Produktionsnotizen zu Hollow Man - Unsichtbare Gefahr

Die Idee von Unsichtbarkeit beschäftigt den Menschen seit Jahrhunderten. Seit der Antike zieht sich das faszinierende Sujet durch mündlich überlieferte, traditionelle Geschichten und alle Formen der Literatur. Jetzt hat sich Paul Verhoeven, einer der erfolgreichsten Filmemacher unserer Zeit, der Thematik angenommen und nimmt sie in einem Thriller unter die Lupe, der ebenso spannend wie provokativ ist.

1989 begann Produzent Douglas Wick mit dem Gedanken zu spielen, einen Film über Unsichtbarkeit und die möglichen Folgen zu machen. Er erklärt: "Zu dieser Zeit begann die Revolution neuer Möglichkeiten im Bereich Visuelle-Spezialeffekt-Technologien. Mir wurde bewusst, dass man die Silhouette eines unsichtbaren Mannes plötzlich auf eine Weise präsentieren könnte, wie man es noch nie zuvor gesehen hat. Also gab es für mich nicht nur die universelle Faszination für ein verlockendes Thema, sondern auch die reizvolle Aussicht, ein echtes visuelles Feuerwerk abzubrennen."

Alles, was Wick fehlte, war eine starke, spannende Geschichte. Dann traf er mit Gary Scott Thompson und Andrew W. Marlowe zusammen. Letzterer galt nach dem Erfolg von Air Force One (1997) gerade als einer der heißesten Autoren Hollywoods. Wie Paul Verhoeven war er gefesselt von der Idee, welche psychologischen Auswirkungen es auf einen Menschen haben könnte, wenn er auf einmal von allen gesellschaftlichen Zwängen befreit wäre.

Für Marlowe sprach überdies, dass er die komplexe Welt der Spezialeffekte schon seit längerem mit großer Begeisterung verfolgte. Dieses persönliche Interesse war so weit gediehen, dass er bereits vor HOLLOW MAN ein regelmäßiger Besucher der führenden Firmen und Labors des Feldes war.

Verhoeven erinnert sich: "Als Andrew das Drehbuch schrieb, platzierte er Spezialeffekte in die Geschichte, die damals noch nicht realisierbar waren. Er sah voraus, dass es ein Jahr später möglich sein würde, diese Ideen auch praktisch umzusetzen. Ihm Kopf war er beim Verfassen seiner Zeit voraus!"

Marlowe selbst sagt über die Geschichte: "Es ist ein Drama über Moral, in dem ein charismatischer Führertyp von den Regeln der Gesellschaft in Schach gehalten wird. Ohne Klischees zu bemühen, erzählt der Film, was passiert, wenn sich diese Regeln nach und nach auflösen - im gleichen Maße, wie sein Körper vor unseren Augen zu verschwinden scheint."

Produzent Douglas Wick war begeistert von Marlowes Drehbuch und schickte es umgehend an Paul Verhoeven. "Er war der Regisseur, den ich für HOLLOW MAN haben wollte", erinnert sich Wick. "Die wahre Herausforderung des Films hatte nichts mit der Umsetzung der Effekte zu tun. Wichtig war es, einen Regisseur zu finden, dem es gelingen würde, die Effekte nahtlos in das Drama der Geschichte einzufügen. Paul ist nicht nur ein brillanter Mathematiker und Wissenschaftler, der eine besondere Begabung für die Arbeit mit Spezialeffekten hat. Er ist vor allem ein Geschichtenerzähler mit einem außerordentlichen Gespür für das Visuelle, der sein Publikum von Anfang bis Ende in seinen Bann zieht."

Verhoeven ist bekannt dafür, sein Publikum gleichermaßen zu fesseln und zu verstören. Seine frühen holländischen Filme sind präzise Studien gesellschaftlicher, sexueller und historischer Sitten, die bitter, grausam, witzig, tragisch und lustig sein können.

Verhoeven beschreibt seine Begeisterung für das Science-Fiction-Genre: "Als ich in die USA ging, um zu arbeiten, wusste ich, dass ich nicht genug über die Nuancen in der amerikanischen Gesellschaft wusste, um sie in einem Film zu reflektieren. Ich wollte mich nicht damit aufhalten, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, ob ich gerade zufällig Regeln der amerikanischen Gesellschaft breche oder Fehler mache, weil mir gewisse Ausdrücke oder Verhaltensweisen nicht geläufig sind. Die Arbeit im Science-Fiction-Genre gab mir mehr Sicherheit."

Verhoevens Hollywood-Debüt war RoboCop (1987), ein großer Science-Fiction-Erfolg, dem er mit Total Recall (Die totale Erinnerung - Total Recall, 1990) abermals einen Ausflug in dieses Genre folgen ließ. Später bewegte er sich mit Starship Troopers (1997) ein drittes mal auf diesem Parkett. Dazwischen wagte er sich mit Basic Instinct (1992) und dem mit erotischer Spannung geladenen Showgirls (1995) - den meist diskutierten Filmen ihrer jeweiligen Entstehungsjahre - ins Reich des psychologisch motivierten Thrillers.

Beim Versuch, sein abwechslungsreiches Oeuvre auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, sagt Verhoeven: "Ich nehme die Elemente des Lebens, wie ich sie sehe, und bringe sie in meinen Filmen unter. Das können Dinge sein, die ich liebe - aber auch Dinge, die ich hasse."

Verhoeven erinnert sich an seine erste Lektüre des Drehbuchs von Andrew Marlowe: "Die Figuren waren auf den Punkt. Die Handlung befasste sich in intelligenten Entwicklungen und Variationen mit verschiedenen Gesichtspunkten der Unsichtbarkeit. Mir gefiel die extreme Einheit von Raum, Zeit und Handlung. Es sprach mich auf eine sehr eigenartige Weise an. Ich kann es nicht besser beschreiben als eine genaue Studie des Bösen. HOLLOW MAN beginnt als gutmütiges, wissenschaftliches Abenteuer mit einigem Humor. Denn erleben wir, wie der intelligente, geniale Sebastian Caine sich in ein verrücktes, böses Monster verwandelt." Und der Regisseur, der während des Zweiten Weltkriegs in Holland aufwuchs, sagt: "Er wird der Teufel."

Wie die meisten Filme Verhoevens wirft auch HOLLOW MAN verstörende Fragen über das menschliche Verhalten auf.

"Vor Tausenden von Jahren schrieb Plato über Unsichtbarkeit, dass Moralität nicht in uns liegt, sondern sich darüber definiert, was andere über uns wissen und von uns erwarten", erzählt Verhoeven. "Er sagte, dass ein unsichtbarer Mensch trunken werden würde von Macht und sie missbrauchen würde - einfach, weil er damit davonkommen würde. Er würde stehlen, er würde in anderer Leute Zuhause einbrechen und willkürlich vergewaltigen und morden. Plato vermutete, dass es keinen universellen Moralkodex in uns gibt, der uns dazu führt Gutes und Gerechtes zu tun. Wir benehmen uns entsprechend der aufgestellten Regeln, weil wir nicht wollen, dass wir ins Gefängnis gesteckt werden. Wer bin ich, dass ich mir anmaßen würde, Plato anzuzweifeln?"

Neben der Erforschung dieser grundsätzlichen moralischen Fragen war Verhoeven fasziniert davon, einen magnetisierenden Helden auf der Leinwand zum Leben zu erwecken, der sich zur Verkörperung des Bösen entwickeln würde.

"Nachdem er auf wunderbare Weise auf die Formel stößt, die Tiere unsichtbar werden lässt, stellt Sebastian Selbstversuche mit sich an", erklärt Verhoeven. "Aber die menschliche DNS weicht von der tierischen ab. Das anfangs fast joviale Abenteuer nimmt eine Abzweigung in finstere Gefilde, als der Zustand der Unsichtbarkeit auf Sebastians Psyche übergreift. Merkwürdige, fremde Dinge werden in seiner Persönlichkeit entfesselt, die ihn direkt in den Schlund des Bösen führen."

Der Regisseur fährt fort: "Ab einem gewissen Punkt ist es Sebastian nicht mehr möglich, sich zurück zu halten, weil er weiß, dass seine Taten ungesühnt bleiben werden. Als Unsichtbarer beginnt er, die Klauen des Bösen auszufahren."

Verhoeven genießt das Dilemma, das Sebastians Sturz in den Abgrund der Verderbtheit für das Publikum darstellen wird: "Am Anfang ist man auf seiner Seite. Man drückt ihm die Daumen. Er ist der Held. Aber wenn sich sein Verstand umwölkt und Schatten auf seine Seele legen, stellt sich die entscheidende Frage: Wie lange wird man ihm treu bleiben? Wird man ihn überhaupt irgendwann komplett ablehnen, oder bleibt da ein kleiner Rest bestehen, der weiter zu ihm hält?"

Verhoeven versucht, HOLLOW MAN griffig zusammen zu fassen: "Es ist ein Science-Fiction-Suspense-Thriller, der sich zu einem Horrorfilm entwickelt, wenn die "Wissenschaft" in der Science Fiction keine Rolle mehr für die Handlung spielt. Dann wird der Film kalt, abwehrend, klaustrophobisch - ich würde es als moderne Gotik bezeichnen."

Natürlich fühlte sich Verhoeven als Filmemacher auch heraus gefordert, digitale Spezialeffekte in die Handlung einzubauen, die vor nur einem Jahr schlicht und einfach nicht realisierbar gewesen wären.

"Wir mußsten vor allem darauf achten, möglichst allen Klischees aus dem Weg zu gehen, die man landläufig mit dem Genre des Unsichtbarer-Mann-Films in Verbindung bringt", meint Drehbuchautor Marlowe. "Wir sind tricktechnisch wesentlich weiter als der typische schwebende Kugelschreiber oder das Glas Wasser, das sich auf wundersame Weise von allein durch die Luft bewegt. Wir mußsten neue Wege finden, um die Unsichtbarkeit zu zeigen."

Die Filmemacher lösen dieses Versprechen ein. Man kann die Umrisse von Sebastian sehen, wenn er sich durch Dampf bewegt oder in einem Swimming Pool kämpft oder wie ein Geist durch Rauchschwaden oder Feuer geht.

Paul Verhoeven gibt freimütig zu: "Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie kompliziert und schwierig es werden würde, den Film zu machen. Es ging weit über alles hinaus, was ich mir vorstellen konnte."

Alle Beteiligten unterschätzten die Komplexität des Drehs von HOLLOW MAN, wie Scott E. Anderson, der Leiter der Spezialeffektabteilung und Regisseur des zweiten Drehteams, bestätigt: "Wir betraten absolutes Neuland. Ich vergleiche die Arbeit an Starship Troopers und HOLLOW MAN mit dem Führen einer Armee und dem Bau einer Schweizer Uhr. Es gibt genau so viele bewegliche Teile, aber die befinden sich hier auf einem viel engeren, genauer definierten Raum."

Es gab zwei große Herausforderungen für das Effektteam. Zum einen mußste man zeigen, wie die Titelfigur unsichtbar wird - Lage um Lage, Körperteil um Körperteil. Gleichzeitg mußste man einen Weg finden, den Unsichtbaren nach der Verwandlung zu "zeigen".

Verhoeven räumt ein: "Wissenschaftlich gesehen scheint eine Formel für Unsichtbarkeit unmöglich. Aber alles, was wir heute in unserem Leben um uns haben und für selbstverständlich halten, war einst unvorstellbar. Wenn man die Grundidee akzeptiert, dass Unsichtbarkeit möglich ist, dann ist unser Film absolut realistisch.

Das Drama des Ganzen, die Fragen, die dabei gestellt werden, und die Gelegenheit, völlig neuartige Effekte auszutesten, ließen mich HOLLOW MAN unbedingt machen wollen", fasst der Regisseur zusammen.

Verhoevens langjähriger Produzent Alan Marshall schloss sich dem Team an. Gemeinsam machte man sich daran, eine Besetzung für das Projekt zu finden.

"Ich wusste, dass wir auf dem Weg zur Fertigstellung des Films mit technischen Schwierigkeiten konfrontiert werden würden", sagt Verhoeven. "Aber ihre Bewältigung wäre unsinnig gewesen, wenn wir nicht den richtigen Hauptdarsteller für die Titelrolle gefunden hätten. Obwohl er unsichtbar oder bestenfalls als digital geformte Figur in Wasser oder Feuer zu sehen sein würde, stellt er doch die vorherrschende Präsenz des Films dar. Jeder reagiert auf ihn oder wird von ihm berührt. Wir konnten für diese Aufnahmen also kein Double verwenden, das den Platz des Schauspielers einnimmt. Das hätte nicht funktioniert. Wir mußsten einen Schauspieler mit Talent finden, der bereit war, hart zu arbeiten und einiges an Unannehmlichkeiten über sich ergehen zu lassen."

Kevin Bacon erhielt den Part. Verhoeven sagt: "Ich bewundere Kevin Bacons wegen seiner enormen Vielseitigkeit. Ich hatte gehört, dass er ein fest auf dem Boden der Realität verankerter Typ sei. Und ich wusste, dass er bei Apollo 13 (1995) mitgemacht hatte, dessen Dreh aufgrund der Übelkeit erregenden Schwerelosigkeitsszenen eine strapaziöse, schreckliche Erfahrung gewesen sein mußste."

Er fährt fort: "Bei unserem ersten Gespräch konzentrierte ich mich darauf zu erklären, wie schwierig es der Schauspieler haben würde, der den HOLLOW MAN darzustellen hätte. Die meiste Zeit würde er vollkommen schwarz, blau oder grün angemalt sein, damit wir ihn im Computer unsichtbar machen könnten. Es ist unangenehm, die Farbe aufgetragen zu bekommen. Aber es ist eine noch größere Tortur, sie wieder loszuwerden. Manchmal würde er eine Latexmaske direkt aufs Gesicht aufgetragen bekommen, die man jeden Abend wieder abziehen müsste. Dann sind da die Kontaktlinsen, die den kompletten Augenbereich abdecken würden. Das würde eine sehr klaustrophobische und unangenehme Erfahrung werden und gefährlich obendrein - also kein Job für eine Primadonna."

Bacon erinnert sich: "Was mich wirklich für die Geschichte einnahm, war nicht nur die Aussicht auf die Arbeit mit Paul Verhoeven, sondern vor allem eine sonderbare Faszination mit der Figur des Sebastian. Er ist ein von sich selbst besessenes, machthungriges, egozentrisches, verdorbenes Kind, der aber auch Charme versprühen kann, so dass die Menschen ihm folgen. Als er unsichtbar wird, raubt ihm diese Macht den Verstand. Es ist unvermeidbar, dass er zum Monstrum wird."

Bacon gibt auch zu, dass die Darstellung des Sebastian Caine der härteste Job seiner Laufbahn war. "Aber", sagt er liebevoll in Bezug auf Paul Verhoevens Ruf, "es gab mir die Gelegenheit, nicht nur einen verrückten Wissenschaftler zu spielen, sondern auch von einem eben solchen inszeniert zu werden."

Für die Rolle von Linda, Sebastians ehemaliger Geliebter und nun engster Weggefährtin bei einem gefährlichen Experiment, suchte Verhoeven eine Schauspielerin, die eine zunächst verständnisvolle, warmherzige Frau spielen können mußste, die aufgrund schrecklicher Umstände gezwungen wird, sich später in eine Kämpferin zu wandeln. Die Oscar-nominierte Elisabeth Shue war fasziniert von dieser Figur.

"Sowohl romantisch als auch professionell stand sie immer im Schatten von Sebastian", sagt die Schauspielerin. "Doch dann mußs sie sich frei kämpfen und den Mann zerstören, den sie einmal geliebt hat. Ich fand es spannend, Lindas Entwicklung zu zeichnen, ohne übers Ziel hinaus zu schießen und sie zu einer typischen Superheldin zu machen."

Verhoeven erinnert sich: "Elisabeth wollte keine Amazonenkriegerin darstellen, die rauh, harsch und kontrolliert ist. Sie wollte eine sensible, normale, intelligente Frau spielen, die schließlich gezwungen ist, einen ehemaligen Freund, Chef und Liebhaber bis zum Tod zu bekämpfen. Was wir damit erreicht haben, ist sehr spannend, glaube ich. Denn einerseits mußs Elisabeth Shue nicht auf ihre wohl- bekannte Verletzlichkeit verzichten, andererseits spielt sie eine Figur, die mehr Stärke ausstrahlt als all ihre voran gegangenen Rollen."

Shue meint: "Linda hat schon immer Führungsqualitäten gehabt, aber stand bisher im Schatten anderer Leute. Als sie und Matthew dem Tod gegenüber stehen, nimmt sie das Ruder in die Hand."

Auf Regisseur Paul Verhoeven angesprochen, lobt Elisabeth Shue seine Energie, Intensität, Detailverliebtheit und Fähigkeit, alle Beteiligten immer wieder aufs Neue zu inspirieren und anzutreiben: "Er hat einen ausgesprochen stimulierenden visuellen Stil, und er schneidet den Film bereits im Kopf, während er dreht. Es ist aufregend zu beobachten, wie seine Vision nach und nach Form annimmt. Seine Szenen sind sehr fließend; pausenlos herrscht Bewegung in seinen Kompositionen. Ich brauche nicht zu betonen, dass er nichts auf typische, bewährte Weise dreht."

Die Figur Matthews - gespielt von Josh Brolin - komplettiert das emotionale Dreieck im Zentrum von HOLLOW MAN. Linda hat sich heimlich aus den stets fordernden Armen Sebastians gelöst und sich Matthew zugewandt, der begeisterungsfähig und gut aussehend ist und stets seine Unterstützung anbietet. Die Entdeckung dieses vermeintlichen Verrats ist es, die Sebastian den entscheidenden Schritt in die Finsternis seiner Seele unternehmen lässt.

Während der Besetzungsprozess gute Fortschritte machte, lud Produzent Alan Marshall Paul Verhoevens langjährigen Ausstatter Allan Cameron nach Los Angeles ein, um das Produktionsdesign von HOLLOW MAN in Angriff zu nehmen. Man begann mit der Hauptlocation der Geschichte - dem gigantischen Geheimuntergrundlabor, das in Andrew W. Marlowes Drehbuch genau beschrieben wird. Es ist eines der größten einzelnen Filmsets, das jemals gebaut wurde.

In den Sony Pictures Studios in Culver City fand man eine entsprechende Halle, in der man die enorme Einrichtung, die aus diversen Labors, einem Beobachtungs- und einem Aufwachraum, Ecken für die medizinische Versorgung und einem Labyrinth von Tunnels besteht, unterbringen konnte. Sonys historische Stage 15 ist etwa 120 Meter lang, 55 Meter breit und 15 Meter hoch. Lange Zeit kannte man sie als größte Studiohalle der Welt.

Cameron war beeindruckt von dem Designprojekt: "Ich wollte eine hermetisch abgeriegelt wirkende Atmosphäre schaffen. Zunächst sollte das Labor den Wissenschaftlern wie ein sicheres Zuhause vorkommen. Doch im gleichen Maße, wie Sebastian den Verstand zu verlieren beginnt, sollten sich die Räumlichkeiten zunehmend eng, bedrohlich und klaustrophobisch anfühlen. Das ist eine sehr spannende Location für den dritten Akt, wenn alle Beteiligten mit dieser schrecklichen unsichtbaren Kreatur eingesperrt sind. Es ist die ideale Örtlichkeit, wenn sich der Film auf Verwunschenes-Haus-Territorium begibt."

Marshall erinnert sich: "Wir entschieden uns dafür, dass die Einrichtung ursprünglich ein Bunker aus den Tagen des Kalten Kriegs gewesen sein sollte, der seit mehr als 30 Jahren leer steht. In dieses graue Hülse hat die Regierung ein ganz geheimes High-Tech-Labor gepackt."

Cameron fügt hinzu: "Man hat dieses alte Mauerwerk voller alter Luftschächte, rostiger Maschinen und veralteter Stromkreise. Wir trennten diesen alten Teil des Bunkers mit rostfreien Stahlwänden und riesigen Glasplatten von dem neuen Labor und schafften so eine pfiffige Gegenüberstellung von Neu und Alt. Ich entwarf einen großen Korridor in S-Form, der sich durch den Komplex windet, so dass man nie ganz sicher sein kann, was sich hinter der nächsten Biegung verbirgt. Außerdem installierten wir viele Rohre und Leitungen in der Decke, in denen sich Sebastian über seinen Opfern verstecken können würde."

Als besondere Herausforderung erwies sich eine Sequenz, in der ein Sprinklersystem den Hauptflur überflutet und wir Teile des HOLLOW MAN im herab- regnenden Wasser Gestalt annehmen sehen. Cameron und Effektleiter Stan Parks verließen sich auf ihre Jahre lange Filmerfahrung und erarbeiteten ein gewaltiges Zirkulationssystem, mit dem man das Wasser immer wieder benutzen und es überdies - zum Komfort der Schauspieler - erwärmen konnte.

Eine weitere beachtliche Aufgabe galt es bei der Konstruktion des Fahrstuhlschachtes zu bewältigen, der das einzige Bindeglied zwischen dem Labor und der echten Welt darstellt. In dieser endlos wirkenden Spalte kommt es zum endgültigen, tödlichen Showdown, als Linda und Matthew versuchen, dem höllischen Inferno und einem verrückt und unsichtbar gewordenen Freund zu entkommen.

"Wir beschlossen, dieses Set angrenzend am gewaltigen Parkhaus des Studios zu errichten", berichtet Alan Marshall. "Das hatte den Vorteil, dass wir etwa alle drei Meter Stockwerke hatten und deshalb aus zahllosen Winkeln drehen konnten."

Neben den Sets in den Sony Pictures Studios drehte man zudem vor Ort in Washington D.C..

"Der Film mußste sich immer wieder mal öffnen", meint Produzent Douglas Wick. "Damit konnten wir die Isolierung im Labor noch intensiver verdeutlichen. Und mit den Aufnahmen in Washington konnten wir unsere Absicht in die Tat umsetzen."

Alan Marshall fügt hinzu: "Unser Ziel war es, Drehorte zu finden, die man ohne weiteres als Washington identifizieren könnte, ohne allerdings District-of-Columbia-Klischees zu strapazieren. Wir drehten im August, um den Behinderungen aus dem Weg zu gehen, die der Tourismus mit sich bringt."

Nach neunmonatigen Verhandlungen gelang den Produzenten ein beachtlicher Coup, als sie die Genehmigung einholten, einige Szenen im Pentagon drehen zu dürfen. HOLLOW MAN ist damit einer von zwei Filmen, denen in den letzten zehn Jahren das Privileg zu Teil wurde, im größten und vermutlich auch bekanntesten Bürogebäude der Welt zu filmen.

"Ich wollte eine wichtige Szene direkt vor diesem beeindruckenden Gebäude drehen, das die Kraft und Macht der westlichen Welt beherbergt", erklärt Paul Verhoeven. "Es ist solch ein wichtiges Symbol für die ganze Welt. Ich wollte, dass das Gebäude über ihre Köpfe ragt und in Schatten taucht, als sie sich in die größte Gefahr begeben, weil sie diese enorme Autorität hintergehen wollen. Man sollte niemals versuchen, das Pentagon zum Narren zu halten."

Andere D.C.-Wahrzeichen wurden für weitere Szenen benutzt. Produzent Alan Marshall erinnert sich: "Als nächstes Ziel hatten wir uns gesteckt, einen architektonisch ansprechenden Drehort zu finden, der zwar isoliert ist, aber dennoch nahe an der Innenstadt von Washington gelegen sein sollte. Das sollte der Außeneingang zu unserer geheimen Untergrund-Regierungseinrichtung werden. Wir fanden den perfekten Ort am ehemaligen Washington Navy Yard, der jetzt das Southeast Federal Center beherbergt. Unser Timing war gut, denn das Gebäude sollte während der Drehzeit überholt werden."

Die Hartnäckigkeit der Produzenten zahlte sich auch aus, als es daran ging, eine Drehgenehmigung vom U.S. Department of Labor zu erhalten, auf dem Dach seines Gebäudes zu drehen, das einen spektakulären Blick auf das Capitol bereit hält. Es war der perfekte Drehort für eine dramatische Szene auf einer Restaurantveranda, die man geschickt mit den Details des historischen Willard Hotels schmückte. Dort wurden weitere Innenaufnahmen gedreht.

Für eine ebenso erschreckende wie urkomische Szene, in der die Titelfigur ein Auto durch die Stadt fährt, wählte die Produktion die Gegend außerhalb des Treasury Departments und gegenüber des berühmten Old Ebbitt Grill aus. Während den Filmemachern immer wieder auffiel, dass die natürlichen Lichtquellen in Washington einen Dreh kaum unterstützen, war dieser besondere Block nicht nur hell genug, sondern hatte überdies noch eine spektakuläre Architektur vorzuweisen.

Im Lauf des gesamten Abenteuers stand Paul Verhoeven sein langjähriger Weggefährte Jost Vacano als Kameramann zur Seite. Er verfügt über einen völlig eigenständigen Stil. Seine Kamera strahlt eine Persönlichkeit aus, die für den Film ebenso wichtig ist wie die einzelnen Figuren, die von ihr fest gehalten werden.

Für HOLLOW MAN war Vacano besonders wichtig, denn die Interaktion des Unsichtbaren mit der sichtbaren Welt sollte nicht nur mit tricktechnischen Effekten erzielt werden. Verhoeven erinnert sich: "Es gab auch viele Szenen, in denen wir völlig auf digitale Effekte verzichteten. Wir stellten die Unsichtbarkeit in diesen Fällen lediglich mit subjektiver Kamera dar."

Die Dreharbeiten mögen voller Hindernisse gewesen sein. Aber selbst in der Addition kratzen sie bestenfalls an die Spitze des Eisbergs von Schwierigkeiten, denen sich das Effektteam bei seiner Aufgabe ausgesetzt sah. Denn Verhoeven und seine Crew stellten schnell fest, dass die 560 visuellen Effekte wesentlich komplizierter sein würden, als sie sich das ursprünglich vorgestellt hatten.

Die erste Kategorie von Effekten, die zum Einsatz kamen, nennt man Bio-Phase Shifting. Dabei wird ein lebendes Wesen Lage um Lage regelrecht aufgelöst. Das Kinopublikum unserer Zeit gibt sich nicht einfach damit zufrieden sich vorzustellen, wie sich Sebastian Caine von einem normalen Menschen in einen Unsichtbaren verwandelt. Die Zuschauer möchten diese Verwandlung hautnah miterleben - speziell wenn ein Paul Verhoeven am Steuer der Produktion sitzt. Der Regisseur ließ sich über sämtliche neueste Durchbrüche im Bereich der visuellen Effekte und CGI unterrichten und setzte auf die Mithilfe der führenden Innovatoren in diesem Feld.

Effektleiter Scott E. Anderson sagt: "Zum Glück unterstützte Columbia unsere ausführlichen Nachforschungen über die Bewegung des Menschen und seinen Körperbau. Das Resultat unserer Anstrengungen war ein sehr detailliertes Computermodell eines Durchschnittsmenschen - unser digitaler Körper. Er zeigte uns, wie man die menschliche Physiologie im Computer nachbauen konnte."

"Im Film gibt es drei Verwandlungsszenen", sagt Verhoeven. "Eine ist ein Experiment mit einem Gorilla, die beiden weiteren finden mit Sebastian statt: Erst wird er unsichtbar, später versucht er, wieder sichtbar zu werden, aber er scheitert. Er verschwindet und man sieht ihn in komplizierten Schichten. Wenn die leuchtende Flüssigkeit durch sein System fließt, scheinen ganze Lagen von Fleisch flüssig zu werden. Dann löst sich die Muskulatur auf und hinterlässt ein kämpfendes Skelett, das von Blutgefäßen und Organen umgeben ist. Dann verschwinden die Organe. Dann die Blutgefäße. Dann löst sich das Skelett in Nichts auf."

Künstler, Techniker und Designer von Imageworks statteten medizinischen Einrichtungen und Schulen lange Besuche ab, um menschliche Körper zu studieren, Fotos zu schießen, Zeichnungen anzufertigen, Anatomiekurse zu besuchen und Autopsien beizuwohnen. Sie mußsten genau wissen, wie es aussieht, wenn man in einen Körper schneidet oder echte Haut abzieht. Sie wurden davon in Kenntnis gesetzt, wie flüssig die einzelnen Körperteile sind, wieviel Fett man im Körper sieht und sogar wie sich Licht auf Muskeln und Körperflüssigkeiten reflektiert.

Verhoeven sagt: "Meine Tochter studiert Kunst. Mit ihrer Hilfe fand ich ein Museum in Florenz, das wirklich unglaublich ist. Darin gibt es anatomische Wachsskulpturen mit scheinbar abgezogenen Hautpartien, so dass man Adern, Muskeln und teilweise sogar die Knochen zu sehen bekommt. Man sieht Sehnen, das Skelett, Fettpartien. All das wurde von einer Frau im 16. oder 17. Jahrhundert angefertigt - die Anatomie ist perfekt! Wir studierten ihre Arbeit. Man könnte also sagen, dass einer unserer Berater drei- oder vierhundert Jahre alt war."

Um die Verwandlungssequenzen überzeugend umsetzen zu können, mußste spezielle Software programmiert werden. Nur so konnte die innere Masse des menschlichen Körpers auf der Leinwand sichtbar gemacht werden.

Scott E. Anderson erklärt: "Computer benutzen für gewöhnlich Oberflächentexturen, um die äußeren Ränder eines Objekts zu vermessen. So minimiert er die Rechenzeit. Im Lauf der Jahre wurden Fortschritte erzielt, um die Schaffung dreidimensionaler Objekte in der digitalen Welt zu ermöglichen. Damit wurde die Palette zwar erweitert, aber es wurde dennoch nur die Oberfläche abgetastet. Wir mußsten also neue Techniken entwickeln, damit auch die inneren Details des menschlichen Körpers Schritt für Schritt offenbart werden konnten."

Er führt weiter aus: "Mit unserer neuen Software können wir Muskelkontraktionen erzielen, Knochen und Gelenke zeigen und andere komplizierte Bewegungen im Inneren des Körpers zeigen. Wenn all die Information in den Computer gefüttert wird, können wir die exakte Bewegung eines menschlichen Körpers animieren und präzise nachmachen, wie sich die Adern und Muskeln unter der Haut bewegen. Die Detailgenauigkeit dieser Technologie ist absolut atem- beraubend."

Die Lösung für das Problem ist ein Prozess, den man Volume Rendering nennt. Beim Volume Rendering wird nicht nur die Oberfläche eines Objekts abgetastet, sondern das komplette Volumen, innen und außen, wird berechnet und dann auf dem Bildschirm wiedergegeben.

Anderson versucht die Technik anschaulich zu erklären: "Wenn man herkömmliche digitale 3D-Objekte in der Mitte auseinander schneiden würde, käme nichts, ein Vakuum zum Vorschein. Wenn man ein 3D-Objekt von HOLLOW MAN halbiert, sieht man ein anatomisch korrektes Abbild des Inneren eines menschlichen Körpers. Mit dieser Methode kann man also beispielsweise ein menschliches Herz auf der Leinwand zum Leben erwecken, und zwar von Innen nach Außen: Zunächst sieht man die ersten Fasern einer Ader, um die herum Stück für Stück ein Herz heranwächst. Aus den Blutgefäßen werden Arterien und Adern, bis schließlich ein Muskel um sie entsteht, der schließlich ein komplettes Herz wird."

"Niemals zuvor war es uns möglich, das Innere eines menschlichen Körpers so genau zu betrachten und zu studieren", sagt Paul Verhoeven. "Ich habe noch niemals zuvor digitale Aufnahmen gesehen, die so schön waren. Es gibt aberhunderte von miteinander verbundenen Elementen im menschlichen Körper. Eine winzige Bewegung kann beinahe alle Komponenten im Körper beeinflussen. Die Effekttechniker bauten einen perfekten digitalen Körper für uns, an dem alle Sehnen und Muskeln exakt angebracht sind. Wenn sich also ein Arm bewegt, sieht man alle Rotationen im Inneren. Dahinter stecken unglaubliche mechanische Regeln und mathematische Formeln."

Die Anatomie-Berater Beth Riga und Stuart Sumida sind überzeugt davon, dass die von Sony Pictures Imageworks für HOLLOW MAN erzielten technologischen Fortschritte auch das medizinische Studium des menschlichen Körpers vorantreiben wird. Als Ausbilder haben sie lange nach einem derart reichhaltig detaillierten und präzisen menschlichen Modell gesucht, aber die Finanzierung für solch ein ambitioniertes Projekt war einer medizinischen Fakultät bislang nicht möglich. Was ursprünglich nur als Hilfe für die Realisierung eines visuellen Effekts gedacht war, hat also nun das Potential, ein wertvolles Werkzeug beim Anatomie-Unterricht zu werden.

Nachdem die Effektgenies das Verschwinden Sebastian Caines gemeistert hatten, standen sie allerdings noch vor der Aufgabe, ihn als Unsichtbaren fast während des gesamten Films deutlich spürbar zu machen. Das war die zweite Stufe der Spezialeffekt-Herausforderung. Irgendwie müssen das Publikum und die Figuren im Film seine wahnsinnigen Bewegungen wahrnehmen, während er um die Erhaltung seiner Allmacht kämpft.

Es ist eine Sache, einem relativ stationären Objekt ein gewisses Maß an dynamischem Realismus zu verleihen. Eine unsichtbare Person allerdings zur Antriebsfeder eines ganzen Films zu machen, ist ungleich schwieriger. Sebastian ist wahrhaftig eine ungewöhnliche Hauptfigur. Seine Haut und alles in seinem Körper ist unsichtbar. Sein Kopf und seine Hände sind nur erkennbar durch das Latexfutteral, das ihn bedeckt. In den Augenlöchern seiner Maske ist nur Leere.

Wenn Sebastian allerdings mit Elementen der sichtbaren Welt, also Wasser, Rauch, Nebel oder Feuer, in Kontakt kommt, gelingt es dem jeweiligen Element, seine Silhouette zumindest teilweise sichtbar zu machen.

Verhoeven erklärt: "Wenn man eine Szene dreht, in der eine unsichtbare Figur mit einem anderen Menschen interagiert, dann filmt man die Aktion und blockt die unsichtbare Person später aus dem Bild. Dann hat man natürlich erst einmal ein schwarzes Loch, das man digital wieder auffüllen mußs. Alles, was diese Figur bedeckt hat, mußs wieder neu gemalt werden."

Der Regisseur, der in den aufregenden Kampfszenen von Starship Troopers (1997) gigantische Insekten ins Bild einfügte, stellte schnell fest, dass es wesentlich einfacher ist, Dinge in ein Bild zu integrieren, als sie heraus zu nehmen.

Um diese Aufgabe zu bewältigen, verbrachte Kevin Bacon die meiste Zeit des Drehs bedeckt mit grüner, blauer oder schwarzer Farbe (und entsprechenden Kontaktlinsen, Perücken und falschen Zähnen, sowie einen hautengen Bodysuit). Später war es den Technikern auf diese Weise möglich, ihn komplett aus den gedrehten Szenen zu entfernen.

Die Detailhingabe der Filmemacher war ausgesprochen sorgfältig, aber alle Mühen wert, wie Scott E. Anderson findet, der sich an eine der größten Herausforderungen von HOLLOW MAN erinnert: "Wir mußsten nicht nur wahnsinnige Bilder des menschlichen Körpers erschaffen. Es gab auch einige großartige surreale und impressionistische Momente, die von dem Unsichtbaren ausgingen. Das war eine wundervolle Mischung aus Knall-Effekten und wirklich subtilen, schönen Momenten."

Das Thema der Unsichtbarkeit spielte in den Geschichten vor der Moderne eine Rolle. Eine der frühesten bekannten Referenzen stammt von Plato und findet sich in "Die Republik (Buch II)", in dem Glaucon sich äußert: "Das Gesetz ist entweder ein Mittel oder ein Kompromiss, zwischen dem denkbar Besten, nämlich Rechtes zu tun und nicht bestraft zu werden."

Von "Dr. Faustus" bis "Der Unsichtbare" von H.G. Wells ist die Idee der Unsichtbarkeit ein steter Quell des Wunders und der Neugier - welches Kind hat nicht einmal davon geträumt? Zweifellos wird das so bleiben - bis Unsichtbarkeit eines fernen Tages einmal Realität wird.

Universale Faszination ist ein Thema, das sich sehr gut mit der filmemacherischen Philosophie von Paul Verhoeven verträgt. Mit Blick auf seine bisherige Karriere sagt er nämlich: "Ich habe mich nie auf eine intellektuelle oder künstlerische Gruppierung festgelegt. Ich habe immer versucht, mit einem möglichst breiten Publikum zu kommunizieren."

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