Produktionsnotizen zu Tödliche Gerüchte

Ursprünglich wollte der erfolgreiche Regisseur Joel Schumacher (Batman & Robin, 8 mm) das Projekt Tödliche Gerüchte selbst inszenieren. Während das Drehbuch bei Warner Bros. Pictures entwickelt wurde, lud Schumacher Jeffrey Silver und Bobby Newmyer von Outlaw Productions ("Santa Clause - Eine schöne Bescherung"; "Sex, Lügen und Video") ein, die Produktion des Projekts zu übernehmen. Silver and Newmyer erkannten sofort die zeitlosen Aspekte der Geschichte. "Hier wird ein Charakterzug herausgearbeitet, der in uns allen steckt", sagt Newmyer. "Irgendwann haben wir alle einmal dem perversen Drang nachgegeben, Klatschgeschichten weiterzuerzählen."

"Unser Film behandelt ein ganz essenzielles Thema: Wesen und Wahrnehmung der Wahrheit", meint Jeffrey Silver. "Was passiert, wenn man seine eigene Erfindung nicht mehr unter Kontrolle hat?" Als Schumacher die Regie aus Termingründen abgeben mußste, engagierten die Produzenten Davis Guggenheim, der sich bereits mit Serienepisoden zu Emergeny Room - Die Notaufnahme und "New York Cops - NYPD Blue" einen Namen gemacht hat.

Guggenheim war von dem Drehbuch mit seinem überzeugenden Konzept und dem Ensemble gleichgewichtiger Rollen sehr angetan. "Joel Schumacher gab die ursprüngliche Struktur vor", sagt er. "Es war seine Idee zu untersuchen, was passiert, wenn man etwas in die Welt setzt und dann nicht mehr aufhalten kann. Außerdem brilliert er als Regisseur von Darstellerensembles, was mich genauso fasziniert."

Die Filmemacher legten großen Wert darauf, dem Film einen unverwechselbaren Stil aufzuprägen. Für die Studenten in Tödliche Gerüchte entstand eine ganz eigene Welt: Sie wohnen in schicken Lofts und frequentieren nur die coolsten und exklusivsten Partys und Nachtclubs. Natürlich besuchen sie nur Seminare absolut dynamischer Professoren.

"Ganz bewusst stilisieren wir das College-Leben zu einer idealisierten Fiktion", erklärt Guggenheim. "Wir haben uns sehr bemüht, eine hyperreale Campus-Atmosphäre zu schaffen. In dieser Welt sind Derrick, Jones und Travis die absoluten Kings. Sie fühlen sich den anderen intellektuell derart überlegen, dass sie sich für unbesiegbar halten. Aufgrund solcher Überheblichkeit geben sie gefährlichen Versuchungen nach und stürzen um so tiefer und dramatischer."

Als größtes Problem erwies sich die Besetzung. "Unsere Story setzt voraus, dass die Darsteller jung genug sind, um Studenten zu spielen, aber gleichzeitig müssen sie ausreichend Talent mitbringen, um sehr komplexe Figuren zum Leben zu erwecken", berichtet Produzent Silver. "Davis entwickelte sehr konkrete Vorstellungen zu jeder Hauptfigur. Der Auswahlprozess kostete uns eine Menge Arbeit - erwies sich aber als unglaublich ergiebig. Unterm Strich können wir uns dafür auf die Schulter klopfen, dass wir außerordentlich begabte Schauspieler entdeckt haben." Als schwierigste Besetzung erwies sich die Rolle des Derrick Webb ein wohlhabender, fast zu perfekter Student, der seine Mitbewohner auf sehr gefährliches Terrain führt: Er spielt buchstäblich mit dem Leben anderer. "Jimmy Marsdens Vorsprechtermin war eine Offenbarung", erinnert sich Guggenheim. "Mit phänomenaler Präzision versetzte er sich in die Rolle. Mir war sofort klar: Wir hatten Derrick gefunden."

Newmyer fügt hinzu: "Jimmys Leistung liegt darin, diese Figur unglaublich verführerisch zu gestalten. Egal was er anstellt - mit seinem Charisma reißt er alle mit. Auf der Leinwand explodiert er quasi, aber auch privat hat er diese Ausstrahlung. Wahrscheinlich bin ich mir noch bei keinem Schauspieler so sicher gewesen wie jetzt bei Jimmy Marsden, dass er zum Spitzenstar aufsteigen wird."

Marsden nutzte die Gelegenheit, sich in diese höchst komplexe Rolle zu verbeißen und sein gesamtes Talent einzubringen: "Der Film wird vom Dialog getragen, von Gefühlen, Motivationen und - letztlich - hoffentlich von unseren Darstellungen."

Cathy Jones hilft zunächst mit, das Gerücht unter die Leute zu bringen - sie kann die Konsequenzen nicht abschätzen, doch bald entpuppt sie sich als moralischer Fixpunkt der Geschichte. Für diese Rolle wählten Guggenheim und die Produzenten die englische Schauspielerin Lena Headey aus. "Lena verkörpert die moralische Kraft ihrer Figur auf ganz besondere Weise", sagt Guggenheim. "Sie ist ein stark emotionaler Mensch, sie lotet ihre Rollen sehr tiefgründig und sensibel aus. Daneben bringt sie als Schauspielerin ungewöhnlich viel Disziplin und Intelligenz mit."

Lena Headey mochte das Drehbuch auf Anhieb, und sie sah darin eine große Chance. "Der Film unterscheidet sich grundlegend von meinen bisherigen Rollen", erzählt sie. "Außerdem bekomme ich so die Gelegenheit, für ein großes Studio zu arbeiten. Und ich trainiere mir den amerikanischen Akzent an - hoffentlich klappt das!"

Der dritte Mitbewohner der WG ist Mitverschwörer Travis, der sich auf Multimedia-Kunstwerke spezialisiert, aber in der realen Welt immer ein Außenseiter bleibt. Guggenheim hatte von Anfang an Norman Reedus in dieser Rolle vor Augen: "Ich kannte Norman bereits, bevor wir mit der Besetzung anfingen - mir war klar, dass er Travis einfach spielen mußste. Das Drehbuch wurde unter diesem Gesichtspunkt noch einmal komplett überarbeitet. Travis verwandelte sich von einem typischen Computer-Fachidioten zu einem unheimlich-intensiven Künstler, wie er jetzt im Film zu sehen ist. Auf der Leinwand wirkt Norman selbstsicher und absolut echt, wenn er die riesige detaillierte Bildcollage für die Semesterarbeit gestaltet."

"Ich finde es natürlich sehr cool, dass die Rolle speziell für mich geschrieben wurde", sagt Reedus. "Mich überrascht immer wieder, wie sehr die Story unsere Gegenwart reflektiert - Klatsch und Gerüchte werden um uns herum bis zum Geht-nicht-mehr ausgeschlachtet. Ich bin selbst Künstler, Maler; natürlich war ich mit Feuer und Flamme dabei, das Gerücht in einen künstlerischen Schaffensakt umzusetzen."

Die drei Nachwuchsstars trafen sich zu ersten Proben und passten sofort wie Puzzle-Teile perfekt zusammen. "Als sie sich kennen lernten, funktionierte die Interaktion sofort, das spürte man von Anfang an", sagt Guggenheim. "Alle drei zusammen ergaben eine wunderbare Einheit." Nachdem die Hauptdarsteller unterschrieben hatten, ging es bei der restlichen Besetzung sehr schnell. Auch für die übrigen Rollen fanden sich sehr begabte Nachwuchstalente. Als Naomi, das unschuldige Opfer der üblen Nachrede, suchte Guggenheim Kate Hudson aus. "Bei ihrem ersten Auftritt wirkt Kate einfach elektrisierend", sagt Guggenheim. "Sie beweist eine Menge Mut, indem sie diese Rolle übernimmt. Naomi ist eine sehr komplexe Figur, ihre Darstellung fordert von Kate emotional den Einsatz aller Kräfte. Kate liefert eine absolut überzeugende Vorstellung, weil sie das Publikum dazu bringt, die Naomi im Laufe der Handlung immer wieder in neuem Licht zu sehen."

"Naomi unterscheidet sich von mir so total, dass ich gleichzeitig Begeisterung und Angst vor dieser Aufgabe verspürte", erklärt Kate Hudson. "Erstmals in meiner Karriere konnte ich mich wirklich in die Psyche einer Figur vertiefen, ihr Leben und ihre Motivationen voll ausloten. Die Dreharbeiten haben riesigen Spaß gemacht, aber ich mußste mich mächtig anstrengen, diese Frau in jeder Phase echt und wahrhaftig zu spielen."

Als Naomis Freund und aggressiver Macho Beau darf der aus der Serie Dawson's Creek bekannte Joshua Jackson ganz neue Aspekte seiner Fähigkeiten demonstrieren. "Als Beau mußs Josh bedrohlich und gewalttätig auftreten", sagt Guggenheim. "Ich hatte nie einen Zweifel daran, dass er so etwas überzeugend rüberbringt."

"Die Gelegenheit zu solch einer Rolle hat sich für mich vor Tödliche Gerüchte noch nie ergeben", erklärt Joshua Jackson. "Der Beau ist unangenehmer, aggressiver und viel brutaler als alles, was ich bisher spielen durfte. Genau das fand ich spannend."

Marisa Coughlan spielt Naomis Freundin und Kommilitonin, die scharfzüngige Sheila. "Marisa ist ebenso sexy wie komisch", sagt Guggenheim. "Sie versteht es, Pointen genau zu platzieren - ich bin sehr froh, sie schon am Anfang ihrer Karriere entdeckt zu haben."

"Gerade wegen ihrer Doppelzüngigkeit bringt mir die Sheila eine Menge Spaß", sagt Marisa Coughlan. "Bei ihr läuft nichts geradlinig und ehrlich; immer hat sie noch ein Ass im Ärmel, jede Situation dramatisiert sie."

Als "Erwachsene" wählte Guggenheim einige seiner Lieblingsdarsteller aus. Mit Sharon Lawrence hatte er bereits an der Serie "New York Cops - NYPD Blue" gearbeitet, also war es ganz natürlich, dass er sie als Detective Kelly besetzte. "Sharon schafft es immer wieder ganz wunderbar, ihren Rollen auf den Grund zu gehen", sagt Guggenheim. "Sie bringt als Frau Glamour ebenso wie Stärke mit, und sie lässt keinerlei Zweifel daran, dass sie sich im Verhörraum wie zu Hause fühlt."

Als Detective Curtis verleiht Edward James Olmos dem Film intellektuelle Intensität. "Wenn Edward ins Bild kommt, wissen wir: Hier dominiert ein sehr selbstsicherer Typ die Szene", sagt Guggenheim. "In jeder Phase spüren wir, wie er seine grauen Zellen arbeiten lässt - und genau das brauchen wir für diese Rolle."

Der preisgekrönte Schauspieler und Bühnenautor Eric Bogosian spielt den Professor Goodwin, der die drei Kommilitonen und WG-Genossen zu ihrer Semesterarbeit inspiriert. "Goodwin formuliert die zentralen Thesen des Films", erklärt Guggenheim. "Er vertritt nicht unbedingt die Vernunft, aber er stellt auf jeden Fall die provozierendsten Thesen in unserer Geschichte auf."

Am Anfang des Films folgen wir Jones durch die Küche eines harmlos aussehenden chinesischen Restaurants - dort befindet sich der geheime Eingang zu einem der coolsten Clubs von Manhattan. Als sie in diese exotische Kulisse voll junger, schicker und lässiger Typen eintaucht, spüren wir sofort: Die Figuren dieses Films leben in einer faszinierend schillernden, sehr stilisierten Welt. Während Jones und ihre Mitbewohner an ihren Cocktails nippen, erleben wir, wie ein Sänger (der bei WEA unter Vertrag stehende Poe) auf der Bühne eine heiße Neufassung des Go-go-Hits über Gerüchte interpretiert: "Our Lips Are Sealed" (Unsere Lippen sind versiegelt).

Bei der Gestaltung der Optik zu Tödliche Gerüchte verließ sich Regisseur Guggenheim auf Produktionsdesigner David Nichols ("Taxi Driver"; "Ein Date zu dritt"). Er machte sich Guggenheims und Schumachers Konzept zu Eigen und schuf eine Ideal-Vision des Studentenlebens, die mit Uni-Alltag und den üblichen Wohnheimen wenig gemein hat. Mit der kühnen Konstruktion und außergewöhnlichen Einrichtung des Lofts, in dem die drei Studenten wohnen, aber auch mit den exklusiven Clubs und Partys, die sie besuchen, kreierte Nichols facettenreiche Schauplätze, die nicht die Realität, sondern die Einstellung der Hauptfiguren perfekt reflektieren. Weil Kunst in der Story eine wesentliche Rolle spielt, verwendete Nichols eine ganze Reihe von Kunstwerken für den Hintergrund vieler Szenen.

Das wichtigste Kunstobjekt in Tödliche Gerüchte ist die Collage, an der Travis arbeitet, um ein visuelles Pendant zum Gerücht zu schaffen. Die Collage entwickelt sich während des Films und verändert sich wie das Gerücht selbst. Für das fertige Objekt verwendete der Multimedia-Künstler Robert Reinhardt mehr als 2000 Einzelelemente, um die Kreisbewegung des Gerüchts darzustellen. Jedes der Bilder wurde speziell behandelt und reflektiert so die desaströsen Auswirkungen des wild wuchernden Gerüchts.

Norman Reedus ist ja nicht nur Schauspieler, sondern selbst Künstler. Er schuf eine Reihe von Video-Installationen für Travis' Zimmer. "Diese Video-Objekte sind Interpretationen des Gerüchts und seiner Verbreitung in der Story", sagt Reedus. Über eine bestimmte Installation sagt er: "Die Sheila ist besonders scharf darauf, das Gerücht weiterzuerzählen. Ich drehte zwei kurze Sequenzen ihres Gesichts auf Super-8: Sie redet, und sie schüttelt wild ihren Kopf. Eine der Sequenzen ist überbelichtet, und dann lasse ich die beiden Versionen hin- und herwandern, sodass sie sich gegenseitig verfolgen, bis sie sich schließlich berühren. Auf der Tonspur verwende ich eine Reihe von Tierlauten - einen Löwen, einen Bären, einen Wolf und einen Affen. Zusammen ergeben sie ein gewaltiges Gebrüll, das die Unbändigkeit des sich verbreitenden Gerüchts ausdrückt. Mit den Videos versuche ich nicht nur die Aspekte des Gerüchts darzustellen, sondern auch etwas über Travis auszusagen. Ich möchte ausdrücken, was in ihm vorgeht, wie sein Verstand arbeitet."

Der international renommierte Kameramann Andrzej Bartkowiak ("Die Ehre der Prizzis"; "Im Auftrag des Teufels") sorgt mit einer differenzierten Palette satter, kräftiger Farbtöne für dramatische Beleuchtung in den Hörsälen, Wohnungen und den exotischen Clubs, in denen die Studenten wohnen, spielen und arbeiten. Kostümbildnerin Louise Mingenbach ("Die üblichen Verdächtigen"; "Permanent Midnight - Voll auf Droge") steckte die Darsteller in auffällige Designer-Outfits, zum Beispiel von Prada, Ghost und Dolce & Gabbana - auch dies ein optischer Ausdruck ihres exaltierten Lebensgefühls.

Dirk Jasper FilmLexikon
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