Produktionstagebücher von So weit die Füße tragen
Auszüge aus dem Produktionstagebuch von Produzent Jimmy Gerum
Regisseur Hardy Martins 15. Januar 2000 Es wird spannend. Wir nähern uns dem Drehbeginn! Das ganze Belarusfilmstudio in Minsk ist inzwischen auf den Beinen. Wir haben noch mal einen Tag vorverlegt und werden am 3. Februar abends versuchen, die ersten Aufnahmen zu bekommen.

Unsere russischen Freunde schwitzen trotz minus 20 Grad. Sie müssen 600 Komparsen auftreiben und die weißrussischen Soldaten streiken. Die letzte Filmproduktion hat nicht bezahlt. Auch ein Vorschuss kann sie anfangs nicht überzeugen.

Die Schneelage ist schwankend, wir brauchen viel Glück. Die Bauten im Arbeitslager sind halbfertig. Schaut schon sehr beeindruckend aus.

15 Waggons werden von einem Spezialteam nach Originalplänen nachgebaut. In ganz Weissrussland gibt es keine Waggons dieser Bauart mehr. Ein großer Aufwand, aber sehr wichtig für den Film!

12. Februar 2000 Schon der erste Drehtag in Minsk bedeutete:Großkampf mit über 500 Komparsen. Die Weissrussen zeigten sich teilweise noch etwas überfordert, aber sie sind kein hoffnungsloser Fall.

Bernhard Bettermann wollte sich gleich mit den Wölfen anfreunden. Dabei haben sie ihm den Handschuh von der Hand gerissen und zerfetzt. Sie mögen Leder. Am zweiten Drehtag wurde nicht nur einStiefel von ihnen zerbissen, sondern auch gleich der ganze Mantel des Doubles mitverspeist.

Seit Dienstag, 8. Februar, sind alle Außenaufnahmen wegen Schneeschmelze unmöglich geworden. Wir sind ins Studio gezogen und mußsten innerhalb 24 Stunden alle deutschen Schauspieler einfliegen, um "Gefangenenwaggon innen" drehen zu können. Während der Produktion

31. März 2000 Der Winter neigt sich dem Ende zu und war nicht sehr freundlich (bzw. eben zu freundlich). Wir konnten unser erhofftes Ziel nicht erreichen, die Winterdrehtage abzuschliessen. Die Folge sind weitere Dreharbeiten beim ersten Schneefall ca. November 2000. Wir müssen noch einmal nach Minsk. 23. April 2000 Bei der 30-stündigen Zugfahrt von Minsk nach Archangelsk wurden die zu erwartenden Strapazen im Wodka ertränkt. Mit dem zweitgrößten Hubschrauber der Welt ging die Reise weiter, bis wir schließlich mit 25 Mann und Sack und Pack in einer gottverlassenen Fischerkolchose an der Eisküste landeten.

Trotz Schlitten und Schneemobilen dauerte es immer noch einige weitere Stunden, bis wir endlich unser Ziel, das Set an der Eisküste erreichten. Das Team kam in einer Sammelunterkunft der Kolchose unter, in dessen Kantine man Fischbrei und ähnliches runterwürgen mußste. Die Standard-Toiletten sahen so aus: Ein paar Löcher im Boden des Anbaus, durch die der Wind des nahen Eismeers pfiff.

Was das Team am zweiten Tag erleiden mußste, läßt sich nur schwer beschreiben. Man mußs es einfach erlebt haben. Sich vorzustellen, im klirrenden Winter bei Nacht in ein Freibad zu klettern, eine Windmaschine aufzustellen und dann zu versuchen, unter der laufenden Freibaddusche sein Mittagessen runterzuschlingen, würde es nur annähernd treffen. An der Eisküste kommt hinzu, dass man sich mit der Eisschicht auf dem Anorak kaum mehr bewegen kann. Und speziell in unserem Fall lagen auch noch die zwei einzigen Schneemobile mit Kurzschluss fest. Also weit und breit kein Fahrzeug, das einen zu dem halbwegs geschützten Bretterverschlag hätte bringen können. Trotzdem oder gerade deswegen haben wir an diesem Tag im Regen und Eissturm Bilder von großer Verzweiflung gedreht ...

Während der Produktion Dann ging es mit Hubschraubern nach Nayan Mar zum Dreh der Tschuktschen-Szenen. Die Provinzhauptstadt liegt nördlich des Polarkreises in einem militärischen Sperrgebiet. Das bedeutete immer wieder Probleme mit dem Hubschrauber-Scouting. Auch die Suche nach der geplanten Rentierherde gestaltete sich als äußerst schwierig. Sie bewegte sich stetig weiter und wir konnten nicht fest mit ihr rechnen. Unsere Scouts fanden sie schließlich 40km in der offenen Tundra. Jetzt erst konnten wir den Hubschrauber für den nächsten Tag beladen, im Gepäck unter anderem ein Neun-Meter-Kran. Das Problem war, dass die Windgeschwindigkeit kaum das Stativ stehen ließ, geschweige denn einen Kran. Und die Wettervorhersage war katastrophal.

Wir konnten aber unmöglich länger warten, denn Irina mußste zurück nach USA. Nicht fertig zu werden hätte den finanziellen Supergau bedeutet. Unsere Rettung sollte Irinas Großvater sein, ein echter Schamane vom Baikalsee, in der Rolle des Schamanen. Er beschwor mit uns am Abend zuvor in einer Zeremonie die Wettergötter und opferte dazu Weissfisch vom Baikalsee. Am nächsten Tag ging es um 7.00 los. Wir landeten mit zwei Großraumhubschraubern in der weiten Tundra und stellten bei Windstille und Sonnenschein den Neun-Meter-Kran auf, um die herzzerreißende Abschiedsszene zwischen Irina und Forell vor 1.200 Rentieren zu drehen.

Kaum waren wir zurück, mußsten wir unser kakerlakenverseuchtes Hotel verlassen, das wir - ohne Ironie - richtig liebgewonnen hatten. Dort gab es wenigstens warme Duschen! Wir mußsten aufbrechen ins Dorf der Tschuktschen, das unsere Szenenbildner bei einer Nenzen-Kolchose aufgebaut hatten. Dort war es endgültig zu Ende mit Hygiene und ähnlichen Fremdworten.

In den nächsten vier bis fünf Tagen wollte jeder nur noch Tag und Nacht arbeiten, um möglichst schnell wieder wegzukommen oder zu- mindest nicht in der "Unterkunft" hausen zu müssen. Die Frauen im Team hörten nach zwei Tagen auf zu trinken, um "Toiletten"-Gänge auf das Nötigste zu beschränken.

Während der Produktion Was uns wach hielt, waren die unglaubliche Kulisse und die hervorragenden Komparsen, die in ihren Originalkostümen für eine unbeschreibliche Atmosphäre sorgten. Wir hatten Tagszenen und Nachtszenen und nur 12 Stunden Reserve für "Unvorhergesehenes", das uns dann natürlich prompt am zweiten Tag in Form eines wütenden Schneesturms überraschte. An Drehen war nicht zu denken.

Unser Team suchte schützenden Unterschlupf in den Kulissen-Zelten - unsere einzige Aufenthaltsmöglichkeit. Dort kauerten wir die halbe Nacht und versuchten uns zu wärmen, unterstützt von dem guten Hausmittelchen Wodka. Ende April dürfen wir wieder zurück in die Zivilisation nach Minsk, das uns noch vor Monaten vorkam, wie die alte Sowjetunion! So haben sich unsere Maßstäbe verändert!

25. Mai 2000 Die nächste große Herausforderung ist die Reise nach Usbekistan. Hardy hat einige hervorragende Motive gefunden. Zum Beispiel die Grenzbrücke zwischen Usbekistan und Kasachstan. Das hat uns veranlasst, das "Risiko Taschkent" doch in Angriff zu nehmen. 30. Juni 2000 Nachdem nun also der sechste Monat unserer Dreharbeiten angebrochen ist, fragen wir uns langsam, ob und wie wir die Weiten Russlands überstehen werden. Nie war uns Clemens Forell's "So weit die Füsse tragen" näher. Unser Hauptdarsteller Bernhard Bettermann darf aufgrund der Produktionsumstände die Kunst des Method Acting in höchster Form erlernen. In Usbekistan wollte Bernhard wirklich nur noch eines: schnellstens heim zu seiner Familie.

Während der Produktion Usbekistan ist eine Reise wert, wenn man sich nicht zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort aufhält. Das Land kommt wirtschaftlich noch nicht richtig auf die Beine und eine radikale islamische Minderheit versucht, sich die Situation mit 60% Arbeitslosigkeit für ihre Interessen zunutze zu machen. Die Strategie, in diesem unsicheren Land möglichst reibungsfrei produktiv zu sein, hieß UNDERCOVER. Unsere Getreuen aus Minsk veränderten die Produktionsdaten, so dass wir für die usbekischen Behörden ein historisches Heldenepos der Roten Armee drehten, produziert als Koproduktion Belarusfilm/Moskau/Usbekfilm unter der Regie unseres russischen Produktionsleiters. So konnten wir uns auf alte Bruderschaften berufen, wenn mal Not am Mann oder an der Sache war. Bei 45° im Schatten bewies das russische Team erneut seine besondere Zähigkeit. Erst als am abschließenden Hauptmotiv BRÜCKE dazu noch der Schatten rar wurde, kippten die Ersten um.

Weitaus bedenklicher war für uns die politische Lage. Die Medienzensur in Usbekistan war konsequent aus alten Tagen herübergerettet worden, so dass Informationen über auftretende Anschläge islamischer Terroristen nur gelegentlich über mehr oder weniger vertrauenswürdige Quellen durchsickerten. Nervös machte uns vor allem, dass die Brücke in den Bergen Richtung Kasachstan ein militärisches Kernziel der Terroristen darstellte.Deshalb erhielten wir auch nur eine vorläufige Drehgenehmigung, die stündlich widerrufbar war.Denn die Militärs hätten jederzeit eine Evakuierung vornehmen können. Am zweiten Tag marschierte tatsächlich eine Einheit an der Brücke auf. Glücklicherweise wurden wir nur Zeugen eines Trainingprogramms. Trotzdem: Nichts für schwache Nerven.

In Taschkent wurde uns nach langer und sensibler Intervention erlaubt, in einem Mausoleum aus dem 14. Jahrhundert zu drehen. Auf diesem geheiligten Boden wurde bisher nur einmal vor einigen Jahren gedreht. Die Firma ging damals an dem Projekt Konkurs. Damit UNS also Allah gewogen bleibt, erklärte sich der Hüter des Mausoleums bereit, vor Beginn des ersten Takes eine Gebetszeremonie abzuhalten, in deren Verlauf ein Schaf geopfert wurde. Dem Schaf wurde relativ schmerzfrei die Kehle durchtrennt und am nächsten Tag wurde das Fleisch dem ganzen Team in speziellen Teigtaschen serviert. Egal, wieviel Erfolg dieser Film haben wird: Allah wird bei uns sein ... Während der Produktion

30. Juli 2000 Wegen des beeindruckenden Materials, das in der ersten Jahreshälfte entstanden ist, entschlossen wir uns, bei der Juli-Expedition nach Russisch-Karelien eine Spezial Crew aus Deutschland für spezielle Mounts und Unterwasseraufnahmen hinzuzuziehen. Wir haben die typische Taiga gefunden, in der Forell auf die sibirischen Goldgräber stößt. Und dazu noch einen reißenden Fluss für die Action-Szene, in der das Floß durch Stromschnellen manövriertwird.

Die sumpfige Landschaft lieferte - ganz drehbuchgerecht- Myriaden von Mücken. Zum Schutz hatten wir 260 Flaschen Autan eingekauft. Keine blieb übrig! Zum Teil waren die Biester so ausgehungert, dass sie versucht haben noch in Nasenlöchern Blut zu finden. Dieses Mal blieb uns das Wetter gewogen. Wir konnten unseren strengen Zeitplan einhalten. Bernhard hatte einen vertraglich festgelegten Rückflug. Das hätte ungut ausgehen können.

Kommunikation war des öfteren ein großes Problem. Dieser Set war 50km vom nächsten Telefon entfernt in der absoluten Wildnis. Zur Sicherheit blieb der Hubschrauber Tag und Nacht Stand-by.

Unsere Floßbauer hatten sechs Flöße gebaut, die wir immer wieder durch die Stromschnellen trieben. Unten angekommen wurden sie an den Hubschrauber geseilt, der sie flussaufwärts brachte. Eine Aktion, die der Pilot erst nach (finanzieller) Überredungskunst anzugehen wagte. Im Laufe der sechs Drehtage am Fluß gewannen die Schauspieler immer mehr Vertrauen in die Fluten, so dass sie sich überzeugen ließen, in einigen Szenen ohne Double zu schwimmen. Physisch ging dieser Ausflug noch einmal an unser aller Grenzen. Aber wir wurden erneut belohnt mit "echt sibirischen" Bildern. Die Investition in unsere Unterwasser-Crew hat sich vollauf gelohnt. Während der Produktion

1. Dezember 2000 Endlich wieder in Minsk. Wir haben am Wochenende unsere Dreh-Maschinerie angeworfen und kämpfen uns jetzt durch eine angeblich "eiskalte Nachtdreh-Woche", die aber leider nicht so richtig anfriert. Also werden wir unser "Kunstschnee-Knowhow" erweitern und heute Nacht mit Schaum, Filz und Plastikfolie drehen. 18. Dezember 2000 Endlich konnten wir diese Woche die Ankunftsszene der Gefangenen im Lager in der nötigen, dreckig-weißen, eisigen Stimmung drehen. Antonio Wannek und Hans Uwe Bauer hatten im Zug die ganze Nacht kein Auge zugetan: 4 bis 5 Zoll-kontrollen und der Fahrwerkstausch an der russischen Grenze machten Schlaf unmöglich. So kamen sie direkt ans Set und mußsten am bisher längsten Drehtag auch noch 27 Stunden durcharbeiten. Die Gefangenszenen sehen entsprechend aus: äußerst eindrucksvoll und authentisch.

Nach unserer jetzigen Planung drehen wir noch einen Tag in Deutschland und werden dann, je nach Wetterlage, versuchen, die ultimativ letzten acht Drehtage auf die Zeit zwischen dem 28.12. und dem 10.01.2001 zu legen. Während der Produktion

Einige Zahlen
Auszüge aus dem Tagebuch von Hauptdarsteller Bernhard Bettermann
Szenenfoto Minsk, den 12.02.00, 21.20 Uhr ... Die Einsamkeit beginnt schon an mir zu nagen. Die permanente visuelle und schriftliche Befeuerung durch Forell macht sich bemerkbar. In einer Stunde beginnt der Dreh. Beeindruckende Massenszene, riesiger Drehort vor dem Fenster meines Wohnwagens ... 00.30 Uhr ... Ich mußs ruhig bleiben, meinen Job machen, Kraft sparen und gesund bleiben. Mit 200 Komparsen um ein Lagerfeuer stehen, ein Hauch von Romantik in einer unwirtlichen Welt.

Überhaupt: Das Thema unseres Filmes wird mich noch des öfteren mehr beschäftigen als mir lieb ist, zu existenziell leben wir es nach. Kaum vorstellbar, wie die Männer dieses Leben ertragen haben. Ein rasches Ende erschien vielen sicher als himmlische Fügung. Meine Augen fallen zu, der wenige Schlaf fordert sein Tribut. Ich bin gespannt, wie dieser Film am Schluss aussieht ... Szenenfoto

Nördlich von Archangelsk, den 06.04.00,19.35 Uhr ... Ich schaue auf eine lichtüberflutete Schneefläche, höre auf meinem leicht angeknacksten Notebook eine CD und versuche, meinen Wodka- und Forell-geschädigten Kopf für ein Resümee des heutigen Tages fit zu kriegen ... Ach, ich freue mich auf Zuhause! Hardy hatte ein glückliches Händchen die letzten beiden Tage. Gut, dass wir mal aus Minsk weg sind. Intensiv war diese Szene, diese Location, ohne Zweifel. Allein der Hubschrauberflug! Einfamilienhaus am Himmel. Am Arsch der Welt ... Starke Bilder. Eismeer faszinierend und doch nicht bedrohlich. Keine Kanalisation, kein Telefon, aber Strom! Narjan Mar, den 16.04.00, 10.15 Uhr ... Der gestrige Abschied von Krasnja geriet zu einem unglaublich bewegenden Erlebnis. Erst die Drehnacht bis 4.30 Uhr, dann maximal 2 Stunden Schlaf, Tanz- und Gesangseinlagen unserer russischen Freunde, Ira (Anm: Irina Pantaeva) in Tränen, ihr "Dirda" voller Energie und Dankbarkeit für Geld und Erlebnis. Tja, und dann die "Pressekonferenz" im Dorftheater! Mit Podiumsdiskussion! "Mnje nada idti" - Ich konnte meinen einzigen russischen Satz anbringen! Vergessen waren die Enttäuschungen, die Entbehrungen der Dreherei. Nur noch das Erlebnis einer gemeinsam durchlebten Zeit stand im Raum und verband die Völker. Und Ira im Mittelpunkt, sie steht für diese Verbindung von Ost und West. Einzigartig. Szenenfoto Petrosavodsk, den 09.07.00, 09.07 Uhr ... Die Nacht im Zug verbrachte ich schlaflos. Nach 10 Tagen zu Hause bin ich wieder in der Fremde, seit 38 Stunden unterwegs zum Drehort. Frankfurt Flughafen - im Hotel übernachtet - Flug nach St. Petersburg - Nachtzug und nun Hubschrauber. Typisch und doch immer wieder zuviel. Borowoy, den 12.07.00, 18.40 Uhr ... Schlafen im Waggon ist eine Zumutung, sanitäre Anlagen gleich null, Hygiene kaum möglich. Ich sitze am Drehort. Wir kommen gut voran, es ist anstrengend. Regen, unglaublich viele Mücken, Hitze, viel Arbeit. Noch 3 Drehtage für mich - überschaubar und doch nicht kalkulierbar. Fax an Zuhause. Nur noch dieses eine Mal durchhalten, dann ist das Schlimmste überstanden. Was für ein merkwürdiges Land das hier ist. Wie kann man hier leben? Die paar Tage erscheinen mir wie Wochen ... Welch eine Kraft hatte dieser Forell.
Dirk Jasper FilmLexikon
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