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"In der Fischereibranche gibt es gefährlichere Berufe als bei der Polizei, der Feuerwehr oder was einem sonst einfällt", erklärt Regisseur Wolfgang Petersen. "Und dazu gehören natürlich auch die Rettungsteams zu Wasser und in der Luft, die zum Schutz der Seeleute eingesetzt werden. Auf den Fischerbooten sterben prozentual mehr Menschen als in jedem anderen Beruf in den USA. Jede Fahrt hinaus aufs Meer birgt ein tödliches Risiko: Das ist ein Leben, wie es aufregender und grausiger nicht sein könnte. In unserem Film geht es um einen bestimmten Moment im Leben einer Gruppe von Menschen auf dem Meer, in dem sie ihre letzten Kraft- und Mut-Reserven mobilisieren müssen, um sich der mächtigsten Waffe zu stellen, die die Natur zu bieten hat." Als Wolfgang Petersen Sebastian Jungers Sachbuch-Bestseller in die Hand bekam, war er sofort fasziniert. "Das Meer hat mich immer schon angezogen", sagt der Regisseur, der für seinen internationalen Durchbruch "Das Boot" gleich doppelt für den Oscar nominiert wurde - als Regisseur und Drehbuchautor. "Ich glaube, es bietet uns Menschen eine letzte Möglichkeit für großes Abenteuer, es verweist uns nach wie vor in unsere Schranken. Das Meer ist eine unkalkulierbare, sich ständig wandelnde Welt. Ich selbst bin zwischen Schiffen in Hamburg aufgewachsen." Als er die Aufgabe anpackte, eine Geschichte von derart gewaltigen Dimensionen auf die Leinwand zu bringen, wusste Petersen genau, welche ungeheuren Hürden er überwinden mußste: "Die Story wird von sehr vielen handelnden Personen getragen, alle sind sie auf ihre Art Helden, alle erleben sie gleichzeitig ihr eigenes Schicksal: manche auf See, andere an Land, einige in Helikoptern, viele auf den verschiedenen Booten. Und natürlich ist der Sturm selbst ein unübersehbarer Hauptdarsteller. Glücklicherweise haben wir Autoren gefunden, die alle diese Handlungsstränge unter einen Hut brachten." Dem Produktionsteam war sehr schnell klar, dass sein Konzept vom technischen Standpunkt her noch nie oder noch nie erfolgreich umgesetzt worden war. "Wir wollen einen Sturm auf dem Meer zeigen, der absolut überzeugend wirkt", stellt Petersen fest. "Das größte Problem sind das Wetter und vor allem das Wasser - wenn man es wirklich realistisch im Film darstellen will. Wir entwickelten also ein Konzept, um etliche der Schwierigkeiten zu umgehen, mit denen andere Wasser-Filme zu kämpfen hatten. Und mit ein bisschen Glück haben wir dieses Konzept auch erfolgreich durchgezogen." Petersen kennt natürlich alle bisherigen Versuche, Wasser digital im Film darzustellen, aber keiner überzeugte ihn. Anders gesagt: Es galt, die bisherigen Grenzen im Bereich der visuellen Effekte zu sprengen, um dem übermächtigen und dominanten Hauptdarsteller echte Dynamik einzuhauchen - dem sturmgepeitschten Ozean. Die Filmemacher gaben der Trickschmiede Industrial Light & Magic jede nur denkbare Rückendeckung und ermunterten die Computer-Gurus auf diese Weise, einen echten filmischen Durchbruch zu versuchen. Unter Leitung von Effekte-Supervisor Stefen Fangmeier holte ILM das größte Team technischer Experten zusammen, das je an einem Film außerhalb des Science-Fiction-Genres gearbeitet hat. Diese Arbeitsgruppe von Com-putergrafikern konzentrierte sich auf neuartige Techniken, die von den Software-Pionieren der Firma entwickelt wurden, um das dynamisch simulierte Wetterphänomen im Zentrum der Handlung lebendig zu machen. Diese bahnbrechende Weiterentwicklung, ein enormer Schritt vorwärts in der Technologie der Spezialeffekte, überzeugte die Filmemacher dann endgültig: Sie wussten jetzt, dass Der Sturm realisierbar war. Gleichzeitig widerstrebte es dem Team, bei den Dreharbeiten lebende Schwertfische zu verwenden. Etliche Szenen sollten die Fischer bei der Arbeit zeigen, und man kam deswegen überein, ausschließlich animatronisch gesteuerte künstliche Fische und Attrappen einzusetzen. Diese Aufgabe fiel Walt Conti und seiner Firma Edge Innovations (Deep Blue Sea, Anaconda) zu: Er konstruierte vier ferngesteuerte Schwertfische und 100 Attrappen ohne technisches Innenleben. Wolfgang Petersen wusste, was ihm und allen übrigen Beteiligten während der Dreharbeiten an Schinderei bevorstand. Deswegen wählte er seine Darsteller mit Bedacht aus - genauso wie er als Kapitän eines Fischer-bootes seine Mannschaft zusammenstellen würde, auf die er sich hundertprozentig verlassen mußs. Einen Sonntagsausflug konnte er seinen Schauspielerinnen und Schauspielern jedenfalls nicht versprechen. " George Clooney ist ein hervorragender Schauspieler, und er bringt alle Starqualitäten mit", berichtet der Regisseur. "Für diese Rolle brauchte ich eine Persönlichkeit, deren Autorität außer Frage steht. Gleichzeitig mußste er sich aber auch einfühlsam in ein Ensemble eingliedern können. Er darf nicht dominieren in dem Sinne, dass die Zuschauer das Gefühl bekommen: ,Ach so, jetzt hat der Star seinen Auftritt. Das Publikum soll eher so reagieren: ,Ach ja, das ist also der Kapitän des Fischerboots." Im Gegensatz zu Wolfgang Petersen hat George Clooney in seiner Jugend keinerlei Erfahrungen mit Schiffen gemacht. Zur Vorbereitung auf seine Rolle gehörte ein Lehrgang, auf dem er lernte, wie man ein 22 Meter langes Fischerboot führt. "Ich bin vor Drehbeginn etwa drei Wochen lang mit unserer "Andrea Gail" hinausgefahren", erinnert sich Clooney. "Ich mußste Anlegemanöver an verschiedenen Kaianlagen durchführen. Glücklicherweise habe ich das gepackt und den Kai nicht kaputtgerammt - das macht sich nicht so gut in der Personalakte eines Kapitäns. Wir haben auch gefischt und sind einige Nächte auf See gewesen. Zum ersten Mal bekam ich eine wirkliche Vorstellung davon, wie Fischer ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich bin in Kentucky aufgewachsen, und dort verdient man sich sein Taschengeld im Sommer auf den Tabakplantagen. Das ist auch Knochenarbeit, aber wenn man was falsch macht, schwebt man kaum in Lebensgefahr. Auf einem Fischerboot kann allerdings eine Menge schief gehen und Leben gefährden. Das ist eine vollkommen andere Welt." Es war Clooney, der Mark Wahlberg für die Rolle des Bobby Shatford vorschlug, denn die beiden hatten bereits in dem Warner-Bros.-Film Three Kings gemeinsam vor der Kamera gestanden. "George schwärmte von Mark Wahlberg in Three Kings, aber ich hatte ihn noch in Boogie Nights vor Augen", erinnert sich Petersen. "Und dann fiel mir ein: ,Stammt der nicht aus Boston?' Deswegen interessierte er mich. Mir schwebten für die Rolle jede Menge anderer Darsteller vor, aber Mark und ich setzten uns zusammen, er gefiel mir und George natürlich auch - die beste Wahl für diese Rolle." Wahlberg ist in einem Vorort von Boston aufgewachsen, kennt das Milieu und passte sich mühelos an Shatfords geringfügig andere Sprachfärbung an. Als Vorbereitung auf seine Rolle fuhr er wochenlang mit Fischern aufs Meer und eignete sich die speziellen Fertigkeiten an. Außerdem traf er sich mit der Familie von Bobby Shatford, und genau wie Bobby mietete er sich ein Zimmer über dem Lokal Crow's Nest. Abends ging er dann nach unten und spielte Billard mit den Einheimischen. Diane Lane kannte und schätzte das Buch bereits und war natürlich begeistert, als Petersen ihr die Rolle der Christina Cotter anbot. "Es macht unglaublich viel Spaß, mit George und Mark zu arbeiten", sagt sie. "Und ein angenehmerer und begabterer Regisseur als Wolfgang ist einfach nicht vorstellbar. Besser geht's wirklich nicht. Ich konnte es gar nicht abwarten, morgens mit der Arbeit zu beginnen. Allerdings hatte ich es abends genauso eilig, nach Hause zu kommen, weil mein Rücken mich fertig machte - ich mußste für die Szenen im Crow's Nest oft acht Stunden lang auf einem Barhocker sitzen. Aber ich habe aufgepasst und meinen Mund gehalten, denn wenn sich jemand wirklich mit Recht beklagen konnte, dann waren das die Jungs, über die das Wasser wochenlang buchstäblich tonnenweise hereinbrach." An Diane Lanes erstem Drehtag spielte sie ein Liebesszene mit Mark Wahlberg. "Ein bisschen komisch war das schon, aber wir haben uns darauf eingestellt, und dann lief es wunderbar", lacht sie. "Ich habe ihn ein paar mal mit Boogie Nights aufgezogen, um das Eis zu brechen." Keiner der Darsteller hatte bisher authentische Figuren in einer Umgebung gespielt, wo die realen Vorbilder tatsächlich gelebt hatten. Die Schauspieler freundeten sich bei der gemeinsamen Arbeit mit etlichen Fischern an, und bei der Unterhaltung floss das Bier reichlich - nach Feierabend. "Ich habe noch nie eine Rolle gespielt, bei der ich es mit den echten Vorbildern zu tun hatte", erzählt Diane Lane. "Ich traf mich mit Christina Cotter, sie half mir sehr zuvorkommend und bereitwillig. Das war eine ungewöhnliche Situation, besonders als wir ins Crow's Nest gingen, wo jedermann sie kennt." Kapitän Linda Greenlaw war inzwischen nach Maine gezogen, kam aber auf Besuch nach Gloucester, um sich mit Mary Elizabeth Mastrantonio zu treffen, die ihre Rolle im Film übernimmt. John C. Reilly (Magnolia, Aus Liebe zum Spiel) spielt Murph, ein Besatzungsmitglied auf Tynes Boot. "Allein die Vorstellung ist schon grausig: Mitten auf dem Meer packt uns dieser monströse Sturm", sagt Reilly. "An Land kann man flüchten oder irgendwo unterkriechen. Aber auf einem Schiff gibt es keinen Ausweg. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, in 30 Meter hohen Brechern herumzupaddeln - da ist er wirklich nicht in seinem Element." Die Halle 16 auf dem Warner-Bros.-Studiogelände ist die höchste von allen. Im Boden eingelassen befand sich ein kleines, flaches Wasserbecken, in dem einst "Der alte Mann und das Meer" mit Spencer Tracy und andere Filme entstanden. Das Konzept für den "Sturm" machte es nun erforderlich, das Becken von bisher 2,50 Meter auf 6,70 zu vertiefen. Die Erweiterung schuf ein Becken von den Dimensionen 29 x 30,5 x 6,7 Meter, das weltgrößte Becken in einer Studiohalle. Auch die angrenzenden Studiohallen 15 und 20 wurden für die Dreharbeiten genutzt, einzelne Szenen entstanden zudem in den Hallen 6 und 23. Die Darsteller Josh Hopkins und Dash Mihok spielen die Parajumper Lt. Barry Ennis und Lt. Kenny Mitchell, zwei enge Freunde im Zentrum des Helikopter-Rettungsteams, die im Sturm drei Schiffbrüchige von einem Segelboot retten müssen. Vor den Dreharbeiten absolvierten die beiden Schauspieler (zusammen mit den übrigen Mitgliedern ihres Teams) einen Parajumper-Kurs in Arizona. Zu ihren Übungen gehörte ein simulierter Rettungseinsatz in einem Helikopter und die Bergung mit Rettungsgeschirr - aus dem Wasser in den darüber schwebenden Hubschrauber. Außerdem besuchten sie ein Labor, in dem Nachtsichtgeräte hergestellt werden. "Durch den Kurs konnten wir Erfahrungen aus erster Hand sammeln", erklärt Mihok. "Man bekommt ein Gefühl dafür, was solch ein Rettungseinsatz bedeutet. Man treibt im Wasser, der Helikopter schwebt nur 15 bis 18 Meter über uns, man kann kaum etwas erkennen oder atmen, geschweige denn kommunizieren. Man bekommt wirklich höchste Achtung vor dem Können und der Konzentration des Teams. Als es dann im Studio an uns war, diese Szenen selbst zu spielen, brachten wir eine völlig neues, tieferes Verständnis mit. Wir paddelten schon zehn Minuten im Wasser, bevor die Kameras endlich liefen, dann heulten die Ventilatoren immer ohrenbetäubender, und die Wellenmacher schüttelten uns durch wie Äpfel in einem Fass - das kam unseren Erfahrungen während des Lehrgangs schon verdammt nahe. In meiner Rolle mußs ich in der Szene teilweise bewusstlos sein, was mir von allem am schwersten fiel. Für den Fall, dass ich am Ertrinken war, sollte ich Laut geben und die Szene stoppen. Das war richtig heftig." Natürlich herrschte bei den gefilmten Rettungssequenzen selten die Lebensgefahr, die bei echten Rettungseinsätzen an der Tagesordnung ist; aber selbst die durchtrainierten jungen Schauspieler schreckten vor der physischen Anstrengung zurück. "Wolfgang und die anderen setzten uns im Einzelnen auseinander, was im Studio abgehen würde, und ich dachte mir: ,Was soll's, ich hab das Buch gelesen, das pack ich schon'", erinnert sich Josh Hopkins. "Wir steckten in Schwimmwesten und Überlebenstrikots, deswegen glaubte ich, ich müsste mich einfach nur treiben lassen. Doch am ersten Drehtag bekam ich dann das riesige Becken zu Gesicht: Acht speziell ausgebildete Taucher standen als Lebensretter bei Fuß, und um uns herum diese Höllenmaschinen, die den Sturm entfachten - so was hatte ich noch nie erlebt. Wir springen also ins Wasser, und ich denke immer noch: ,Ich bin doch Sportler, sollen sie man ruhig anfangen!' Aber als dann bei der ersten Einstellung die Brecher über mir zusammenschlugen und der Wind einen infernalischen Lärm machte, hat mich allein die Angst vor dem Ertrinken derart beschäftigt, dass ich gar nicht dazu kam, ,Cut!' zu schreien." Die Dreharbeiten begannen im Sommer 1999 in Los Angeles und wurden dann im Herbst in Gloucester/Massachusetts fortgesetzt - an den Originalschauplätzen der Ereignisse, die in Jungers Buch beschrieben werden. In Gloucester drohte dem Unternehmen dann die größte Gefahr - es mußste wie ein grimmiger Wink des Schicksals wirken, dass das Leben die Kunst auf äußerst zerstörerische Weise imitierte. Stab und Besetzung kamen in dem historischen Neuengland-Hafenstädtchen an, als der Hurricane Floyd sich noch in der Karibik zusammenbraute. Während der ersten Woche der Außenaufnahmen waren die TV-Nachrichten voll von Berichten über die größten Notfall-Evakuierungsmaßnahmen aller Zeiten, die zur selben Zeit in Florida getroffen wurden. Floyd bewegte sich an der Ostküste nach Norden, verschonte gnädig Florida und Georgia, wo 2,6 Millionen Menschen vor ihm geflohen waren. Zu einem bestimmten Zeitpunkt bedeckte der Sturm eine Fläche von der Größe des Staates Texas, es wurden Windgeschwindigkeiten von 250 km/h gemessen. Der Sturm ließ seine Wut an North und South Carolina aus, und den Voraussagen nach sollte er in jener Nacht weiter nach Norden vordringen - möglicherweise bis nach Neuengland. "Wir haben den Wetterbericht äußerst genau verfolgt", sagt Produzentin Gail Katz. "Natürlich machte es uns extrem nervös, dass er vielleicht über Gloucester hereinbrechen könnte. Dabei blieb uns die Ironie des Schicksals nicht verborgen: Ein gewaltiger Hurricane droht einen Film in die Katastrophe zu stürzen, der selbst von einem ungeheuren Hurricane handelt. Aber für uns stand eine Menge auf dem Spiel: Was, wenn unsere Boote weggespült wurden, unsere Filmbauten und die zwei Anleger, die wir für den Film restauriert hatten? Die Einwohner von Gloucester sicherten bereits ihre Häuser, sperrten Straßen ab und bereiteten Notunter-künfte vor." Die Route eines Sturms ist völlig unberechenbar. Als Floyd sich über Land in den Carolinas ausraste, verlor er an Energie, und als er an jenem Abend New York erreichte, war sein Gefahrenpotenzial auf das eines normalen tropischen Sturms zurückgestuft worden. Die Gefahr war vorüber, und stattdessen ergab sich eine Gelegenheit, von der die Filmemacher nicht einmal geträumt hatten. "Am Tag nach Floyds schlimmstem Wüten waren die Brecher immer noch drei bis fünf Meter hoch - also entschlossen wir uns, mit der "Andrea Gail" auszulaufen und sie mit dem 2. Aufnahmeteam bei diesem Seegang zu filmen", sagt Katz. "Echte Fischer bemannten das Boot, aber auch sie hatten alle Hände voll zu tun. Überflüssig zu sagen, dass unser Team auf dem begleitenden Kameraboot reichlich seekrank wurde. Am nächsten Tag liefen wir mit der "Hannah Boden" aus, um einige von Mary Elizabeth Mastrantonios Szenen auf der Brücke zu drehen. Die See war immer noch rau, aber nicht mehr so schlimm wie am Vortag, und wir filmten fantastische Einstellungen. Also innerhalb von 48 Stunden verwandelte sich Hurricane Floyd von unser größten Bedrohung zu unserem besten Bundesgenossen - solche Spezialeffekte kann man für Geld nicht kaufen." Als unschätzbarer Vorteil für das Drehteam erwies sich die Unterstützung und Gastfreundschaft der Stadt Gloucester. Die Hafenpolizei leitete den Schiffsverkehr um, und die städtische Polizei stellte Beamte zur Verfügung, die den Straßen- und Fußgängerverkehr regelten. Denn natürlich wirkte die Anwesenheit der Filmstars wie ein Magnet auf die Menge, führte zu Staus und ungeahnter Geschäftigkeit in den Straßen. Wo immer George Clooney auftauchte, sorgte er in den Kaffeehäusern an der Hafenpromenade für reichlich Gesprächsstoff. "Am Ende brauchte man nur aufzuschauen, und schon wieder flog eine Möwe vorbei, die ,George, George!' kreischte", witzelt Wahlberg. "Das ließ sich keine Möwe nehmen." "Die Leute in Gloucester haben sich echt prima verhalten", lobt Clooney. "Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen, und wenn ein Filmteam zu Besuch war, fanden wir das echt aufregend. Diese Welt unterschied sich total von unserer eigenen. Ich konnte die Bewohner von Gloucester also bestens verstehen, als wir mit unserem Team anrückten, mit den Trucks und Wohnwagen, und die Stadt zeitweilig quasi besetzten. Die Leute erwiesen sich als unglaublich zuvorkommend." Die Bevölkerung erhebt eine Art Besitzanspruch auf gerade diesen Film. Ja, das Buch gehört heute zum Standardpensum in einigen der örtlichen Schulen, und Junger hat sich zu einer Art Lokal-Ikone entwickelt. Junger blieb auch nach seiner Rückkehr nach New York mit seinen neu gefundenen Freunden in Gloucester in Kontakt. Mit einem Teil seiner Buchtantiemen gründete er The Perfect Storm Foundation (Die Sturm-Stiftung). Die Stiftung macht es sich zur Aufgabe, Kinder von Fischern bei einer freien Berufswahl zu unterstützen, um ihnen diese gefährliche und langsam aussterbende Arbeit zu ersparen. Die Hinterbliebenen der "Andrea-Gail"-Mannschaft, aber auch die anderen Bewohner von Gloucester, die ihm Buch erwähnt werden und zu Wort kommen, nahmen das Filmteam mit offenen Armen auf - und umgekehrt. Ethel Stratford, Bobbys Mutter, gehört dazu - sie stand hinter der Bar des Crow's Nest, das für die Fischer in Gloucester eine Art zweites Zuhause darstellt. Zu ihrer Familie gehören außerdem Bobbys Schwester Marianne und die Brüder Brian und Rick. (Vor Abschluss der Drehar-beiten ist Ethel nach langer Krankheit gestorben.) Die Fischer von Gloucester spielen in der Tat einen entscheidenden Part in der Produktion des Films - ihr Know-how war im Team ständig gefragt. "Wolfgang ist bekannt dafür, dass er alles hundertfünfzigprozentig genau nimmt", sagt Produktionsdesigner William Sandell. "Normalerweise liegt es in meiner eigenen Verantwortung, dass alles möglichst authentisch aussieht, aber am Set wirkten derart viele Leute aus dem Ort mit, und die meisten haben ihr ganzes Leben an den Docks verbracht. Also brachten sie ständig neue Ideen ein und machten dem Art-Director und Requisiteur Vorschläge - als ob uns eine Hundertschaft technischer Berater zur Verfügung stand. Die Authentizität war schon deswegen gewährleistet, weil sie sofort einschritten: ,Nein, so takelt man doch kein Boot auf!' Also takelten wir es noch mal neu auf. Natürlich ist auch seit den Ereignissen in unserem Film noch nicht sehr viel Zeit vergangen - im Gedächtnis der Bewohner sind sie noch sehr lebendig." Im Herbst kehrte das Produktionsteam dann nach Los Angeles zurück, um weitere Meeressequenzen vor der kalifornischen Küste bei Dana Point zu drehen. "Im Dezember 98 haben wir offiziell die Suche nach einem Schiff gestartet, das der "Andrea Gail" gleicht", erinnert sich der für alle Bootsbelange zuständige Doug Merrifield. "Das Original war ein Trawler mit der im Osten übliche Takelung. Er wurde in Panama City/Florida gebaut. Januar 99 entdeckten wir einige Boote, die uns gefielen, und im März kauften wir endlich die "Lady Grace", ein Schwesterschiff der "Andrea Gail" aus Ocean City/Maryland." Die Ausstattungsabteilung verpasste der "Lady Grace" einen neuen Anstrich und verwandelte sie so in die "Andrea Grail". Dann stach das Boot mit vier Mann Besatzung in See und fuhr nach Los Angeles, wo die Dreharbeiten im Juni beginnen sollten. Einer der Darsteller mußste jedoch noch einen früheren Vertrag erfüllen, was den Drehplan in den Juli verschob. Gleichzeitig fiel die Entscheidung, die Sequenzen auf dem Meer am Ende der Dreharbeiten zu filmen und nicht am Anfang. Also mußste die "Lady Grace" wieder umkehren, nachdem sie bereits von Maryland nach Cape May/New Jersey gefahren war (wo sie überholt wurde), dann durch den Panamakanal nach South California. Und zurück ging es an die Ostküste der Vereinigten Staaten. Sie lief Gloucester an und wartete auf die Ankunft von Stab und Besetzung Anfang September. Nachdem die Gloucester-Szenen im Kasten war, reiste die "Lady Grace" mit ihrer Crew erneut nach Kalifornien. Diesmal geriet sie bei Cuba in den Hurricane Lenny und mußste in der Karibik drei Tage in einem schützenden Hafen abwarten. Kurz nach dem Passieren des Kanals geriet das Boot noch einmal in eine Schlechtwetterfront und lief wegen dringender Reparaturen wieder einen Hafen an, diesmal in San Salvador. Die "Lady Grace" und ihre Mannschaft erreichten den Dana Point Harbor etwa sechs Wochen nach der Abfahrt in Gloucester. Dort wurde sie dann täg-lich eingesetzt, manchmal befanden sich der gesamte Stab und alle Dar-steller an Deck. Für ihr Filmdebüt hat die "Lady Grace" über 25.000 km zurückgelegt. Nach Ende der Dreharbeiten ging das Boot, das heute Warner Bros. Pic-tures gehört, im Süden von Kalifornien vor Anker. Einige Szenen entstanden auf der Air National Guard Base am Point Mugu nördlich von Los Angeles. Die Dreharbeiten der Rettungssequenzen gehörten zu den schwierigsten der ohnehin komplizierten Filmszenen, vor allem weil echte Seenotsituationen nachgestellt wurden, in den viele verschiedene Behörden und Nachrichtendienste sowie mehrere Militärbehörden gleichzeitig koordiniert werden müssen. Eines der Boote, die in dem Sturm von 91 bei Rettungsaktionen eingesetzt wurden, war der Kutter "Tamaroa" der Küstenwache. Das Fahrzeug hatte 1600 t und war 62 m lang, hielt also einiges aus, war aber sehr langsam. Deswegen wurden Falcon-Aufklärungsjets eingesetzt, um die havarierten Boote aufzuspüren und der Küstenwache die Positionen zu übermitteln. Mit hilfe dieser Daten stellte man dann sofort fest, ob die Küstenwache das havarierte Boot noch rechtzeitig erreichen konnte. Die Rettung des Segelboots, die Junger in seinem Buch beschreibt, wurde beispielsweise von der Air Force und der Küstenwache in Zusammenarbeit mit der Bezirksleitzentrale durchgeführt. Als klar war, dass die "Tamaroa" das Segelboot nicht rechtzeitig erreichen konnte, setzte die Leitzentrale einen H-3-Rettungshelikopter ein. Der H-3 ist allerdings für Langstrecken nicht geeignet. In solch einem Fall mußs der stärkere HH-60 (PAVE Hawk) übernehmen, üblicherweise zusammen mit einem C-130-Transportflugzeug, das den Hubschrauber in der Luft auftanken kann. So verfuhr man bei dem Versuch, die Besatzung der "Andrea Gail" zu retten. Dazu ist eine komplexe Choreografie militärischen Geräts notwendig - vielleicht sogar zu komplex für die Anforderungen eines dramatischen Films. Um die Szenen übersichtlicher und stringenter zu gestalten, wurde in den Rettungssequenzen des Films ausschließlich der HH-60 eingesetzt. "Der HH-60-Helikopter ist auf dem neuesten Stand der Technik, was Rettungseinsätze angeht", sagt Colonel Ed Bellion von der Air National Guard. "Er kann sehr tief fliegen, er kann nachts im Dunkeln fliegen, er lässt sich in der Luft auftanken. Die Möglichkeit des Auftankens erlaubt Einsätze zusammen mit der Transportmaschine C-130 - der Aktionsradius erweitert sich derart, dass auch Aktionen mitten auf dem Ozean ausgerführt werden können. Eine großartige Maschine. Allerdings auch nur so großartig wie die Mannschaft, die den Einsatz fliegt." Sowohl die Air Force als auch die Küstenwache unterstützten die Produktion mit unschätzbarer Hilfestellung - aber das ist nichts im Vergleich zu der Unterstützung, die sie echten Fischern tagtäglich zukommen lassen. "Unsere Männer wenden bei Rettungseinsätzen jeden Tag regelrechte Kampftechniken an", berichtet Colonel Bellion. "Ein gefährlicher Beruf - aber dafür trainieren sie ja schließlich: Gefechtseinsätze und Rettung aus Gefechtssituationen. Sie fliegen hinter die feindlichen Linien, um zum Beispiel einen abgeschossenen Piloten herauszuholen. Und die Wettersituation mußs immer mit einkalkuliert werden." Das Motto der Rettungsteams ist: "? damit andere überleben können". Das ist schon ein besonderer Menschenschlag - die Parajumper, Piloten, Aufklärer, Seeleute und Taucher, die dieses Motto zu ihrem Beruf machen. "Die meisten Leute, die wir retten, suchen sich ausgerechnet die schlimmste Nacht und die höchsten Brecher aus, um in Seenot zu geraten", erzählt Lt. Desmond Casey, ein Rettungspilot, der an der Produktion mitwirkte, als die Szenen auf dem Stützpunkt der Nationalgarde am Point Mugu gedreht wurden. "Rettungen über Wasser sind immer knifflig, das Boot tanzt auf den Wellen auf und nieder. Selbst wenn ich mit dem Helikopter auf der Stelle schwebe, wird das Boot 15 Meter hoch und runter- geschleudert. Physischen Kontakt mit dem Boot mußs man in jedem Fall vermeiden und mit dem Wasser auch. Das kann also eine Art Lotteriespiel werden. Und sogar mit Nachtsichtbrillen gibt es keine Anhaltspunkte, weil der Horizont nicht zu sehen ist." Wie kommt man dann bloß auf die Idee, sich für solch einen Beruf zu entscheiden? "Ich sehe das so: Ich helfe meinem Nächsten, und das ist in jedem Fall interessanter als irgendwelche Ausrüstung von A nach B zu transportieren", erklärt Casey. "Wenn man den Mann hochzieht, er am Haken hängt und langsam auf uns zutrudelt - seinen Gesichtsausdruck wird man nie vergessen. Dieser eine Mann wird sein Leben lang daran denken: ?Der Typ im Black Hawk hat meinen Arsch gerettet; er war da, als es drauf ankam.' Das als Belohnung reicht mir völlig. Ich bin 12 Jahre Polizist gewesen. Aber Verbrecherjagd ist nichts gegen diesen Job. Böse Buben bedanken sich normalerweise nicht, wenn ich meine Arbeit gut gemacht habe." Etwa zwei Monate nach seiner Mitwirkung in Der Sturm starb der Rettungspilot Lt. Desmond Casey in Ausübung seines Dienstes bei einem Polizeieinsatz. Eine von einem Eiszeit-Gletscher in die Küste gekerbte Förde etwa 60 km nördlich des heutigen Boston wurde erstmals 1606 von dem europäischen Entdecker Samuel de Champlain beschrieben. Er nannte die Bucht "Beauport", den "guten Hafen", vielleicht auch, weil ihre geschützten Nischen ihn vor einem Oktobersturm bewahrten. 1623 siedelten sich in der Bucht 14 Fischer aus Dorchester in Westengland an. Sie nannten ihre neue Heimat nach einer Stadt in der Nähe ihres Abfahrtshafens: Gloucester. Bald kam eine Gruppe Exilanten aus der von den Puritanern beherrschten Kolonie Plymouth hinzu. Gloucester machte sich schon früh dadurch einen Namen, dass es all jene aufnahm, die nicht in gesellschaftliche Raster passten. Die Hand voll Fischer und Außenseiter machten aus der frisch gegründeten Stadt die erste Nieder-lassung der Krone in der Kolonie an der Bucht von Massachusetts. Gloucester ist der älteste Fischereihafen der USA und hat immer vom Fischfang gelebt. Im Laufe der amerikanischen Revolution, des Bürgerkriegs und zweier Weltkriege wandelten sich andere Fischerhäfen in Werftzentren, Industriestädte oder Tourismushochburgen, oder die die Bevölkerung wandte sich der Urbarmachung und Nutzung des umliegen-den Landes zu. Gloucester blieb jedoch grundsätzlich ein Fischereihafen. Hier ist die Firma Gorton's ansässig, die zu den führenden Tiefkühlfisch-Anbietern gehört. Die Stadt besitzt die beste Infrastruktur für Tiefkühl-fisch an der gesamten Ostküste. Und die tägliche Fischauktion in Gloucester um 6 Uhr jeden morgen gibt täglich die Werte vor, die den Marktpreis für Fisch rund um die Welt bestimmen. In Gloucester haben Künstler gelebt, zum Beispiel die Maler Fitz Hugh Lane und Winslow Homer. Hier ließ sich Rudyard Kipling zu seinem Roman "Captains Courageous" (Der Fischerjunge) inspirieren. Hier wurde die Religion der amerikanischen Universalisten gegründet. Hier baute sich der (nach Thomas A. Edison) erfolgreichste amerikanische Erfinder John Hays Hammond ähnlich wie William Randolph Hearst ein Märchenschloss, mit Blick auf jene Klippen, auf denen Henry Wadsworth Longfellow sein klassisches Gedicht "The Wreck of the Hesperus" ansiedelte. Aber im Wesentlichen sind die Bewohner von Gloucester immer Fischer gewesen. Dieses entscheidende Charakteristikum der historischen Siedlung läuft heute Gefahr, für immer unterzugehen. Die Fischgründe der Georges Banks, etwa 250 km östlich von Gloucester, waren einst reich an Heilbutt, Kabeljau und Schwertfisch. Mehr als 200 Jahre lang wurde dieser Segen des Meeres kommerziell kaum genutzt. Erst 1827 entdeckten die Fischer aus Gloucester die Fischgründe. Knapp 150 Jahre später sind die Bänke praktisch leer gefischt, schuld daran sind die riesigen Schleppnetze und (vorwiegend russische) Fabrikschiffe. Das Magnuson-Gesetz von 1976 erweiterte die ausschließlich amerikanischen Fischern vorbehaltene Zone von mageren fünf auf 300 km vor der Küste, aber für die Georges Banks war es bereits zu spät. Der Fischbestand dort ging zwischen 1977 und 1987 um weitere 65 Prozent zurück. Es gab durchaus Gründe dafür, dass sich die Fischer relativ wenig um die Georges Banks gekümmert hatten: Die Gegend ist für Schiffe extrem gefährlich. Berichte von unberechenbaren Strömungen und häufig starken, unvermittelt auftretenden Stürmen wurden von den Fischern selbst mit Spuklegenden ergänzt. In der Mitte des 20. Jahrhunderts waren die meisten Fischer Neuenglands weiter nördlich zu den Grand Banks ausgewichen, die zwischen Sable Island (südlich von Neuschottland) und Neufundland liegen. Wie die Georges Banks gelten auch die Grand Banks als "einer der schlimmsten Sturm-Kanäle" der Welt, aber wenigstens ist hier der Fischreichtum noch nicht derart dezimiert. 1991 waren allerdings auch die Grand Banks so ziemlich leer gefischt, vor allem durch die gewaltigen Fabrikschiffe. Deswegen glaubten einige Fischer, noch weiter auf den Atlantik hinausfahren zu müssen, um daheim die Miete zahlen und die hungrigen Mäuler stopfen zu können. Manchmal fuhren sie sogar bis zu den abgelegenen, aber reichen Fischgründen am Flemish Cap. Hier legte die "Andrea" Gail zum letzten Mal ihre Netze aus. Über 10.000 Fischer aus Gloucester sind in den vergangenen vier Jahrhunderten auf See geblieben - das sind mehr, als Gloucester seit seiner Gründung an Kriegsopfern zu beklagen hat. Natürlich hat der Fortschritt Einzug gehalten: besser gebaute Schiffe, präzisere Navigationstechnik, genauere Wettervorhersagen und Seenotrettungsinstitutionen haben die Seefahrt sicherer gemacht. Dennoch ist der Beruf des Fischers gefährlicher als je zuvor - er fordert prozentual mehr Menschenleben als jeder andere Beruf in den Vereinigten Staaten. "Es gibt viele gefährliche
Berufe", sagt Autor Sebastian Junger. "Aber interessanterweise hat
sich die Fischerei in all den Jahren kaum verändert.
Natürlich wird heute vieles von Maschinen übernommen,
aber grundsätzlich mußs man wie vor 100 Jahren manchmal
Monate in einem Stück auf See verbringen. Menschliche Hilfe
ist dabei sehr weit entfernt - man ist auf sich allein gestellt.
Ganz sicher prägt so etwas den Charakter dieser Männer
und Frauen nachhaltig. Jeder hat Bekannte und Freunde, die auf See
geblieben sind, und jeder ist mindestens schon einmal fast selbst
draufgegangen - das weiß jeder Fischer zu berichten, den man
fragt. Menschen, die so lange Zeit auf dem Meer verbringen und
immer die Gefahr vor Augen haben, entwickeln ein unglaublich
starkes Berufsethos. Ebenso stark ist die Neigung, nach der
Rückkehr für ein paar Tage kräftig über die
Stränge zu schlagen, bevor man wieder in See stechen
mußs. Das macht auch die Hafenviertel zu einem
gefährlichen Pflaster. Fazit: Obwohl Gloucester nur 45
Autominuten von Boston entfernt ist, kommt es einem viel
abgelegener vor; die Atmosphäre unterscheidet sich deutlich
vom übrigen Amerika unserer Tage. Und gerade das gefällt
mir so gut daran."
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