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"Das Einzige, was mir jemals geholfen hat, weniger durchgeknallt zu sein, ist das Schreiben", sagt die in Cambridge, Massachusetts lebende Schriftstellerin Susanna Kaysen, Autorin der Romane "Asa, As I Knew Him" und "Far Afield" und ihrer Memoiren "Seelensprung". Es war in den späten 80er Jahren, gut 20 Jahre nach ihrer Zeit in der "Klapsmühle", als Kaysen damit begann, ihre späte Jugend aufzuarbeiten. Die Erinnerungen an ihren zweijährigen Aufenthalt im McLean Psychiatric Hospital, einem privaten und exklusiven Sanatorium in der Nähe von Cambridge, wurden geweckt, während sie ihr zweites Buch schrieb. Sie begann mit der Sammlung von Vignetten aus ihrer Zeit im Hospital und schrieb kurze Szenen über einen Abschnitt ihres Lebens, über den sie seit mehr als zwei Jahrzehnten mit keiner Menschenseele gesprochen hatte. 1993, 25 Jahre nach Kaysens Entlassung aus dem Hospital, wurde "Seelensprung" veröffentlicht - und avancierte sofort zum Bestseller. Das Buch wurde in nahezu allen Bestsellerlisten geführt und verbrachte elf Wochen in der angesehenen Liste der New York Times. Es ist ein eloquentes, erschreckendes und überraschend humorvolles Buch, das seine Leser, vor allem viele Teenager und junge Frauen, aber auch Kritiker tief beeindruckte. Die Kritiker zogen Vergleiche mit einigen kraftvollen, mittlerweile klassischen Porträts von Geisteskrankheit heran, wie "Einer flog übers Kuckucksnest", "Ich habe Dir nie einen Rosengarten versprochen" oder "The Bell Jar", dessen Autorin Sylvia Platz im gleichen Hospital untergebracht war wie Kaysen. James Mangold sieht andere Zusammenhänge. Ihn erinnert Kaysens Geschichte an Dorothy Gales Erlebnisse in dem Paralleluniversum von The Wizard of Oz (Das zauberhafte Land, 1939): "Das Buch ist angefüllt mit wunderbaren Figuren und wunderbaren Philosophien und Betrachtungen des Lebens." Das Buch stieß auch auf das Interesse von dem bei Columbia Pictures ansässigen Produzenten Douglas Wick, der Geld aus seinem Fonds bei Columbia Pictures locker machte, um das Buch zu optionieren, obwohl sich zunächst kein Studio fand, das das Projekt realisieren wollte. "Das Buch quoll geradezu über vor Menschlichkeit. Hinter dem minimalistischen Stil verbargen sich riesige Ausbrüche von Traurigkeit und Humor. Die Figuren waren rauh, kämpferisch und mußten gegen eine Welt antreten, die vom Weg abgekommen ist. Es war mir sofort klar, dass diese lebendigen, ausgeformten Figuren die besten jungen Schauspielerinnen ansprechen würden", sagt Wick. "Das Buch spricht direkt zum Leser, weil es die Passage von der Jugend zum Erwachsensein sehr wissend beschreibt - als Achterbahnfahrt voller körperlicher, geistiger, emotionaler und spiritueller Höhen und Tiefen, während man versucht, die rechte Balance zwischen Selbstausdruck und Selbstunterdrückung zu finden." "Susannas Buch erzählt sehr gewandt von den Kompromissen, die man eingehen muß, um ein normales Leben führen zu können", fährt der Produzent fort. "Und das normale Leben, um das es geht, findet in den tumulthaften sechziger Jahren statt. Da läßt sich die Frage, was verrückt ist und was nicht, schon gleich gar nicht beantworten." Wick wußte nicht, dass es zu diesem Zeitpunkt bereits einen sehr prominenten Fan des Buches gab. Die Schauspielerin Winona Ryder hatte "Seelensprung" regelrecht verschlungen. "Das Buch haute mich regelrecht um", erinnert sich Ryder. "Ich fand es nur schade, dass es nicht schon veröffentlicht worden war, als ich ein Teenager war. Mit 17 oder 18 hätte ich Susannas Einblicke bei meinen inneren Kämpfen gut gebrauchen können. Für mich erzählt das Buch eine zeitlose Geschichte über zeitlose Figuren und zeitlose Gefühle. Es ist eine unglaublich ehrliche, mutige, sensible und - das finde ich ganz unglaublich - wahnsinnig witzige Erinnerung an eine sehr schmerzhafte Zeit in ihrem Leben." Zum Teil fühlte sich Winona Ryder dem Buch deshalb so nah, weil sie sich von Susanna Kaysens Story ganz persönlich angesprochen fühlte. Als sie 20 Jahre alt war, hatte sich die Schauspielerin selbst in ein Hospital einweisen lassen. "Meine Situation war allerdings nicht mit der von Susanna zu vergleichen", sagt Ryder. "Ich litt damals unglaublich unter Angstattacken. Die waren völlig irrational und schrecklich frustrierend, weil ich sie mir nicht erklären konnte und weil ich sie anderen Leuten nicht erklären konnte. Ich stand kurz davor, den Verstand zu verlieren." Natürlich verlor Ryder nicht den Verstand. Aber ihre eigenen Erfahrungen in dem Hospital gingen konform mit Susannas Erkenntnis, dass diese Art von Verwirrung und Verzweiflung jeden treffen und an den Rand des Wahnsinns treiben kann. "Man kann reich, arm, männlich, weiblich, jung, alt sein - das spielt keine Rolle", betont Ryder. "Eine psychische Erkrankung kann jeden treffen, zu jeder Zeit. Das ist eines der stärksten Elemente von Susannas Geschichte." Als sie das Buch zu Ende gelesen hatte, nahm Ryder Kontakt zu ihrer Managerin Carol Bodie auf. "Winona meldete sich bei mir und sagte, sie hätte gerade ein Buch gelesen, aus dem sie unbedingt einen Film machen wollte", berichtet Bodie. "Sie schickte mir eine Kopie, ich las es vor dem Schlafengehen und konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Es sprach mich an als großartige Geschichte über eine Zeit im Leben, in der wir uns alle mißverstanden fühlen. Ich fand es außerdem unglaublich, dass es Eltern noch in den sechziger Jahren erlaubt war, ihre Kinder in eine geschlossene Anstalt einweisen zu lassen, wenn sie sich nicht perfekt nach den Normen der Gesellschaft verhielten." "Die Gelegenheit, dieses Buch zu einem Film zu machen, wollten sich Winona Ryder und ich nicht entgehen lassen", fährt Bodie fort. "Es war eine Gelegenheit, eine leidenschaftliche, interessante und unterhaltsame Geschichte zu erzählen, mit der wir jungen Menschen Mut machen und sagen konnten, dass es völlig normal ist, sich mißverstanden zu fühlen." Als Bodie sich am nächsten Tag nach den Rechten erkundigte, erfuhr sie, dass Douglas Wick sie bereits erworben hatte: "Ich rief Doug sofort an und berichtete ihm von unserer Passion für das Material. Wir trafen uns und beschlossen, das Projekt fortan mit vereinten Kräften voranzutreiben." "Seit diesem Treffen stand Winona Ryder als Darstellerin für den Film fest", erklärt Wick. "Sechs Jahre lang rief sie mich jedes Mal an, wenn sie kurz davor stand, bei einem anderen Projekt zuzusagen, nur um sicherzugehen, dass ihr bei Durchgeknallt nichts dazwischen käme. Sie war die eisernste Verfechterin des Projekts, die man sich vorstellen kann." "Dann kam Jim Mangold ins Spiel. Bei einem Meeting war mir sofort klar, dass er der absolut Richtige wäre, das Drehbuch umzuschreiben und den Film zu inszenieren", erläutert Wick. "Er verstand, was man falsch machen konnte, und hatte ein wunderbares Verständnis für die extreme Theatralik dieses Dramas." Die ausführende Produzentin und Hauptdarstellerin Winona Ryder war begeistert von Mangold, nachdem sie sein Filmdebüt, Heavy (Hungry for Love, 1995) über einen fetten Koch, der sich in eine Frau verliebt, die er niemals haben kann, gesehen hatte. "Jim war der erste Regisseur, der "Seelensprung" verstand", sagt sie. "Er nahm den emotionalen Kern eines eigentlich episodischen Buches und baute darum eine völlig neue Geschichte mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. Dabei gelang es ihm auf wunderbare Weise, die Essenz von Susannas Story zu bewahren. Seine Energie und Leidenschaft ließ nicht für eine Sekunde nach. Er ist verantwortlich für die beängstigende, trippige, fast schon psychedelische Qualität des Films." "Das war eine harte Nuß", meint Mangold. "Das Buch hat eine episodische Struktur, die sich nicht einfach in einem Film umsetzen läßt." Susanna Kaysen hielt sich weitgehend aus der Drehbuch-Adaption ihres Buches heraus und beschränkte ihre Beratung auf zwei lange Gespräche mit Mangold. "Ich wollte das Drehbuch nicht schreiben. Ich bin keine Drehbuchautorin. Jim ist ein Drehbuchautor, und ein sehr talentierter noch dazu. Wir hatten einige lange, interessante und ziemlich witzige Konversationen über die Geschichte, die ihm halfen, den richtigen Ansatz für seine Adaption zu finden. Obwohl ich glaube, dass er meine Hilfe gar nicht nötig gehabt hätte, stand ich ihm natürlich für all seine Fragen zur Verfügung." Wegen der eigenwilligen Struktur des Buches mußte Mangold "das eine Element des Buches finden, das mich gepackt hatte, und mich von dort durch den Stoff arbeiten". Dieses "eine Element" war für Mangold die Tatsache, dass Susanna Kaysen niemals herausgefunden hat, was sie damals durchdrehen und immer tiefer, wie ein Korkenzieher, in Konfusion versinken ließ. "Diese Vorstellung war für mich sehr aufregend", bemerkt Mangold. "Es gibt viele Filme über Menschen mit mentalen Krankheiten, und fast alle behandeln die Krankheit wie ein "Rosebud", ein Rätsel, das zum Schluß aufgeklärt wird. Susannas Geschichte ist wesentlich furchterregender. Sie sagt uns, dass ein Mensch im Ödland der Konfusion verloren gehen kann und selbst nach erfolgreicher Therapie und Heilung immer noch nicht weiß, was der Auslöser für die ganze Misere war. Das einzige, was entdeckt wurde, war, dass es keine einfache Antwort gibt." Mit Mangold unter Vertrag kam auch seine Partnerin Cathy Konrad an Bord, um den Film gemeinsam mit Wick zu produzieren. "Auch mir gefiel das Material, ich fühlte mich davon regelrecht verführt", sagt Konrad. "Ich gab Jim völlig recht, dass man aus dem Stoff keine Klischeegeschichte mit Mädchen in Anstaltsklamotten machen sollte. In Susannas Buch steckte wesentlich mehr Pfeffer und unbequemer Humor." Ein Teil dieser Unbequemheit kommt von der Art, wie Buch - und Film - an das Verrücktsein herangehen. "Verrückt ist ein Wort, mit dem jeder etwas anfangen kann. Dazu laden wir mit unserem Film ein: zu der Idee, dass jeder verrückt ist, dass die Konsequenzen aber weitgehend davon abhängen, als wie verrückt man von der Gesellschaft eingestuft wird", erläutert Mangold. "Es gibt da auch noch ein magisches Element", gesteht er und nimmt Bezug auf die Wizard of Oz-artige Qualität des Hospitals und seiner Bewohner. "Susannas Kennenlernen des Anstaltsflügels und der anderen Mädchen ist ziemlich extrem und beängstigend. Sehr schnell kommen einem die Mädchen aber nicht einfach nur normal vor, sondern sogar normaler, ehrlicher, bewußter als die Bewohner der Welt außerhalb der Mauern." "Verrücktheit wird gemessen daran, wie sehr wir uns dem unterordnen, was die Gesellschaft von uns erwartet", fügt Mangold hinzu. "Wie man sich anziehen soll, wie man miteinander umgehen soll, in meinem Fall gerade im Moment, wie man in einem Interview Fragen beantworten soll, kurz: was sich gehört. Wenn man es genau betrachtet, dann wird unser Geisteszustand danach bewertet, wie sehr wir bereit sind, uns auf die Regeln einzulassen. Ja, ich glaube, dass Susanna Probleme hatte, aber ich glaube auch, dass sie rebellisch, sehr smart und sich durchaus bewußt war, was um sie herum vorging - ihre Eltern, ihre Freunde, die geradewegs aufs College zusteuerten, der Radikalismus der späten sechziger Jahre. Sie fällte ein paar miese Entscheidungen, aber was ist daran so ungewöhnlich, wenn man 17 ist? Selbst Dorothy hat Fehler gemacht." Konrad versteht, warum Mangold in seinem Konzept immer wieder auf The Wizard of Oz zu sprechen kommt: "Es ist eine gute Hilfestellung beim Navigieren durch das Drehbuch. So konnten wir Susanna als Mädchen identifizieren, das den Weg zurück nach Hause, zurück ins Leben finden will. Dahinter steckte die Idee, dass wir auf diesem Weg zur Selbstentdeckung oft von Weggefährten begleitet werden, denen selbst ein paar Teile zum reibungslosen Funktionieren abgehen. Susanna und die anderen Mädchen haben das alle gemeinsam - sie sind irgendwie angeknackst oder unkomplett. Also gehen sie gemeinsam auf der ‚Yellow Brick Road'. Manche biegen versehentlich in eine Sackgasse ab, wie Lisa, einigen geht der Sprit aus, wie Daisy, und wieder anderen fehlt einfach nur die Wegbeschreibung, wie Susanna." Wie reagierte Kaysen, die nichts mehr schätzt als ihre Privatsphäre, auf die Aussicht, dass ihre Lebensgeschichte von Hollywood adaptiert werden würde? "Man muß kein besonders zurückgezogen lebender Mensch sein, um sich davon einschüchtern zu lassen: Mein Gott, mein Leben soll über die Leinwand flimmern? Aber nachdem ich ein wenig darüber nachgedacht hatte, fand ich, dass da ja schließlich nicht mein ganzes Leben gezeigt werden würde. Ich habe das Buch so geschrieben, wie ich es schreiben wollte. Also dachte ich mir, sollen sie doch den Film machen, den sie machen wollen." Natürlich ist die Aufbereitung dieses Teils ihres Lebens für die Leinwand nichts, wonach Kaysen wirklich strebte, aber sie sah es als Gelegenheit, auf diese Weise ein völlig neues Publikum zu erreichen. "Das Buch sprach - und spricht immer noch - Teenager, junge Frauen und ihre Freunde, Liebenden und Familien an", sagt die Autorin. "Ich kann nur hoffen, dass es einen positiven Einfluß auf sie hatte. Dieses Publikum dürfte aber kleiner sein als das Publikum, das den Film sehen wird. Sollten tatsächlich manche dieser Kinogänger danach das Buch lesen wollen, würde mich das sehr glücklich machen. Ich bin stolz auf meine Arbeit und genauso stolz darauf, mit den Menschen zu tun gehabt zu haben, die meine Arbeit mit großer Liebe und Leidenschaft ins Kino bringen." Mit grünem Licht vom Studio und Winona Ryder als Hauptdarstellerin auf der Habenseite machten sich die Filmemacher nun daran, den Rest der Besetzung zusammenzustellen. Das war keine einfache Aufgabe, aber alle stimmen überein, dass sie erfolgreich waren. "Winona Ryder setzte den Standard für uns - ihre Mitstreiter und Mitstreiterinnen sollten ebenso talentiert und einsatzfreudig sein", sagt Produzentin Cathy Konrad. "Wir sind Winona unsagbar dankbar, was sie für den Film geleistet hat." "Ich könnte sehr lange darüber referieren, was Winona Ryder so unglaublich magisch macht", meint auch Mangold. "Und eines der letzten Dinge, die ich nennen würde, ist ihr offensichtlichstes Attribut: ihre Schönheit. Wenn es in Hollywood nur um Schönheit ginge, dann wären Supermodels die einzigen Filmstars. An Winona Ryder ist vor allem so wahnsinnig beeindruckend, dass sie eine fabelhafte Stummfilmschauspielerin ist. Sie braucht nicht viele Worte. Ihre Beziehung mit der Kamera begründet sich auf ganz rohen Instinkt und Können. Weil sie an dem Stoff arbeitete, wollte auch ich daran arbeiten. Um ihr zu helfen, die Rolle, die sie so sehr liebte, absolut perfekt zu spielen." "Jeder wußte, dass Durchgeknallt Winonas Baby war", stimmt Produzent Doug Wick zu. "Es ist wunderbar geschrieben, und die jungen Schauspielerinnen in der Stadt fühlten sich zu dem Stoff hingezogen wie die Motten zum Licht. Einige gingen ganz schön aggressiv ran, um sich eine der Rollen zu sichern." "Wir haben viel Zeit auf die Besetzung verwendet", sagt Mangold. "Mir war klar, dass man diese Geschichte nur dann richtig erzählen konnte, wenn man die richtigen Gesichter und Seelen versammelte. Da konnte man sich noch so anstrengen mit coolen Locations, virtuoser Kameraarbeit oder innovativer Lichtsetzung. Die Story hätte niemals funktioniert, wenn wir nicht großartige Schauspieler gefunden hätten, die ein Publikum verführen können." Er fährt fort: "Man muß sich nur einmal die Bandbreite der Figuren ansehen - und die Stärke der weiblichen Charaktere. Susanna will eine Autorin werden - sie will gehört werden. Lisa will und kann sich nicht von der ganzen Establishment-Scheiße vereinnahmen oder bremsen lassen. Georgina lebt in ihrer Fantasiewelt und erzählt Geschichten darüber, wie die Welt aussehen sollte. Janet will einfach nur dünn sein. Das alles ist nicht untypisch für junge Frauen von heute. Diese Figuren sind ganz einfach wahnsinnig echt. Und für Schauspieler gibt es nichts besseres." Eine Schlüsselrolle in Mangolds Drehbuch kam der Gegenspielerin Lisa zu. Es ist eine auffällige Rolle, eine regelrechte Tour de Force. Und eine auffällige Schauspielerin mit einer Vorliebe für Tour-de-Force-Rollen sicherte sich den Part: die Oscar- und zweifache Golden-Globe-Gewinnerin Angelina Jolie. "Jede junge Frau in Hollywood wollte diesen Part", erinnert sich Konrad. "Angelina Jolie kam einfach nur rein und, ohne auch nur ein Wort zu sagen, setzte sich als Lisa auf den Stuhl. Das war irre. Als sie dann noch zu sprechen anfing, wußten wir ohne jeden Zweifel, dass die Rolle vergeben war." "Angelina ist charmant, sexy, gefährlich und mutig", fährt Konrad fort. "Man kann die Augen nicht von ihr nehmen, und man will das auch nicht. Sie ist ein Magnet. Das war wichtig, denn Lisa mußte in der Lage sein, Susanna auf profunde Weise zu berühren. Angelina brachte das brillant rüber." "Ja, Lisa ist völlig klar im Kopf", beschreibt Jolie ihre Figur und muß dabei lachen. "Sie ist der gesündeste Soziopath, den ich jemals getroffen habe. Sie ist eine völlig normale Person, die ihre Instinkte und Impulse ohne Rücksicht auf Verluste auslebt. Sie hat eine superklare Vorstellung davon, wer und was sie ist. Das Problem ist, dass man bei ihr dieses innere Relais vergessen hat, das einem sagt, was moralisch und vernünftig ist. Sie ist frei, absolut frei. Sie mag in einer Klapsmühle eingesperrt sein, aber sie ist sicherlich die freieste Figur, die ich jemals gespielt habe. Ich halte sie für ein Genie. Sie kümmert sich einen feuchten Dreck darum, was andere denken. Für sie ist es nur wichtig, sich als Lisa stark zu fühlen, und sie will, dass alle aufstehen und in ihren Tanz miteinstimmen. Sie zu spielen, war wunderbar. Lisa und ihre Reise haben mit viel bedeutet." "Angelina hat keinen Filter, genauso wie Lisa", meint James Mangold. "Filter sind eines der essentiellen Elemente, um in der Welt funktionieren zu können. Diese Filter sind es, die uns zurückhalten, wenn wir unserem Chef sagen wollen, dass er ein Arschloch ist. Angelina kennt diese Filter nicht. Und ich würde sagen, genau deshalb ist sie solch eine formidable Schauspielerin. Sie sieht sich selbst, ihre Figuren und die Welt so unheimlich klar." "Winona und Angelina fanden große Anteile von sich selbst in ihren Figuren", fügt Mangold hinzu. "Das ist immer sehr wichtig für mich, wenn ich die Rollen in meinen Filmen besetze. Ich suche nach Schauspielern, die sich mit ihren Figuren identifizieren können, weil sie zum Teil selbst diese Figuren sind. Und das versuche ich auf die Leinwand zu übersetzen. Das hat ganz schön Power, wenn ein Schauspieler mit Leib und Seele an einer Figur hängt und eine direkte Verbindung besteht. Wenn dieses Element da ist, dann gibt es für mich keine Vorbehalte, was ich drehen oder wie nah ich mit der Kameralinse an Gesichter herangehen kann." Mangold sagt, dass auch die übrigen Darsteller - von Indie-Darling Clea DuVall über Nachwuchsstars wie Brittany Murphy, Elizabeth Moss und Jared Leto bis zu Oscar©-Gewinnerinnen wie Whoopi Goldberg und Vanessa Redgrave - Teile von sich selbst in ihre Rollen einbringen konnten. "Alle hatten Mittel und Wege, sich ihre Figuren zu Eigen zu machen", sagt Mangold, "und trugen somit mit entscheidenden Puzzlestücken dazu bei, dass sich Susannas Geschichte wunderbar zusammenfügte." "Wir hatten Winona als Zugpferd. Deshalb verspürten wir keinen Druck, für die anderen Rollen jemand anderen als den hundertprozentig richtigen Darsteller zu besetzen", meint Cathy Konrad. "Das Resultat war, dass wir ein wunderbares, bunt gemischtes Ensemble auf die Beine stellten, in dem sich junge, hungrige Schauspielerinnen und souveräne Profis wie Whoopi, Vanessa, Jeffrey Tambor, Mary Kay Place, Joanna Kerns und Kurtwood Smith gegenseitig zu Höchstleistungen antrieben. Sie alle sind wichtig für den Film, und ihre Leistungen waren allesamt hervorragend und kamen von Herzen." Die Dreharbeiten zu Durchgeknallt begannen im verschneiten Januar 1999. Die Basis der gesamten Produktion hatte man nach Harrisburg, der Staatshauptstadt von Pennsylvania, verlegt. Die Produktion filmte zwölf Wochen lang in und um Harrisburg sowie in kleineren Städten, Ortschaften und Bezirken, die in dem im Südosten von Pennsylvannia gelegenen malerischen Susquehanna-Flußtal verstreut liegen. Dazu gehörten Mechanisburg, Hanover, Reading und Lancaster. Diese Region wurde von den Filmemachern aus zwei bestimmten Gründen ausgewählt: aufgrund der landschaftlichen und architektonischen Ähnlichkeiten zu Neu England und aufgrund der als absolut wundersam zu bezeichnenden Drehort-Entdeckung des Harrisburg Staatskrankenhauses. Es wurde vor 147 Jahren von Dorothy Dix, einer neuengländischen Schullehrerin, Schriftstellerin und Philantrophin, die anfangs auch für einen großen Teil der finanziellen Unterstützung aufkam, als Pennsylvania State Irrenkrankenhaus gegründet. 1921 wurde der Name in Harrisburg Staatskrankenhaus umgeändert, was die damalige sich ändernde Einstellung zur Behandlung von mental Kranken reflektierte. Obwohl es immer noch als voll einsatzfähige Einrichtung mit stationären und ambulanten Patientenprogrammen fungiert, die eine große Bandbreite von Krankheiten und Behandlungsmethoden abdeckt, standen mehrere nicht benutzte Gebäude auf dem Gelände leer. Sie erwiesen sich als perfekte Unterkünfte für die Produktionsbüros der Filmfirma, dem Transportbasiscamp und einem Vorführraum (in der ehemaligen Krankenhauskapelle). Im Gebäude 22 bot sich die einzigartige Gelegenheit, die gesamte South Bell Station des Claymoore Hospitals nachzustellen. Produktionsdesigner Richard Hoover, der 1999 für "Not About Nightingales" mit einem Tony ausgezeichnet wurde, und sein Stab von künstlerischen Leitern, Designern, Innenrequisiteuren und Bühnenbaumannschaften renovierten besagtes Gebäude 22 zu 75 Prozent. In den Grundmauern des Gebäudes erschufen sie eine gesamte Station mit Schlafräumen, Schwesternwachen, einen Gemeinschaftsraum, ein Fernsehzimmer und mehrere Behandlungsräume. Das Innere der Krankenstation wurde mit den Lampen, Möbeln und sogar den Farben, die für die Wände und Decken benutzt wurden, im Stil der späten 60er Jahre ausgestattet und dekoriert. Das künstlerische Gestaltungsteam "dekorierte" auch viele andere Ecken auf dem State Hospital Campus, wie die Büroräume im Verwaltungsgebäude und hunderte von Metern des meilenlangen unterirdischen Tunnelsystems, das sich unterhalb des Campusgeländes schlängelt. Darüber hinaus betrieb das Designteam auf einem Großteil des Hospitalgeländes Landschaftsgärtnerei, um die vom Drehbuch diktierten Jahreszeitenwechsel zu reflektieren. "Das Harrisburg Staatskrankenhaus ist als 'Die Stadt auf dem Hügel' bekannt", berichtet Konrad. "Während unserer Zeit dort nannten wir es liebevoll unser 'Studiohintergelände auf dem Hügel'. Wir fungierten es zu einer Studiohalle um, wo wir die verschiedenen Sets nach unseren Vorgaben konstruieren und sie wenn nötig auch als Wetterschutz verwenden konnten. Uns wurde auf dem Gelände eine unglaubliche Freiheit gelassen. Das Außengelände und die Ziegelarchitektur spiegelten den Hintergrund für die Story besser, als wir es uns je hätten vorstellen können. Das war ein riesiger Gewinn bei der Herstellung des Films." An der Seite von Richard Hoovers Designteam arbeitete die Garderobeabteilung unter der Leitung von Kostümbildnerin Arianne Phillips, die zuletzt viele von Madonnas Kleidungsstücken für ihr Album "Ray of Light" entwarf. "Wir hatten echt Glück mit unseren technischen und kreativen Designleuten", fährt Konrad fort. "Wir hatten einige der kreativsten Köpfe des Business mit an Bord: Kameraleiter Jack N. Green, Richard Hoover, Arianne Phillips und Schnittmeister Kevin Tent, mit dem ich bereits 1996 bei Citizen Ruth zusammengearbeitet hatte. Sie alle halfen bei den Details, um die Atmosphäre der 60er Jahre glaubhaft zu machen." "Je weiter die Produktion fortschritt, desto mehr fiel uns allen eine unglaubliche Parallele zwischen den späten 60er und den auslaufenden 90er Jahren auf", fügt Konrad an. "Das reicht von den Frisuren und Brillen zu den Möbeln und der Mode, bis hin zu was sich politisch und global im Balkangebiet abspielt. Was wir heute auf sozialer Ebene erleben, ist ein ähnliches Hochhalten von Auffassungen und Unabhängigkeit und der Emanzipation junger Leute, wie man es in den späten 60er Jahren sah. Es sind zur Zeit so viele verschiedene - und in manchen Fällen leider - gegensätzliche Meinungen auf dem Tisch, doch sie sind der Bandbreite der Auffassungen, die 1967 und 1968 zur Debatte standen, nicht unähnlich." "Momentan findet sich auch in der Kunst, der Musik und sogar in der Unterhaltung - man denke an all die alten Fernsehserien, die als Kinofilme adaptiert werden - ein 60er-Jahre-Retro-Feeling", ergänzt Konrad. "Es ist so retro, dass wir uns oftmals beim Ansehen der Dailies fragten, ob die Sets und die Kostüme historisch genug waren." Obwohl Winona Ryder bereits sechs Jahre lang um das Projekt gekämpft hatte, hatten sie und Autorin Susanna Kaysen sich bislang nicht kennengelernt. Das änderte sich, als Kaysen dem Set von Durchgeknallt im Harrisburg Staatskrankenhaus einen Besuch abstattete. "Mein Besuch dort war so erstaunlich", erzählt Kaysen. "Ich konnte das Glück gar nicht fassen, das sie hatten, dieses Krankenhaus für die Dreharbeiten zu finden. Mit den Ziegelgebäuden und den weitflächigen Rasenanlagen sah es McLean sehr ähnlich. Das Set der Krankenstation sowie der Raum für die Wassertherapie war unglaublich realistisch. Doch es war die Partyszene, die mich in die alten Tage zurückversetzte. Es war sehr lustig, die ganzen schrecklichen Fummel der 60er Jahre zu sehen. Ich habe sie damals gehaßt und hasse sie heute noch." "Es stimmt", ergänzt Kaysen, "dass Winona und ich uns zuvor nie gesprochen oder gesehen hatten, bevor ich das Set besuchte. Im frühen Stadium des Projekts wollten wir uns eigentlich am Set von The Crucible (Hexenjagd, 1996), nicht unweit von mir zu Hause, treffen. Am vorgesehen Tag kam jedoch Arthur Miller am Set vorbei und übertrumpfte mich damit. Das sollte er auch", lacht Kaysen. "Im Lauf der Zeit kamen andere Dinge dazwischen. Ab einem gewissen Punkt gab mir Winona das Gefühl, dass sie etwas mit der Rolle machen würde, ohne meine Hilfe und meine Realität. Ich fand, das war gut von ihr. Als wir uns dann in Harrisburg endlich kennenlernten, war es fabelhaft! "Sie sagte etwas sehr bezauberndes zu mir", fährt Kaysen fort. "Sie sagte, 'Du bist es ... ich bin du ... du bist ich ... ich bin ich'. Sie war total durcheinander und komisch, was ich sehr süß und liebenswert fand. Obwohl es nur ein kurzer, eineinhalbtägiger Besuch war, empfand ich sie als völlig liebenswert und habe die Zeit mit ihr sehr genossen." "Ich glaube, wir waren beide ein wenig ängstlich uns zu treffen", gesteht Ryder. "Wahrscheinlich hatte ich mehr Bammel als sie. Ich wollte nicht, dass sie mich für einen hohlen, übermütigen Filmstar hält, der dieses Riesending in ihrem Leben, worüber sie geschrieben hatte, irgendwie trivialisieren würde. Ich achte was sie geschrieben hat sehr und konnte es nachvollziehen. Ich hatte nur Angst, ich könnte etwas sagen, was unaufrichtig klingen würde. "Für einen Schauspieler ist es sehr angsteinflößend, das Leben eines anderen anzunehmen, wenn dieser jemand noch unter uns weilt", fährt Ryder fort. "Es ist noch schwieriger, wenn es jemand wie Susanna ist, die so unglaublich intelligent und einfühlsam und noch dazu eine brillante Schriftstellerin ist. Als wir uns schließlich trafen, war es jedoch wundervoll. Sie war unglaublich nett und sehr offen über alles, was ich sie fragen wollte. So gerne ich auch darüber reden würde, kann ich es nicht tun, da dies sehr persönliche Gespräche waren, die ich immer sehr schätzen und als privat ansehen werde. Wir unterhielten uns über einige der dunkelsten Aspekte unserer Persönlichkeiten und unseres Verstandes. Es war toll, Zeit mit ihr zu verbringen."
"Ich werde sie mir immer auf meiner Couch liegend, die Füße hochgelegt, vorstellen und mich an die erstaunlichen Gespräche mit ihr erinnern", schließt Ryder lächelnd ab. "Der Umstand, dass sie ihr Vertrauen in mein Porträt von ihr legte, ist eine wahrhaft bewegende Erinnerung, die ich nie vergessen werde."
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