Ausführlicher Inhalt zu Deep Blue Sea

Szenenfoto Der Mako ist bei Anglern sehr begehrt. Er wird nicht so verteufelt wie der große weiße Hai, und seine Schnelligkeit und Wendigkeit haben das Zeug zur Legende - Geschwindigkeiten von mehr als 100 km/h sind nachgewiesen. Man sagt den Makos ein aggressives Temperament nach, und sie greifen auch große Beutetiere an. Die Schwangerschaft des Mako-Weibchens dauert etwa zwölf Monate. Der Reifungsprozeß eines Drehbuchs über genetisch manipulierte Makos dauert etwa vier Jahre.

Ende 1994 erhielten die Produktionspartner Alan Riche und Tony Ludwig ein Drehbuch, das der Autor ohne Auftrag eines Produzenten geschrieben hatte. Die beiden erinnern sich: "Wir bekamen dieses tolle Skript über Haie auf den Tisch - unseres Wissens hatte es so etwas, na, zumindest seit ,Der weiße Hai' nicht mehr gegeben. Aber damals bewegte sich der Hai in seiner natürlichen Umgebung. In ,Deep Blue Sea' befinden sich die Haie aufgrund einer Kette von Umständen in einem von Menschen gemachten Ambiente. Der Ausgangspunkt hier war also: Was passiert, wenn uns diese Monster auf unserem eigenen Terrain aufs Korn nehmen?"

Riche fügt hinzu: "Der Hai verkörpert archetypisch all das, was wir unterbewußt als bedrohlich empfinden. Solche Ängste gehen auf die Ursprünge der Menschheit zurück." Die Produzenten boten das Drehbuch Warner Bros. an. Schon auf dem Papier war der große Anspruch des Projekts zu ermessen - eine moderne Horrorgeschichte um eine Gruppe von Wissenschaftlern, die mit den von ihnen selbst genetisch manipulierten Haien um ihr Leben kämpfen müssen. Unabdingbar waren dafür Special Effects nach dem neuesten Stand der Technik (sowohl animatronisch bewegte Puppen als auch im Computer generierte Effekte), aber auch ein Filmstudio, das die vom Drehbuch vorgeschriebene schwimmende Forschungsstation beherbergen bzw. Unterwasseraufnahmen ermöglichen konnte. Laut Skript steht ein junges, sportliches Team im Zentrum, das physisch in der Lage sein muß, Stunts und Tauchgänge zu bewältigen. Und nicht zuletzt mußte ein Regisseur die Zügel übernehmen, der den überlebensgroßen Feuerzauber eines Actionfilms auch dann in den Griff bekommt, wenn wirklich alle Register gezogen werden.

"Nach etwas zwei Jahren wußten wir endlich, dass der Film, so wie wir ihn uns vorstellten, tatsächlich machbar war", berichtet Ludwig. "Das war weniger unserem Einsatz zu verdanken als der Technik, die sich in dieser Zeit weiterentwickelte. Zufällig wurde Titanic gleichzeitig geplant, und für diesen Film entstanden die Fox Baja Studios. Die ,Free Willy'-Filmserie erwies sich als Riesenerfolg, und darin kam die ständig verbesserte, von Computern gesteuerte Animatronik zum Einsatz. Diese beiden Meilensteine fielen mit der Entwicklung unseres Films zusammen und ermöglichten uns, die Produktionsphase von Deep Blue Sea zu beginnen."

In der Entwicklungsphase holte Warner Bros. den Autor und Produzenten Akiva Goldsman an Bord. Er erinnert sich: "Vor Deep Blue Sea war ein Hai-Film gleichzusetzen mit Köpfen über Wasser und Unterwasseraufnahmen aus der Sicht des Hais: er sieht paddelnde Hände und Füße - das läßt nicht viele Variationen zu. Doch in unserer Story geht es um eine sinkende Laborinsel. Um vor den Haien zu flüchten, paddeln und schwimmen die Leute nicht nur. Hier hechten die Menschen durch brusttiefes Wasser, sie springen auf Regale und klettern Wände hinauf, während die Haie nach ihren Füßen schnappen. Das ist gruselig, originell, und wir setzen Aufnahmetechniken ein, die es bis vor kurzem noch gar nicht gab."

Ein Wendepunkt in der Vorbereitung war die Tatsache, dass der gefeierte Action-Regisseur Renny Harlin Zeit hatte. Riche und Ludwig sehen ihn als einen Filmemacher, "der auch bei einem Konzept größten Maßstabs den Überblick behält und gleichzeitig das Dramatische, die Spannung auch in intimen Szenen auszudrücken vermag - er konzentriert das Überdimensionale auf die menschliche Ebene. Was geht in diesen Menschen vor? Wie reagieren sie auf diese Situation jenseits aller Erfahrungen, die völlig aus der Kontrolle gerät? Für so etwas ist Renny genau der richtige Mann."

Dazu Renny Harlin: Deep Blue Sea ist ein Actionthriller von epischen Ausmaßen - und zufällig auch ein Horrorfilm. Es handelt sich nicht um einen Science-fiction-Film im Sinne von Weltraumabenteuern. Haie sind sehr reale Lebewesen, wir teilen den Lebensraum Erde mit diesen Raubtieren. Mein Hauptaugenmerk richte ich also darauf, Story und Figuren absolut realistisch darzustellen. Dadurch erscheint auch die Bedrohung, die von den Haien ausgeht, als real - es geht in diesem Film, in dieser Situation letztlich um Menschen wie du und ich."

"Wir gehen erheblich weiter als frühere Filme", fährt der Regisseur fort. "Wir kennen Haie am Strand, Haie im Meer. Aber hier erleben wir Haie im Wohnzimmer, Haie im Schlafzimmer, denn das Labor sinkt.

Unser Motto bei diesem Film sollte eigentlich lauten: Schwimmen kannst du, aber du kannst dich nicht verstecken."

Der Spaß beim Erleben klassischer Horrorfilme beruht nicht zuletzt auf der Erwartungshaltung: "Wen erwischt es als nächsten?" Harlin und seine Produzenten behielten dies immer im Auge, als sie die Rollen besetzten.

Harlin erklärt: "Wir suchten Schauspieler, die zwar bereits einen Namen haben, aber noch nicht unbedingt Filmstars sind - so wie im ersten ,Alien'-Film: Niemand konnte damals ahnen, dass Sigourney Weaver überleben würde. Wir haben alle möglichen unerwarteten Wendungen in die Story eingebaut, so dass der Zuschauer sich nie sicher sein kann, wer eigentlich wer ist und was diesen Leuten zustoßen wird. Das Publikum soll sie als reale Menschen aus Fleisch und Blut erleben und nicht als Filmstars."

Produzent Goldsman pflichtet Harlin bei: "Wenn man statt Stars Schauspieler engagiert, liegt der Vorteil auf der Hand: wir identifizieren uns mit einer Figur, die dann plötzlich verschwindet und uns völlig verunsichert zurückläßt. In Alien wird Tom Skerritt ganz eindeutig als Held des Films aufgebaut. Als er dann umkommt, denkt man unwillkürlich (wie sicher auch Ripley/ Sigourney Weaver): ,Mein Gott, jetzt bin ich ganz allein, und niemand beschützt mich.'"

Dennoch wollte Harlin auch Samuel L. Jackson besetzen, er bezeichnet ihn als "Filmstar, der Schauspieler geblieben ist". Jackson war bereits für den Oscar nominiert und hat eine Hauptrolle in Harlins Tödliche Weihnachten gespielt. "Ich brauchte ihn als eine Art Anker im Zentrum der Geschichte. Nachdem er zugesagt hatte, kümmerte ich mich um die anderen Rollen - wir fanden gestandene Darsteller, die ihre Figuren als echte, fühlende, anrührende Menschen rüberbringen. Gleichzeitig mußten sie extreme körperliche Anstren- gungen auf sich nehmen."

Ludwig fügt hinzu: "Wir wollten von vornherein jede Erwartungshaltung im Keim ersticken, die das Publikum bei einem solchen Genrefilm natürlich mitbringt: Wer überlebt, und wer muß dran glauben?"

"Ich habe mich auf diese Dreharbeiten gefreut", sagt Samuel L. Jackson. "Für mich war das mal etwas anderes. Ich bin mit Monsterfilmen groß geworden. Hier geht es um ein deutlich anderes Monster, aber dennoch sind all die Elemente aus Filmen wie "Frankenstein", "Der Wolfsmensch" und natürlich "Der weiße Hai" vorhanden. Aber Deep Blue Sea verwendet die Versatzstücke aus der Filmgeschichte nur, um ihnen eine neue Dimension zu verleihen. Im Grunde handelt es sich um einen tollen Monsterfilm mit einer furiosen Verfolgungsjagd - und ich lasse mich gern verfolgen."

Jackson fährt fort: "Also, theoretisch beherrschen wir unseren Planeten mit unserem überlegenen Verstand. Aber unter der Meeresoberfläche sind wir nicht zu Hause, dort gibt es andere Wesen, die uns in puncto Grips, Kraft, Tempo und Anpassungsvermögen erheblich überlegen sind. Den Haien können wir nur unser Denkvermögen entgegensetzen - vor allem das hat mich bei unserem Film interessiert."

Die Filmemacher kannten Thomas Jane aus etlichen erfolgreichen Independent-Filmen und boten ihm die Rolle des Hai-Experten Carter Blake an. Jane sagt: "Eines war mir von Anfang an klar: Das wird heftig, ich werde bis zum Anschlag gefordert, aber ich werde jede Sekunde genießen. Die kippen 180.000 Liter Wasser über mir aus. Ein 3-Tonnen-Hai schubst mich herum, ich falle von Leitern, werde verprügelt, verbrenne, ertrinke. War echt toll."

Jane weiter: "Im Drehbuch steht einfach: ,Carter tritt vor die Tür.' Was da nicht steht: ,Carter tritt vor die Tür, 18.000 Liter Wasser hauen ihn um, über ihm schwebt ein Helikopter in einem rasenden Taifun mitten auf dem Meer, plötzlich schnappt ein 2-Tonnen-Hai zu und verfehlt ihn um Haaresbreite.' Aber genau so läuft das, wenn man mit Renny Harlin arbeitet." Der Schauspieler hat sich mit einem intensiven Trainingsprogramm auf die Rolle vorbereitet, aber er muß zugeben: "Trotzdem hat all das manchmal nicht ausgereicht, um mich für die Rolle fit zu machen? und dennoch möchte ich diese Erfahrung um nichts in der Welt missen."

Auch die Engländerin Saffron Burrows war Harlin in mehreren unabhängig gedrehten Filmen als "seriöse Charakterdarstellerin" aufgefallen. Sie sagt dazu: "Natürlich erschien das Action-Brimborium sehr verlockend, aber für mich gab vor allem die starke, sehr komplexe Figur der Susan McAlester den Ausschlag. Mich reizte es, eine durchaus nicht perfekte Frau zu spielen, die mit sich selbst überhaupt nicht zu Rande kommt. Besonders schön finde ich den Umstand, dass wir Darsteller eben nicht die üblichen großen Actionhelden sind. Wir spielen ganz normale Leute, die sich in extrem widrigen Umständen wiederfinden und auf sehr menschliche Art ums nackte Überleben kämpfen."

Genau wie seine nach Millionen zählenden Fans begeisterte LL Cool J auch Renny Harlin zunächst als Musiker. Daraufhin sah sich der Regisseur ein paar seiner Spielfilme an und besetzte ihn als Sherman "Priester" Dudley. Cool J beschreibt seine Rolle als "Mann Gottes, der als Koch arbeitet - eine Art Zwischending zwischen Paul Bocuse und Robert Duvall als ,Apostel!'. Als die schwimmenden Aliens kommen, macht er die Fliege. Echt klasse. Auf den Filmplakaten sollte stehen: ,Hereinspaziert ? Behalten Sie die Klamotten an ? und gehen Sie klatschnaß nach Hause.'"

LL Cool J sieht Deep Blue Sea als Chance, "mein Spektrum zu erweitern. In der Musik habe ich eine Menge erreicht, aber es wird Zeit, dass ich was Neues mache, mich weiterentwickele".

Die Rolle der Meeresbiologin Janice Higgins übernahm die australische Schauspielerin Jacqueline McKenzie, die in ihrer Heimat bereits das australische Pendant des Oscars gewonnen hat. Dazu Harlin: "Ich schätze mich glücklich, dass sie überhaupt auf diese Art Film ansprang. Allerdings hatten wir ihr und den anderen Darstellern auch sehr interessante Rollen anzubieten. Sie freuten sich auf das Geplansche mit den Haien, auf die extremen körperlichen Anforderungen, aber eben auch auf Rollen, die sich von ihren bisherigen Erfahrungen unterschieden."

Jacqueline McKenzie sagt: "Bei mir zu Hause haben die Haie ein denkbar schlechtes Image. Wenn ich mir als Kind ein Glas Wasser holte, pflegte mein Vater zu sagen: ,Wenn du jetzt noch Salz reintust, taucht innerhalb von Minuten eine Schwanzflosse auf.' Deep Blue Sea hat mir tatsächlich sehr gut getan, denn ein paar meiner Urängste habe ich abbauen können. Normalerweise kaue ich nicht an den Fingernägeln, aber bei dieser Produktion war das anders."

In zahlreichen unabhängig produzierten Filmen und auch Studio-Produktionen hat sich der äußerst wandlungsfähige Michael Rapaport als ein Darsteller mit erheblicher Bandbreite profiliert. Harlin kannte ihn, seit er vor ein paar Jahren einen Kurzfilm mit Rapaport produzierte. In die Rolle des Scoggins - genialer Mathematiker und Ingenieur auf der Laborinsel - kann Rapaport seinen ätzenden Humor einbringen.

"Schon die Mitarbeit an einem Renny-Harlin-Film an sich ist eine wun-derbare Erfahrung", stellt Rapaport fest. "Ich war noch nie an einem Projekt dieser Größenordnung beteiligt. Das Set ist eine Welt für sich - riesig und authentisch bis ins Detail. Wie die Laborinsel im Film er-scheint, genau so ist sie auch wirklich. Wenn Renny etwas anpackt, dann geben alle Beteiligten ihr Bestes. Gute Leute. Eine coole Besetzung. Reichlich Wasser."

Wie der Finne Renny Harlin stammt auch Stellan Skarsgård aus Skan-dinavien, nämlich aus Schweden. Er spielt den Forscher Jim Whitlock, den der Schauspieler so kommentiert: "Essen war mir von jeher wichtig. Es ist also ganz toll, wenigstens einmal eine Mahlzeit zu spielen. Die Arbeit mit Renny macht Spaß - er streut für mich immer mal wieder einen schwedischen Spruch ein. Das ist zum Prusten, denn er hat einen schrecklichen finnischen Akzent. Er hat mir gesagt, dass im Film echte Haie mitwirken, und das stimmt. Aber die künstlichen Haie sind noch unglaublicher - und sie werden erheblich besser bezahlt als ich? ich hätte lieber einen Hai spielen sollen. Es ist schon toll, bei einem solchen Spektakel dabeizusein - ich fühle mich wieder wie ein kleiner Junge."

"Das Ensemble der Darsteller arbeitet derart wunderbar zusammen, es ist fast unglaublich", stellt Harlin abschließend fest. "Und ich mache keinem Schauspieler etwas vor, wenn ich ihn besetze. Jedesmal sage ich: ,Hast du meine Filme gesehen? Ist dir klar, dass Star A damals wirklich auf den Berg kraxeln mußte, und dass Star B in jener Szene echt tauchen mußte?' Ich versuche immer, ihnen das so schlimm wie möglich auszumalen, und sage dann: ,Das ist kein Zuckerschlecken. Das schlaucht. Aber wir haben immer viel Spaß dabei, und auf jeden Fall darfst du Dinge machen, wie sie dir noch nicht untergekommen sind.' Das Abenteuer findet ebenso vor wie hinter der Kamera statt."

Noch bevor der erste Schauspieler besetzt war, fast ein Jahr vor Beginn der Dreharbeiten, arbeiteten die Filmemacher bereits am dynamischen Zentrum des Films: sie setzten alles daran, die Haie so echt und bedrohlich wie nur möglich darzustellen. Zu diesem Zweck wurde ein Team von meisterhaften Experten zusammengestellt, die schon bei vielen Projekten meist putzige, manchmal auch bitterböse Tiere realistisch auf die Leinwand gezaubert hatten. Dazu gehörten Produktionsdesigner William Sandell; der Fachmann für die Hai-Sequenzen, Walt Conti; der Leiter des Teams für Computer-Effekte, Jeffrey Okun; und der Chef der Special Effects, John Richardson.

",Der weiße Hai' ist ein Klassiker, das möchte ich hier noch einmal unmißverständlich festhalten", führt Renny Harlin aus. "Und das Geheimnis für den Erfolg des Films liegt darin, dass der Hai nicht allzuoft zu sehen ist, vor allem weil man mit der damaligen Technik ein solches Tier nicht überzeugend ins Bild bekommen konnte. Man kehrte also diesen Nachteil in sein Gegenteil um. Aber inzwischen sind 25 Jahre vergangen, die Zuschauer haben sich an Animatronik und im Computer generierte Bilder gewöhnt, man muß ihnen einfach mehr bieten. Um höchsten Realismus zu gewährleisten, stellen wir animatronisch bewegte Haie, digital erzeugte Haie und Aufnahmen von echten Haien nebeneinander. Zusammengenommen ergeben sie das bruchlose Bild von Tieren, die so aussehen wie echte Haie und sich auch so bewegen. Am Anfang des Films werden die handelnden Personen vorgestellt, und dann führen wir langsam die Haie ein, indem wir demonstrieren,wozu sie fähig sind. Wir zeigen buchstäblich das ganze Monster im Zusammenspiel mit den Darstellern? wir verheimlichen nichts."

Das "Hai-Team" deckte sich zunächst mit Videodokumentationen ein und analysierte eine gewaltige Menge Filmmaterial, oft von Einzelbild zu Einzelbild, um die Bewegungen und die Persönlichkeit der vollkom-mensten Killermaschinen der Welt zu verinnerlichen. Das ehrgeizige Ziel bestand darin, die Natur perfekt zu kopieren - nicht mehr und nicht weniger.

Dazu Conti: "Bei der Darstellung von Haien muß man vor allem ihr Energiepotential anschaulich machen. Sie schwimmen vergleichsweise langsam herum, aber wenn sie zuschnappen, setzen sie eine unglaublich explosive Energie ein. Meistens wirken Haie eher lethargisch. Unsere schwierigste Aufgabe bestand also darin, das Tempo und die Gewalt dieses Zubeißens zu imitieren. Die Kiefer der Haie schwimmen buch- stäblich in ihren Köpfen und erlauben ihnen eine ganz eigentümliche Bewegungsfreiheit. Soweit ich weiß, sind wir das erste Animatronik- Team, das alle Aspekte des Hai-Kiefers bis ins Detail nachahmt."

Conti stimmt Harlin zu: für frühere Filmproduktionen standen die heute möglichen Effekte bei der anatomischen Darstellung des Haikörpers einfach nicht zur Verfügung.

"Unser Ansatz war: Wir erschaffen den Hai neu. Grundsätzlich versuchten wir den Hai als Ganzes, in einem Stück darzustellen. Unsere Haie können tatsächlich eigenständig schwimmen. Wir haben uns nicht auf einzelne Funktionen (zubeißen, angreifen) konzentriert, sondern den kompletten Hai erschaffen", sagt Conti.

Aber nicht nur einen, sondern vier und einen halben Hai. Dr. McAlesters Experiment besteht darin, die 1. Generation, ein Hai-Paar (beide etwa 5 m lang und 900 kg schwer), genetisch zu manipulieren. Die beiden pflanzen sich fort und bringen das Monster der 2. Generation hervor: 8 m lang und 3600 kg schwer. Für die Dreharbeiten konstruierte Contis Team drei Haie der 1. Generation und eineinhalb Haie der 2. Generation, die alle vom Drehbuch geforderten Bewegungen ausführen konnten. dass der Mako für die Monster Modell stehen sollte, stellte die Techniker vor weitere Probleme. Der Mako ist der schnellste Fisch der Meere. Jedes Detail der Schwimmbewegungen, jede Schattierung der Hautoberflächenstruktur und Färbung wurde von Contis unbestechlichem Auge geprüft. Und im Innern der perfekt nachgeahmten, gummihäutigen Tiere schlug das Herz eines winzigen Spaceshuttle.

"Das komplexe Innenleben läßt sich eigentlich nur mit der Weltraumtechnik vergleichen. Schaltpläne für die Hydraulik und Elektronik haben wir uns von der Flugzeugtechnik ausgeborgt. Gelenkt wird das alles von einem Computerhirn, in dem wir exakte Bewegungen vorgeben können. Dadurch können wir genau getimte Bewegungsabläufe programmieren und per Knopfdruck beliebig oft wiederholen", sagt Conti.

Contis Haie konnten derart präzise und komplizierte Bewegungen ausführen, dass die Filmemacher sie sogar auf eine höhere Rangstufe beförderten: sie durften in einer Szene auftreten, die ursprünglich Okuns Team für Computer-Effekte übernehmen sollte. Dabei handelt es sich um die Schlüsselszene, in der das Aquatica-Team dem Hirn des betäubten Mako eine Gewebeprobe entnimmt. Sekunden später schnappt er zu und verstümmelt ein Besatzungsmitglied.

Conti erklärt: "Zunächst waren wir alle davon ausgegangen, dass wir in dieser Einstellung Computer-Effekte einsetzen würden. Doch dann schlug Stunt-Coordinator R. A. Rondell vor, wir sollten doch mal unseren Hai ausprobieren. Im Grunde meines Herzens hatte auch ich die ganze Zeit gehofft, dass man uns eine Chance geben würde. Wir programmierten den Hai also derart, dass er vorschnellte, den Arm des Crewmitglieds packte und abriß. Etwa zehn Kameras filmten das gleichzeitig? und es sieht einfach toll aus. In der Einstellung verzichten wir ganz auf Tricks: Der Hai schnellt wirklich vorwärts und reißt den Arm ab - in einer Bewegung. Da gibt es keine Schnitte, und dank unserer Technologie wirkt das absolut glaubwürdig."

Produzent Riche bürgt für die Echtheit von Gen I und Gen II: "Ich bin selbst begeisterter Taucher. Als ich in Palau war, haben mich 20 Haie umzingelt. Und zwischen denen und unserem im Film gibt es keinen Unterschied. Ein paar von unseren Schauspielern mußten wir anfangs wirklich überreden, bevor sie zu ihnen ins Wasser stiegen."

Nachdem die Filmemacher alle Darsteller (Schauspieler und Haie) an Bord hatten, ging es mit voller Kraft in das Studio, das exakt auf die (trockenen und feuchten) Vorgaben des Drehbuchs zugeschnitten war: Fox Baja Studios. Denn dieses Studio war extra für jenen Film gebaut worden, der zum erfolgreichsten Film aller Zeiten avancierte - James Camerons Titanic.

Dazu Renny Harlin: "Wenn man auf dem echten Meer dreht, muß man sich mit Wellen, Strömungen, Winden und der Sonne herumschlagen - Wasserfilme stehen in dem Ruf, drehtechnisch fürchterlich kompliziert zu sein. Durch die Dreharbeiten in Fox Baja konnten wir aus den Gegebenheiten vor Ort das Maximum herausholen und dabei die Gefahren praktisch völlig eliminieren - Sicherheit war dadurch kein Problem mehr. Außerdem gibt es dort die größten Wasserbecken der Welt."

Die Dreharbeiten zu Deep Blue Sea begannen am 3. August 1998. Dabei war ein Hauptdarsteller öfter im Bild als alle Darsteller inklusive der Haie: das Meer. Okun, Leiter der visuellen Effekte, wurde zu Harlins Waterboy.

"Wenn man dem Wasser zusieht, dann verliert es nie seinen Zauber, sein Geheimnis. Doch Dreharbeiten auf dem Meer sind notorisch schwierig und unfallträchtig - Salzwasser fördert die Korrosion. Wenn man beim Filmen die Elemente kontrollieren kann, hat das also seine Vorteile. Mit der Technik solcher Wassertanks wie in Baja, die heute überall in der Welt entstehen, ist praktisch alles möglich. In Kombination mit den Computer-Effekten braucht man dann nur noch einen Tropfen Wasser, um daraus einen Ozean zu machen."

Die Fox Baja Studios befinden sich 5 km südlich von Rosarito in Mexiko. Es handelt sich um eine völlig autarke Studioanlage mit Hallen, die zu den größten der Welt zählen. Die Filmbecken fassen insgesamt fast 100 Mio. Liter. Die Filteranlage kann pro Minute 40.000 l Seewasser filtern und chloren. Hinzu kommen genug Büroräume und Service-Einrich-tungen, um alle erdenklichen Anforderungen eines Filmteams zu erfüllen (Produktionsbüros, Werkstätten für den Ausstatter, Garderoben, Platz für den Kostümfundus und Studios für die Nachbearbeitung).

Das wichtigste Set für Deep Blue Sea, die Forschungsstation Aquatica, wurde im Tank 1 des Studios gebaut. Das Becken besteht aus Gußbeton und umfaßt eine Grundfläche von über 33.000 qm. Tank 1 nahm einst das größte "Titanic"-Set auf, die H. M. S. Titanic selbst, den maßstab-getreuen Nachbau in 90 Prozent der Originalgröße. Das Becken ist überwiegend nur 1 m tief, allerdings gibt es zwei Beckenbereiche, die man gemeinsam befüllen kann und die so eine Wassertiefe bis zu 12 m bieten. Wenn Tank 1 bis zum Rand gefüllt ist, umfaßt er atemberaubende 77 Mio. Liter Wasser.

Auf der Seeseite von Tank 1 befindet sich eine Überlaufkante. Das bedeutet: wenn man das Becken von der Landseite filmt, befindet sich zwischen dem Wasser des Beckens und dem Pazifik kein Hindernis, optisch entsteht also die Illusion, dass Becken und Meer eine bruchlose Einheit bilden - nichts als Wasser bis zum Horizont. Produktionsdesigner Sandell wußte diese Vorrichtung zu nutzen. Er ließ das kreisförmig konstruierte schwimmende Labor Aquatica in zwei Hälften anfertigen. Wenn man also einige kleinere Requisiten umstellte, entstand die Illusion, dass die Forschungsstation von beiden Seiten aufgenommen wurde. Tatsächlich blieb die Kamera aber fest auf der "Landseite" montiert.

Weitere wichtige Sets (Dr. McAlesters Laborraum, die Unterkünfte der Besatzung und verschiedene weitere Büros, Flure, Service- und Fahrstuhlschächte) entstanden in den vier weiteren Hallen (von denen zwei geflutet werden können) und den Becken des Studios.

Eine der kompliziertesten Szenen war jene mit der offiziellen Nummer 133, die bald nur noch die "Fahrstuhlschachtszene" hieß. Während das Forschungslabor sinkt, müssen die überlebenden Besatzungsmitglieder der Aquatica durch den Fahrstuhlschacht fliehen, um ihren mörderischen Forschungsobjekten zu entkommen - aber nicht allen gelingt das. Der Schacht ist hoch und ziemlich eng, eigentlich handelt es sich um einen Turm aus Beton. Wenn sich darin Darsteller und Filmausrüstung gegenseitig im Weg stehen, und das alles unter Wasser, wird der Platz zum Arbeiten reichlich knapp. Damit das funktionierte, war eine präzise, sehr rücksichtsvolle Zusammenarbeit von Besetzung und Filmcrew notwendig.

Sandells Kommentar: "Die Storyboards allein für diese Szene füllen ein kleines Telefonbuch. Mir ist schleierhaft, wie irgendjemand das logisch im Kopf ordnen konnte, ohne durchzudrehen; wir hatten selbst die größten Schwierigkeiten, und wir haben die Szene immerhin konzipiert."

Okun fügt hinzu: "Bei diesem Film werden wir immer wieder bis zum Anschlag gefordert, vor allem, wenn eine Person von den Haien umgebracht wird. Contis Hai-Maschinen sind riesig, sehr stark und unglaub-lich schnell. Wenn also einer der Darsteller mit Gen I oder Gen II interagiert? das kommt mir vor, wie wenn man auf der Autobahn mit einem Sportwagen tanzen würde. Natürlich sind die Haie unglaublich fügsam und kontrollierbar, aber trotzdem: Oft haben wir Einstellungen lieber in verlangsamtem Tempo aufgenommen, oder wir entschieden uns für einen im Computer generierten Effekt in Kombination mit der Animatronik."

In Szene 133 hat einer der Darsteller Pech: Er endet als Zwischenmahlzeit im Hairachen und wird dramatisch langsam unter Wasser gezogen, während der Pegel im Fahrstuhlschacht steigt. Mehrfach mußte die Einstellung wiederholt werden, und während der ganzen Zeit steckte der Schauspieler im Maul von Contis Hai. Die erste Reaktion des Darstellers ("Da bringen mich keine zehn Pferde rein!") wandelte sich langsam in Vertrauen und Zuversicht, als er merkte, dass die riesige Maschine den Ablauf der Szene verläßlich und ständig aufs neue wiederholte - mit der Präzision eines Uhrwerks.

Jeder, der an Deep Blue Sea vor oder hinter der Kamera mitgearbeitet hat, reagierte anders auf den hautnahen Kontakt mit Haien - ob animatronisch bewegt oder echt. Vielleicht spricht Michael Rapaport den meisten "Deep Blue Sea"-Matrosen aus der Seele, wenn er sagt: "Also, ins Haifischbecken kriegt mich keiner mehr. Goldfische, die liegen mir eher. Man setzt sie in den Gartenteich, und wenn sie aufmucken wollen, kann man sie unter Kontrolle halten. Echt, ich stehe auf Goldfische."

Dirk Jasper FilmLexikon
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