Hintergrund zu Fantasia 2000

Der Feuervogel
Suite, Version von 1919
Igor Strawinsky
Regie: Gaëtan und Paul Brizzi
Design: Carl Jones

Das letztgültige Finale
Eine Vision der Hoffnung

Auf der Suche nach einem geeigneten Schlussstück für Fantasia 2000 stießen die Filmemacher auf eine Kompo-sition, die oftmals als "letztgültiges Finale" bezeichnet worden ist. Produzent Don Ernst ist überzeugt, "hier erleben wir den musikalisch großartigsten Schluss. Er ist wirklich groß und er funktioniert atemberaubend gut." Tod und Wiedergeburt sind die Themen dieses Musikstücks. Natur wird verkörpert von einer Fee, die vom Herrn des Waldes, einem einsamen Elch, herbeigerufen wird. Der Feuervogel, der in einem brodelnden Lavakrater lebt, hat in seiner alles verzehrenden Wut den Frühling zerstört. Nun ist es an Elch und Waldgeist, das Leben zurück in den verwüsteten Wald zu bringen und aus der Asche wiederauferstehen zu lassen.

Gaëtan und Paul Brizzi sind seit über einem Jahrzehnt eng mit dem Disney Zeichentrick-Studio in Paris verbunden. Das Bruderpaar hatte soeben die Regiearbeit für DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME abgeschlossen, als ihnen das Finale für Fantasia 2000 angeboten wurde. Roy Disney hatte Stra-winskys "Feuervogel-Suite" angeregt und die Brizzis entwickelten quasi aus dem Stand heraus eine Geschichte. Die Storyboards für die gestalterische Umsetzung fertigten sie wie üblich selbst an. "Tom Schumacher hatte Natur als Leitmotiv dieser Sequenz vorgeschlagen", blickt Paul Brizzi zurück. "Das griffen wir auf und verfolgten die Idee von Rückkehr und Wiedergeburt. Die Musik hielt alle Elemente bereit, die wir für eine Geschich-te voller Dramatik, Spektakel, Spaß und Spannung benötigten. Die Bilder flogen uns ganz von selbst zu. Mit den Planskizzen konnten wir stets unsere Vorstellungen vertiefen und die relevanten Schnittstellen zur Musik herausarbeiten."

"Der Feuervogel" ist laut Gaëtan "geradezu ideal für Fantasia 2000, weil die Bilder die Musik leiten, die ihrerseits wiederum zu den Bildern führt. Die beiden Elemente fügen sich zu einer Einheit zusammen." Die Regisseure schufen drei Hauptfiguren, um die Natur zu symbolisieren. Der Waldgeist steht für den Frühling, der jedes Jahr zu neuem Leben erwacht und das Land mit saftigem Grün und prächtigen Farben überzieht. Der noble Elch ist ihr Symbiont im alljährlichen Prozess des Knospens, während der mächtige Feuervogel ein gefiedertes Flammenwesen darstellt, dass alles auf seinem Wege vernichtet. "Die Fee erwacht einmal im Jahr zum Leben", erklärt Paul Brizzi. "Sie ist der Frühling, der vom Elch erweckt wird und mit Rat und Tat Unterstützung findet in seiner Erneuerung der Natur. Unsere Frühlingsfee ist voller Unschuld und weiß nicht im Mindesten um die fürchterlichen Konsequenzen, als er auch den Geist des Feuervogel zum Leben erweckt. Sie stellt auch den Menschen an sich dar. Sie macht Fehler, aber sie zieht auch ihre Lehren daraus und gewinnt damit immer mehr an Schönheit und Würde. Am Ende ist sie in der Lage, alles selbst zu meistern. Wir dachten uns, dass das eine gute Botschaft fürs neue Jahrtausend ist. Es geht um die Hoffnung, dass alles Vertrauen der Natur zuteil wird."

Es war die Musik, aus der die Idee von Tod und Wiedergeburt beim Zuhören hervorging. Dazu Gaëtan: "Wir hatten den Eindruck, dass auch Strawinsky schon dieses Motiv im Kopf hatte, weil die Musik mit ihren aufwühlenden und sehr ruhigen Passagen so vielseitige Akzente zum Klingen bringt. Das ganze Geheimnis des Lebens ist darin enthalten. Wir haben das so ausgestaltet, dass wir nach katastrophaler Zerstörung dem natürlichen Weg folgten, der zurück zum Leben führt. Dafür haben wir einen poetischen Ansatz gewählt, der die gleiche emotionale Kraft hervorzurufen versucht, wie das bei der Musik der Fall ist."

Bei der Ausarbeitung der drei Hauptfiguren kombinierten die Brizzis traditionelle Zeichentechniken mit modernen Computer-Anwendungen. Anthony DeRosa übernahm die Animation der Fee, Ron Husband den Elch und John Pomeroy hauchte dem Feuervogel Leben ein. Trick-Künstler Ted Kierscey überwachte die Spezialeffekte, in denen die handgezeichneten Ebenen um Rauch, Feuer und Lava sich mit dem Feuervogel verschmelzen. Dave Bossert schließlich gestaltete die Fee, wofür er mit seinem Team für visuelle Effekte unter der Leitung von Chyuan Huang mehrfach technisches Neuland zu erschließen hatte.

Im Blick auf die Spezialeffekte stellte der Feuervogel für die Künstler die größte Herausforderung dar. Bossert und sein Team studierten dafür zunächst einmal die Lava-Animation in WEIHE DES FRÜHLINGS und ALADDIN. Dabei kam man schnell überein, dass man sich von den früheren Ansätzen gänzlich unterscheiden wollte. Dokumentaraufnahmen von Lavaströmen brachten die Erkenntnis, dass Lava beim Ab-kühlen eine Kruste bildet. Das sollte ein wesentliches, neues Kriterium für den Feuervogel als lebendige, flammende Krea-tur werden. John Pomeroy schuf die Basis-Animation, Ted Kierscey fügte die handgezeichneten Zusatzebenen hinzu. Die Lavakruste gab dem Feuervogel Format und Eigenständigkeit und ließ ihn nicht nur als roten Klecks erscheinen.

Die Fee entstand als zweidimensionale Zeichentrickfigur, der zahlreiche dreidimensionale Computer-Effekte beigefügt wurden, damit sie sich gänzlich in die Hintergründe einpassen konnte. Tatsächlich besteht die Figur zur Hälfte aus Effektwerk. Für die Schlussszene orchestrierte Computer-Animator Mike Kaschalk über eine Million Bildpartikel, um die Illusion eines bewegten impressionistischen Gemäldes zu schaffen. Dazu abschließend Roy Disney: "Diese Sequenz steht für eine weitere sehr persönliche Reise. Es geht um die Welt, in der wir le-ben; um Tod und Wiedergeburt. Unsere Metapher dafür war die Eruption des Mount St. Helens, die eine ganze Landschaft verwüstet hatte. Aber in der Folge erschuf sich die Umwelt neu und die Narbe verheilte. Jeder Zuschauer kann sich darin irgendwie wiederfinden. Für all diese wundersamen Kräfte der Natur steht bei uns eine kleine Fee, die den Wald ergrünen lässt; selbstvergessen und voller Freude. Es ist ein glorreiches Abschlussbild."

© 2000 Buena Vista © 1994 - 2010 Dirk Jasper