Ausführlicher Inhalt zu Gripsholm

Szenenfoto Berlin, 1932. Eine "Sommergeschichte" solle er schreiben, bekommt der bekannte Berliner Journalist, Schriftsteller und Chansontexter Kurt Tucholsky (Ulrich Noethen) von seinem Verleger (Rudolf Wessely) mit in den Urlaub gegeben. Der ist zunehmend besorgt über das politische Engagement seines Autors, zumal ein neuer Prozess wegen seines "Soldaten sind Mörder"-Artikels ins Haus steht. Statt dessen schlägt er ihm eine leichte Sommergeschichte vor, schließlich wollen die Leute etwas haben, "was sie ihrer Freundin schenken können, zart im Gefühl, ironisch und mit einem bunten Umschlag!" - "Eine Liebesgeschichte? Wer liebt denn heute noch?", kontert Kurt im Abgehen.

Tucholsky, der mit seiner ebenso hübschen wie pfiffigen Freundin Lydia (Heike Makatsch), die er liebevoll "Prinzessin" nennt, Richtung Schweden reist, hat seine Schreibmaschine zwar im Gepäck, aber ans Schreiben mag er gar nicht denken. Zuviel ist in letzter Zeit geschehen, zuviel hat sich geändert. In Deutschland und in seinem geliebten Berlin.

Szenenfoto Berlin ... Wie der Glanz der letzten Nachmittagssonne liegt noch ein Hauch der Goldenen Zwanziger über der Metropole. Das Nachtleben explodiert in Kabaretts und Bars, wo kaum verhüllte Ballettgirls ihre Beine werfen und Femmes fatales wie Lydias laszive Freundin Billie (Jasmin Tabatabai) ihre frivolen Lieder trällern. Die besten Texte schreibt ihr Kurt Tucholsky, dessen spitze Feder auch unter dem Psyeudonym Theobald Tiger bekannt ist. Manchem allerdings ist diese Feder, die auch den Satz "Soldaten sind Mörder" schrieb, zu spitz. Der Wind dreht sich, Berlin schickt sich an, in die finsterste Epoche seiner Geschichte einzutauchen.

Davon ist in dem entzückenden schwedischen Schloss Gripsholm, wo Kurt und Lydia ihr Feriendomizil aufschlagen, anfangs nichts zu spüren. Das verliebte Paar verliert sich in Sommerseligkeiten. Sie lieben sich durch sonnensatte Tage und klare Nächte, machen Fahrradtouren, Ausflüge an klare Seen, tanzen, küssen, picknicken. Berlin ist weit und doch stets in Kurts Gedanken präsent. Er quält sich mit der Frage, ob er nach dem Urlaub nach Deutschland zurück kehren soll oder nicht. Und, was wird aus ihm und der Prinzessin? Lydia spürt, was den Geliebten beschäftigt und versucht, die schwarzen Schatten aus seinen Gedanken zu verjagen, indem sie ihm einen Handel vorschlägt: "Wir genießen zusammen den Sommer. Und wenn er vorbei ist, werden wir wissen, was zu tun ist."

Szenenfoto Als nächstes aber landet erst einmal Kurts Freund Karlchen (Marcus Thomas) mit seinem Flugzeug auf der Wiese hinter Schloss Gripsholm, einen Stapel Berliner Zeitungen und eine Kiste Champagner an Bord. Für die Prinzessin ist es eine große Überraschung, dass ihr Kurt ein ebenso begeisterter Pilot wie Karlchen ist - und ein ebenso fähiger, der ihr gleich seine Flugkunst demonstriert. Die Prinzessin erkennt, dass sie Kurt nicht halb so gut kennt, wie sie dachte. Und mehr noch: dass er nicht halb so offen zu ihr ist, wie sie dachte. Ein erster, noch sanfter Schatten fällt über ihr unbeschwertes Sommerglück.

Auch die Nachrichten, die Karlchen aus der Heimat bringt, gefährden die beschwingte Sommerfrische: Es gibt in Berlin schwarze Listen, auf denen Kurts Name ganz oben steht. Wegen seiner Formulierung "Soldaten sind Mörder" soll ihm der Prozess gemacht werden. Der einst gefeierte Texter gilt als Nestbeschmutzer. Es gelingt Kurt, diese Nachrichten weitgehend vor Lydia geheim zu halten. Ebenso wie seinen Kummer über die Einstellung seines alten Freundes Karlchen, der blauäugig an ein neues nationales Deutschland glaubt. In mehreren Gesprächen versuchen die Männer einander wieder nahe zu kommen, doch die Kluft zwischen dem pessimistischen und weitsichtigen Kurt und dem resoluten, naiven Karlchen lässt sich nur noch durch ihre gemeinsame sorglose Vergangenheit überbrücken.

Szenenfoto dass wenig später auch noch Billie, von Lydia eingeladen, mit ihrem neuen Auto die Auffahrt von Schloss Gripsholm hochtuckert, bedeutet eine neue Irritation. Kurt reagiert gereizt, weil ihm "zu viel Berlin" in die ländliche Idylle eindringt. Lydia und Kurt streiten sich zum ersten Mal. Obwohl sich das Quartett bei sommerlichen Ausflügen und vergnügten Picknicks amüsiert, ist zunehmend eine leichte Spannung spürbar.

Um seinen Kopf frei zu bekommen, schlägt Kurt einen Flug vor. Billie, die noch nie geflogen ist, reagiert begeistert. Auch Karlchen ist gleich mit von der Partie, denn er hat auf dem Flughafen, wo er seine Maschine untergebracht hat, ein zweites Flugzeug gesehen. Lydia bekennt sofort, Angst zu haben, wird aber von den anderen zum Mitkommen überredet. Sie fliegt bei Karlchen mit, während Kurt und Billie die zweite Maschine nehmen. Aus dem luftigen Ausflug, den Kurt und Karlchen mit ein paar gekonnten Manövern einleiten, wird jäh lebensgefährlicher Ernst, als Kurt plötzlich direkt auf das andere Flugzeug zuhält. Erst im allerletzten Moment zieht er seine Maschine hoch ...

Szenenfoto Wieder am Boden entlädt sich Lydias Angst in einer saftigen Ohrfeige für Kurt. Während die Frauen mit Billies Auto ins Schloss zurückfahren, kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Karlchen und Kurt. Karlchen erkennt seinen besonnen, ironischen Freund nicht mehr wieder. Lebensverneinend, bitter und fremd ist er geworden. Jedenfalls nicht einer, den das neue Deutschland brauchen könnte, befindet er - und reist ab. "Lass uns wenigstens die Vergangenheit bewahren," bittet Kurt, bevor Karlchen in sein Flugzeug steigt.

Mit Karlchens Abreise schlägt die Stimmung der kleinen Gruppe in leise Melancholie um. Außerdem sind Lydia und Kurt immer noch zerstritten. Dieses Problem löst Billie auf ihre Weise: Als sie Arm in Arm mit Lydia spazierend auf Kurt trifft, bietet sie ihren Mund erst ihm, küsst Lydia und ordnet dann an: "Jetzt gebt ihr euch einen Kuss."

Szenenfoto Aus einem nahegelegenen Kinderheim flieht die kleine Ada (Sara Föttinger) ins Schloss und sucht Schutz vor der mit brachialer Härte erziehenden Heimleiterin Frau Adriani (Anette Felber). Erst wollen sich Kurt und Billie nicht einmischen, aber Lydia lässt nicht locker: Sie nimmt Kontakt mit der Mutter auf und gemeinsam mit Kurt gelingt es ihr, das Kind aus dem Heim zu holen. Die neu erwachte Liebe zwischen Kurt und Lydia schließt auch Billie mit ein: Zu dritt verbringen sie eine zärtliche, träumerische und leidenschaftliche Nacht.

Als Billie ihre Koffer packt und nach Berlin zurückfährt, wo sie auf eine Karriere beim Film hofft, ist Kurt und Lydia klar, dass sich auch ihr Sommer auf Gripsholm unwiederbringlich seinem Ende zuneigt. Ein Sommer einer großen einmaligen Liebe. Aber auch ein Sommer der Erkenntnis, über den Kurt Tucholsky schreiben wird: "Man denkt oft, die Liebe sei stärker als die Zeit. Aber immer ist die Zeit stärker als die Liebe."

Dirk Jasper FilmLexikon
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