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| Auszüge aus dem Produktionstagebuch von Produzent Jimmy Gerum |
Unsere russischen Freunde schwitzen trotz minus 20 Grad. Sie müssen 600 Komparsen auftreiben und die weißrussischen Soldaten streiken. Die letzte Filmproduktion hat nicht bezahlt. Auch ein Vorschuss kann sie anfangs nicht überzeugen.
Die Schneelage ist schwankend, wir brauchen viel Glück. Die Bauten im Arbeitslager sind halbfertig. Schaut schon sehr beeindruckend aus.
15 Waggons werden von einem Spezialteam nach Originalplänen nachgebaut. In ganz Weissrussland gibt es keine Waggons dieser Bauart mehr. Ein großer Aufwand, aber sehr wichtig für den Film!
Bernhard Bettermann wollte sich gleich mit den Wölfen anfreunden. Dabei haben sie ihm den Handschuh von der Hand gerissen und zerfetzt. Sie mögen Leder. Am zweiten Drehtag wurde nicht nur einStiefel von ihnen zerbissen, sondern auch gleich der ganze Mantel des Doubles mitverspeist.
Seit Dienstag, 8. Februar, sind alle Außenaufnahmen wegen Schneeschmelze unmöglich geworden. Wir sind ins Studio gezogen und mußsten innerhalb 24 Stunden alle deutschen Schauspieler einfliegen, um "Gefangenenwaggon innen" drehen zu können.
Trotz Schlitten und Schneemobilen dauerte es immer noch einige weitere Stunden, bis wir endlich unser Ziel, das Set an der Eisküste erreichten. Das Team kam in einer Sammelunterkunft der Kolchose unter, in dessen Kantine man Fischbrei und ähnliches runterwürgen mußste. Die Standard-Toiletten sahen so aus: Ein paar Löcher im Boden des Anbaus, durch die der Wind des nahen Eismeers pfiff.
Was das Team am zweiten Tag erleiden mußste, läßt sich nur schwer beschreiben. Man mußs es einfach erlebt haben. Sich vorzustellen, im klirrenden Winter bei Nacht in ein Freibad zu klettern, eine Windmaschine aufzustellen und dann zu versuchen, unter der laufenden Freibaddusche sein Mittagessen runterzuschlingen, würde es nur annähernd treffen. An der Eisküste kommt hinzu, dass man sich mit der Eisschicht auf dem Anorak kaum mehr bewegen kann. Und speziell in unserem Fall lagen auch noch die zwei einzigen Schneemobile mit Kurzschluss fest. Also weit und breit kein Fahrzeug, das einen zu dem halbwegs geschützten Bretterverschlag hätte bringen können. Trotzdem oder gerade deswegen haben wir an diesem Tag im Regen und Eissturm Bilder von großer Verzweiflung gedreht ...
Dann ging es mit Hubschraubern nach Nayan Mar zum Dreh der Tschuktschen-Szenen. Die Provinzhauptstadt liegt nördlich des Polarkreises in einem militärischen Sperrgebiet. Das bedeutete immer wieder Probleme mit dem Hubschrauber-Scouting. Auch die Suche nach der geplanten Rentierherde gestaltete sich als äußerst schwierig. Sie bewegte sich stetig weiter und wir konnten nicht fest mit ihr rechnen. Unsere Scouts fanden sie schließlich 40km in der offenen Tundra. Jetzt erst konnten wir den Hubschrauber für den nächsten Tag beladen, im Gepäck unter anderem ein Neun-Meter-Kran. Das Problem war, dass die Windgeschwindigkeit kaum das Stativ stehen ließ, geschweige denn einen Kran. Und die Wettervorhersage war katastrophal.
Wir konnten aber unmöglich länger warten, denn Irina mußste zurück nach USA. Nicht fertig zu werden hätte den finanziellen Supergau bedeutet. Unsere Rettung sollte Irinas Großvater sein, ein echter Schamane vom Baikalsee, in der Rolle des Schamanen. Er beschwor mit uns am Abend zuvor in einer Zeremonie die Wettergötter und opferte dazu Weissfisch vom Baikalsee. Am nächsten Tag ging es um 7.00 los. Wir landeten mit zwei Großraumhubschraubern in der weiten Tundra und stellten bei Windstille und Sonnenschein den Neun-Meter-Kran auf, um die herzzerreißende Abschiedsszene zwischen Irina und Forell vor 1.200 Rentieren zu drehen.
Kaum waren wir zurück, mußsten wir unser kakerlakenverseuchtes Hotel verlassen, das wir - ohne Ironie - richtig liebgewonnen hatten. Dort gab es wenigstens warme Duschen! Wir mußsten aufbrechen ins Dorf der Tschuktschen, das unsere Szenenbildner bei einer Nenzen-Kolchose aufgebaut hatten. Dort war es endgültig zu Ende mit Hygiene und ähnlichen Fremdworten.
In den nächsten vier bis fünf Tagen wollte jeder nur noch Tag und Nacht arbeiten, um möglichst schnell wieder wegzukommen oder zu- mindest nicht in der "Unterkunft" hausen zu müssen. Die Frauen im Team hörten nach zwei Tagen auf zu trinken, um "Toiletten"-Gänge auf das Nötigste zu beschränken.
Was uns wach hielt, waren die unglaubliche Kulisse und die hervorragenden Komparsen, die in ihren Originalkostümen für eine unbeschreibliche Atmosphäre sorgten. Wir hatten Tagszenen und Nachtszenen und nur 12 Stunden Reserve für "Unvorhergesehenes", das uns dann natürlich prompt am zweiten Tag in Form eines wütenden Schneesturms überraschte. An Drehen war nicht zu denken.
Unser Team suchte schützenden Unterschlupf in den Kulissen-Zelten - unsere einzige Aufenthaltsmöglichkeit. Dort kauerten wir die halbe Nacht und versuchten uns zu wärmen, unterstützt von dem guten Hausmittelchen Wodka. Ende April dürfen wir wieder zurück in die Zivilisation nach Minsk, das uns noch vor Monaten vorkam, wie die alte Sowjetunion! So haben sich unsere Maßstäbe verändert!
Usbekistan ist eine Reise wert, wenn man sich nicht zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort aufhält. Das Land kommt wirtschaftlich noch nicht richtig auf die Beine und eine radikale islamische Minderheit versucht, sich die Situation mit 60% Arbeitslosigkeit für ihre Interessen zunutze zu machen. Die Strategie, in diesem unsicheren Land möglichst reibungsfrei produktiv zu sein, hieß UNDERCOVER. Unsere Getreuen aus Minsk veränderten die Produktionsdaten, so dass wir für die usbekischen Behörden ein historisches Heldenepos der Roten Armee drehten, produziert als Koproduktion Belarusfilm/Moskau/Usbekfilm unter der Regie unseres russischen Produktionsleiters. So konnten wir uns auf alte Bruderschaften berufen, wenn mal Not am Mann oder an der Sache war. Bei 45° im Schatten bewies das russische Team erneut seine besondere Zähigkeit. Erst als am abschließenden Hauptmotiv BRÜCKE dazu noch der Schatten rar wurde, kippten die Ersten um.
Weitaus bedenklicher war für uns die politische Lage. Die Medienzensur in Usbekistan war konsequent aus alten Tagen herübergerettet worden, so dass Informationen über auftretende Anschläge islamischer Terroristen nur gelegentlich über mehr oder weniger vertrauenswürdige Quellen durchsickerten. Nervös machte uns vor allem, dass die Brücke in den Bergen Richtung Kasachstan ein militärisches Kernziel der Terroristen darstellte.Deshalb erhielten wir auch nur eine vorläufige Drehgenehmigung, die stündlich widerrufbar war.Denn die Militärs hätten jederzeit eine Evakuierung vornehmen können. Am zweiten Tag marschierte tatsächlich eine Einheit an der Brücke auf. Glücklicherweise wurden wir nur Zeugen eines Trainingprogramms. Trotzdem: Nichts für schwache Nerven.
In Taschkent wurde uns nach langer und sensibler Intervention erlaubt, in einem Mausoleum aus dem 14. Jahrhundert zu drehen. Auf diesem geheiligten Boden wurde bisher nur einmal vor einigen Jahren gedreht. Die Firma ging damals an dem Projekt Konkurs. Damit UNS also Allah gewogen bleibt, erklärte sich der Hüter des Mausoleums bereit, vor Beginn des ersten Takes eine Gebetszeremonie abzuhalten, in deren Verlauf ein Schaf geopfert wurde. Dem Schaf wurde relativ schmerzfrei die Kehle durchtrennt und am nächsten Tag wurde das Fleisch dem ganzen Team in speziellen Teigtaschen serviert. Egal, wieviel Erfolg dieser Film haben wird: Allah wird bei uns sein ...
Die sumpfige Landschaft lieferte - ganz drehbuchgerecht- Myriaden von Mücken. Zum Schutz hatten wir 260 Flaschen Autan eingekauft. Keine blieb übrig! Zum Teil waren die Biester so ausgehungert, dass sie versucht haben noch in Nasenlöchern Blut zu finden. Dieses Mal blieb uns das Wetter gewogen. Wir konnten unseren strengen Zeitplan einhalten. Bernhard hatte einen vertraglich festgelegten Rückflug. Das hätte ungut ausgehen können.
Kommunikation war des öfteren ein großes Problem. Dieser Set war 50km vom nächsten Telefon entfernt in der absoluten Wildnis. Zur Sicherheit blieb der Hubschrauber Tag und Nacht Stand-by.
Unsere Floßbauer hatten sechs Flöße gebaut, die wir immer wieder durch die Stromschnellen trieben. Unten angekommen wurden sie an den Hubschrauber geseilt, der sie flussaufwärts brachte. Eine Aktion, die der Pilot erst nach (finanzieller) Überredungskunst anzugehen wagte. Im Laufe der sechs Drehtage am Fluß gewannen die Schauspieler immer mehr Vertrauen in die Fluten, so dass sie sich überzeugen ließen, in einigen Szenen ohne Double zu schwimmen. Physisch ging dieser Ausflug noch einmal an unser aller Grenzen. Aber wir wurden erneut belohnt mit "echt sibirischen" Bildern. Die Investition in unsere Unterwasser-Crew hat sich vollauf gelohnt.
Nach unserer jetzigen Planung drehen wir noch einen Tag in Deutschland und werden dann, je nach Wetterlage, versuchen, die ultimativ letzten acht Drehtage auf die Zeit zwischen dem 28.12. und dem 10.01.2001 zu legen.
| Auszüge aus dem Tagebuch von Hauptdarsteller Bernhard Bettermann |
Überhaupt: Das Thema unseres Filmes wird mich noch des öfteren mehr beschäftigen als mir lieb ist, zu existenziell leben wir es nach. Kaum vorstellbar, wie die Männer dieses Leben ertragen haben. Ein rasches Ende erschien vielen sicher als himmlische Fügung. Meine Augen fallen zu, der wenige Schlaf fordert sein Tribut. Ich bin gespannt, wie dieser Film am Schluss aussieht ...
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| © Fotos: 2001 Angel Falls © 1994 - 2010 Dirk Jasper |