Produktionsnotizen zu Good Vibrations - Sex vom andern Stern

Good Vibrations - Sex vom andern Stern ist eine Komödie, die Lichtjahre von dem entfernt ist, was man eigentlich von Mike Nichols erwarten würde, und als ganz besonderen Leckerbissen mit einem Running Gag über das männliche Fortpflanzungsorgan auftrumpft. Der Gag stammt natürlich aus der Feder von Garry Shandling, der sagt: "Wenn ich über all die guten Dinge nachdenke, die uns zur Verfügung stehen, dann komme ich stets zu dem Schluss, dass es nichts besseres gibt als einen treffenden Penis-Witz. Ich bin ein Komödiant. Und ich bin ein Mann. Ich habe zu meinem Arzt tatsächlich gesagt, dass mein Penis brennt. Und er meinte, dass das nur bedeuten würde, das jemand über ihn spricht."

"John Calley, Chairman und CEO von Sony Pictures Entertainment, und Amy Pascal, Chairman von Columbia Pictures, haben mich auf Garrys Drehbuch bei einem Mittagessen im November 1998 aufmerksam gemacht", erinnert sich Mike Nichols. "Ich las es ein paar Tage später und war sehr angetan davon. Ich fand die ganze Geschichte sehr komisch. Außerdem hatte der Stoff zwei Dinge, die man nur selten bei Komödien findet: Es ging wirklich um etwas, und die Story hatte ein starkes, zufriedenstellendes Ende."

Good Vibrations - Sex vom andern Stern ist das neueste Projekt, in dem Nichols das menschliche Verhalten und zeitgenössische sexuelle Mores unter die Lupe nimmt. Obwohl sich der Regisseur zum ersten Mal in seiner Karriere in die Zukunft wagt, findet man die zwei typischen Merkmale, die eigentlich alle seine Filme kennzeichnen: ein kleines Ensemble komplexer Figuren und treffende witzige Szenen, die eine Wahrheit über das Leben einfangen.

"Auf eine ganz eigenartige Weise war dieser Stoff der Film, nachdem ich gesucht hatte", berichtet Nichols. "Es geht um einen Immigranten. Es geht um Welten, die in weiter Ferne liegen und die Imagination anregen. Vor allem aber geht es um das Leben ganz normaler Menschen. Und das ist die eigentliche Überraschung. Genau so wie The Birdcage (Birdcage - Ein Paradies für schrille Vögel, 1996) weniger ein Film über das schwule Leben war als ein Film über Familie, ist Good Vibrations - Sex vom andern Stern eigentlich ein Film über Männer und Frauen auf der Erde. Das ist die Überraschung, die den Zuschauer in diesem Film über ein Alien erwartet."

Vor einigen Jahren beschloss Garry Shandling, der damals noch an The Larry Sanders Show arbeitete, dass er ein Drehbuch schreiben wollte, das sich mit nichts vergleichen lassen sollte, was er bislang gemacht hatte. "Ich kam darauf, dass es wirklich etwas Neues wäre, wenn ich ein Alien von einem anderen Planeten spielen würde", erläutert Shandling. "So einfach war das, als ich mit der Arbeit begann. Mein nächster Gedanke war, dass dieses Alien auf die Erde kommen sollte, um eine Frau zu schwängern. Diese Situation empfand ich als tolle Voraussetzung, das menschliche Leben von einer ganz anderen Seite zu betrachten. So kam eine Geschichte über Beziehungen und Kapitalismus und Nacktheit ins Rollen."

"Ich würde sagen, im Kern von Good Vibrations - Sex vom andern Stern steckt, dass Frauen und Männer grundsätzlich verschiedene Dinge wollen", meint Nichols. "Frauen wollen einen Partner, einen Freund, jemanden, der sie in die Arme nimmt und Dinge mit ihnen unternimmt. Männer wollen Sex. Die Schwierigkeiten sind also vorprogrammiert."

"Dieser ewige Kampf wird auf einen wunderbaren Mikrokosmos reduziert", kommentiert Ben Kingsley. "Es ist ein wilder, ganz besonderer Paarungstanz."

"Der ganze Sinn dieses Mars-Venus-Aspekts über Männer und Frauen ist, dass sich nichts daran jemals ändert und niemals ändern wird", sagt Nichols. "Diese Erkenntnis müssen wir jetzt, nach all den Veränderungen durch Feminismus und ähnliche Entwicklungen, machen: Nichts hat sich geändert zwischen Mann und Frau. Der Film ist eine hübsche Metapher genau dafür."

Nichols sah in Shandling den idealen Partner, diesen Geschlechterkampf zu filmischem Leben zu erwecken: "Garry ist ein sehr witziger Schauspieler. Oder genauer gesagt: Er ist wirklich sehr witzig und er ist wirklich ein Schauspieler. Ich liebe dieses Drehbuch, das er sich mit Hilfe einiger exzellenter Autoren aus seiner Gehirnrinde geschält hat. Garry weiss, was er tut. Und ich bin froh, dass ich mit dabei sein darf."

Annette Bening ist seit Jahren mit Shandling befreundet und ist voll des Lobes für ihn: "Good Vibrations - Sex vom andern Stern kommt von Garrys Herzen. Während des Drehs sprachen wir immer wieder darüber, dass das Drehbuch auf zwei Ebenen funktioniert. Es ist witzig und albern und bringt einen ständig zum Lachen. Gleichzeitig steckt etwas in dieser Geschichte, das etwas sehr Wahres erzählt, über das Bedürfnis nach Kontakt, über den verzweifelten Wunsch, Liebe zu finden, eine Familie zu gründen - und dass das gar nicht so einfach ist."

"Liebe - speziell die Liebe einer Familie - überwindet alle Hindernisse", betont Nichols. "Darum dreht sich alles in diesem Film. Letztendlich findet man in der Familie und nur in der Familie Glück. Man kann alle möglichen Dinge zusammen tragen, aber wenn man sich dann genau ansieht, was man da zusammen getragen hat, dann ist es doch nur das Abbild einer Familie."

"Diesen Kern persönlicher Angelegenheiten erforsche ich besonders gern", gesteht Shandling. "Was gibt es Besseres, als einen gewissen Abstand von all diesen Themen zu gewinnen, indem man sie durch die Augen eines Außerirdischen betrachtet? Dann ist man nicht so gehemmt. Man kann so richtig ohne Rücksicht auf Verluste loslegen. Da darf man es sich sogar erlauben, dieses Alien eine Frau mit den Worten ,Haben Sie eine Erlaubnis, die vor sich herzutragen' anmachen zu lassen."

Bei der Besetzung von Good Vibrations - Sex vom andern Stern arbeitete Mike Nichols eng mit seiner Castingfrau Ellen Lewis zusammen, um ein frisches, ungewöhnliches Ensemble um sich zu versammeln.

"Ich wollte mit dieser Mann-Frau-Geschichte ein größtmögliches Spektrum abdecken", sagt Nichols. "Also suchte ich nach den besten, attraktivsten und sexiesten Schauspielern, die mir Lust machen sollten, jeden Tag zur Arbeit an den Set zu kommen. Und die habe ich auch gefunden."

"Mike ist beeindruckend unfaul, was sich in seiner sorgfältigen Besetzungsarbeit widerspiegelt", erklärt Ben Kingsley. "Wir hatten nur eine Woche Zeit für Proben, und doch waren die Probleme und Dilemmas jeder einzelnen Figur perfekt ausgearbeitet. Jeder Charakter im Film hat ein bestimmtes Ziel - und diese Ziele werden auch zielstrebig von jedem einzelnen verfolgt, was den Film so ungemein unterhaltsam macht."

Nichols wird von Schauspielern stets gelobt, eine perfekte Ausgangssituation zu schaffen, in der es ihnen möglich ist, mit ihren Figuren immer wieder zu experimentieren. Entscheidend dafür ist der Probenprozess. Für Good Vibrations - Sex vom andern Stern begann er am 10. Mai 1999 in Sonys Culver Studios (wo Klassiker wie Gone with the Wind gedreht wurden) in Culver City.

"Wir hatten eine tolle Zeit, als wir uns hinsetzten und das Drehbuch gemeinsam durchlasen", erinnert sich John Goodman. "Ich glaube, Mike hatte sich eigentlich viel mehr Dinge ausgedacht als er letztlich machen mußste, weil er mit den Ergebnissen dieses ersten Probelesens bereits unglaublich zufrieden war. Wir schlugen uns regelrecht auf die Schenkel vor Lachen."

Die Dreharbeiten von Good Vibrations - Sex vom andern Stern begannen neun Tage später am 19. Mai 1999 auf dem Studiogelände in Culver City. Danach ging es zwei Wochen lang für Außenaufnahmen nach Phoenix und wieder zurück nach Los Angeles, wo acht weitere Wochen gefilmt wurde. Zu den Drehorten gehörten der Fantasy-Island-Strippclub in West L. A., der Culver City Elks Club, der Border Grill in Santa Monica und Häuser in Agua Dulce und Encino.

Oscar-Gewinner Ben Kingsley spielt in Good Vibrations - Sex vom andern Stern Graydon, den an Basil Rathbone erinnernden Anführer von Harolds Planeten.

"Mike und ich einigten uns darauf, dass Graydon so etwas wie Harolds persönlicher Trainer oder Manager sein sollte", beschreibt Kingsley seine Figur. "Es ist diese Art von Beziehung, in der ein Lehrer seinen Zögling oder ein Manager einen Star vorbereitet. Neben der Führung seines Planeten ist das die eigentliche Aufgabe von Graydon: Er mußs Harold kontrollieren und dafür sorgen, dass er seine Mission erfüllt."

"Kingsley ist ein toller Schauspieler, und er strahlt eine unglaubliche Spiritualität aus", beobachtet Nichols. "Ob er das bereits zu Gandhi mitbrachte oder ob er es bei Gandhi lernte, werden wir niemals erfahren. Sicher ist allerdings, dass er nicht nur ein Schauspieler ist, der alles spielen kann, wenn er es will, sondern dass er auch immer ehrenwert und geheimnisvoll wirkt. Die Kombination aus seinem gütigen Wesen am Set und seiner Power auf der Leinwand machen ihn einzigartig."

Garry Shandling spielt H1449-6, den Auserwählten, dessen Mentor Graydon ist. "Harold wird ausgewählt, weil er die besten Testergebnisse vorweisen kann", erklärt Shandling. "Er ist hochintelligent und bestens vorbereitet auf jede erdenkliche Situation. Aber was er auf der Erde erlebt, spricht eine emotionelle Seite an, die er nicht kennt."

"Garry hat eine sehr geheimnisvolle Ader, weil er ein sehr witziger, gleichzeitig aber auch ein ungemein ernster Typ ist", sagt Annette Bening über ihren Kostar. "Seine Witze drehen sich um Narzissmus, er macht sich über sich selbst lustig. Aber er hat riesige innere Reserven. Die Wahrheit aussprechen - das ist es, worum es in Komödien geht."

Nachdem sie bereits in Regarding Henry (In Sachen Henry, 1991) eine Hauptrolle und in Postcards from the Edge (Grüße aus Hollywood, 1990) einen Cameoauftritt hatte, markiert Good Vibrations - Sex vom andern Stern Annette Benings dritte Zusammenarbeit mit Mike Nichols.

"Eine bessere Schauspielerin als Annette wird man nicht finden können", meint Mike Nichols. "Sie spielt mit einer ungemeinen Leichtigkeit, Entspanntheit und Power, so dass sie emotional immer im Mittelpunkt ihrer Filme steht. Annette ist wie ein Kompass: Sie zeigt immer da hin, wo die Gefühle und die Wahrheit eines Films sind. Mit ihr zu arbeiten ist, als würde man einen Ferrari fahren."

Bening gibt das Kompliment gerne zurück: "Mike ist das beste Publikum, das man sich wünschen kann. Er ist voller Vertrauen und sehr smart. Er vermittelt einem stets das Gefühl, dass man weiß, was man gerade tut. Man fühlt sich witzig. Man fühlt sich talentiert. Man fühlt sich attraktiv."

In Good Vibrations - Sex vom andern Stern spielt die Oscar-nominierte Schauspielerin die ausgesprochen komplexe Susan Hart, eine ehemalige Alkoholikerin, die es bislang immer zugelassen hatte, dass Männer, vor allem Musiker, die Kontrolle in ihrem Leben übernehmen.

Bening beschreibt Susan als Frau, die kurz vor einer entscheidenden Veränderung in ihrem Leben steht: "Susan hat sich selbst ins Schlamassel geritten und fühlt sich ein wenig verloren. Gerade hat sie sich vorgenommen, dass sich etwas in ihrem Leben ändern mußs, dass sie aufhören mußs, sich auf dumme Beziehungen einzulassen und mit jedem dahergelaufenen Typen ins Bett zu gehen. Sie hört also auf zu Trinken und nimmt einen neuen Job an, um ihr Leben endlich wieder auf die Reihe zu kriegen. Dann lernt sie Harold kennen. Er ist ein Alien. Natürlich weiss sie das nicht. Sie glaubt, ihr Leben könne mit ihm in ruhigen Bahnen verlaufen, weil sie endlich einen normalen Typen fürs Leben gefunden hat."

Sie fährt fort: "Obwohl er einige Geheimnisse vor Susan hat, lügt Harold sie nie an. Er erzählt ihr, dass er glaubt, auf der Erde zu sein, um der Vater eines Kindes zu werden. Für Susan ist das der Knackpunkt. Das weckt etwas sehr Ursprüngliches in ihr. Wie viele andere ist sie eine Frau, die gewartet und kein Baby auf die Welt gebracht hat. In ihrem Leben ist sie nie in die Situation gekommen, wo dieser Schritt sinnvoll gewesen wäre."

Dann kommt Harold des Weges, der in Susan eine Frau sieht, mit der er seine Mission erfüllen kann. "Aber sie sagt, dass sie erst dann wieder Sex haben wird, wenn sie verheiratet ist", berichtet Shandling. "Darauf ist Harold nicht vorbereitet. Mit einem Mal haben wir also einen Außerirdischen, der es mit einer Frau zu tun hat, die zwanghaft konfrontativ ist und alles ausdiskutieren will."

Nach einer kurzen Rücksprache mit Graydon in der Enge einer Flugzeugtoilette ("Drei Milliarden Frauen auf diesem Planeten und du suchst dir die eine aus, die heiraten will?") stimmt Harold zu, Susan zu ehelichen. Eine Nacht ungezügelter Leidenschaft folgt.

Shandling beschreibt den Dreh dieser Sexszene: "Zu einem gewissen Moment fragte mich Annette, was ich da tun würde. Ich sagte: Was ich da tue? Das nenne ich ein Kompliment. Mit einem Mal soll ich so tun, als hätte ich Sex. Komm schon, wenn ich wirklich Sex habe, dann ist die Frau diejenige, die so tut, als habe sie einen Orgasmus. Diesmal war es umgekehrt."

Nichols wählte Greg Kinnear und Linda Fiorentino aus, die Gordons zu spielen. Kinnear freute sich, mit der Rolle des schmierigen Opportunisten Perry Gordon gegen sein Nice-Guy-Image anspielen zu können.

"Perry ist der Typ, der seine Frau anlächelt und ihr zuzwinkert, gleichzeitig aber unter dem Tisch seiner Geliebten, aus der er ohnehin kein großes Geheimnis macht, den Hintern tätschelt", charakterisiert Kinnear die Figur, die er zu spielen hatte. "Er hat die eigene moralische Korruption nicht nur akzeptiert, er umarmt sie regelrecht. Vielleicht ist er auch nur ein Sexaholic - keine Ahnung. Der einzige Mann, der noch kranker, schräger und perverser ist als Perry, ist Harold - und der kommt von einem anderen Planeten."

"Ich hatte viel Spaß daran, Kinnear einen absoluten Schleimball spielen zu sehen, der dennoch unheimlich witzig ist", lobt Nichols. "Das entspricht so überhaupt nicht seinem unwiderstehlichen Charme. Er ist fast so etwas wie der Bösewicht in einer Kindergeschichte: Man mag ihn aller Umstände zum Trotz."

"Mike ist wie ein minimalistischer Maler. Er macht nur ganz kleine Striche, die aber alle Unterschiede der Welt ausmachen", sagt Kinnear. "Einen besseren Regisseur kann man sich nicht vorstellen. Er kann einem in jeder Situation wie selbstverständlich helfen und führt einen auf eine Art und Weise, die niemals aufdringlich oder offensichtlich ist."

Für die Rolle von Helen Gordon, Perrys untreuer Frau, fiel Nichols' Wahl auf Linda Fiorentino, die für ihre Rolle der Femme fatale in The Last Seduction (Die letzte Verführung, 1994) umjubelt wurde: "Linda ist eine großartige Sirene, wie man sie von früher kennt. Sie ist unglaublich sexy und glamourös und all das, was man gemeinhin mit einer Lauren Bacall in Verbindung bringen würde. Aber sie ist auch eine höllisch gute Schauspielerin, mit der man gerne seine Zeit verbringt, weil sie obendrein sehr intelligent ist. Sie hat hohe Prinzipien, und das sieht man ihrem sexy Gesicht und Körper an. All das gleichzeitig auf der Leinwand zu erleben, ist das reinste Vergnügen."

Fiorentino akzeptierte die Rolle unter einer Voraussetzung: "Als ich Mike traf, sagte ich ihm, dass ich die Rolle nur dann spielen würde, wenn Helen schlimmer als alle Männer in dem Film wäre, denn das sei ja der Witz. Harold trifft eine Frau, die sich schlimmer benimmt als man ihm beigebracht hatte, dass sich Männer benehmen könnten. Das ist neu für ihn. Harold ist noch niemals angemacht worden. Was er aus dieser Situation macht, das ist es, was die Komödie hier ausmacht."

Für die Joneses - FAA-Agent Roland, der Harold auf der Spur ist, und Nadine, seine eifersüchtige Frau - suchte Nichols Schauspieler, die aus der Rolle fielen. Schauspiel-Veteran John Goodman und Caroline Aaron freuten sich auf die Aussicht, die komplexen Charaktere und ihre Beziehung zu beleuchten.

Goodman erklärt: "Roland steht immer unter Strom. Wahrscheinlich hat er fünf Minuten nach Ende des Films einen Herzinfarkt. Sein Job kommt immer zuerst, und dafür hat er in seinem privaten Leben einen hohen Preis bezahlen müssen. Er ist bereits zum dritten Mal verheiratet. Aber wer weiß, vielleicht zahlt sich sein Lebensweg am Ende aus."

Aaron, die in Nichols' Primary Colors (Mit aller Macht - Primary Colors, 1998) als langjährige Freundin von Emma Thompsons Figur Susan Stanton aufgefallen war, führt aus: "In ihrem Haus hat Nadine die Hosen an. Das ist ihre Welt. Sie steht am Morgen auf, schlüpft in ihre Zehn-Zentimeter-Absätze und brät Frühstücksspeck. Wenn Roland dann ohne einen Bissen das Haus verlässt, ist sie nicht nur sauer, weil er den Speck nicht gegessen hat, sondern auch weil sie sich auch noch aufgedonnert hat, um ihn zuzubereiten."

"Goodman ist ein wahnsinnig toller Schauspieler", begeistert sich Nichols. "Man identifiziert sich sofort mit ihm, und er steckt voller Überraschungen. Er kann einen wütenden Gorilla spielen und nur einen Augenblick später unschuldig und zärtlich wie ein Baby sein. Und Caroline Aaron ist eine perfekte Ehefrau und Zielscheibe für ihn, weil sie ihm so wahnsinnig ähnlich ist. Sie ist eine tolle Charakterdarstellerin. Von Rolle zu Rolle scheint das Publikum sie nicht sofort wieder zu erkennen, weil man immer glaubt, sie sei die Figur, die sie spielt. Natürlich ist das nicht so. Sie ist einfach brillant, wie sie ihre Rollen anlegt, die oft wirken, als würden sie gerade einfach so aus dem Supermarkt spazieren."

Nichols war eine große Inspiration für Goodman: "Wenn er inszeniert, dann glaubt man, man hätte sich gerade mit G.K. Chesterton und ein paar anderen Witzbolden hingehockt, einen guten Job gemacht und ein paar Schweineknochen über die Schulter geworfen. Man fühlt sich einfach gut und entspannt."

Nichols fand außerdem ein aufregendes neues Gesicht, um die herausragende Besetzung zu komplettieren. Nachdem er schon Adrian Lester (Primary Colors), Calista Flockhart (The Birdcage) und Dustin Hoffman (The Graduate) entdeckt hatte, gibt er in Good Vibrations - Sex vom andern Stern Judy Greer, die man gerade in Three Kings (1999) neben George Clooney erlebte, eine Chance, ihr komödiantisches Talent unter Beweis zu stellen.

Casting-Frau Ellen Lewis war bei einem Vorsprechtermin für eine Winzigrolle auf sie aufmerksam geworden. Nichols war ebenfalls begeistert von ihr und gab ihr kurz entschlossen den Part der emotional unstabilen Stewardess Rebecca, der von Harold nachgestellt wird.

"Judy ist eine tolle Entdeckung", freut sich Nichols. "Sie ist voller Leben und sexy und bezaubernd und hinreißend komisch. Man fragt sich unweigerlich: Wer ist dieses Mädchen? Sie ist so süß, und sie weiß genau, was man als Schauspielerin tun mußs. Ihre Instinkte sind fantastisch. Ich glaube, dass sie hohe Wellen schlagen wird."

Abschließend meint der Regisseur: "Alle Schauspieler in dem Film sind beeindruckend, weil es ihnen gelingt, gleichzeitig komisch und sehr echt zu sein. Wenn man also lacht, ist man auch berührt, weil man glaubt, echte Menschen bei ihrem Hindernisweg durchs Leben zu beobachten."

Auch hinter der Kamera versammelte Mike Nichols ein hochklassiges Team. Viele von ihnen hatten bereits mehrfach für den Regisseur gearbeitet.

Nach The Birdcage (Birdcage - Ein Paradies für schrille Vögel, 1996) und Primary Colors (Mit aller Macht - Primary Colors, 1998) arbeiteten Ausstatter Bo Welch und Setdekorateurin Cheryl Carasik zum dritten Mal in Folge für den Filmemacher. Auch Kameramann Michael Ballhaus, Kostümdesignerin Ann Roth und Spezialeffekte-Koordinator Alan Lorimer konnten auf Erfahrungen bei Nichols-Filmen verweisen. Als Cutter wählte er den Oscar-nominierten Richard Marks.

Michael Ballhaus, Deutschlands unumstritten bester Kameramann, merkt an: "Mike ist für alle Vorschläge offen. Weil wir uns schon so lange kennen, können wir sehr flexibel auf alles reagieren, was von Seiten der Schauspieler, unserer Zusammenarbeit, von ihm, von mir in die jeweilige Szene einfließt. Wir reagieren darauf, stellen alles auf den Kopf und machen es dann einfach. Eine wunderbar kreative Art, an einem Film zu arbeiten."

Ann Roth, eine der anerkanntesten Kostümdesignerinnen der Branche, trägt bereits zum neunten Mal zum Gelingen eines Films von Mike Nichols bei.

"Nach fast 30 Jahren gemeinsamer Arbeit als Freunde und Weggefährten im Theater und im Film", erklärt sie, "lerne ich immer noch jedes Mal etwas Neues von ihm. Jedes Projekt stellt eine brandneue Herausforderung dar, ist ein neuer Anfang."

Während der Vorbereitungsphase erarbeitete Ausstatter Bo Welch gemeinsam mit Nichols die Designs für Harolds Planeten - und den Planeten Erde. "Als ich das Drehbuch las, war mir gleich klar, dass - in Designs gesprochen - die Erde voller Farbe und etwas durcheinander und lebendig wirken sollte, während der andere Planet unglaublich öde und steril sein sollte", berichtet Welch. "Mit Ausnahme der Fleischfarben durfte es nur drei Farben geben: Schwarz, Weiß und Grau. Die Logik dahinter ist einfach: Wer keinen Penis hat, der hat auch keinen Grund für Stil. Es gibt keinen Grund, irgendwie aufzufallen."

Er fährt fort: "Wenn man ,anderer Planet' liest, dann soll das bei uns nicht heissen, dass wir auf ernste Science Fiction machen, wo alles immer ein bißchen zu viel und zu designt ist und man gar nicht weiß, wo man zuerst hinsehen soll. Wir wollten den Eindruck vermitteln, dass dieser Ort so steril und fortgeschritten ist, dass man tatsächlich gar nichts sieht. Es ist eine regelrechte Übung in Minimalismus."

"Wenn man die schlimmsten Dinge der Erde nehmen und sie weit in die Zukunft dehnen würde, dann käme womöglich Harolds Planet heraus", schlägt Nichols vor. "Das ist der Gag - und die Warnung, die die Geschichte ausspricht. Als Harold sich verliebt und auf seinem Planeten sagt: ,Warum wollen wir diesen Planeten überhaupt kontrollieren - damit die Menschen dann so sind wie wir?', dann sagt er eigentlich, dass man aus der eigenen Vergangenheit, als es noch mehr Individualismus und mehr Unterschiede gab, lernen soll. Genau diese Unterschiede existieren auf seinem Planeten nicht mehr. Alle sind identisch. Es gibt nicht einmal Frauen und Penisse - also hat nichts mehr einen Sinn."

Shandling fügt hinzu: "Es gibt ein verstecktes Thema in diesem Film. Wenn wir noch länger immer noch materialistischer denken, könnten wir eines Tages so enden wie die Leute auf Harolds Planeten, die keine Gefühle mehr haben. Sie erobern andere Planeten einfach nur, weil es sie gibt. Dieses Bild spiegelt schon sehr genau wider, was in unserer Gesellschaft passiert."

Die Sets für Harolds Planeten wurden in achtwöchiger Arbeit in den Culver Studios errichtet. Die riesige Versammlungshalle entstand in der Studiohalle 15. Für sie entwarf Welch vier steile Tribünen mit etwa 600 kleinen Parzellen aus Lexan, deren Sitze mit mehr als 360 Alien-Statisten besetzt wurden. Graydons Büro, eine große Uhr mit elliptischen Öffnungen, wurde über den Kulissen befestigt. Die Hologramm-Frauen und Harold erhielten ihren Platz auf einer Bühne am Ende der Tribünen.

Beim Entwurf der Transport-Station des Planeten ließ sich Bo Welch von Hinweisen im Drehbuch inspirieren. Er sagt: "Obwohl es keinerlei phallische Symbole auf diesem Planeten gibt, haben sie doch Eier, in denen sie reisen. Graydon sagt: ,Einfache Leute. Sie sind 1000 Jahre hinter uns zurück.' Und Harold antwortet: ,Sie haben noch nicht einmal begriffen, dass man in runden Objekten am effektivsten fliegt. Das wird einfach.' Also dachte ich mir, okay, dann lasse ich sie in runden Objekten reisen. Und so erdachte ich die Transport-Station als einen Ort, an dem man Transport-Sphären sieht."

Diese Transport-Station sowie die Purifikationshalle und einige Gänge wurden in der Studiohalle 16 errichtet. Die drei fünf Meter großen Transporter-Eier wurden aus vorgearbeiteten Schaumstoffstücken gefertigt, die in Stahlrahmen eingefasst und mit Blattsilber im Wert von 6000 Dollar bedeckt wurden. Das Blattsilber wurde mit Hand ausgelegt, eine Aufgabe, die drei Mitarbeiter drei volle Tage beschäftigte.

"Das Licht auf dem Planeten ist sehr speziell, weil er absolut schattenlos und von allen Seiten indirekt beleuchtet sein sollte," berichtet Michael Ballhaus. "Man weiß nie so genau, von wo das Licht eigentlich kommt. Weil es keine Farben auf diesem Planeten gibt, machten wir alles so hell und verwaschen und strahlend wie möglich."

Er fährt fort: "Auf Harolds Planeten bewegten wir die Kamera nur sehr wenig und wir setzten viele extreme Weitwinkelobjektive ein, Zehn-Millimeter-Linsen, die hauptsächlich in Werbeclips benutzt werden. In Spielfilmen will man eigentlich möglichst reale Welten kreieren. Wenn man einen Raum jedoch mit einer Zehn-Millimeter-Linse fotografiert, dann sieht alles doppelt so groß aus und jedes Gesicht sieht ein bisschen verzerrt aus. Ich glaube, wir haben einen sehr eigenen Look für Harolds Planeten hingekriegt, der sehr interessant ist."

Ann Roth stand beim Entwurf der Kleidungspalette auf Harolds Planeten vor einer ungewöhnlichen Aufgabe. Obwohl sie auch einige High-Tech-Klamotten entwarf, kam sie doch immer wieder zu ganz simplen grauen Anzügen zurück, die sie an Science-Fiction-B-Movies der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre erinnerten.

"Ganz ehrlich, das waren einfach nur ein paar billige 100-Dollar-Anzüge", erklärt Ann Roth. "Die Designs sind so unaufregend wie nur möglich. Obwohl es sehr verlockend war, etwas Interessanteres zu entwerfen, passten die High-Tech-Designs nicht so recht zu den einfachen Linien in Bo Welchs Ausstattungsarbeit. Die Aliens sollten sich ja auch nicht allzu deutlich von den Menschen abheben."

Die Erde sollte in krassem Gegensatz zu Harolds Planeten stehen. "Die Erde ist voller Leben und auf komische Weise fremd und anders", meint Welch. "Tatsächlich ist die Erde für Harold ja auch ein fremder Planet. Phoenix war als Handlungsort bereits im Drehbuch festgelegt. Eine perfekte Wahl, wie ich fand, denn traditioneller Weise landen Außerirdische in Filmen ja immer in Wüstengegenden auf der Erde."

Er fährt fort: "Die Erdenarchitektur ist angefüllt mit Space-Age-Designs. Die Ironie bei uns im Film ist, dass die Erde für das Weltall steht, während es auf Harolds Planeten nur um langweilige Effizienz geht. Als wir nach einer Bank suchten, in der Harold auf der Erde arbeiten würde, gab ich meiner Abteilung als Losung aus, dass sie wie eine fliegende Untertasse aussehen sollte, die gerade auf der Erde gelandet ist. Ich glaube, Graydon hätte die gleiche Bank gewählt wie wir. Sie erinnert an Raumfahrt und sieht in seinen Augen vermutlich ziemlich cool aus."

Um das Space-Age-Motiv auf der Erde zu unterstützen, arbeiteten Welch, der künstlerische Leiter Tom Duffield und Setkoordinator Carasik eine Fülle von Sphären, gestirnartigen Kugeln und Globen in ihre Sets ein. Entsprechend wurde die Strippbar, die Harold mit Perry besucht, "Orb" genannt. Die Bühne in diesem runden Raum war kreisförmig und wurde mit kreisförmig angeordneten Lichtern beleuchtet. Sowohl in seinem Büro, als auch bei sich zu Hause finden sich auf Harolds Schreibtisch Globen. "Ich würde sagen, wir haben zwischen 25 und 30 Globen in die Sets gepackt", lacht Carasik. "Wir haben versucht, alles unterzubringen, was auch nur entfernt an Raumschiffe erinnern könnte. Werfen Sie nur einen Blick auf die Lampen oder die Aluminium-Rollos."

"Weil die Männer auf der Erde Penisse haben, gaben wir uns Mühe, möglichst viele phallische Symbole in unseren Designs unterzubringen", erinnert sich Welch. "Deshalb sieht man an allen Ecken und Enden Kakteen. Das hat ehrlich gesagt aber auch damit zu tun, dass Phoenix mitten in der Wüste liegt."

Der Wüstenaspekt spielt auch in den Kostümen von Ann Roth eine tragende Rolle, auch wenn sie sich anfangs vor allem von den pastellfarbenen Necco-Wafers-Süßigkeiten inspirieren ließ. Ihr Konzept sah es vor, dass sich die witzige, lebendige Kleidung der Erdmenschen möglichst stark von den farblosen Anzügen auf Harolds Planeten abheben sollten.

Die von Linda Fiorentino gespielte Helen Gordon trägt beispielsweise während des gesamten Films ausschließlich Weiß. Die Designs unterstreichen nicht nur ihren Glamour und Sexappeal, sondern auch ihre düsterere Seite.

Mit ihren Entwürfen half Ann Roth, auch die Persönlichkeiten von Susan Hart und ihrer Freundinnen Liz, Alison und Madeline zu definieren. "Während es bei den meisten Phoenix-Designs um Tageslicht, Sonne und Wüste ging, hat ihre Garderobe auch Anflüge von Nacht", sagt Roth. "So reflektiert sich in ihrer Kleidung auch ein wenig ihre Lebensgeschichte. Diese Ladys wissen, wie man eine gute Party schmeißt. Anders als bei den anderen Figuren im Film haben ihre Kleider auch nicht mit ihren Jobs zu tun."

Welch erklärt seine weiteren Aufgaben bei der Ausstattung der Erde: "Wir mußsten insgesamt fünf Schlafzimmer bauen. Uns war klar, dass sie sich deutlich voneinander unterscheiden und möglichst viel über die Person aussagen sollten, die darin ihre Nächte verbringt. Alle sollten einen gewissen Pfiff haben. Das erste Schlafzimmer, das ich mir vornahm, war beispielsweise Harolds Hotelzimmer in Phoenix. Da es seine Aufgabe ist, auf der Erde eine Frau zu schwängern, würde er vermutlich ganz forsch sein und gleich die Honeymoon-Suite mieten. Er denkt ganz naiv, dass das der beste Ort ist, um Sex zu haben."

Und Carasik führt an: "Als Harold in Cheryls Schlafzimmer ist, sagt er, dass er ihr Cowboy sei. Also packten wir Hörner, einen Sattel und Kakteen in ihr Zimmer. Wir hatten viel Spaß bei der Vorstellung, dass Cheryl als Stripperin womöglich auch gerne Pferde reitet.

Und er meint: "Ein Set kann viel dazu beitragen, dass sich ein Schauspieler beim Dreh wohl und entspannt fühlt. Entsprechend froh war ich, dass Annette Bening die Sets, die wir für sie gebaut hatten, richtig toll fand."

Susans Appartment reflektiert eine Kombination aus ihrem vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Leben. "Der Look ist sehr eklektisch, weich und feminin", sagt Carasik. "Wir bedeckten einen alten Heywood-Wakefield-Stuhl mit originalen Fünfziger-Jahre-Stoffen und brachten einige zeitgenössische Leinenstoffe unter. Nichts davon sollte zu teuer aussehen, da Susans finanzielle Mittel eher beschränkt sind. Wir dekorierten ihre Räume mit mexikanischen Töpferwaren, alten Ikonen von verschiedenen Religionen und einer Howdy-Doody-Lampe, die sie auf einem Flohmarkt gekauft haben könnte."

"Für Rolands und Nadines Haus haben wir uns auch ein paar witzige Sachen einfallen lassen", erläutert Carasik. "Ich wollte Spaß haben - die beiden sind einfach zu witzig." Carasik schenkte ihnen einen Plastik-Swimmingpool inklusive weißem Wasserball, einen Joe Chair (ein italienisches Design aus den achtziger Jahren, das wie ein Baseballhandschuh aussieht), einen Fernseher mit Großbildschirm, eine häßliche Couch mit Karomuster, eine Skulptur aus Eisen und einen weißen Saarinen-Tisch. Saarinen, ein wichtiger Designer in den siebziger Jahren, entwarf u. a. den berühmten TWA-Terminal im New Yorker JFK-Flughafen und war ein großer Einfluss für die Ausstattung von Men in Black (1997).

Auch Kameramann Michael Ballhaus konnte es sich erlauben, bei den Erdszenen mit seinen Kompositionen zu spielen. "Auf der Erde ist alles farbenfroh und chaotisch. Es ist nur logisch, dass sich die Kamera viel bewegt. Wir haben viel mit handgehaltener Kamera und wilden Schwenks gemacht. Außerdem benutzten wir witzig gefärbte Lichter für die Beleuchtung, um einen starken Kontrast zwischen der Erde und Harolds Planeten zu erzielen."

Die Dreharbeiten zu Good Vibrations - Sex vom andern Stern wurden am 30. Juli 1999 abgeschlossen. Das zweite Drehteam machte danach im September noch einige Aufnahmen im Bellagio Hotel in Las Vegas.

Die Geschichte von Good Vibrations - Sex vom andern Stern mag weit hergeholt klingen, aber ihre Aussage hat durchaus universellen Charakter. Annette Bening betont, dass Mike Nichols und seine Darsteller das Material "so ernst und geradlinig, so simpel und real wie möglich angingen. Garrys Drehbuch übernahm all die nötige Arbeit, dass am Ende eine Komöde herauskam. Unsere Aufgabe war es, die Wahrheit des jeweiligen Augenblicks so gut und genau einzufangen, wie es uns möglich war".

Nichols' Philosophie ist es, dass die Lacher die Wahrheit ausmachen: "Bei einer Komödie ist es wichtig, dass man sich nie dabei erwischen lässt, dass man versucht gerade witzig zu sein. Man mußs lebendig und echt sein. Das Witzige kommt dann schon von selbst."

© 1994 - 2010 Dirk Jasper