Hintergrund zu Fantasia 2000

Pomp and Circumstance, Marches 1, 2, 3 und 4
Sir Edward Elgar
Regie: Francis Glebas
Design: Daniel Cooper

Donald zieht gleich

Die Rivalität zwischen Micky Maus und Donald Duck ist wohlbekannt. Die Maus stand mit FANTASIA 60 Jahre lang im Rampenlicht. Mit Fantasia 2000 darf sich nun auch die Ente als Star einer eigenen Episode vorstellen. "Pomp and Circumstance" aus der Feder des englischen Komponisten Sir Edward Elgar ist einer der bekanntesten Märsche überhaupt. An amerikanischen Highschools und Colleges ist er traditionell bei der Zeugnisübergabe während der Abschlussfeier zu hören. Aus diesem Grunde schlug der Disney-Vorsitzende Michael Eisner das Stück fürs Repertoire von Fantasia 2000 vor. Er wusste, dass diese Musik mit glücklichen Ereignissen und einer Vielzahl tief greifender Gefühle verbunden wird. Wie sich dann herausstellte, wählten die Filmemacher die vielleicht größte aller Prozessionen als Szenario.

Regisseur Francis Glebas erinnert sich: "Im Zuge meiner mannigfachen Arbeit für Fantasia 2000 ging mir eine Idee der Arche Noah nicht mehr aus dem Kopf. Irgendwie mußs es doch eine ziemliche Plackerei gewesen sein, all die Tiere an Bord des Schiffs zu bringen. Das schien mir eine Menge Möglichkeiten für komische Situationen bereit zu halten, und so unternahm ich einen kleinen Test mit Noah als Hauptfigur. Die Musik stammte aus Rossinis "Der Barbier von Sevilla" und es war in der Tat sehr lustig, aber einiges schien noch zu fehlen. Als Nächstes versuchten wir es mit Dvoráks Neunter Symphonie, die dem Ganzen einen sehr erhabenen, geradezu königlichen Klang verlieh. Nichts schien wirklich geeignet für das, was wir vorhatten. Zu dieser Zeit tüftelten die Filmemacher an einer Geschichte zur Musik von "Pomp and Circumstance" mit Donald Duck als Hauptakteur. Ich schlug vor, Donald als Noahs Gehilfen ins Spiel zu bringen. Von da an nahm die Sache Gestalt an. Roy Disney meinte dann, dass auch Daisy sich in der Geschichte gut machen würde. Die Idee eines Pärchens, dessen Liebe unter keinem guten Stern steht, weil die beiden sich ständig verpassen, impfte der Handlung jene Dramatik und Gefühl ein, die vorher gefehlt hatten."Wie sich herausstellte, lag die eigentliche Herausforderung darin, die Geschichte gemäß dem Takt der Musik zu erzählen. Glebas: "Wir arrangierten die Musik geringfügig um, aber an der eigentlichen Vorgabe änderte das nichts. Es war in etwa so, als wolle man einen Stummfilm ohne Zwischentitel machen. Es ging also darum, auf der Leinwand Dinge zu zeigen ohne ein einziges gesprochenes Wort. Unsere Zeichner haben das bravourös gelöst. Donalds Persönlichkeit ist auch ohne das charakteristische Quaken klar erkennbar."

Die Aufgabe, "Pomp and Circumstance" neu zu arrangieren, fiel dem Musiker Peter Schickele (auch bekannt als PDQ Bach) zu: "Die meisten Leute wissen nicht, dass "Pomp" nur einen von insgesamt fünf Märschen in Elgars kompositorischem Gesamtwurf darstellt. Wir entschlossen uns deshalb, Auszüge aus den vier anderen Märschen mit dem ersten zu einem neuen, einheitlichen Stück zusammenzustellen, das nun besser zur Handlung passt und eine größere emotionale Bandbreite anbietet." Auf Wunsch der Filmemacher fügte Schickele am Ende einen Chor hinzu, der bei Elgar nicht vorkommt. Man war übereingekommen, dass es schön wäre, wenn die Melodie im letzten Durchgang von einem Sopran gesungen würde. Kathleen Battle sang die Passage, die dann nachträglich zur Musik gemischt wurde. Im Zuge weiterer künstlerischen Freiheiten wurden für eine Szene mit einem Vogelschwarm einige Noten für Piccolo-Flöte hinzugeschrieben. Außerdem ließ Schickele den Einsatz der Kesselpauke ein wenig verrutschen. Ein Eingriff, zu dem er schmunzelnd eingesteht, dass Elgar selbst ihn nie getan haben würde, "weil es es ihn vermutlich seinen Adelstitel gekostet hätte".

James Levine berichtet von der Aufnahme des Stücks: "Ich versuchte immer wieder, einen gewissen Zeichentrick-Appeal in den Klang zu bringen, weil das in diesem Stück nicht so offenkundig gegeben ist wie in einigen anderen Titeln des Repertoires. "Pomp and Circumstance" hat einen fortschreitenden Charakter. Die Besprechungen über die Geschichte und Zeichnungen zur Musik hatten wesentlichen Einfluss auf die Lebendigkeit der Einspielung. Mir erscheint die Einspielung als absolut einzigartig für das, was sie bezwecken soll. Wir alle kennen die Melodie und haben gewisse Bilder dazu im Kopf, aber nun geht das alles in eine ganz und gar andere Richtung. Was auf Grund ständiger Wiederholung eintönig und lang hätte klingen können, erscheint nun schnell wie der Blitz, weil die Animation dieses Tempo vorgibt. Ton und Bild funktionieren nicht nur als Einheit, sondern gleichzeitig auf ihren ganz eigenen Ebenen. Es ist eine absolut herausragende Arbeit geworden."

Und Roy Disney fügt abschließend hinzu: "Ich mag es, dass Donald nun endlich gleichziehen darf. Er hat stets die zweite Geige spielen müssen, dabei ist er doch längst viel beliebter als Micky Maus. Das Design in dieser Sequenz zeigt den klassischen Donald, wie wir ihn alle kennen, und das finde ich toll. Okay, er spricht diesmal nicht. Aber dafür mußs man sich auch nicht den Kopf zerbrechen, was er wohl geschnattert haben könnte. Man kann sich einfach zurücklehnen und zuschauen, wie er in Rage gerät.

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