filmemacherin Doris Dörrie bis Moishe Waks, stellvertretender Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin.

Aber nicht nur in Deutschland wird gestritten. Auch bei den 47. Filmfestspielen in San Sebastian, wo "Nichts als die Wahrheit" kürzlich schon zu sehen war, hat er die Kritiker gespalten: "Das Publikum blieb wie angenagelt in den Sitzen", schreibt begeistert "La Vanguardia". Eine "gewaltige Verurteilung des Nazismus", heißt es in "El Mundo". Ein "nichtiger Schwindel", ein "spektakulärer kommerzieller Streich" urteilt hingegen "El Pais". - Der Film lässt also keinen kalt.

Im Mittelpunkt steht die Frage, was hätte passieren können, wenn sich KZ-Arzt Josef Mengele der deutschen Justiz gestellt hätte. Mengele, der 1979 bei einem Badeunfall in Brasilien starb, hat im Verlaufe seiner sogenannten medizinischen Zwillingsforschungen 2000 Menschen im KZ Auschwitz bestialisch selbst ermordet oder durch Gas töten lassen und ist außerdem als Selektionsarzt für die Tötung weiterer zwei Millionen Menschen im KZ mitverantwortlich. Und nun kehrt er in dieser fiktiven Geschichte kurz vor seinem Tod freiwillig nach Deutschland zurück.

Immer noch von seiner Unschuld überzeugt, will er vor Gericht über die Motive seines Handelns sprechen. Und als Verteidiger hat er sich den jungen Rechtsanwalt Peter Rohm (Kai Wiesinger) gewählt. Wie die beiden anfangs zusammenkommen, ist zwar äußerst übertrieben konstruiert, aber die sich dann entwickelnde Auseinandersetzung zwischen diesen so dramatisch unterschiedlichen Charakteren hat Richter spannend inszeniert. Und die dabei im Zentrum stehenden Szenen vor Gericht - die Konfrontation Mengeles mit überlebenden Opfern, mit fürchterlichsten Beschreibungen seiner Taten und gleichzeitig sein schrecklicher Starrsinn sowie seine Überzeugung zum Wohle der Menschen gehandelt zu haben &endash; wird vermutlich keinen Zuschauer unberührt lassen.

Nicht zuletzt auch dank der großartigen darstellerischen Leistung von Götz George, der es geschickt vermeidet, den Sadisten Mengele als simple brutale Bestie zu spielen. Dadurch kann der Zuschauer das Böse nicht einfach auf Mengele projizieren, sondern mußs sich mit der Frage auseinandersetzen, welchen Anteil wir, die Gesellschaft, die Bürger, am Morden eines solchen Menschen haben.

Genau das ist die Absicht dieses Films und genau die setzt Roland Suso Richter gekonnt, provokant und spannend um: Beifall.

© 1999 Ernst Corinth © 1994 - 2010 Dirk Jasper