| ||
|
Rhapsody in Blue George Gershwin Regie: Eric Goldberg Design: Susan McKinsey Goldberg Es spielt am Klavier: Ralph Grierson
Klassisches amerikanisches Stilempfinden: Regisseur Eric Goldberg erwies dem Stil des legendären Karikaturisten Al Hirschfeld seine Referenz, als er die Figur des Dschinni für ALADDIN entwarf und im Animationsprozess überwachte. Für Fantasia 2000 hat Goldberg seiner Bewunderung für Hirschfeld, der übrigens immer noch - im Alter von nunmehr 96 Jahren - als Illustrator tätig ist, neuen Ausdruck verliehen, indem er eine ganze Welt in dessen unverkennbarem Linienstil geschaffen hat. Im Manhattan der Blütezeit des Jazz entfaltet sich eine quirlige Geschichte mit verschiedenen Figuren, die sich im Laufe ihres Alltags immer wieder über den Weg laufen. Goldberg erinnert sich eines Gesprächs, das er mit Al Hirschfeld sieben Jahre zuvor geführt hatte. Man hatte darüber diskutiert, Gershwins "Rhapsody in Blue" in Hirschfelds Zeichenstil umzusetzen. Goldberg: "Al sagte mir, wenn er 50 Jahre jünger wäre, dann würde er an einem solchen Projekt sofort mitwirken wollen. So aber gab er uns die Erlaubnis, jedes seiner Werke zu verwenden. Mir war klar, dass die Kombination von Gershwin plus Hirschfeld plus New York in den 30er Jahren einfach stark ist. Und ich dachte über eine Episode für FANTASIA nach, weil ich gehört hatte, dass man an einer Fortführung arbeitete. Unvermittelt entwickelte ich ein Ton-Gedicht mit agiler Kamera, war mir aber auch bewusst, dass es einer Geschichte mit griffigen Figuren bedurfte. Am Ende standen wir mit vier Hauptfiguren da." Die erste ist ein Bauarbeiter namens Dukeb, der gern ein Jazz-Musiker wäre. Dann gibt es John, der mit der sehr steifen Margaret verheiratet ist, und von mehr Spaß im Leben träumt. Diese Figur ist übrigens dem Journalisten John Culhane nachempfunden, einem langjährigen Beobachter des Disney-Studios, der bereits die Figur des Mr. Snoops in BERNHARD UND BIANCA inspirierte und für "Disney Editions" das Buch über die Entstehung von Fantasia 2000 publiziert hat. Die dritte Figur ist Joe, der zu gerne einen Job hätte, aber irgendwie nie zum Zuge kommt. Und schließlich ist da noch Rachel, die Goldberg ein wenig nach seiner eigenen Tochter entwarf. Rachel ist ein kleines Mädchen, das von einer übereifrigen Gouvernante buchstäblich von einer Unterrichtsstunde zur nächsten geschleift wird, aber eigentlich lieber etwas mehr Zeit mit seinen Eltern verbringen würde. Die aber sind viel zu sehr mit ihren eigenen Alltäglichkeiten beschäftigt. Jede Figur hat also ein Problem, das es zu lösen gilt." Während der vielen Jahre, die ich New York lebte, hat es mich fasziniert, dass diese Stadt auf ihrer kleinen Insel so viele Menschen verschiedener Charakterprägung und Herkunft zueinander bringen kann. Dieses Gefühl von Großstadt hat mich auch an der "Rhapsody in Blue" fasziniert und gab den Ausschlag, diese Komposition in Bilder umzusetzen. Die Musik besteht aus schnellen, langsamen, humorvollen Passagen und Wiederholungen; das gibt eine Menge her für Zeichentrick. Die Musik treibt die Geschichte ganz von allein voran. Goldberg begann mit der Arbeit an "Rhapsody in Blue" 1998, nachdem er zuvor die Regie für die Episode "Der Karneval der Tiere" zum Abschluss gebracht hatte. "Rhapsody" war ursprünglich als eigenständiger Kurzfilm geplant, bis Roy Disney und Don Ernst ihr Interesse bekundeten, das Projekt ins Programm von Fantasia 2000 aufzunehmen. Eric Goldberg skizzierte die gesamte zwölfminütige Sequenz in Storyboards, und als er grünes Licht bekam, war der Film bereits vollständig durchkonzipiert. Als dann wegen anderweitiger Terminänderungen auch noch zusätzliches Personal zur Verfügung stand, konnte Goldberg die "Rhapsody" - Animation binnen neun Monaten zum Abschluss bringen. Wie schon beim "Karneval der Tiere" übertrug Goldberg auch das Design für "Rhapsody in Blue" seiner Frau Susan. Sie orientierte sich weitgehend an Al Hirschfelds Arbeiten aus den 40er Jahren, die durch große Farbflächen charakterisiert waren. Emily Jiuliano und Vera Lanpher-Pacheo sind Spezialistinnen für die Bereinigung von Bildern und vollbrachten in enger Zusammenarbeit mit Susan McKinsey Goldberg wahre Wunder, um die Nuancen der Linie in Hirschfelds Stil für den Film zu reproduzieren. Gleiches gilt für Rasoul Azadani, der das Layout überwachte. Seine Arbeit war es, Hirschfelds Linie auf die Stadt-Landschaft New Yorks in den 30er Jahren filmisch zu übertragen. Susan McKinsey Taylor über ihr Design zu "Rhapsody in Blue": "Die wesentliche Aufgabe bestand darin, harmonische Farben herzustellen und damit die Geschichte zu inszenieren. Farbe hat einen emotionalen Wert und prägt damit die Atmosphäre oder Stimmung in einer Szene. Für "Rhapsody" verwendeten wir eine begrenzte Farbpalette, wie sie in den 30er und 40er Jahren üblich war. Beinah jedes Detail ist eine Variation von Blau; die Bandbreite reicht vom monochromatischen Wert über satte Grünschattierung bis zu Purpur, Türkis und Lila. Alles ist stilisiert. Deshalb sind die Hauttöne auch eher violett als fleischfarben. Gelegentlich aber gibt es ein warmes Rot oder Gelb, um gewisse Akzente in der Stimmung zu setzen." Wenngleich die Figuren von Goldberg speziell auf die Geschichte hin entworfen wurden, so ist doch eine Figur sehr genau einer Original-Karikatur von Hirschfeld nachempfunden - George Gershwin, der im Film einen Gastauftritt am Piano bestreitet. Diese Szene hat Eric Goldberg höchstselbst gezeichnet und animiert. "Ich bin recht versessen auf Details", erklärt er dazu. "Also habe ich darauf bestanden, dass Gershwin am Piano auch in die richtigen Tasten greift. Dafür hatten wir unseren Solo-Pianisten Ralph Grierson live gefilmt und ich bin dann die Nahaufnahme seiner Hände Bild für Bild durchgegangen. Unser Musik-Experte Kent Holaday hat mir zudem erklärt, welche Tasten von welchen Fingern bei welcher Note verdeckt sein würden, und das habe ich dann in zwei Schritten umgesetzt. Zuerst kamen die Körperbewegungen, die ein Oberflächenmuster gaben, das genau auf die Musik abgestimmt war. Dann ging ich zurück und zeichnete die Arme und Finger auf einer separaten Ebene, damit sie auch die richtigen Tasten trafen. Es war ganz schön knifflig, die Finger im Hirschfeld-Stil mit all den Schnörkeln und krummen Knöcheln beizubehalten. Aber zuletzt waren doch alle da, wo sie auch hinsollten." Dank Goldbergs Detailversessenheit floss auch Hirschfelds Markenzeichen "Nina" in "Rhapsody in Blue" ein. Das Signet ist u.a. am Pelzbesatz von Margarets Mantel und auf einer Zahnpasta-Tube zu sehen. Al Hirschfeld war vom Resultat begeistert: "Ganz ehrlich, da haben die Jungs einen bemerkenswerten Job hingelegt. Ich kann sehen, dass Eric Goldberg von Anfang an genau wusste, worum es in meinen Zeichnungen geht, und das hat er in Zeichentrick übersetzt. "Rhapsody in Blue" ist eine Musik von sehr beschreibendem Charakter und das spiegelt der Film wundervoll wieder. Er führt damit gewissermaßen zu den Anfängen Walt Disneys zurück. Eine Linie wird in Bewegung versetzt und so entsteht eine Kommunikation mit dem Betrachter. "Rhapsody in Blue" beweist, dass dieser Ansatz immer noch funktioniert. Keine Ahnung, wie Mr. Goldberg das gemacht hat. Es ist ein Geheimnis, aber so ist das mit Kunst ja immer." Eric Goldberg erweist seinem großen Vorbild eine weitere Referenz: "Al hat mal gesagt: Unter Zeitdruck wird das Bild komplex und diffus, aber wenn ich Zeit habe, dann entsteht eine Zeichnung, die ganz einfach aussieht. Dieses Zitat war unser Leitspruch. Gehe zurück zu den ursprünglichsten Elementen und das Bild wird sich ganz von allein mitteilen." Für Roy Disney ist "Rhapsody in Blue" eines der schönsten und bekanntesten amerikanischen Musikstücke überhaupt. "Es zaubert die Visionen einfach so hervor und es ist kaum vorstellbar, beim Zuhören nicht an New York und U-Bahnzüge zu denken. Eric Goldbergs Film ist für Fantasia 2000 eine echte Bereicherung."
Und Goldberg fügt abschließend hinzu: "Ich denke, dass es für das Publikum sehr wichtig ist zu sehen, was Künstler heutzutage mit Musik und Zeichentrick alles anstellen können. Das sind so kraftvolle Ausdrucksformen und wenn man sie gut zusammenbringt, dann ist das Resultat kaum zu toppen.
Ich hoffe daher sehr, dass die Leute den gleichen Spaß beim Sehen haben werden, den wir bei der Herstellung des Films hatten."
|