|
Wie ein guter Wein, z. B. der feine Petit Syrah aus der südfranzösischen Region von Gordes / Bonneux / Lacoste (in der ein guter Teil von Tiefe der Sehnsucht gedreht wurde), benötigt manchmal auch eine Filmidee eine adäquate Reifezeit, bevor sie sich zum richtigen Zeitpunkt zu einer anspruchsvollen und innovativen Produktion entwickeln kann. Dies trifft auch im Falle des ungewöhnlichen Drehbuchs von Ron Bass zu, das Tiefe der Sehnsucht zugrunde liegt. Das Skript wurde vor zehn Jahren verfasst und jedesmal bewarben sich die erfolgreichsten Hollywood-Schauspielerinnen um den Part von Marty / Marie, u. a. auch Michelle Pfeiffer und Nicole Kidman. John Duigan und Steven Spielberg wurden im Laufe des Entwicklungsprozesses als Regisseure in Betracht gezogen. Grünes Licht bekam das Projekt erst, als Tom Rosenberg, Präsident von Lakeshore Entertainment, sich für die feinsinnige Vorlage begeisterte. David Dinerstein und Ruth Vitale, die Produktionsleiter der neugegründeten Division Paramount Classics, wurden schließlich einbezogen und wählten Tiefe der Sehnsucht als erste Produktion der neuen Studio-Abteilung. Autor Ron Bass, von dem bereits 15 Drehbücher realisiert wurden (u. a. Rain Man, "The Joy Luck Club", Warten auf Mr. Right und Die Hochzeit meines besten Freundes), betrachtet die lange Reifezeit von Tiefe der Sehnsucht als besondere Ironie: "Dessen Konzept und Sensibilität besitzen in der heutigen Epoche eine viel tiefgründigere Wirkung als in der Zeit seiner Verfassung!" Der Schwerpunkt des Films liegt auf dem Balanceakt, den nahezu jede heutige Frau vorführen mußs, wenn sie eine erfolgreiche Karriere im Beruf mit einem erfüllten Familienleben vereinen möchte: die Energie für eine anspruchsvolle Position im Job, sowie der notwendige innere Frieden und die Stabilität, die Mutterschaft verlangt, werden im Skript auf phantasievolle Art ausgedrückt, um die Schwierigkeit dieses Ausgleichs zu verdeutlichen. "Wenn das Leben immer schneller wird ? durch den Fortschritt in der Technik, das Internet ? wie kann man die eigenen individuellen, kreativen Neigungen in der Arbeitswelt mit persönlicher Entfaltung und weiblicher Verwirklichung (auch durch ein glückliches Privat- und Familienleben) kombinieren?" Bass bemerkt: "Es wird immer komplizierter für eine Frau, all diese Facetten ihres Wesens unter einen Hut zu bringen." Die filmische Umsetzung dieses Dilemmas beginnt hier in einem kleinen, ländlichen Dorf im Tal des Lubéron mitten in der Provence, wo Marie lebt, eine junge Amerikanerin, die trotz ihrer Witwenschaft ihr kleines, privates Glück mit ihren zwei Töchtern gefunden hat. Doch an jenem Abend wacht sie nach dem Einschlafen plötzlich in New York auf als Marty, eine erfolgreiche Agentin, die Schriftsteller betreut ? durchgestylt, tough, modern. "Die Rolle verlangt alles, und Demi hat einen unglaublich guten Job geleistet, sie ist phantastisch", betont Regisseur Alain Berliner. "Sie hat die feinen Unterschiede erfasst, die diese Gratwanderung ausmachen, die Andersartigkeit beider Figuren und ihre Gemeinsamkeiten. Diese Performance hat sie so fein nuanciert, sie zeigt zwei Seiten einer einzigen Person und dies ist weitaus schwieriger, als zwei verschiedene Rollen zu spielen". Demi Moores Arbeit in der Vergangenheit hatte Berliner begeistert: "Die Tiefe, Qualität und Intensität, mit denen sie sich stets ihrer Figur widmete ... im Falle meines Films kann man wohl von 'Figuren' reden!" fügt er lächelnd hinzu. Berliner, geboren in Brüssel, ist der Regisseur von Mein Leben in Rosarot, der 1998 den Golden Globe als bester ausländischer Film gewann. Nach der Preisverleihung in Los Angeles trafen Berliner und seine Produzentin Carole Scotta Ron Bass und die Produzenten von Lakeshore und verpflichteten sich für das Projekt. "Alain hatte eben Mein Leben in Rosarot gemacht, diesen unglaublichen Film, der uns alle so begeistert hatte", erinnert sich Ron Bass: "Wir hatten ihm das Buch zu Tiefe der Sehnsucht geschickt und er kam zu unserem Meeting mit großartigen Ideen für den Film. Er verstand diese Metapher als Grundlage für das Projekt, und auch, dass die Emotionen im Drehbuch doch sehr glaubwürdig und real sind". Bass fügt hinzu: "Unter seinen Ideen gab es diese visuellen Parallelen, die Kreuzungspunkte für die zwei Welten, die sich überschneiden ? und sie funktionieren im Film perfekt. Wir wussten einfach, dass er der beste Regisseur dafür ist". Berliner erzählt: "Wir benötigten zwei bis drei Monate, und während Ron und ich gleichzeitig am Skript arbeiteten, war ich auch mit dem Casting beschäftigt. Dann führte Ron einige Änderungen aus und vom Zeitpunkt, an dem ich das Drehbuch las, bis zum Drehbeginn verging kaum ein Jahr ... das ist sehr schnell". In genau dieser Zeit wurde Lucchesi zum Präsidenten von Lakeshore Entertainment ernannt, der Firma, die seit ihrer Gründung 1994 für die Erfolge von Die Braut, die sich nicht traut, Arlington Road und Ein Freund zum Verlieben sorgte. Mit Produzent Tom Rosenberg und dem Production Executive von Lakeshore, Andre Lamal, verwirklichte Lucchesi schließlich das Projekt. Tiefe der Sehnsucht wurde in elf Wochen gedreht, je zwei in New York und Paris und sieben in Südfrankreich, in der Gegend von Gordes / Bonnieux / Lacoste und dem Lubéron-Tal in der Provence, eine Region, die nicht zuletzt durch die Bücher vom Schriftsteller Peter Mayle auch dem anglo-amerikanischen Publikum bekannt wurde. "Als wir anfingen, nach geeigneten Locations zu suchen, waren alle fasziniert von der Schönheit jener Gegend", erzählt Lamal, der ein Haus in der Region besitzt. "Es war Herbst und das Blattwerk färbte sich in so reichen Goldtönen, die Luft wurde kühler und der Nebel schuf diese unwirkliche Atmosphäre, die perfekt zur Story passte. Alle waren sich einig und befürworteten diese Wahl". Lamal fährt fort: "Unser Kameramann Eduardo Serra ist ein richtiger Künstler, er hat dieses Licht meisterhaft eingefangen. Er brachte ein großartiges französisches Team mit, das sehr eingespielt war. Europäische Teams arbeiten sehr oft zusammen, fast ganze Generationen lang ? und sie pflegen ein stolzes Bewusstein für ihr Gewerbe: es ist in ihrem Blut. Sie bewegen sich am Set rücksichtsvoll und sanft und bei unserer Produktion voller ruhiger, diffiziler Momente war dies eine enorm wichtige Eigenschaft". Sowohl die Schauspieler als auch das Team konnten sich der weichen, heiteren und magischen Stimmung des goldenen französischen Herbstes nicht entziehen. "Weil wir während der Dreharbeiten in Südfrankreich fast immer außen filmten, benutzten wir ausschließlich natürliches Licht", so Berliner, "und deshalb waren unsere Drehtage relativ kurz, ein Zustand, der uns mehr Freizeit als sonst erlaubte. Und so lernten wir die Gegend wirklich kennen: jeden Abend speisten Schauspieler und Team zusammen, wir redeten, scherzten, tranken Wein. Es war so schön wie ein Urlaub!" Doch die sanfte Zufriedenheit der beiden Welten von Marie und Marty, der zwei gegensätzlichen, doch komplementären Frauen, findet ihr Ende, als beide sich in einen Mann verlieben, jede in ihrer ihr eigenen Dimension ... Dieser Wendepunkt in der Story bringt beide Figuren dazu, ihre Existenzen mit gesteigerter Nervosität und Ver wirrung zu betrachten, denn sie befürchten, durch ihre Beziehungen die Wahrheit herauszufinden: welches Leben ist Realität und welches reine Phantasie? Und auch die beiden Männer, konfrontiert mit diesen mysteriösen Umständen, drängen auf Klärung, Auflösung, und verstärken dadurch den seelischen Druck auf die Frauen. Der sanfte und sinnliche Schriftsteller William Leeds (Stellan Skarsgård), der Marie unaufhaltsam den Hof macht, ist der ungeduldigere von beiden. "Er insistiert und piesackt sie, mehr weil er eifersüchtig ist, als aus Mitgefühl", sagt Skarsgård über seine Figur. "Natürlich geht es auch um Mitgefühl, er liebt sie ja. Aber er möchte sie von ihren Träumen befreien ... und auch seinen Rivalen loswerden". Auch in seinen mitfühlendsten Momenten ist William von Skarsgård mit Komplexität und einer dunkleren Seite charakterisiert worden. "Ich habe mich schon immer für die verborgenen Seiten im Menschen interessiert", gibt der schwedische Schauspieler zu, "und wenn man eine glückliche, positive Figur spielt, mußs es etwas Dunkelheit in ihrem Inneren geben. Dies ergibt eine interessantere Dynamik für die Rolle". Seine dunkle Seite mußs besonders während einer besonderen Szene angesprochen worden sein, die in der wohl romantischsten Location des ganzen Films spielt: ein Dinner bei Kerzenlicht in einem verlassenen Schloss, das eigentlich dem Marquis de Sade gehörte! ?Es war sehr witzig, als wir uns dieses Motiv angeschaut haben", lacht Berliner, "weil wir über die Vergangenheit des Ortes Bescheid wussten, liessen uns das aber nicht anmerken. Wir fingen an den Touristenführer des Schlosses mit Fragen zu bombardieren und er wurde immer misstrauischer und genervter". Und wenn Skarsgård auch auf die dunklen Seiten seiner Figur stolz ist, er empfand die Tatsache, dass alle Charaktere im Film richtige Sympathieträger sind, als noch interessanter. "Es gibt keine bad guys in diesem Film", bemerkt er, "was sehr ungewöhnlich ist. Und es gibt jede Menge Wendungen ... es scheint so, als ob jede Zeile im Skript eine Überraschung parat hielte". Doch keine jener Wendungen ist abrupter, als wenn Marie sich in der idyllischen Kulisse der von einer leichten Brise umwehten, schwingenden Felder unter ihrem Fenster schlafen legt ... und beim Lärm der aggressiven, vor Energie berstenden Straßen New Yorks aufwacht. Die physische Polarität beider Milieus ahmt die Dualität der Charaktere nach. Es ist in New York, als Marty, die selbstbewusste Trägerin von Designerkleidung, die toughe Powerfrau mit Durchsetzungsvermögen, hart zu sich selbst und hart im Nehmen, die Chefin der eigenen Agentur, plötzlich und zu ihrer Überraschung Gefühle entdeckt für den scheuen, doch charakterstarken Berater eines ihrer Klienten. Allmählich gelingt es dem fürsorglichen und beschützenden Aaron Reilly (William Fichtner), das Herz von Marty zu erweichen, ein Herz, das von ihrer obsessiven Arbeitsethik verhärtet wurde. "Gleich ab dem ersten Treffen, als William die finanziellen Einzelheiten ihres Deals eines gemeinsamen Klienten mit Marty bespricht, verliebt er sich in sie", erzählt Fichtner. "Sie hat während der Verhandlungen Härte, aber auch große Menschlichkeit gezeigt. Natürlich weiß er, dass sie wegen ihrer Schönheit und ihres Erfolgs eigentlich außerhalb seiner Liga ist. Aber er denkt sich einfach? 'hey, es sind schon merkwürdigere Sachen passiert'". Und als sich ihre Beziehung vertieft und schließlich romantisch wird, versucht Aaron, hinter das Geheimnis ihrer Reserviertheit zu kommen. "Sie versucht es mir zu verheimlichen", kommentiert Fichtner die Handlung, "aber ich sage ihr einfach, dass, wenn sie von sich selbst davonlaufen möchte, weil sie es will, dann soll sie es auch tun. Bis sie zu dem Schluss kommt, dass sie sich mit der Wahrheit konfrontieren muß ? egal, was diese für sie verbirgt". Trotz einer langen und erfolgreichen Karriere im Showgeschäft hatte Fichtner vor Tiefe der Sehnsucht noch nie in seiner Heimatstadt New York on Location gedreht. Und trotz seines bekannten Gesichts wurde er noch nie mit den berüchtigten New Yorker Paparazzi konfrontiert. "Wir drehten gerade die Szene, in der Aaron und Marty sich zum ersten Mal küssen, vor der Kirche St. Bart's. Und da bin ich und küsse einen Weltstar mitten auf der Park Avenue. Zur Zeit der Mittagspause. Unter der Woche. Die Paparazzi waren so zahlreich, dass sie die National Guard herbeirufen mußsten, um den Verkehr und die Menschenmassen in den Griff zu bekommen ... kein Scherz". Produzentin Scotta, bei ihrem Debüt auf amerikanischem Boden, sekundiert: "Wir haben Paparazzi in Europa, aber so etwas habe ich noch nie gesehen!". Scotta wurde außerdem durch einige unkontrollierbare Faktoren der Stadt New York auf die Prüfung gestellt: "Dort zu drehen kann sehr schwierig sein. Es ist extrem laut ? es gibt so viel Verkehr, Autos auf der Straße und Jets in der Luft, dass die Tonaufnahme äußerst kompliziert wird. Aber wir beschlossen, viel davon zu behalten ... der natürliche Sound verleiht dem Film Realität". Bei diesem Dreh handelte es sich um den zweiten Besuch von Berliner in New York. "Ungefähr ein Jahr vorher hatte ich dort Zwischenstation gemacht, als Mein Leben in Rosarot beim Festival in Toronto vorgeführt wurde", erinnert sich Berliner. "So ging ich im Central Park spazieren und stieß auf einen Filmset ? das war Woody Allen beim Dreh von Celebrity. Ich ging zu ihm und sprach ihn an. Ich bin sicher, dass er mich für einen dieser Verrückten hielt, die unbedingt zum Film wollen ... ein Jahr später drehte ich im Central Park. Wenn dies kein wahrgewordener Traum ist!". Auch Marie / Marty spürt, dass sie einen Traum verwirklichen könnte, wenn es ihr gelänge, ihr mysteriöses zweites Leben zu erkennen und jene unwirkliche Welt aus ihrem realen Leben zu verbannen. Mit der Unterstützung ihrer Vertrauensperson und bester Freundin Jessie (Sinead Cusack) und ihres Psychiaters Dr. Peters entschließt sie sich, diesen Versuch zu wagen ... auch wenn sie sich nicht über die möglichen Konsequenzen im klaren ist. Wie Bass erklärt: "Der Film wurde als Metapher konzipiert, so als ob Marie / Marty durch den Schlaf fähig wäre, die Befriedigung oder das Geschenk eines zweiten Lebens zu erlangen ... eine neue Welt zu erleben, ein wahrhaftiger Spaziergang auf der anderen Seite!". Und noch: "Sie kommt zu dem Schluss, dass es einfach ist, mit verschiedenen Leben zu spielen, wenn man allein ist. Aber wenn andere Personen auftauchen ? in ihrem Fall eben die Männer ? dann mußs sie eine Entscheidung treffen. Sie mußs sich für einen Mann entscheiden, für ein Leben. All diese Themen werden ausgespielt, in einer äußerst außergewöhnlichen Dreiecksbeziehung". "Es ist die Kluft zwischen dem Leben, das man lebt, und dem Leben, das man leben möchte" ergänzt Skarsgård. "Ich meine, die meisten Menschen erleben dies mit einer gewissen Distanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Jeder kann diese Idee nachvollziehen. Und dieser Film behandelt das Thema wie ein psychologischer Thriller ...". Die außergewöhnliche Umsetzung eines aktuellen Themas und deren visuelle Sensibilität, gepaart mit der rätselhaften Story von Marie / Marty mache aus Tiefe der Sehnsucht ein spannendes, verstörendes Vergnügen um das Geheimnis, das wohl jede Frau verbirgt. "Die überraschende Wendung, die Schönheit der Locations und die Anziehungskraft von Demi Moore werden das Puplikum für diese Geschichte begeistern" resümiert Lamal. Die Fähigkeit, Kontrolle
über unsere Träume zu erlangen: Marie / Marty besitzt sie
- doch bedeutet diese Gabe für sie Glück oder wird aus
ihr ein Sog, der sie in einen Alptraum reißt?
|
