Produktionsnotizen zu In The Mood For Love

Eins ist jetzt schon klar, und es spricht für Wong Kar-wais Bedeutung als Erneuerer: Obwohl er in seinen Filmen aus vielen und sehr unterschiedlichen Quellen schöpft, ist er niemals ein postmoderner Bastler. Seine Arbeiten handeln von ursprünglichen Emotionen, nicht von deren Abklatsch; ihm geht es um Gefühle, nicht um kulturelle Gesten. (Tony Rayns, Sight and Sound) Als gäb's kein nächstes Mal - ein Ausweichprojekt wird zum Meisterwerk

In The Mood For Love hat eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte. Ursprünglich hatte Wong Kar-wai seine Hauptdarsteller Maggie Cheung und Tony Leung für ein Filmprojekt mit dem Arbeitstitel Beijing Summer engagiert. Doch weil die chinesischen Zensurbehörden die Drehgenehmigung für den Platz des Himmlischen Friedens in Peking verweigerten, konnte es nicht realisiert werden. Wong Kar-Wai ließ sich davon jedoch nicht lange beirren, sondern machte aus der Not eine Tugend, zumal seine beiden Darsteller nach wie vor zur Verfügung standen. Er entwickelte die Idee zu einer neuen Story, die in Hongkong spielen sollte - und stürzte sich mit seinem Team in die Arbeit, um die Geschichte im Verlauf der Produktion immer mehr auf den Punkt zu bringen.

Diese spontane, offene Herangehensweise an einen Film ist an sich ungewöhnlich - nicht jedoch für Wong Kar-Wai, der als Autorenfilmer mit eigener Produktionsfirma ohnehin eine Ausnahmeerscheinung in der Hongkonger Filmindustrie ist. Er ist dafür bekannt, dass er seine eigenen Scripts im Verlauf der Dreharbeiten häufig umschreibt und es sich vorbehält, bis zum Schluss immer wieder flexibel auf neue Ideen zu reagieren, die eine weitere Verbesserung versprechen.

Seinen notorischen Perfektionismus und nie enden wollenden Arbeitseifer erklärt er selbst so: "Ich versuche, jeden Film als den letzten zu betrachten, den ich je machen werde, damit er so gut wird, wie nur irgend möglich. Ich möchte kein Bedauern empfinden, keine Entschuldigungen vor mir selbst gelten lassen oder denken 'beim nächsten Mal mach ich's dann halt besser'."

Und auch Wong Kar-Wai Antwort auf die Frage, welchen Regisseur er selbst bewundere, klingt wie ein Credo, das im Grunde auch seine eigene Arbeitsweise beschreibt. "Ich glaube, jemand, der Filme macht, mußs das mit seiner ganzen Leidenschaft tun. Also würde ich Martin Scorsese nennen. Er hält immer Überraschungen bereit, und er ist mit Leib und Seele Regisseur.

Eine Stimmung, die süchtig macht - Wong Kar-wais Blick auf die 60er Jahre in Hongkong

Im Zentrum von In The Mood For Love steht eine Liebesgeschichte, doch der Film ist noch weit mehr als das: Er ist auch eine liebe- und respektvolle Annäherung an die 60er Jahre in Hongkong, deren gesellschaftliches Klima und deren Atmosphäre den Regisseur in besonderer Weise inspiriert hat: "Das, wonach ich während der Arbeit an diesem Film regelrecht süchtig wurde, war die Stimmung, die er heraufbeschwor.

Vor allem anderen wollte ich diese Zeit einfangen, die sehr viel subtiler war als unsere heutige. Ich wusste von Anfang an, dass ich nicht nur einen Film über eine Affäre drehen wollte. Das wäre zu langweilig, zu vorhersehbar gewesen und hätte nur zwei mögliche Enden gehabt: entweder sie gehen zusammen weg oder sie trennen sich und kehren zu ihrem alten Leben zurück. Was mich interessiert hat, war die Art und Weise, wie Menschen sich benehmen und zueinander verhalten, wenn sie in Umständen wie den in dieser Geschichte gezeigten sind, die Art, wie sie Geheimnisse bewahren und teilen."

Wong Kar-Wai lässt seinen Film 1966 enden, weil das besondere Milieu, das er in seinem Film einfängt, danach großen Veränderungen unterworfen war. Die Menschen, die nach der Einnahme Shanghais durch kommunistische Truppen und der Proklamation der Volksrepublik China seit Beginn der 50er Jahre in die britische Kronkolonie Hongkong geflohen waren, sahen sich ab Mitte der 60er Jahre neuen Gefahren ausgesetzt: "Mein Film handelt auch vom Ende einer Epoche. Das Jahr 1966 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte Hongkongs.

Die chinesische Kulturrevolution, die damals begann, hatte eine Menge Auswirkungen auf Hongkong. Es entstanden politische Unruhen, und die Menschen mußsten sich um ihre Zukunft sorgen. Nach einer Zeit relativer Ruhe, in der sie sich hier eine neue Existenz aufgebaut hatten, bekamen sie nun das Gefühl, vielleicht bald von neuem fliehen zu müssen. Das Jahr 1966 ist das Ende von etwas und der Beginn von etwas Neuem."

Das Aroma einer untergegangenen Welt - die Rekonstruktion des Milieus der Shanghai-Community

Wong Kar-Wai ist selbst 1958 in Shanghai geboren und fünf Jahre später mit seiner Familie nach Hongkong gekommen. Er konnte sich in seiner neuen Heimat zunächst nicht verständigen, weil er noch kein Kantonesisch sprach, und beschreibt diese Zeit als "den größten Albtraum" seines Lebens. Wahrscheinlich hat diese Erfahrung nicht nur seinen Blick für die Welt der sichtbaren Zeichen und Gesten geschärft, sondern auch seine Gehör- und Geschmacksempfindung in besonderer Weise geschult.

Mit viel Liebe zum Detail und einem hochentwickelten Gespür für atmosphärische Valeurs lässt er in In The Mood For Love das Milieu der Hongkonger Shanghai-Community wiedererstehen - eine Welt, die heute so nicht mehr existiert. Die Dreharbeiten fanden außer in Hongkong vor allem in Bangkok und, für die Schluss-Sequenz, in Kambodscha statt.

Um seiner rekonstruierten Version dieser alten Welt eine möglichst große Authentizität zu verleihen und seine Darsteller umfassend einzustimmen, verfiel Wong Kar-Wai auf eine ungewöhnliche Idee: "Wir wollten etwas über das Alltagsleben von damals erzählen, über die häuslichen Verhältnisse, Nachbarschaften und all das. Ich habe sogar eine Speisekarte für die Zeit der Dreharbeiten zusammengestellt, mit charakteristischen Gerichten für die unterschiedlichen Jahreszeiten, und ich habe eine Frau aus Shanghai gefunden, die diese Gerichte gekocht hat, so dass die Besetzung sie während der Dreharbeiten essen konnte. Ich wollte, dass dieser Film all jene Aromen enthält, die mir so vertraut sind. Das hat mir gefühlsmäßig sehr viel bedeutet."

Der Kopf und der Schwanz einer Schlange treffen zusammen - die raffinierte Erzählweise des Films

Wie alle Filme Wong Kar-Wai zeichnet sich auch In The Mood For Love durch eine besonders raffinierte und unkonventionelle Erzählweise aus. Wong Kar-wai braucht nur zwei Figuren, um eine Geschichte zu erzählen, die von vier Figuren und deren komplizierter Verstrickung handelt. Li-zehn und Chow, die beiden betrogenen Betrüger, tauchen in ein faszinierendes und zugleich auch für sie selbst immer verwirrender werdendes Spiel ein, in dem sie imaginieren, projizieren und schließlich auch imitieren, was ihre Ehepartner tun. "Wir sehen, mit anderen Worten, beide Beziehungen - die ehebrecherische Affäre und die sehr zurückhaltende Freundschaft. Das ist eine Technik, die ich von Julio Cortazar gelernt habe, der immer mit so einer Struktur arbeitet. Es ist wie ein Kreis; der Kopf und die Schwanzspitze einer Schlange treffen zusammen."

Ein anderes wichtiges Erzählprinzip von In The Mood For Love ist das der Wiederholung. Der Regisseur zeigt seine Figuren viele Male bei der Verrichtung derselben alltäglichen Dinge und zeichnet so nicht nur ein beeindruckendes Bild der Enge ihres Milieus und der Beschränkheit ihres Handlungsspielraums. Dieses Wiederholungsprinzip dient auch dazu, die Veränderungen, die sich in ihrem Verhalten vollziehen, wie unter einem Brennglas hervortreten zu lassen: "Ich habe versucht, den Prozess der Veränderung zu zeigen. Das tägliche Leben besteht aus Routine - derselbe Flur, dieselbe Treppe, dasselbe Büro, sogar dieselbe Hintergrundmusik - aber wir können sehen, wie sich die beiden vor diesem unveränderlichen Hintergrund verändern. Die Wiederholung hilft, die Veränderungen zu erkennen."

Die Sinnlichkeit steckt im Detail - die poetischen Bilder und das Spiel der subtilen Andeutungen

Wong Kar-Wai dezenter Erzählstil lässt den Zuschauer zu einer Art Detektiv werden. Mit wachsender Spannung registriert und interpretiert er die kleinen Zeichen der Veränderung in der Beziehung zwischen Chow und Li-zehn; nie jedoch lässt Wong Kar-Wai ihn zum Voyeur werden. Auch wenn er in seinem Film von zwei Paaren erzählt, die Ehebruch begehen, verzichtet er auf Bilder, die seine Figuren in eindeutigen Situationen und Stellungen zeigen, oder gar auf Worte, die ihre Beziehung zueinander definieren.

Wie in allen seinen Filmen hat auch in I In The Mood For Love das Visuelle Vorrang vor dem gesprochenen Wort. Es sind kurze Gesten und Blicke, die Auskunft über den Grad der Intimität zwischen den Figuren geben, und es sind die melancholischen Lieder, die ihre Stimmung beschreiben. Selbst die einzige Szene, die Li-zehn und Chow beim Sex zeigte, ließ der Regisseur nachträglich wieder aus seinem Film herausschneiden. Stattdessen spielt nun nur eine einzige kurze Einstellung, die die beiden während einer nächtlichen Taxifahrt zeigt, auf den Beginn ihrer Liebesbeziehung an. "Ich habe die Sexszene erst im letzten Moment herausgenommen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, ihnen dabei nicht zusehen zu wollen. Und als ich meinem Ausstatter William Chang davon erzählte, meinte er, er hätte genau dasselbe gedacht!"

Dirk Jasper FilmLexikon
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