Produktionsnotizen zu Gripsholm

Gripsholm ist keine werkgetreue Verfilmung von Kurt Tucholskys Liebesroman "Schloss Gripsholm" (1931). Vielmehr verknüpft Oscar-Preisträger Xavier Koller (REISE DER HOFFNUNG) Motive aus Kurt Tucholskys Buchklassiker mit der Biografie des legendären Berliner Publizisten und Schriftstellers, erzählt aus der Sicht von Kurt Tucholskys Freundin, seiner "Prinzessin". Drehorte 42 Drehtage in vier Ländern, wobei der Standort Deutschland mit den spektakulären Varieté-Szenen vertreten ist, die in einem Spiegelzelt auf dem Babelsberger Studiogelände gedreht wurden. Die Straßenzüge aus dem Berlin der frühen dreißiger Jahre hat Filmarchitekt Peter Manhardt in seiner Heimatstadt Wien entdeckt. Die Flugaufnahmen an Schwedens Küste wurden in der Region "Kullaberge" gedreht.

Das berühmte Gripsholm, das Tucholskys Sommergeschichte den Titel gab, wurde im Film nicht als Drehort verwendet, stattdessen zwei ebenso malerische wie touristisch unentdeckte Schlösser in der Nähe von Landskrona, der südschwedischen Hafenstadt am Öresund, eins für die Innen- und eins für die Aussenmotive.

Kurt Tucholsky in Berlin und Gripsholm I. Als die Liebesgeschichte "Schloss Gripsholm" im Mai 1931 als Buch bei Ernst Rowohlt in Berlin erscheint (als Fortsetzungsroman war sie zunächst zwischen März und April im Berliner Tageblatt abgedruckt worden), macht Kurt Tucholsky schon seit langem einen großen Bogen um seine Heimatstadt. Bereits 1924 hatte sich der Urberliner, geboren am 9. Januar 1890 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns im Bezirk Moabit, der in seinen Texten gern und gekonnt die märkische Mundart benutzte, nach Paris abgesetzt, um von dort als Korrespondent für die Weltbühne und die Vossische Zeitung zu berichten.

Seitdem kehrt er nur noch als Besucher zurück, ein Durchreisender Richtung Skandinavien etwa und dann wieder Richtung Schweiz oder Österreich. Und schließlich bleibt er ganz aus, ja, setzt seinen Fuß gar nicht mehr auf deutschen Boden.

Bereits im Sommer 1929 trifft der weitsichtige Publizist und Schriftsteller, angesichts des allgemeinen politischen Klimas wie der gegen ihn persönlich gerichteten üblen Angriffe und Drohungen der Rechten eine Entscheidung, von der nur seine intimsten Freunde erfahren: Das neutrale Schweden wird sein künftiges Exil. Für den Rest der Welt, Bruder Fritz eingeschlossen, wird bis zu seinem Tode eine Tarnadresse in Zürich genügen müssen.

In Kurt Tucholskys eigenhändiger Vita für den Einbürgerungsantrag zur Erlangung der schwedischen Staatsbürgerschaft, verfasst im Januar 1934, heißt es:

"Nachdem T. [d.i. Tucholsky] bereits als Tourist längere Sommeraufenthalte in Schweden genommen hatte (1928 in Kivik, Skåne, und fünf Monate im Jahre 1929 bei Mariefred), mietete er im Sommer 1929 eine Villa in Hindås, um sich ständig in Schweden niederzulassen. Er bezog das Haus, das er ab 1. Oktober 1929 gemietet hat, im Januar 1930 und wohnt dort ununterbrochen bis heute."

Fast ein Jahr nach diesem Schreiben, am frühen Nachmittag des 19. Dezember 1935, wird er im Schlafzimmer der "Villa Nedsjölund", einem idyllischen Anwesen mit großem Garten und Seeblick, eine tödliche Dosis Veronal nehmen. Wissentlich oder aus Versehen? - Darüber streiten die Gelehrten. Kurt Tucholsky stirbt im Sahlgrenschen Krankenhaus von Göteborg am 21. Dezember 1935 ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Am 11. Juli 1936 findet in aller Stille auf dem kleinen Friedhof in Mariefred bei Schloss Gripsholm, den Tucholsky selbst in seinem Liebesroman beschrieben hat, die Urnenbeisetzung statt.

Der Film Gripsholm verknüpft Tucholskys eigene Sommererlebnisse in Schweden, die ihn dann zu seinem Kurzroman anregen, mit dem Entschluss, nicht nach Deutschland zurückzukehren. Tatsächlich belegen zahlreiche Dokumente diesen Zusammenhang, unabhängig davon, ob das Script aus dramaturgischen Erwägungen einen späteren Zeitpunkt für diese Sommerfrische wählt und sich daher der Abschied von der Heimat und den Freunden in der Realität nicht so überstürzt vollzog, wie er auf der Leinwand geschildert wird. So reiste Tucholsky auch noch durch die Republik, nachdem er bereits seinen Wohnsitz in Hindås im Februar 1930 bezogen hatte.

Im September 1930 kehrt er nach einem Aufenthalt in einem Sanatorium bei Luzern über Berlin nach Schweden zurück - und macht sich an die Niederschrift von "Schloss Gripsholm". Tucholsky hat den genauen Ablauf auf seiner Manuskriptmappe penibel festgehalten:

'Schloss Gripsholm'
Die Geschichte eines Sommerurlaubs

Angelegt: 1.10.30
erster Entwurf beendet: 17.12.30
Abgeschlossen: 31.12.30
ohne Fahnen-Korrekturen

Als der Autor diese Mappe anlegt, ist die Idee zu seiner Liebesgeschichte um zwei Großstadtpflanzen in Schwedens Natur bereits über ein Jahr alt. Sie wurde geboren, als Tucholsky gemeinsam mit seiner Geliebten, der Journalistin Lisa Matthias, von Anfang Mai bis Mitte Oktober 1929 in dem kleinen Badeort Fjälltorp Läggesta am Ufer des Mälarsees gegenüber Schloss Gripsholm logierte. In dieser Zeit beendet er nicht nur sein Buch "Deutschland, Deutschland über alles", schreibt Artikel, auch Chansons, und führt einen lebhaften Briefwechsel, sondern sucht auch intensiv nach einem neuen Domizil für die Zukunft. Schließlich findet er die "Villa Nedsjölund" in Hindås, an der Westküste, nicht weit von Göteborg und setzt im August seine Unterschrift unter den Mietvertrag.

Wie weise diese Entscheidung war, führt ihm eine ausgedehnte Vortragsreise durch Deutschland vor Augen, die er im Herbst antritt: "In Wiesbaden wurde nach seiner Lesung ein Arzt, den man mit ihm verwechselt hatte, angefallen und verletzt. Der Aufenthalt in Deutschland, in dem äußerlich so ordentlichen und rechtschaffenen Deutschland von 1929, war für diesen unliebsamen Schriftsteller bereits mit Gefahren verbunden. Nach dieser Reise, bei der er Feinden und Anhängern von Angesicht zu Angesicht begegnet war, ist er, wie er in einem späteren Brief bekannte, stiller und stiller geworden." (Aus: Hans Prescher, "Kurt Tucholsky" - Berlin 1986.)

In einem Brief an den Bruder vom 18. Januar 1931 heißt es unter Anspielung auf die Ermordung Karl Liebknechts (1919): "Mein Weg führte unbedingt in das Liebknechtschicksal (...) Schlügen sie mich heute tot: was wäre dann? Dann kriegte ich einen Nekrolog, und den kann ich mir auch alleine schreiben. Es lohnt nicht."

II. Tucholsky hat seiner Sommergeschichte eine mysteriöse Widmung vorangestellt, die zum amourös-verspielten Ton der Erzählung passt: "Für IA 47 407". Während wir Nachgeborenen im Dunkeln tappen, werden die Zeitgenossen sofort erkannt haben, dass es sich hier um eine Autonummer handeln mußs, aber wer ist der Fahrzeughalter?

"Ich! Ich!", hat Lisa Matthias in ihrem berühmt-berüchtigten "Enthüllungsbuch" "Ich war Tucholskys Lottchen" 1962 ausgerufen und dabei stolz mit den Wagenpapieren gewedelt: "IA 47 407 - das war meine Autonummer." Spricht da die "Prinzessin"? Oder anders gefragt: Inwiefern hat Tucholsky Autobiographisches in seiner Sommergeschichte verarbeitet?

Der Autor in einem Brief vom 6. Mai 1931: "In den langen Wintermonaten, in denen ich mich mit 'Gripsholm' beschäftigt habe, hat mir nichts soviel Mühe gemacht, wie diesen Ton des wahren Erlebnisses zu finden. Außer einem etwas vagen Modell zu Karlchen und der Tatsache, dass es wirklich ein Schloss Gripsholm gibt, in dem ich nie gewohnt habe, ist so ziemlich alles in dieser Geschichte erfunden: vom Briefwechsel mit Rowohlt an bis zur (leider! leider!) Lydia, die es nun aber gar nicht gibt."

Tucholsky selbst hasste Schlafzimmer-Schnüffelei. Festzuhalten bleibt, dass sich die Grundkonstellation des Romans (ein deutsches Liebespaar in Schweden) mit seiner eigenen Situation im Sommer 1929 deckt, und dass die Idee der Freien Liebe jenseits bürgerlicher Moral, ohne Besitzdenken, so wie sie für wenige Tage von Kurt, Lydia und Billie gelebt wird, für den Schriftsteller und Erotomanen Tucholsky keineswegs graue Theorie war, sondern von ihm fast ein Leben lang praktiziert wurde, - mit allen Widersprüchen, Verwundungen und Dramen, die das wirkliche Leben am Morgen und in den Wochen oder auch Jahren danach zu bieten hat.

Was den "frivolen" Höhepunkt von "Schloss Gripsholm" anbelangt, so verweist Gerhard Zwerenz in seiner Biographie auf einen aufschlussreichen Briefwechsel kurz nach Veröffentlichung des Buches. "Als dem mehr auf Kafkas Zurückhaltung abonnierten Max Brod die erotische Szene missfiel, antwortete ihm Tucholsky am 24. 5. 1931: 'Über die kleine Szene à trois müssten wir uns einmal unterhalten - zu grob ist sie ja wohl nicht (...) '- Da kommt der Stolz des Erotikers ebenso wie der des Schriftstellers zum Vorschein, die sich der Eleganz ihrer Arbeit bewusst sind. Doch der geübte Liebhaber kann sich nicht enthalten, noch eine ebenso witzige wie verdeckt provozierende Wendung anzuschließen: (...) und haben Sie etwas gegen die Realität solcher Dinge?', fragt er keck an. - Tucholsky hatte, offensichtlich, nichts dagegen, und er verschwieg es nicht." (Aus: "Kurt Tucholsky. Biographie eines guten Deutschen." - München 1979.)

Nebenbei: Die Beziehung zu Lisa Matthias, die Anfang 1927 begonnen hatte, kühlte bereits 1930 merklich ab. Und wenige Wochen bevor "Gripsholm" in den Buchhandel kam, waren sie geschiedene Leute.

III. "Schloss Gripsholm", "Ein Reisebuch nach Schweden voll von frischer Luft, Liebe, Freundschaft, Mitleid und klarem Weltblick" (Anzeige des Berliner Tageblatts für den Vorabdruck), erfreut sich beim Publikum großer Beliebtheit und entwickelt sich rasch zum Bestseller.

Auch das Presseecho ist fast einhellig positiv: "Der Autor und eine schöne, hinreißend klug-alberne Freundin fahren zusammen ein paar Sommerwochen nach Schweden, sein Freund, ihre Freundin besuchen sie, man sonnt sich, liebt sich, vergisst Deutschland (und vergisst es doch nie, nie!), ein Kind wird aus den Klauen eines Drachen gerettet - das ist alles. Das ist alles? Nur eben diese Kleinigkeit fehlt noch: wie das erzählt ist, daran können einige tausend Romanciers lernen, was gottlob nicht zu lernen ist", meinte Herbert Günther in der Literatur.

The Times pries den Übermut der Geschichte, Books abroad brachte Tucholsky in die Nähe von Laurence Sterne, auch schwedische Zeitungen lobten das Buch. Die meisten Rezensenten feierten ?Schloss Gripsholm' als zweites 'Rheinsberg', hoben den Humor und die Leichtigkeit hervor, mit der das Buch geschrieben sei." (Aus: "Kurt Tucholsky, dargestellt von Michael Hepp". - Reinbek bei Hamburg 1998.)

Die Erfolgsgeschichte dieses kleinen Romans nimmt mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 ein jähes Ende. Nach Beginn der Hitler-Herrschaft publiziert Tucholsky keine Zeile mehr. Seine Bücher werden bei der am 10. Mai 1933 inszenierten Verbrennung von Werken unliebsamer Autoren ins Feuer geworfen. Auf der ersten Liste von Personen, denen im August '33 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wird, "weil sie durch ein Verhalten, das gegen die Pflicht zur Treue gegen Reich und Volk verstößt, die deutschen Belange geschädigt haben", findet sich auch der Name Kurt Tucholsky.

IV. Im Deutschland der Nachkriegszeit findet sein Gesamtwerk dank der unermüdlichen editorischen Tätigkeit seiner Universalerbin, Mary Gerold-Tucholsky, im Bunde mit dem Rowohlt Verlag weite Verbreitung.

Die Neuauflage von "Schloss Gripsholm" erscheint 1950 als rororo Taschenbuch Nr. 4 - ein Jahrzehnt später sind bereits fast 500.000 Exemplare verkauft. Zu noch größerer Popularität verhilft dem Roman die erste Verfilmung 1963 durch Kurt Hoffmann (Buch: Herbert Reinecker), in den Hauptrollen das "Traumpaar" Walter Giller und Nadja Tiller. Verliebte unter 18 müssen freilich draußen bleiben, dafür sorgt die FSK. Kleiner Trost für Jugendliche - die Philips-Langspielplatte zum Buch mit Erich Schellow und Heidemarie Theobald.

Dirk Jasper FilmLexikon
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