Produktionsnotizen zu Nurse Betty

"Eine Fugue (Poriomanie) ist eine Kombination von Amnesie und körperlichen Angstzuständen. Der davon Betroffene entflieht seiner gewohnten Welt, um eine andere Identität anzunehmen." (American Psychiatric Association, Diagnostisches und Statistisches Handbuch psychischer Störungen, 4. Auflage, 1994)

Die Geschichte von Nurse Betty, einer Frau, die durch traumatische Umstände in eine andere Realität gleitet, wurde in der Fantasie der Autoren John C. Richards und James Flamberg geboren, die ihr fertiges Drehbuch in die Hände von Produzentin Gail Mutrux legten.

Mutrux setzte Steve Golin von Propaganda Films sofort über das Drehbuch in Kenntnis. "Es erinnerte mich an Filme wie etwa Hal Ashbys BEING THERE ("Willkommen, Mr. Chance", 1979) oder Gus Van Sants TO DIE FOR ("To Die For", 1995)", erläutert Golin. "Ich dachte an den Spaß, den ich dabei haben würde, ein Projekt anzugehen, das im Ton so ganz anders war, als die meisten der heute produzierten Filme."

Golin und Mutrux gaben das Skript an Neil LaBute weiter, der für Propaganda Films gerade die Postproduktion von YOUR FRIENDS & NEIGHBORS (1998) nahezu abgeschlossen hatte. "Als ich Nurse Betty las", erzählt LaBute, "schossen mir sofort zwei Gedanken durch den Kopf. Zum einen, dass dieses Drehbuch sehr witzig und clever war, zum anderen, dass niemand mit mir als Regisseur eines solchen Stoffes rechnen würde. Deshalb zögerte ich keine Sekunde, diese Gelegenheit beim Schopf zu packen."

Für den erfahrenen Dramatiker und Autoren stellte sein jüngster Film eine absolut neue Herausforderung dar. " Nurse Betty ist mein erster Spielfilm, der nicht auf meiner Vorlage basiert", erläutert LaBute den besonderen Reiz seines dritten Films. "Meiner Ansicht nach sind die meisten meiner Kollegen der Meinung, sie könnten besser redigieren als schreiben. Weil ich dieses Mal nicht selbst das Buch geschrieben hatte, konnte ich mit etwas klarerem Kopf beurteilen, was darin alles stimmte oder vielleicht noch fehlte."

Die Rechte der Autoren waren LaBute aber heilig. "Ich stehe selbst auf der anderen Seite", macht er seinen Standpunkt klar. "Deshalb sorgte ich dafür, dass wir Jim und John das Buch nicht aus den Händen rissen, im Stil von 'Liebe euer Drehbuch, sehe euch bei der Premiere!'"

Im Unterschied zu seinen bisherigen Filmen mit kleinen, intimen Geschichten, angesiedelt in namenlosen Großstädten, umspannt die Handlung von Nurse Betty einen größeren Rahmen und ist auch auf ganz bestimmte Schauplätze ausgerichtet. Zum ersten Mal in einem der Filme LaButes brechen Charaktere aus ihrer natürlichen und manchmal auch beengenden Umgebung aus - sowohl physisch als auch psychisch.

All das summierte sich für den Regisseur zu "einem Jahr kühnster Experimente". Seine Entwicklung als Filmemacher sieht LaBute ganz nüchtern. "Für mein Regiedebüt griff ich aus meinen Drehbüchern genau das heraus, was ich mir mit dem zur Verfügung stehenden Budget am ehesten zutraute. Bei meinem zweiten Film hatte ich durch ein größeres Budget auch mehr Zeit, mich der Regie zu widmen, war nicht mehr gezwungen, aus finanziellen Gründen zu viele Positionen zu bekleiden. Auch bei Nurse Betty genoss ich dieses Privileg."

Menschen aus Fleisch und Blut für fantastische Charaktere LaBute wusste, dass er für die Titelrolle eine Schauspielerin brauchte, der man Güte und Anständigkeit auf Anhieb ansah. "Das war eminent wichtig für die Reise, die diese Figur anzutreten hatte", erklärt der Regisseur, "und natürlich auch für den Zuschauer, damit er sie gerne begleiten würde. Renée Zellweger besitzt diese Voraussetzungen im Überfluss, war die Idealbesetzung für diese Rolle und genau so habe ich dies den Produzenten auch gesagt."

"Renée ist das Mädchen, das jeder gerne als Nachbarin hätte", beschreibt Steve Golin Zellwegers Qualitäten, "ihr wünscht man stets nur das Beste. In Nurse Betty weiß man allerdings nie, ob ihre Figur alles unbeschadet übersteht."

Für die Rollen der beiden Auftragskiller suchte LaBute Schauspieler, die dramatisch überzeugen konnten, aber auch zusammenpassen und harmonieren. Etwas Kopfzerbrechen bereitete ihm die Vertrautheit des Zuschauers mit der Figur des Profikillers. "Davon hat es in den letzten Jahren eine ganze Reihe gegeben. Das machte mich zwar nicht unruhig, ließ mich aber nachdenken, wie ich diesem Stereotyp Originalität einimpfen konnte. Dann schlug Steve Golin Morgan Freeman und Chris Rock vor", erinnert sich LaBute, "damit veränderte sich unsere ganze Sichtweise auf die Geschichte. Und beide Darsteller konnten dank ihrer Rollen auch für sich etwas Neues entdecken."

Freeman, der mit LaButes Arbeiten bereits vertraut war, reagierte wie die Filmemacher positiv auf das Skript. "In erster Linie", erläutert der Kameraveteran, "sah ich den großen Unterhaltungswert. Es war eine schwarze Komödie, sicherlich, aber eben eine Komödie. So eine exzentrische Figur wie Charlie ist mir zuvor noch nie angeboten worden." Ganz besonders gefiel Freeman, dass diese tragenden Rollen mit afro-amerikanischen Schauspielern besetzt wurden. "Die jungen Filmemacher von heute", erläutert der 63-jährige, "denken nicht in den Schubladen wie ihre Vorgänger. Ihnen geht es nur um die bestmögliche Besetzung für eine Figur. Schließt sich der Rest unseres Landes dieser Unvoreingenommenheit an, werden wir in einer großartigen Welt leben."

Komiker Chris Rock war von der Möglichkeit begeistert, als jüngerer, impulsiverer Mordprofi Wesley neben Morgan Freeman spielen zu können. Außerdem gefiel ihm die Perspektive, einen Auftragskiller in einem dramatischen Kontext verkörpern zu können.

" Morgan umgibt eine Aura von Zurückhaltung und Ruhe", charakterisiert LaBute seinen Star, "aber unterhalb dieser Oberfläche brodelt es. Man weiß einfach, dass man ihn besser nicht verärgert. In unserem Film bekommt er gelegentlich die Chance zu explodieren. Chris hat die Aufgabe, diese Intensität hoch zu kochen, mußs nicht Gags am Fließband liefern. Für ihn ist das eine ganz neue Erfahrung."

Was den Filmemachern jetzt noch fehlte, war ein schauspielerisch starker Partner für Zellweger. "Wie Renée bringt Greg viel Sympathien in jedes seiner Projekte mit, die er sich beim Zuschauer zuvor erworben hatte", beschreibt LaBute die Qualitäten des ehemaligen Talkshow-Moderators. "Seine Rolle in Nurse Betty war schwierig, denn er mußste einen Seifenoperndarsteller spielen, der wiederum einen Doktor zu verkörpern hatte. Ich war mir sicher, dass Greg dieser Herausforderung gewachsen war. Außerdem ermöglichte es Gregs charmantes und sympathisches Image, dass der Zuschauer wirklich überrascht sein würde, wenn seine Figur sich zum Ende des Films doch stark verändert."

"Die Geschichte von Nurse Betty ist ausgefallen und hat einen ganz besonderen Ton", meint Greg Kinnear. "Außerdem kannte ich Renée bereits und sah nun eine Chance, endlich mit ihr vor der Kamera zu stehen. Die Beziehung zwischen Betty und meinen Figuren, Dr. David Ravell und Schauspieler George McCord, ist sehr merkwürdig. Je länger der Film dauert, desto höher wird der Einsatz für beide, um so mehr steht auf dem Spiel."

Shelly Curtis, Produzentin und Regisseurin des Soap-Dauerbrenners "General Hospital", wurde als Beraterin für Nurse Betty engagiert. Nach ihrer Expertenmeinung zum Drehbuch von "A Reason To Love", Kinnears TV-Seifenoper im Film befragt, kommentiert sie nüchtern: "Es ist nur ein bisschen übertrieben, verglichen mit dem, was wir sonst drehen."

Zur Vorbereitung auf seine Rolle besuchte Greg Kinnear Curtis an ihrem Arbeitsplatz. "Ich trieb mich ein paar Tage am Set von "General Hospital" herum", erzählt der Schauspieler, "und habe mir auch eine Reihe von Episoden angesehen. Leichte Arbeit ist das nicht, eine solche Sendung auf die Beine zu stellen. Immerhin gelingt es den Beteiligten oft, die unglaublichsten Handlungsentwicklungen dem Zuschauer zu verkaufen. Die Schauspieler haben fünf Tage in der Woche eine Menge Text zu bewältigen, müssen stets ihre Markierungen treffen und dabei noch als Mimen überzeugen. Meinen Respekt haben sich diese Leute schnell erworben."

Relativ gelassen war die Vorgehensweise von Kollege Morgan Freeman: "Rollen, die technisch keine große Herausforderung darstellen, benötigen keine Recherche. Alles, was wir in solchen Fällen brauchen, steht im Drehbuch."

Schwerer hatte es Renée Zellweger, die die erheblichen psychischen Veränderungen ihrer Figur besser verstehen wollte. Deshalb las sie viel, führte eine Menge Telefonate, fand Unterstützung bei Gail Mutrux, mit der sie verschiedene Psychotherapeuten, Psychiater und Psychologiedozenten befragte.

"Der Trick an unserem Film ist", erklärt Mutrux, "in Bettys Realität einzutreten. Damit verschwinden Beurteilungen über diese Figur und man beginnt zu glauben, dass so etwas wirklich passieren könnte." Den dokumentierten Beleg dafür fanden Mutrux und Zellweger bei ihrer intensiven Recherche.

"Zu Beginn", charakterisiert die Schauspielerin ihre Rolle, "ist Betty übertrieben großzügig, kümmert sich nicht genug um sich selbst. Dann beobachtet sie etwas Traumatisches, gleitet in einen psychischen Zustand, den man "dissoziative Fugue" nennt. Darunter versteht man, dass sich das Bewusstsein nach dem Erleben eines traumatischen Ereignisses selbst schützt und es dem Betroffenen ermöglicht, emotional weiter zu funktionieren, indem die Erinnerung ausgelöscht und die Flucht in eine andere Identität realisierbar gemacht wird. Wenn Betty in diesen Zustand fällt, bekommt sie schlagartig Mut, steigt in ihr Auto, um endlich das zu suchen, was sie sich immer gewünscht hatte. Nur in diesem psychischen Extremstadium findet sie Kraft, um ihre Träume zu verwirklichen."

California Dreaming and Working Im Unterschied zu LaButes beiden ersten Filmen, die zum großen Teil auf Außenaufnahmen verzichteten, wurde Nurse Betty an Originalschauplätzen in Südkalifornien gedreht. "Nahezu alles in Los Angeles war neu für mich", erinnert sich der Regisseur. "Die Stadt erstreckt sich über so unterschiedliche geographische Zonen. Stadt und Umgebung können sich auf erstaunliche Weise jedem Wunsch anpassen."

Die Produktion suchte sich ihre Drehorte in ganz Südkalifornien heraus, filmte in Aqua Dolce, Bellflower, Lancaster, Palmdale, Pasadena, Signal Hill, Silverlake, Sylmar und dem Touristen-Dorado Venice. Zwei entscheidende Ausnahmen wurden allerdings gemacht. Zum einen der Dreh an Arizonas Naturwunder Grand Canyon, den LaBute zum ersten Mal aus nächster Nähe sah, und schließlich der Abstecher nach Rom.

Zur Crew des Films gehörten auch Ausstatter Charles Breen und Kostümbildnerin Lynette Meyer, die schon an LaButes vorheriger Arbeit YOUR FRIENDS & NEIGHBORS (1998) diese Posten bekleideten. "Wir entschlossen uns", erläutet LaBute seine visuelle Strategie, "im ersten Teil unseres Films die Farbe stark herauszunehmen, obwohl wir nicht in Schwarzweiß drehten. Das betraf auch die Gestaltung der Sets und Kostüme. Erst als Betty in Los Angeles eintrifft, beginnen wir, überall leuchtende Farben zu sehen."

Für den Regisseur bedeutete Nurse Betty in der Inszenierung eine neue Erfahrung, denn in seinem dritten Film standen nicht immer die Schauspieler im Mittelpunkt einer Szene. "Es gibt eine Schießerei außerhalb eines Krankenhauses", beschreibt LaBute eine der für ihn ungewohnten Sequenzen, "und in dieser Szene hatten wir Pistolen, Spezialeffekte, einen Schauspieler, der von einem Auto angefahren wurde, und sieben Kameras - eine Situation, die absolut neu für mich war."

Doch auch für die Sequenzen, die größte Anforderungen an Material und Physis stellten, übertrieb es LaBute nicht mit visuellen Spielereien. "Ich bin kein Sklave der Kamera", gesteht der Regisseur offen. "Allerdings bewegt sich die Kamera in Nurse Betty wesentlich mehr als in meinen beiden ersten Filmen, denn hier hielt ich das für angebracht. Für diese Geschichte habe ich mich angepasst, aber die Ruhe, die ich in den beiden Vorgängern gepflegt habe, kommt auch hier wieder zu ihrem Recht."

Die Atmosphäre bei den Dreharbeiten vergleicht LaBute mit der eines Gerichtssaals. "Jeder will seine Position mit gebotener Leidenschaft vertreten, was nicht bedeutet, dass man schreien oder laut werden mußs. Ich gehe an jeden Dreh ohne Ego heran. Ich begrüße jede Meinungsäußerung, wenn sie die Qualität des Films verbessert. Auf diese Art und Weise erzielt man einfach die besten Resultate."

Eine Strategie, die auch Renée Zellwegers Zustimmung findet. "Neil schuf eine Atmosphäre, die jeden ermunterte, etwas Interessantes oder Neues auszuprobieren. Jeder machte seine Arbeit und hatte dabei einen großen Spielraum. Eine bessere Voraussetzung für gute Dreharbeiten gibt es nicht."

Um die Seifenoper-Sequenzen möglichst authentisch zu gestalten und nicht in pure Karikatur abgleiten zu lassen, versuchte LaBute, auch optisch dem Stil der Vorbilder zu entsprechen. Für die Dreharbeiten von Greg Kinnears TV-Serie "A Reason to Love" heuerte man Kameramänner und Cutter von echten Seifenopern an. So betreute LaBute zwei simultan ablaufende Drehs: zunächst liefen die Kameras für Nurse Betty, dann Sekunden später für "A Reason to Love". Beraterin Shelly Curtis war zufrieden mit den Resultaten.

"Wir waren hart dran an der Realität", erzählt sie, "Die Platzierung der Darsteller ist anders als beim Film, denn dort dreht man in Sets mit vier, hier aber in Sets mit lediglich drei Wänden. Curtis genoss ihre Präsenz bei Nurse Betty, die ihr, verglichen mit den Anforderungen ihrer Daily Soaps, wie Urlaub erschienen. "Neil sagte zu mir, dass er meine Anwesenheit wünschte, denn das Tempo der Soaps entspricht nicht dem eines Films. Im Fernsehen hat man viel weniger Zeit. Ich einigte mich mit Neil auf einen Mittelweg, und er ließ sich von mir bereitwillig in unsere Arbeitsmethoden einweisen."

Dirk Jasper FilmLexikon
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