Produktionsnotizen zu Käpt'n Blaubär - Der Film

Szenenfoto

Zum Konzept und visuellen Stil von Käpt'n Blaubär - Der Film

Unser Held: Ein etwas heruntergekommener Bär "in den besten Jahren" (also eindeutig zu alt für eine Heldenrolle) mit schlechter Körperhaltung und unübersehbarem Bauchansatz. Schlampig, faul, seemännische Kenntnisse gleich null. Verfressen.

Und er kann lügen. Er lügt das Blaue vom Himmel, er lügt, dass sich die Schiffsbalken biegen. Sein Seemannsgarn spinnt er auf charmante, liebenswerte Weise und mit rostiger, sonorer Stimme.

Die Geschichten sind hanebüchen. Der Witz ist, dass sie sich am Ende alle als wahr herausstellen.

"Thus phantasy does make heroes of us all!"
"Sous le plâtre - la plage!"
"Phantasie an die Macht!"

Käpt'n Blaubär - Der Film ist die Inkarnation einer künstlerischen Idee. Wir werden dem Publikum nicht zeigen, wo die 'Wahrheit' endet und die 'Lüge' beginnt. Das gibt uns die Freiheit, das Auge zu betrügen, Fehler zu machen (beabsichtigte und unbeabsichtigte), physikalische Gesetze zu mißachten, Zeit und Raum zu biegen oder kleine, dreckige Tricks zu benutzen, um das Publikum mit unserer Phantasie zu verblüffen. Im Grunde ist unser Film ein Guckkastentheater, und das hilft uns bei unseren Betrugsgeschäften - Hamlets Schloß ist auch nur eine Pappkulisse.

Das Innere von Feinfingers Schloß ist wie eine Art Drehbühne gestaltet, mittels der wir Säulen oder andere Einrichtungsgegenstände immer dort platzieren können, wo wir sie brauchen. Proportionen werden verändert, besonders beim Wechsel zwischen Totale und Nahaufnahme. Der Turm des Schlosses beispielsweise hat von weitem betrachtet ein viel größeres Fenster als bei einer Nahaufnahme. Die Kuppel des Turms ist in der Innenansicht hundert Mal größer als in der Außenansicht. Und auch Blaubärs Schiff hat für Innen- und Außenaufnahmen unterschiedliche Proportionen. Von außen mutet es beinahe wie ein Spielzeugschiffchen an.

Das Wasser in Käpt'n Blaubär - Der Film ist 3D-animiert und hat einen artifiziellen Look. Diese Künstlichkeit ist ein charakteristisches Merkmal des Films - das Theatergefühl. Der stets wolkenbehangene Himmel mutet sehr naturalistisch an. Jeder Himmel hat eine oder zwei zusätzliche Ebenen. Eine ist nebulös und unscharf und definiert die Atmosphäre des Himmelhintergrunds. Die zweite besteht aus präzise konturierten, stilisierten Wolken und fügt unserem naturalistischen Hintergrund das 2D-Element hinzu. Und der Computer sorgt dafür, dass die Wolken dieser zweiten Ebene einen Schatten auf unseren realistischen Himmelhintergrund werfen.

Alle Hintergründe haben gemalte Schattenzonen. Die Unterteilung in verschiedene Ebenen erlaubt uns, einen zweiten, 'virtuellen' Schatten zu kreieren. Dieser virtuelle Schatten kann den gemalten Schattenzonen zuwiderlaufen. Und dies wiederum verstärkt das Gefühl der Künstlichkeit.

Ein weiteres Element, mit dem wir absichtlich Künstlichkeit erzeugen, ist der Gebrauch falscher Perspektiven - ein sehr wichtiges stilistisches Element für den Film. Blaubärs Schiff ist wie eine hölzerne Welle gestaltet, und jeder Hintergrund für das Schiff - sei es innen oder außen - enthält mindestens eine konkave Linie. Der gemütliche, beinahe organische Charakter des Schiffes steht in direktem Kontrast zu Feinfingers Schloß, das kalt und riesig ist.

Das 3D-modellierte Schiff ändert seine Gestalt der jeweiligen Szene entsprechend. In den Sequenzen mit ruhiger See erscheint es flach, in jenen mit einer dunklen, bedrohlichen See zerbrechlich und in wieder anderen wie ein ganz normales Schiff.

Um unserer intendierten Theaterästhetik gerecht zu werden, verzichten wir in etlichen Einstellungen auf jegliche Kamerabewegung. Wir können die Hintergund-Layouts von vielen Sequenzen mehrmals verwenden. Diese Schlüsselhintergründe sind in verschiedene Ebenen aufgeteilt, die wir je nach Bedarf unterschiedlich beleuchten und einfärben können. Für uns bedeutet dieses Verfahren größere Flexibilität und mehr "Spielraum" - eigentlich ein Riesenbeschiß, zeigen wir doch immer nur dieselben paar Hintergründe.

Und während wir nun mit wachsender Begeisterung schwindeln und tricksen und betrügen, sind wir alle unversehens Komplizen geworden vom Champion der Lügengladiatoren: Käpt'n Blaubär - Der Film.

Segel setzen! KÄPT'N BLAUBÄR entert die Leinwand

Es war schon lange beschlossene Sache. Walter Moers hatte bereits eine Drehbuchfassung für ein Leinwand-Abenteuer seines blaubärigen Helden in der Schublade, als noch an der Kino-Adaption von Kleines Arschloch - Der Film gearbeitet wurde. Und nach deren Erfolg war von vornherein klar, dass Michael Schaacks TFC Trickompany im Auftrag von Senator Film wieder einen Walter Moers-Film produzieren würde. "Für uns alle stand natürlich die Frage im Raum: Was machen wir als nächstes?", erinnert sich Schaack. "Wir haben überlegt, ob wir Kleines Arschloch - Der Film erstmal mit dem 'Alten Sack' fortsetzen sollten, aber Walter schrieb zu dieser Zeit an seinem Blaubär-Roman. Das Thema wurde mit der Zeit immer besser, also setzten wir Käpt'n Blaubär - Der Film ganz oben auf unseren Arbeitszettel."

Ein besonders starkes Argument für Käpt'n Blaubär - Der Film war die Tatsache, dass Walter Moers in den letzten Monaten seinem Fernsehhelden wieder mehr Aufmerksamkeit widmete, nachdem er die Entwicklung seiner Figur aus den Händen gegeben hatte. "Mit dem Roman hat sich Walter seinen Charakter, die Figur des Käpt'n Blaubär sozusagen 'zurückerobert', sie 'erwachsener' gemacht", erklärt Michael Schaack. "Der Fernseh-Blaubär hat sich etwas verselbständigt und ist zu einer reinen Kinderfigur geworden. Der Roman machte das Thema 'älter', und darauf haben wir auch hingearbeitet. Darum hat der Film mehr mit Walters Roman zu tun als mit der TV-Figur." Die überschäumende Phantasie, der Moers-typische Humor und die vielen skurrilen Sidekicks, Fantasy-Kreaturen und kleine Monster machen für Schaack die Einzigartigkeit von Käpt'n Blaubär - Der Film aus: "Wir erzählen eine Geschichte, die man nicht kennt mit Figuren, die man zwar kennt, aber so noch nicht gesehen hat."

Nachdem der Regisseur Hayo Freitag und Walter Moers das Drehbuch nochmals überarbeitet hatten, wurde im Oktober 1998 die Crew zusammengestellt. Neben Hayo Freitag und der Produktionsleiterin Brigitte Jopp stießen die beiden Art Direktoren Gyula Szabo und Christoph Baum zum Kernteam und legten die ersten Designs fest. Die Mannschaft wuchs schnell auf rund dreißig Zeichner, die Character Design, Set Design, Background Styling, Color Design und die Schauplätze definierten. Parallel dazu fanden bereits die Sprachaufnahmen im Synchronstudio statt.

Die Sprachaufnahmen und Eckdesigns hat sich Walter Moers noch alle angeguckt, das war sein Ding", gibt Michael Schaack zu Protokoll. "Da wollte er soviel Einfluß wie möglich gelten lassen. Aber Walter hat schnell gemerkt, dass seine Figuren bei Hayo Freitag in den richtigen Händen liegen, und dass alles prima läuft. Und da hat er sich wohl gesagt: Dann kann ich mich auch ein bißchen zurückziehen."

Nach dem Storyboard stellte Hayo Freitag im Dezember 1998 die "Leica Reel" zusammen, die verfilmte und bereits vertonte Version der Storyboards. Um möglichst präzise und effizient arbeiten zu können, legte der Regisseur Wert darauf, dass die Leica framegenau mit einer Laufzeit von 24 Einzelbildern pro Sekunde die spätere Laufzeit des Films vorwegnahm.

Im Januar/Februar 1999 begannen die Vorbereitungen für die heiße Produktionsphase: Für das Trackread wurde die Sprache der Trickfiguren in Laute aufgeteilt und die Lippenstellungen definiert. Drehpläne wurden geschrieben, Regieanweisungen für die Animationen erstellt. Danach fand das Key Posing statt, in dem die Posen, Körperhaltungen und -bewegungen - die "Schauspielkunst" der Animatoren - festgelegt wurden. Parallel zum Erstellen der Hintergründe wurden die Animationen gezeichnet und direkt zum Scannen weitergeleitet. Michael Schaack ist stolz darauf, dass Käpt'n Blaubär - Der Film mit allen zur Verfügung stehenden technischen Mitteln realisiert wurde:

"Käpt'n Blaubär - Der Film ist für uns der erste Spielfilm, der ohne Trickfilmkamera gedreht worden ist. Alle Bilder, Hintergründe etc. wurden eingescannt und digital im Rechner zusammengestellt. Natürlich ersetzt der Computer nicht die handgemachte Animation. Aber er ist ein tolles Werkzeug, das uns viel mehr technische Möglichkeiten gibt."

Bis zum Oktober 1999 wurde in Hamburg und in den Trickompany-Niederlassungen in Köln und Berlin emsig am Painting, Compositing und an der Postproduction gearbeitet. Das Ergebnis ist ein Paradebeispiel für deutsche Animationskunst und beweist: Die überwältigend rasanten, phantasie- und humorvollen Abenteuer des Käpt'n Blaubär - Der Film gehören auf die große Leinwand. Ungelogen.

Leib und Seele von Käpt'n Blaubär - Der Film - die Animation

Eine Grundregel des Zeichentrickfilms: Der Animator ist der Schauspieler der Figuren. Peter Bohl, Animation Supervisor von Käpt'n Blaubär - Der Film und seit zehn Jahren Weggefährte von Hayo Freitag, war von Beginn der Produktionsphase an dabei, hat Mimik und Körpersprache der Figuren definiert - und war dabei buchstäblich Schauspieler in Aktion: "Ich habe den Animatoren vorgespielt, wie sich die Figuren meiner Meinung nach bewegen sollen, wenn ich die entsprechenden Szenen ausgegeben habe. Mittlerweile kostet es mich auch keine Überwindung mehr, vorzukaspern, wie sich Hein Blöd bewegen soll."

Neben den Bewegungsabläufen legt der Zeichner auch die Lippensynchronität der Figuren in verschiedenen Stimmungen genau fest: Wenn Käpt'n Blaubär drei Bilder lang den Buchstaben A und dann das S sprechen soll, wird im Drehplan akribisch notiert, welche der vorher vom Zeichner definierten mouthshapes der Figur benutzt werden müssen. "Meine Aufgabe als Animation Supervisor ist es, darauf zu achten, dass zum Beispiel der manchmal langgezogene Sprachduktus von Blaubär in bestimmten Szenen auch an der Mimik der Figur sichtbar ist, und dass er dadurch glaubhafter und organischer wirkt", gibt Bohl zu Protokoll. Die Animation von Käpt'n Blaubär - Der Film begann beinahe unmittelbar nach dem "Startschuß" für die Produktion und dauerte inklusive der Designphase rund ein Jahr.

Bohl hat sich in dieser Zeit auf die Figuren konzentriert und auch nach den Vorgaben seines Regisseurs und von Walter Moers gearbeitet, dem besonders Feinfinger sehr am Herzen lag. Die erste Herausforderung war es, Blaubär, Hein Blöd und die Bärchen den Dimensionen eines Animationsfilms entprechend "umzuzeichnen" - Animierbarkeit und Drehbarkeit der Figuren mußte gewährleistet werden. Man mußte sie aus jeder Perspektive in der Bewegung zeichnen können, was bei den Legetrickfiguren aus der "Sendung mit der Maus" naturgemäß nicht funktioniert.

In dieser "Umzeichnungsphase" ergaben sich einige Probleme. Hein Blöds Nase war eines davon: "Er hat eine fast waagerechte, lange Nase", erläutert Peter Bohl. "Wenn man so seinen Kopf dreht und frontal zeichnet, sieht man nur seine Nase und nichts mehr vom Rest des Kopfes. Dann muß man ein bißchen schummeln. Also haben wir turnarounds gezeichnet, in denen die Drehung einer Figur in verschiedenen Phasen nebeneinander dargestellt wird. Und wenn sich Hein Blöd nach vorn dreht, senken wir seine Nase einfach etwas nach unten ab." Ein weiteres Problem warfen die drei Bärchen auf. Die Zeichner merkten schnell, dass die Szenen zu unruhig wurden, wenn alle drei kindgerecht herumhampeln. "Darum haben wir uns hingesetzt und überlegt, welche Gesten Kinder so machen. Danach haben wir einen Gestenkatalog erstellt und jedem der Bärchen eine kleine Geste verpaßt - eines fummelt sich zum Beispiel immer geistesabwesend am Kleid 'rum. Das wirkt viel lebensechter als drei Kids, die ständig herumwuseln."

Neben dem Animation Supervisor Bohl zeichnete ein Team von fünf, sechs Animatoren die Figuren aus allen möglichen Perspektiven. "Bei uns machte jeder alles", erklärt Bohl - im Gegensatz zu den Multimillionen-Produktionen aus den USA, wo jeweils ein Chefzeichner mit seinem kompletten Team nur für eine Figur zuständig ist. Schon in der Designphase haben Bohl und sein Team Testanimationen hergestellt und die Figuren bereits mehrfach komplett animiert. "Der Vorteil ist: Wenn man die Figuren in der Bewegung zeichnet, kann man am besten feststellen, wo ihre Probleme liegen. Deshalb wird da bereits festgelegt, wie Blaubär & Co. später aussehen."

Ein blaues Wunder - die Erfolgsgeschichte eines Blaubären

1991: Käpt'n Blaubär lügt zum ersten Mal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Tatort: "Die Sendung mit der Maus" in der ARD und die dritten Programme. Urteil: Käpt'n Blaubärs "Seemannsgarn" ist ein Knüller.

1992: Erster Auftritt im ARD-Morgenmagazin: Käpt'n Blaubär schaltet sich mit wohl dosierten Unwahrheiten als Kommentator zwischen die Nachrichten.

1992: Nach 104 Folgen "Seemannsgarn" die erste Auszeichnung: Käpt'n Blaubär erhält beim Kinder-, Film- und Fernsehfestival im thüringischen Gera den "Goldenen Spatz".

1993: Käpt'n Blaubär und Hein Blöd bekommen ihre eigene Sendung: Im Oktober startet der "Käpt'n Blaubär Club". Statt der Bärchen gehört die Video-Piratin Bille (Sybille Waury) zur Besatzung.

1994: Ehre, wem Ehre gebührt: Walter Moers, Erfinder von Käpt'n Blaubär, erhält für seinen Lügenbaron die höchste deutsche TV-Auszeichnung - den Adolf-Grimme-Preis.

1995: Klar Schiff im Käpt'n Blaubär Club: Die Bärchen sind wieder an Bord, die fleischfressende Pflanze Karin und das Flöt kommen zur Besatzung hinzu, Hein Blöd startet seine "wunderbare Welt der Wissenschaft" und der Käpt'n gibt Einblick in seine kuriose Kombüse.

1996: Die Zeitschrift "Gong" verleiht zum ersten Mal ihren Fernsehpreis "Telix". Einer der drei Preisträger ist der Käpt'n Blaubär Club.

1997: Sternstunde für Hein Blöd: Der deutsche Astronaut und bekennende Käpt'n Blaubär-Fan Reinhold Ewald nimmt die liebenswerte Schiffsratte als Maskottchen mit auf die russische Raumstation "MIR".

1998: Nach seinen Abenteuern im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird der Blaubär zum ersten Mal im Kinderkanal gesichtet.

1998: Ehre, wem Ehre gebührt, Teil 2: Die Deutsche Post produziert eine Käpt'n Blaubär-Briefmarke. Wert: 1,10 DM.

1999: Im Frühjahr veröffentlicht Walter Moers "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär". Das Buch (Eichborn Verlag) avanciert zum nationalen Bestseller und steht wochenlang ganz weit oben auf der Spiegel-Bestsellerliste.

1999: Die letzte große Katastrophe dieses Jahrtausends und der vorläufige Höhepunkt der Blaubär-Karriere: Der Zeichentrickfilm Käpt'n Blaubär - Der Film startet am 16. Dezember 1999 in den deutschen Kinos.

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