Ernst Corinth über Johanna von Orleans

Glaubt man Luc Bessons Film, dann spinnen die Franzosen. Genauer gesagt ihre Vorfahren müssen ganz schön verrückt gewesen sein, dass sie einst mit juchhe! und juchho! einer jungen Frau in die Schlacht gefolgt sind, die sich dabei so hysterisch geriert hat, dass es auf keine Kuhhaut geht. Und ihr Gekreische eigentlich viel besser in das Konzert einer Boy-Group passen würde als aufs Schlachtfeld.

Aber nicht nur die Juchzer der Hauptdarstellerin Milla Jovovich, die zuweilen sogar ein wenig an das Gestöhne im Schlager "Je t¹aime" erinnern, stört und nervt, auch die Vielschichtigkeit dieser Figur, die ja, sieht man es mal historisch, gleichzeitig Heilige, Hexe, Mystikerin und Armeeführerin war oder sein sollte, wird zu keinem Zeitpunkt des mit knapp zweieinhalb Stunden viel zu langen Films deutlich. Statt also ihrer Person einen Charakter zu verleihen, ergeht sich Luc Besson meist in Nahaufnahmen, zeigt ihr zugegeben hübsches Gesicht in allen Kameravarianten und begeht dabei selbst ein wohl unfreiwilliges Wunder: Jovovichs blondes Haar wird im Verlauf des Films immer dunkler. Ob das was zu bedeuten hat, das ist uns übrigens ziemlich egal.

Bei der Interpretation der wohl nicht nur durch etliche Verfilmungen bekannten Geschichte hat sich Luc Besson dafür entschieden, dass seine "Johanna von Orleans" vor allem aus Rache gegen die Engländer zu Felde zieht. Als kleines Mädchen wird sie nämlich Zeugin wie ein englischer Soldat den Leichnam ihrer Schwester brutal schändet und das hat, folgt man dem Regisseur, bei ihr ein religiös verbrämtes oder übersteigertes Trauma zur Folge.

Nachdem sie Jahre später den Dauphin von Frankreich überzeugen kann, endlich unter ihrer Führung gegen die Besatzungsmacht mobil zu machen, geht¹s in diesem Film dann gut eine Stunde lang rund. Schlachtgetümmel folgt auf Schlachtgetümmel. Szenen, die bisweilen wirklich grausam sind. Doch irgendwann ist auch in dieser gut 80 Millionen Mark teuren Produktion der letzte feindliche englische Kopf vom Rumpf getrennt. Und es folgt im zweiten Teil das traurige Schicksal der guten Jungfrau von Orleans.

Dabei hat Besson das Intrigen- und Ränkespiel - nicht zuletzt wegen der überzeugenden Leistung von John Malkovich als Charles VII und Faye Dunaway als seine Schwiegermutter - durchaus spannend inszeniert, doch der abschließende Prozess verkommt alsbald zum reinen Possenspiel. Und als dann auch noch Dustin Hoffman als ihr schlechtes Gewissen aus dem Nichts dieses zwar blutigen, aber blutleeren Historienspektakels auftaucht, dann sehnt man sich gelangweilt tatsächlich das traurige Ende samt Scheiterhaufen herbei.

Dirk Jasper FilmLexikon
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