Produktionsnotizen zu Bringing Out The Dead - Nächte der Erinnerung

Szenenfoto Joe Connelly, Autor der gleichnamigen Romanvorlage zu Bringing Out The Dead - Nächte der Erinnerung und technischer Berater der Produktion, kann selbst auf zehn Jahre Erfahrung als Ambulanzfahrer beim New Yorker "Emergency Medical Service" (EMS) zurückblicken. "Es kann der tollste Job der Welt sein", sagt Connelly, "aber auch der fürchterlichste. Nichts übertrifft die Erfahrung, ein Leben zu retten. Das ist das ultimative Hochgefühl. Doch dieses Hochgefühl verschwindet allmählich wieder. Was bleibt, das waren für mich die Erlebnisse, Menschen sterben zu sehen, unter deinen eigenen Händen. Du wirst Zeuge so vieler Tragödien - und das verschwindet nicht. Das türmt sich in dir auf, bis zu einem Punkt, wo ich die Geschichten erzählen mußste, um sie loszuwerden. In dieser Hinsicht war für mich das Schreiben des Buches eine andere Art, Leben zu retten."

"Was diese Sanitäter tun, ist außergewöhnlich", sagt Regisseur Martin Scorsese. "Sie sind wie die Ärzte der Straße. Sie kümmern sich um Menschen, die keiner sonst berühren will. Darauf läuft es doch hinaus. Das Krankenhaus ist nur ihr Basislager - die eigentliche Geschichte findet draußen auf der Straße statt und in Franks Kopf. Vielleicht sind die Menschen, die er ?verloren' hat, ein Teil von Gottes Plan. Aber vielleicht gibt es auch gar keinen Plan. So geht das Hin und Her in seinem Kopf, während des ganzen Filmes. Er bringt die Leute ins Hospital, sie sterben, und er macht sich auf seine nächste Fahrt. Er steckt das weg wie ein Boxer einen Schlag und macht doch immer weiter, wie eine Maschine. Das ist die interessante Frage: Wie geht man mit dem Tod um, im Krankenhaus und auf den Straßen? Erst später wird ihm so etwas wie Gnade zuteil, aber dafür mußs er den Weg durch die Nacht ganz beschreiten."

Connellys Roman löste in der Unterhaltungsbranche eine Art Kettenreaktion aus, noch bevor er überhaupt veröffentlicht war. Der Produzent Scott Rudin hatte das Buch bereits auf den Druckfahnen vorab gelesen. "Mir war klar", erinnert sich Rudin, "dass es nur einen geben konnte, der dem Material gerecht werden würde: Marty." Rudin schickte das Buch an Scorsese, der das filmische Potenzial ebenfalls sofort erkannte. "Als ich es gelesen habe", sagt Scorsese, "habe ich überlegt: ?Wer könnte sich in die spirituelle Krise dieses Mannes, der da nachts durch die Straßen der New Yorker West Side fährt, einfühlen?' Die Geschichte ist ja wunderbar von Connelly herausgearbeitet, aber der einzige Drehbuchschreiber, der fürs Kino in die Seele dieses Menschen hineinkriechen kann, ist Paul Schrader. Er hat das Buch gelesen, sagte: ?Mach ich!' und hat das Drehbuch in drei Wochen geschrieben."

Schrader erinnert sich: "Meine erste Reaktion war, dass das für Marty und mich wie geschaffen war. Tatsächlich dachte ich mir: ?Warum ist mir das eigentlich nicht eingefallen?' Wir beide sind ja fasziniert von den Metaphern, die sich hinter dem Beruf eines Menschen verbergen, und mir selbst sind schon viele solcher Allegorien eingefallen, nur nicht diese. Sanitäter zu sein ist eine vertrackte Sache, weil man sich einerseits echte Rock'n'Roll-Kicks und Hochgefühle holen kann, und auf der anderen Seite kann es dich eiskalt erwischen."

Nicht zu leugnen sind die Parallelen zu "TAXI DRIVER", bei dem Schrader und Scorsese das erste Mal erfolgreich zusammenarbeiteten. "Der Vergleich liegt auf der Hand", sagt Schrader. "Daran mußsten wir auch denken, als wir uns daran machten, dies einen eigenständigen Film sein zu lassen und kein Sequel. Trotzdem gibt es große Unterschiede. Frank ist ganz anders als Travis Bickle. Er ist niemand, der in seiner Wut und Gewalt schmort. Er sucht nach Frieden. Er will schlafen, will seine Belohnung. Aber er hat das Gefühl, als habe Gott seine Hand von ihm genommen, als sei er ein Erfüllungsgehilfe des Todes geworden. Und wo Travis Bickle allein sein will, möchte Frank aus seiner Einsamkeit ausbrechen, er sucht einen Gefährten. Also ist diese Geschichte auch eine etwas erwachsenere Version jener brodelnden Gefühle, die Marty und mich vor fünfundzwanzig Jahren umgetrieben haben. Alles ist ein wenig leichter geworden: Wir haben beide geheiratet, haben Kinder und sind erfolgreich. Und wenn wir uns heute immer noch zu solch getriebenen, brütenden Typen hingezogen fühlen, dann eher aus der Perspektive von Männern mittleren Alters."

"Es gibt diese Ähnlichkeiten mit TAXI DRIVER, kein Zweifel", sagt auch Scorsese. "Nur sind wir jetzt fünfundzwanzig Jahre älter und ein wenig milder gestimmt. Statt Leute umzubringen, versucht unsere Hauptfigur jetzt, sie zu retten. Wir waren damals alle dreißig, einunddreißig Jahre alt - Schrader, DeNiro und ich -, als wir TAXI DRIVER gemacht haben. Jetzt sind wir sechundfünfzig. Die Welt ist eine andere, und wir sind es auch."

Und natürlich ist Bringing Out The Dead - Nächte der Erinnerung auch von einem starken Sinn für Humor geprägt, der den Film in Scorseses Filmografie irgendwo zwischen TAXI DRIVER und AFTER HOURS stellt. "Es ist die Art von Humor, wie man sie in der Notaufnahme findet", sagt der Regisseur. "Die Leute kommen dir hier mit Stich- und Schusswunden auf den Tisch, und nach einer 24-Stunden-Schicht fängt man an, sich ein Schutzschild aus Humor zuzulegen."

Als er für das Drehbuch recherchierte, fuhr Schrader eine Nacht lang mit Sanitätern des Cabrini Hospital durch die Lower East Side. Während des Einsatzes mußsten die Männer den Oberkörper einer Leiche von den U-Bahn-Gleisen klauben und ein frühgeborenes Baby wieder beleben. "Als ich am Morgen ausstieg", erinnert sich Schrader, "sagten Mike und Carol - meine Fahrer -: ?Das war eine gute Nacht. Wir haben jemanden gerettet.'"

Um das New York von 1993 wieder entstehen zu lassen, stellte Scorsese ein Team zusammen, mit dem er schon mehrfach gearbeitet hatte. Neben Barbara De Fina, die bereits neun seiner Filme produzierte, gehörten dazu auch der Produktionsdesigner Dante Ferretti (THE AGE OF INNOCENCE, CASINO, KUNDUN), Kostümdesignerin Rita Ryack (AFTER HOURS, CAPE FEAR, CASINO), Kameramann Robert Richardson (CASINO) und natürlich Thelma Schoonmaker Powell, die seit RAGING BULL alle Filme von Scorsese geschnitten hat.

Sie alle sollten die Stadt zurückverwandeln in jene Zeit vor der Regierungszeit von Bürgermeister Giuliani und dessen "Zero Tolerance"-Politik, eine Zeit also, in der New York ein wesentlich hässlicherer und gefährlicherer Ort war als heute: Die Crack-Epidemie war auf ihrem Höhepunkt, Drogenkriege erschütterten die Straßen, und der Times Square und die 42nd Street waren noch nicht renoviert. Um diese noch nicht allzu lang vergangene Zeit wieder entstehen zu lassen, suchten Dante Ferretti und sein Team die Straßen der West Side nach Locations ab, die man mit künstlichem Müll und Abfall zu jener verkommenen Gegend machen konnte, wie sie die Produktion brauchte. Bringing Out The Dead - Nächte der Erinnerung spielt in "Hell's Kitchen", also jenem Viertel, das von der 8th Avenue, 35th Street, 57th Street und dem Hudson River eingegrenzt wird - und dort hat sich in den letzten Jahren relativ wenig verändert.

Vor 1996 befand sich der New Yorker "Emergency Medical Service" in ziemlich erbärmlichem Zustand. Erst danach wurde der EMS der Feuerwehr unterstellt, und zahlreiche Verbesserungen wurden vorgenommen. "Heute herrscht dort eine viel bessere Disziplin", sagt Joe Connelly. "Die ganze Arbeitsatmosphäre hat sich verbessert. Das Absinken der Verbrechensrate hat die Stimmung in der Stadt sehr verändert, deshalb würde ich sagen, sind die Sanitäter nicht mehr solchem Druck ausgesetzt. Zuvor ging es ziemlich wild zu in New York. Auf dem Times Square, Ende der 80er Jahre - naja, da wusstest du nie, was als Nächstes passieren würde, und diese Ungewissheit bestimmte einen Großteil der Arbeit. Es gab keine Routine; alles war neu. Selbst in den Zeiten zwischen den Einsätzen saß man im Wagen und beobachtete diesen Wahnsinn um einen herum."

Während der Vorbereitung für seine Rolle fuhr Nicolas Cage einige Nächte lang bei Rettungssanitäter-Einsätzen in New York und Los Angeles mit - und er war überrascht, dass seine Erfahrungen in New York wesentlich weniger traumatisch waren. "Als ich dort unterwegs war", erzählt er, "ging es niemandem wirklich schlecht, alle schienen einigermaßen okay zu sein. Es war eine völlig andere Sache als im Roman. Joe sagte mir, damals sei alles völlig anders gewesen. Es gab mehr Verbrechen. Nach meinen Erfahrungen heute ist New York sauberer, gesünder und weniger gewalttätig als Los Angeles. Zwischen den beiden Städten klafft doch ein gewaltiger Unterschied. In L.A. bin ich in South Central und auf der Skid Row mitgefahren, und was ich dort erlebte, hatte ich auch in New York erwartet. Doch die New Yorker Sanitäter waren viel umsichtiger, nicht so locker wie in L.A. Ich hatte hinterher ein ziemlich gutes Gefühl, was New York betrifft - dass das eigentlich ein guter Ort zum Leben sei."

Nicolas Cage Erfahrungen in L.A. dagegen passten schon eher zu Bringing Out The Dead - Nächte der Erinnerung. "In L.A. war es ganz schön furchterregend", erinnert er sich. "Ich trug eine kugelsichere Weste und wurde Zeuge von Bandenschießereien. Wir sind dort hingefahren, und mein Herz schlug mir bis zum Hals, weil ich nicht wusste, was da auf mich zukam. Wir fanden ein Auto, das durchsiebt war von Kugeln, und einen Jungen, der einen Beinschuss hatte. Wir schafften ihn hinten in den Wagen. Sein Vater war dabei und sah ihn an, als wäre er stocksauer - nicht, als würde es ihm etwas ausmachen, dass sein Sohn angeschossen wurde. Eher als würde er sagen: ?Jetzt hat er's schon wieder versaut.' Harte Sache. Ein Großteil meiner Recherchen bestand allerdings darin, mich mit den Sanitätern zu unterhalten, um zu verstehen, wie diese mit solchen Erfahrungen umgehen. Sie haben mir erzählt, wenn man mittendrin steckt, dann kommt man ganz gut damit zurecht. Erst später auf dem Nachhauseweg, da merken sie, was ihnen oder ihren Familien alles passieren könnte - und dann fängt es an, an ihnen zu nagen. Ich habe einen gefragt: ?Wie würdest du reagieren, wenn du einen Patienten im Wagen hättest, dem das Gesicht mit einer Schrotflinte weggeschossen worden ist?' Er antwortete: ?Cool!' Dieses Abblocken - das brauchten sie, um ihren Job überhaupt machen zu können. Sie mußsten einen schwarzen, zynischen Humor entwickeln. Einen gab es, der war ein völliges Wrack, weil er das Bild eines Freundes, dessen Gesicht bei einem Feuer verbrannt war, nicht mehr aus dem Kopf bekam. Er ist völlig zusammengebrochen, als er mir davon erzählt hat. Das hat mir sehr wehgetan, denn irgendwann standen mir diese Menschen doch sehr nahe."

Vor und während der Dreharbeiten hatte Cage in Joe Connelly eine große Hilfe. "Er versteht Frank Pierce besser als irgendjemand sonst", sagt Cage. "Joe ist mit mir in New York im Sanka mitgefahren. Und vor allem er hat mir geholfen zu verstehen, wie sich meine Figur fühlt. Einmal habe ich ihn gefragt: ?Wenn Frank ein Tier wäre, was würde er sein?' Und Joe antwortete: ?Er wäre eine Giraffe. Er trüge den Kopf hoch oben auf seinem langen Hals, um ihn aus der Scheiße herauszuhalten, aber unten steckten seine Füße tief drinnen.'"

Connelly selbst weist darauf hin, "dass es natürlich viele gibt, die mit dem Job sehr gut zurechtkommen. Mich aber hat von Anfang an interessiert, wie es jemandem wie Frank gehen würde, der absolut keinen Schutzwall zwischen sich und dem Leid hätte - jemand, der alles mitfühlen würde. Und wie es seinen Partnern gehen würde, von denen jeder auf die eine oder andere Art das Elend wieder herauslässt. Sei es Marcus mit seinem Fatalismus oder Tom Walls mit seinem kranken amerikanischen Traum und Gerechtigkeitssinn." "Marcus knickt nicht ein", sagt Ving Rhames über seine Rolle. "Er hat das Gleiche wie Frank durchgemacht und seine Art gefunden, damit umzugehen: er hat zu Christus gefunden und sich mit der Tatsache arrangiert, dass für jeden seine Zeit kommt."

John Goodmans Figur, Larry, überlebt nur, indem er sich völlig vom Geschehen abkoppelt: "Larry steckt mit Frank wie in einer schlechten Ehe zusammen", sagt Goodman. "Die beiden verstehen sich nicht besonders gut, müssen aber nun mal miteinander auskommen. Larry versteht Frank überhaupt nicht. Er hält ihn für durchgedreht und will sich von ihm nicht auch noch verrückt machen lassen. Er versucht, sich nicht herunterziehen zu lassen, sondern oben zu schwimmen."

Es ist Tom Walls, gespielt von Tom Sizemore, der für andere - seine Patienten eingeschlossen - so gefährlich ist wie für sich selbst. "Walls", erklärt Sizemore, "ist ein Psychopath in Uniform. So wie ich ihn spiele, hat er durchaus einen guten Sinn für Humor und er hat sich angepasst. Tatsächlich hat genau das einer der Sanitäter, mit denen ich mitgefahren bin, gesagt: ?Wir sind Küchenschaben. Wir passen uns an. Wir sind nicht unterzukriegen. Wir wollen durchaus Leben retten, aber die meiste Zeit machen wir nur eines: ?Zettel dran und Tüte zu'. Die ganze Zeit Leichen einzusammeln ist eine ziemlich harte Sache. Man steht jeden Tag auf und weiß, dass man genau das den ganzen Tag tun wird."

In Mary Burke, gespielt von Patricia Arquette, findet Frank schließlich den schwachen Funken Hoffnung auf ein tröstliches menschliches Miteinander. "Ich glaube", sagt Arquette, "dass sie beide auf ihre Art sehr traurig sind. Beide fühlen mit anderen Menschen. Alles beginnt ihm nahe zu gehen, und ihr geht es offensichtlich genauso. Er will den Menschen unbedingt helfen, und sie braucht Hilfe. Er ist ein netter Kerl, und sie scheint nicht allzu viele Freunde zu haben. Beide kommen aus ähnlichen Familienverhältnissen."

Die Dreharbeiten zu Bringing Out The Dead - Nächte der Erinnerung begannen am 18. September 1998. Die Handlung des Films umfasst drei Nächte, und in den ersten beiden Drehmonaten wurden entsprechend von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang Nachtaufnahmen gedreht, hauptsächlich in Hell's Kitchen. Kameramann Robert Richardson arbeitete komplizierte Beleuchtungs- und Kameratechniken für die langen Dialogszenen in der Fahrerkabine der herumrasenden Sankas aus. Einige der Einstellungen waren so aufwendig, dass stundenlange Vorbereitungen nötig waren, bevor es dunkel wurde und die Kameras laufen konnten. Denn sobald die Wagen erst fuhren, mußsten auch die Verkehrsregeln beachtet werden - was oftmals eine Herausforderung darstellte: Wie filmt man eine Szene, in der ein Notarztwagen durch die Straßen rast, ohne jemanden umzubringen? Sanitäter kümmern sich nicht um rote Ampeln. Schauspieler schon. Immer wieder mußsten sie in solchen Szenen versuchen, ihre Dialoge zu Ende zu sprechen, bevor eine rote Ampel die Kameras stoppte. "Was für ein Stress!", erinnert sich Scorsese lachend. "Kriegen wir die Szene hin, bevor die Ampel auf Rot springt? Das war hart!"

Als technischer Berater war Joe Connelly bei allen Szenen auf dem Set, in denen es um Ambulanzen, Notarztgeräte und Erste-Hilfe-Maßnahmen ging. "Ich hatte", sagt er schmunzelnd, "eigentlich in der Hoffnung mit dem Schreiben begonnen, dass es keine Nachtschichten mehr für mich gäbe. Und nun ging das wieder los: Ich war jedesmal bis morgens um vier auf den Straßen von New York!"

Nach zehn Jahren im Dienst des EMS kannte Connelly zwar alle Techniken der ersten Hilfe, doch mußste er nun seine Erklärungen darauf abstimmen, wie jede einzelne Figur sich in Notfallsituationen verhalten würde. "Diese Charaktere machen das nicht wie aus dem Lehrbuch", erklärt Connelly. "Jemand wie Marcus geht nicht rein und macht alles richtig - er macht es auf seine Art. Ebenso Frank. Ich konnte deshalb nicht sagen: ?eine Herzmassage wird so und so und nicht anders durchgeführt.' Ich meine, John Goodman macht das wie kein anderer. Und er macht es großartig. Perfekt für jemanden wie Larry."

Die monatelangen Nachtdrehs waren sowohl für die Schauspieler wie für das Team enorm anstrengend. "Der große Vorteil, nachts in New York zu drehen, liegt darin, dass es weniger Verkehr und weniger Staus gibt", sagt die Produzentin Barbara De Fina. "Man kommt nicht mit dem Berufsverkehr ins Gehege. Der Nachteil ist natürlich die körperliche Belastung. Kein Mensch ist dazu geboren, tags zu schlafen und die ganze Nacht zu arbeiten. Das ist enorm stressig. Es ist schwierig, einen nächtlichen ?Tages'-Plan einzuhalten und dabei nicht schlappzumachen."

Marc Anthony, der den Noel spielt, schwört, dass ihn nichts auf der Welt auf eine solche Anstrengung hätte vorbereiten können. "Ganz bestimmt nichts in meinem Leben als Musiker kommt dem auch nur nahe", sagt er. "Touren kann anstrengend sein, aber das ist nichts verglichen damit, die ganze Nacht in einer Pfütze Eiswasser zu liegen und fünfzehn Stunden lang mit einem Baseballschläger aus allen nur möglichen Winkeln bearbeitet zu werden. Oder durchtränkt von Bühnenblut halbnackt in der Kälte die Straße hinunterzurennen. Es war eine von den Erfahrungen, auf die ich jetzt zurückblicken und sagen kann: ?Wow, hat das riesig Spaß gemacht!'"

Von allen Hauptfiguren des Films benötigte Marc Anthony als Noel die extremsten Kostüme. Die meisten anderen Darsteller tragen die meiste Zeit ihre eigens angefertigten EMS-Uniformen, von denen es - wegen der häufigen Verschmutzungen - zahlreiche Kopien gab. In manchen Nächten brauchte Nicolas Cage bis zu zehn Hemden, wenn seine Figur mit Schweiß, Blut oder Dreck besudelt wurde. Dennoch steckte ein Großteil der Arbeit von Kostümdesignerin Rita Ryack in den Kleidern für die vielen Statisten und Nebendarsteller, die Obdachlose spielten. "Die Statisten sorgten für Atmosphäre und mußsten deshalb besonders sorgfältig angezogen werden", sagt Ryack. "Wir mußsten sie glaubwürdig abgerissen aussehen lassen und dabei gleichzeitig diese Filmmischung aus Realem und Künstlichem hinbekommen. Und wir mußsten die Klischees vermeiden, in die man so schnell verfällt, wenn man das Aussehen von Obdachlosen bestimmen will."

Bis Mitte November waren die meisten der nächtlichen Außenaufnahmen im Kasten, und die Produktion zog um in eine Halle des Bellevue Hospital, die Dante Ferretti in die Notaufnahme des (fiktiven) Mercy Hospital verwandelt hatte. Auf den ersten Blick mag der Raum absolut echt wirken, doch tatsächlich ist jede Wand, jede Linoleumfliese, jede Bahre und jedes Sauerstoffzelt Teil der Kulisse. Selbst der Dreck, die Schrammen und Flecken wurden von Ausstattern kunstvoll beigefügt. Bei allem Realismus des Sets brachte Ferretti zusätzlich noch einige verstörende Details an, etwa Leuchtkästen mit Röntgenaufnahmen von menschlichen Schädeln, die die alptraumhafte Atmosphäre der Szenen noch betonten. Das Set war schließlich so überzeugend echt, dass die Dreh-arbeiten einige Male unterbrochen werden mußsten, weil Passanten hereinkamen und notärztliche Hilfe suchten.

Die geräumige Innenarchitektur des Bedford Avenue Armory diente zuletzt als Studio für einige Schlüsselszenen, etwa jene in Marys Appartement oder in der "Oase", der Wohnung des Drogendealers Cy Coates, die Ferretti als einen fürchterlichen rosaroten Alptraum gestaltete. Das gleiche Set wurde schließlich komplett umgebaut und in das triste Appartement von Mary verwandelt. Für die klimaktische Szene auf dem Balkon wurde der 28. Stock von Manhattans Penn-South-Sozialwohnungssiedlung nachgebaut. Während die Außenaufnahmen tatsächlich in Penn South gedreht wurden, diente dieses Set für die Nahaufnahmen von Nicolas Cage und Cliff Curtis. Mit Hilfe der Techniker von Industrial Light and Magic wurden beide Szenen schließlich nahtlos ineinandergefügt, bis hin zu einem Blick auf die Straße in schwindelnder Tiefe.

Nach 75 Drehtagen fiel am 8. Januar 1999 die letzte Klappe. Und auch wenn Bringing Out The Dead - Nächte der Erinnerung reine Fiktion ist, blieb bei den Schauspielern und beim Team ein Gefühl zurück, sie hätten gemeinsame Erlebnisse geteilt, die am äußersten Rand der Gesellschaft stattfanden. Wie Joe Connelly es ausdrückt: "Am Anfang deiner Karriere als Sanitäter sagst du dir immer: ?Jetzt habe ich wirklich alles gesehen.' Dann, nach einer Weile, hörst du auf, das zu sagen?"

Dirk Jasper FilmLexikon
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