Produktionsnotizen zu 28 Tage

Das Drehbuch zu 28 Tage wurde von Amy Pascal, Vorsitzende von Columbia Pictures, und Drehbuchautorin Susannah Grant entwickelt. Produzentin Jenno Topping erinnert sich, dass es bei Tall Trees Productions - einem Sony-Label unter der Leitung von Topping und Betty Thomas - genau zum rechten Zeitpunkt auf ihren Schreibtisch gelangte. "Betty und ich überlegten uns gerade, welches Projekt wir als nächstes angehen sollten, als Amy uns das Skript anbot," erklärt Topping. "Wir lasen es - und haben uns sofort darin verliebt. Es war ein äußerst interessantes, sehr gut geschriebenes Buch - und eine einmalige Gelegenheit für Betty. Sie wollte unbedingt einen Film über eine Frau machen."

Thomas, zu deren früheren Erfolgen starke Komödien wie Dr. Dolittle, Private Parts, und "Die Brady Familie" zählen, freute sich auf der Herausforderungen, vor die sie das Projekt stellte. "Wenn du Filme machst, willst du dich nicht langweilen. Du versuchst, nicht zweimal das gleiche zu machen," sagt sie. "Ich fand, das war ein schwieriger Stoff, um ihn komisch umzusetzen. Es ist ein Film, der nicht aussieht wie eine Komödie und nicht wie eine geschrieben war, der aber viel von einer Komödie in sich hat."

Obwohl sich der Film mit dem ernsten Thema Sucht und deren Konsequenzen befasst, fanden Topping und Thomas es ganz entscheidend, die komödiantischen Elemente der Geschichte herauszustellen. "Das kann schwierig sein," sagt Topping. "Mann mußs sehr vorsichtig sein, um die Emotionen des Stücks nicht zu zerstören. Man mußs die großen emotionalen Momente erhalten, gleichzeitig soll man aber auch von Herzen lachen können. Betty hat schon immer gerne diese beiden Elemente aufeinander prallen lassen."

Ironischerweise, meint Thomas, hat gerade das "nüchterne" Thema als Hauptquelle des Lachens in diesem komplexen Film gedient. " 28 Tage ist eine schwärzere Komödie in dem Sinne, als auch M*A*S*H eine schwärzere Komödie war - es ist der gleiche Galgenhumor, den jeder kennt," erklärt Thomas. "Menschen in der Reha haben ein wirklich ernstes Problem, das macht es so geeignet für das Komische."

"Die Charaktere machen das Ganze lustig," erklärt Topping. "Es geht immer um die Fähigkeit, über uns selbst zu lachen und darum, wie lächerlich wir alle sind - nicht nur Leute, die so extrem sind wie Gwen, Eddie und Jasper. Wenn wir unsere Sache gut gemacht haben, wird sich jeder von diesem Film angesprochen fühlen, nicht nur diejenigen mit einem Sucht-Problem."

"Was mir an Bettys Art, Regie zu führen, so gefällt, ist das gleiche, was ich auch an ihr als Mensch schätze," fährt Topping fort. "Sie ist unglaublich mutig, witzig und innovativ. Sie versteht zu improvisieren und hat dadurch einen sehr lockeren Stil, und sie ist äußerst kooperativ. Sie sucht ständig nach einer besseren, lustigeren Idee. Sie hat eine enorme Vitalität und Energie, und sie ist eine Perfektionistin. Für all diese Eigenschaften respektiere ich sie nicht nur als Regisseurin, sondern auch als Partnerin."

Als sich Topping und Thomas auf das Projekt geeinigt hatten, war ihr Ziel, es für ein breites Publikum zugänglich zu machen. Diese Einstellung war entscheidend beim Casting des Films.

"Ich habe Sandra Bullock besetzt, weil jeder mit ihr etwas anfangen kann und sie für das nette Mädchen von nebenan hält," erklärt Thomas. "Ich mache einen Film über eine Person mit Sucht-Problemen, und das Publikum soll sich erinnern, dass das Mädchen von nebenan, deine Mutter, deine Schwester, deine Freundin - all diese Menschen, egal wie nett und wunderbar sie sind - Suchtkranke sein können. Sandy Bullock hat etwas, was diese Frauen haben, deshalb wollte ich sie unbedingt für diese Rolle. Das letzte, was man von Sandy erwartet, ist, dass sie ein echtes, tiefes, schwieriges Problem hat, das sie davon abhält, ihr Leben zu leben."

"Ich glaube, was Betty außerdem an Sandra Bullock gereizt hat," erklärt Topping, "ist ihre Fähigkeit, die Leute ins Kino zu locken, die normalerweise nicht in so einen Film gehen würden. Für Sandra war es die Gelegenheit, sich schauspielerisch in einer Weise zu entfalten, zu der sie bis dahin keine Gelegenheit hatte."

Sandra Bullock stimmt zu: "Ich habe noch nie so hart gearbeitet," sagt die Schauspielerin, "und es ist das Solideste, was ich bisher machen durfte. Ich habe das Potential des Drehbuchs gleich erkannt," fährt Bullock fort, "es ist eine packende Geschichte, und sehr relevant für unsere Zeit - nicht nur, was die Sucht-Thematik betrifft, sondern auch, dass Kommunikation heutzutage erstickt ist. Die Menschen reden nicht mehr miteinander. Von uns wird erwartet, dass wir unsere Sorgen und Nöte in uns tragen, mit uns selbst ausmachen, und das endet in allen möglichen Arten von Sucht, sei es Essen oder Alkohol, destruktive Beziehungen oder die Entscheidungen, die wir treffen."

Die Besetzung der Rollen der beiden wichtigsten Männer in Gwens Leben, Eddie und Dominic, war entscheidend für den Erfolg des Films. "Sandy war der Star des Films, aber diese beiden Männer auf jeder Seite bewegen sie tatsächlich zu den Entscheidungen, die sie in ihrem Leben trifft. Mir war klar, wie wichtig diese Rollen sein würden, um den Konflikt im Film voranzutreiben."

Anfangs suchten die Filmemacher eine andere Art Schauspieler für Eddies Part, aber sie waren so beeindruckt von Viggo Mortensens Verständnis der Rolle.

"Er hatte so überzeugende Ideen und schien Eddies Charakter wirklich zu verstehen," sagt Topping. "Ich glaube, was so überraschend an Viggo war, ist, dass er so eine bestimmte Dämlichkeit verkörpert, und das gab dem Charakter eine ganz neue Dimension, was uns wirklich gefiel."

"Eddie kommt aus Guthrie, Oklahoma," sagt Mortensen. "Er wuchs auf einer Ranch auf und ist nicht vertraut mit dem schnellen Großstadt-Leben. Wenn du ein Spitzensportler bist wie er - ganz egal wie anständig du bist und wie hart du für deinen Erfolg trainierst - du bist verhätschelt und kriegst, was du willst. Das prägt einen Menschen. Er mußs ein bisschen gedemütigt werden, und genau das passiert ihm im Verlauf der Geschichte."

Jasper wird von dem englischen Schauspieler Dominic West gespielt. "Das war die am schwierigsten zu besetzende Rolle," sagt Thomas. "Jasper durfte nicht nur der böse Junge sein - er mußste gefährlich und sexy sein, der Typ, der dich irgendwie will und mag und mit dem es nie langweilig wird."

"Wir mußsten hart kämpfen, um Dominic zu bekommen," erzählt Topping. "Aber wir waren entschlossen, ihn zu gewinnen. Die Rolle des Jasper ist eine zentrale. In vieler Hinsicht benimmt er sich wie ein Schuft, deshalb war es sehr wichtig, dass er eine Persönlichkeit hatte, die das wieder ausgleicht. Man mußs in der Lage sein, ihn so zu sehen, wie Gwen ihn sieht - dass er lustig ist, charmant, jemand, mit dem man Spaß hat. Er wirkt wie ein Magnet, nicht nur auf sie - auf alle, die das Leben als Party sehen. Dominic konnte genau das abdecken und gleichzeitig sich glaubwürdig wie ein Schuft benehmen."

"Jasper ist der Prototyp des Mannes für gute Zeiten," sagt West. "Er trinkt mit Gwen und ist ihr Partner im allgemeinen. Als sie in die Reha kommt, versucht er, sie von ihrem Sinneswandel hin zur cleanen Person abzubringen."

Elizabeth Perkins war von Anfang an mit dem Projekt verbunden. "Sie war so haarscharf getroffen," sagt Toppings. "Sie kommt total gut rüber als die große Schwester, und sie hat diese Fähigkeit, arrogant und einschüchternd zu wirken, die perfekt für diese Rolle war."

"Ich bin Gwens Antithese," sagt Perkins. "Sie ist die wilde in der Familie, und ich bin die seriöse. Ich bin viel kontrollierter, und sie hat die Kontrolle verloren, wortwörtlich."

Das Casting von Steve Buscemi war ein Geniestreich in letzter Sekunde. "Das war der totale Geistesblitz," lacht Topping. "Cornell ist ein Mann mit Ecken und Kanten. Er hat ein hartes Leben geführt, ganz unten, und ist auf der anderen Seite herausgekommen. Ich glaube die Rolle gefiel Steve, weil er sonst nie der Aufrechte sein darf. Er spielt immer die kranken Typen."

"Ich suchte jemanden, dem ich selbst wirklich gerne zuschaue, und ich habe immer alles akzeptiert, was er gemacht hat. Ihn hat man nicht erwartet," sagt Thomas über ihre Entscheidung, Buscemi zu besetzen. "So bin ich auf Steve gekommen. Ich konnte mir keinen anderen vorstellen. Ich wollte nur ihn, und das hat perfekt gepasst."

"Mein Charakter hat eine sehr dunkle Vergangenheit," sagt Buscemi, "aber er ist da rausgekommen, und jetzt hilft er anderen. Es ist so angenehm, eine solche Rolle zu spielen, wo ich niemanden verprügle und selbst nicht niedergeschlagen werde und keine Kanone schwenke. Als Schauspieler liebt man die Abwechslung."

Die Besetzung des Films war eine der schwierigsten Anforderungen der Pre-Production. "Wir wollten ein extrem starkes und lustiges Ensemble," sagt Topping. "Betty zögerte lange, die Gruppenmitglieder zu besetzen, bis sie alle beieinander hatte und sie alle zusammen sehen konnte. Wir hielten uns zurück bis wir die Gruppe als Einheit komplett hatten. Einige kamen mit den Anforderungen leichter zurecht als andere. Alan Tudyk zum Beispiel überragte unsere kühnsten Träume. Der Typ ist einfach wahnsinnig."

Tudyk spielt Gerhardt, einen deutschen Stripper mit einem Kokain-Problem. "Gerhardt sieht sich als Tänzer, als Künstler," sagt Tudyk. "Aber sein Tanz kommt aus der Welt des Strip, es kann sehr ballettartig sein, aber er hebt immer gewisse Dinge hervor."

Die Besetzung wird abgerundet von Azura Skye, Michael O'Malley, Marianne-Jean Baptiste und Diane Ladd. "Sie alle haben ein Talent zur Improvisation, das war sehr wichtig für Betty," sagt Topping. "Sie kommt selbst von dort, arbeitete bei Second City. Sie mußste sich in der Lage fühlen, spontan am Set das zu schaffen, was sie haben wollte. Das ganze Team war brillant und völlig durchgedreht," sagt Topping. "Ständig kamen sie mit Hintergrundgeschichten, die wir gefilmt haben und die irrsinnig komisch waren." "Ich ließ jeden der Darsteller der Patienten zu Hause eine Würdigung ihrer Figur schreiben," erklärt Thomas. "Das war wie Hausaufgaben, und alle haben das toll gemacht. Es hat ihre Performance sehr viel genauer gemacht."

Die Suche nach der idealen Location für das Rehabilitations-Center war ebenfalls ein sorgfältiger und eher langwieriger Prozess. "Wir müssen uns Hunderte von Orten angeschaut haben," erinnert sich Thomas. "Wir konnten einfach nicht den richtigen finden. Ich habe immer weiter gesucht nach einem Platz, der nicht nur ein altes, baufälliges Gebäude war, wie man es aus Filmen kennt. Es sollte eine Persönlichkeit haben, und ich dachte, gerne eine aus den 70ern. Mein Gefühl sagte mir, dass etwas 70er-Jahre-mäßiges um diesen Therapie-Begriff ist, den wir zeigen wollten," sagt Thomas.

Während der Vorbereitungsphase hatten Thomas und Hinds einige führende Reha-Zentren besichtigt. Sie fanden die meisten auf zeitgemäß getrimmt, so dass sie einfach nicht in Frage kamen.

"Es mußste für Gwen ein echter Kulturschock sein," sagt Hinds. "Auf der einen Seite das hippe Girl aus dem kultivierten New York, das in 'the middle of nowhere' ankommt und an diesem entsetzlichen Ort landet."

"Gwens Reaktion auf Serenity Glen ist Bestürzung," fährt Hinds fort. "Sie ist ein Mädchen, das keinen Baum kennt, selbst wenn sie über einen stolpert. In New York schreibt sie für ein Entertainment Magazin, sie kleidet sich gut und geht zu allen angesagten Parties. Plötzlich ist sie umgeben von Leuten, die Polyester tragen. Das sind nicht die Leute, mit denen sie irgend was zu tun haben will. Es gehört zu ihrer Entwicklung, dass sie, als sie in ihr Leben hineingezogen wird, echte Humanität und wirkliche Menschen entdeckt."

Das YMCA, Blue Ridge Assembly in Asheville, NC erfüllte schließlich die Anforderungen der Filmemacher. Ein voll ausgestattetes Konferenz-Zentrum, das sich auf 1200 Acres Waldgebiet erstreckt und von Gebirgszügen umgeben ist, mit Wildblumen, Bergkämmen, Tälern und spektakulären Ausblicken, wurde es 1906 als YMCA-Studenten-Center gegründet. Innen dominierte die Farbe Grün, abgesetzt mit Orange - perfekt für das gewünschte 70er Jahre-Feeling.

Unter den vielen Einrichtungen ist der Alpine Tower in der Mitte des Camp Cousins Challenge Course. Der 50-Fuss hohe Turm ist ausgerüstet mit mehr als 130 Kletterstangen und einer Vielzahl von Hindernissen. Der Parcours beinhaltet auch eine 50-Fuss Kletterwand, Riesen-Schwinger und Abseil-Leinen, und einen Rettungs-Übungsparcours. Auf diesem beeindruckenden Parcours wurde die besonders komische Szene der Reha-Gruppe gefilmt.

Im Zuge des ästhetischen Looks, den Thomas und ihr Team anstrebten, "versetzte uns die Location in einen 70er Jahre-Zustand, der einen ganz eigenen Humor in sich trug," erzählt Hinds.

"Es war auch eine einsichtige Entscheidung der Produktion," sagt Topping, "weil der Ort so nahe bei Wilmington liegt. Aber wir mochten ihn auch, weil es eine abgefahrene Mischung war aus schön und irgendwie lächerlich, das blaue Gebäude mit seiner Retro-Qualität."

Drehbeginn für 28 Tage war am 14. April 1999 in Asheville, N. C. Dort fand der Großteil der Außenaufnahmen im Reha-Zentrum statt. Viele Innenaufnahmen wurden in Wilmington gedreht und einige Außentakes in New York.

Thomas war der stilistische Ansatz des Films sehr wichtig. Ihre Wahl fiel auf Declan Quinn als Kameramann. "Betty brauchte jemanden mit einem lockeren Kamerastil, der in der Lage war, einen wirklichen Blickwinkel zu kreieren. Declan ist dafür hervorragend geeignet," sagt Topping. "Als sich Gwens Welt zu öffnen beginnt, wird das vom Stil des Films reflektiert."

Thomas' kreatives Team hatte die Aufgabe, die komödiantischen Elemente der Geschichte hervorzuheben. "Betty wollte die Leichtigkeit erhalten. Sie wollte nicht in die Schwere verfallen, die man mit vielen Rehabilitations-Situationen verbindet," erklärt Produktionsdesignerin Marcia Hinds.

Außerdem sollte der Film real wirken. "Die Sets sind nicht überladen mit Zubehör," sagt Hinds. "Informationsständer, schwarze Bretter - das ist unsere Dekoration. Wir wollten sie auf ein Minimum reduzieren."

Die Kameraarbeit war sehr wichtig, weil der Film aus Gwens Sicht erzählt wird. Am Anfang ist diese Sicht nicht klar, die Kamera schwimmt, um ihre Desorientierung zu beschreiben. Als Gwen Fortschritte macht, ändert sich das Licht allmählich, die Dinge erscheinen attraktiver.

"Ihre Rückkehr in ihr New Yorker Apartment hat den umgekehrten Effekt," erklärt Hinds. "Ihre Erfahrungen haben sie empfänglich gemacht für die Oberflächlichkeit ihres bisherigen Lebens. Als sie ihre Wohnung betritt, findet sie sie dunkel, schmuddelig und bedrückend. Ihr erster Impuls ist, die Fenster aufzureißen und Licht hereinzulassen."

In mehr als einer Hinsicht kann das Zwischenspiel von dunkel und hell als eines der dem Film zugrunde liegenden Themen gesehen werden. "Das war die Idee," sagt Thomas, "während der Rekonvaleszenz die unterschiedlichen Punkte zu erforschen, die dunkel sind, nicht so dunkel und hell. Und einmal hast du einen guten Tag und dann wieder einen schlechten. Aber selbst wenn ich mich darüber lustig mache," fügt Thomas hinzu, "mußs ich zugeben, dass gute Dinge dabei vor sich gehen."

Dirk Jasper FilmLexikon
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