Produktionsnotizen zu Keiner weniger

Auf den großen Kinofestivals in Europa ist der chinesische Regisseur Zhang Yimou eine sichere Bank. Auch bei seinem vierten Auftritt im Wettbewerb am Lido in Venedig holte sich der phantasievolle Filmemacher wieder einen Preis. Nach seinem Silbernen Löwen für "Die Rote Laterne" (1991) und dem Goldenen Löwen für "Die Geschichte der Qui Ju" (1992) wurde 1999 auch sein anrührendes "Keiner weniger" von der Jury mit dem Löwen in Gold geehrt.

Mag man sich heute noch erzählen, die Festival-Verantwortlichen in Cannes hätten diese wundervolle Parabel als "Propaganda" abgelehnt, da sie doch recht konventionell und systemkonform erzählt sei - für Filmfreunde ist diese neueste Inszenierung des Meisterregisseurs einmal mehr ein Beweis seiner großen Kunst, einfühlsame Geschichten in unvergesslichen Bildern zu erzählen!

Mit großen, farbenprächtigen Historienfilmen ("Rotes Kornfeld", "Judou", "Die Rote Laterne") war Zhang Yimou weltbekannt geworden, seitdem hatte der chinesische Filmemacher auch immer wieder (nach dem Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens) Auseinandersetzungen mit der Zensur (so bei "Leben" oder "Shanghai Serenade") auszustehen. Im Vergleich zu seinen früheren Filmen entstanden Keiner weniger und auch "Heimweg", die beide Geschichten um chinesische Dorfschulen erzählen, mit sehr bescheidenem Aufwand - aber auch, und das ist wohl sensationell zu nennen, mit amerikanischem Geld.

Keiner weniger berichtet aus der Sicht eines Kindes, eines 13jährigen Mädchens, das als Aushilfslehrerin einen Monat lang die Unterrichtsvertretung übernimmt, von den äußerst bescheidenen Bildungsbedingungen auf den Dörfern des Riesenreiches. Mit unbekannten Laien-Darstellern einfühlsam inszeniert, gewinnt diese zauberhafte Parabel von Mut und Durchhaltewillen gerade durch seine Schlichtheit eine Größe, die Filmfreunde rund um den Globus begeistert.

In Wahrheit entbehrt die Story keineswegs einer gewissen Brisanz, denn Zhang Yimou, dessen Vorliebe für Geschichten aus der Welt der Landbevölkerung ihm den Namen "Bauern-Regisseur" eingetragen hat, legt mit "Keiner weniger" den Finger auf eine ganz besondere Wunde: In China müssen nämlich jedes Jahr wohl mehr als eine Million Kinder aus Armutsgründen die Schule abbrechen. Sie und ihre Eltern können es sich einfach nicht leisten, am Unterricht teilzunehmen.

Dirk Jasper FilmLexikon
© Fotos: Columbia Tristar © 1994 - 2010 Dirk Jasper