Ausführlicher Inhalt zu Der Barbier von Sibirien

Russland im Jahre 1885. Der junge Kadett Andrej Tolstoi (Oleg Menshikov) bereitet sich an der Moskauer Militärakademie auf seine Offiziersprüfung vor. Die Ausbildung ist geprägt von militärischem Drill und einer für moderne Zeitgenossen schwer nach zu vollziehenden, fast kindlichen Liebe zum Zaren. Die Kadetten verbinden tiefe Freundschaft, romantisches Ehrgefühl - und unbekümmerte Freude am Leben. Jung und lebenshungrig kosten sie im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten alles aus, um sich zu amüsieren.

Die Amerikanerin Jane Callahan (Julia Ormond) war dagegen Zeit ihres Lebens eine Außenseiterin. Als junges Mädchen von ihrem Stiefvater missbraucht und von der Mutter verstoßen, lebte sie am Rand der Gesellschaft, hielt sich mit Männerbekanntschaften und, im Verständnis ihrer Zeit, zweifelhaften Unternehmungen über Wasser. Eben eine solche Unternehmung führt sie nach Russland, wo sie von dem amerikanischen Erfinder Douglas McCracken (Richard Harris) erwartet wird. Er hat Jane engagiert, damit sie sich als seine Tochter ausgibt und ihm unter Einsatz ihres weiblichen Charmes hilft, Geld am Zarenhof aufzutreiben. Die russische Aristokratie soll McCrackens neueste Erfindung finanzieren, eine dampfbetriebene Abholzungsmaschine, genannt Der Barbier von Sibirien. Im Zug, der Jane nach Moskau bringt, begegnet sie Andrej. Es ist Liebe auf den ersten Blick - von seiner Seite mit großen, himmelsstürmenden Gefühlen für die schöne Fremde, von ihrer Seite mit ängstlichen Vorbehalten und einer gerührten Zärtlichkeit für diesen Mann, der kaum dem Jungenalter entwachsen ist.

McCracken, immer in Begleitung seines russischen Vertrauten Kopnovski (Daniel Olbrychski), gibt Jane zu verstehen, dass ihm eine Romanze zwischen Jane und dem einflussreichen General Radlov (Alexej Petrenko) bei der Realisierung seiner Pläne gelegen käme. Allerdings ist Janes Besuch in der Militärakademie vor allem genährt von der Hoffnung, Andrej wiederzusehen. dass sie dabei Radlov kennenlernt, wertet sie als glückliche Fügung. Doch der naiv wirkende General verliebt sich tatsächlich in Jane.

Ausgerechnet seinen Kadetten Andrej Tolstoi bittet Radlov um Hilfe, als er Jane einen formellen Heiratsantrag macht. Tolstoi, der viel besser Englisch spricht als sein General, muß den von Radlov vorbereiteten Text im Haus von McCracken vorlesen. Doch überwältigt von seinen eigenen Gefühlen für Jane bittet er stattdessen selbst um ihre Hand. Und verlässt daraufhin sofort das Haus, ohne eine Antwort abzuwarten - und lässt Jane, den General und McCracken in peinlicher Verlegenheit zurück. Getrieben von verletzter Eitelkeit zeigt General Radlov sein wahres Gesicht. Er verschiebt die Bestrafung Tolstois nur, weil dieser am kommenden Abend in Mozarts "Die Hochzeit des Figaro" die Hauptrolle singt. In einer Aufführung, die Radlovs Kadetten eigens für den Zaren (Nikita Mikhalkov) einstudiert haben.

Am selben Abend sucht Jane Tolstoi im Haus seiner Mutter auf. Nach einer schmerzhaften Aussprache verbringen sie eine leidenschaftliche Nacht miteinander. Der junge Mann schleicht am nächsten Morgen glücklich in die Militärakademie zurück und verkündet, dass er heiraten wird.

Als sich am Abend der Vorhang für "Die Hochzeit des Figaro" hebt, steht ein strahlender Andrej Tolstoi auf der Bühne, der seine Augen nicht von Jane, die zwischen McCracken und Radlov im Publikum sitzt, abwenden kann. In der Pause bittet Jane Radlov, Tolstoi nicht zu hart zu bestrafen. Sie versucht ihn milde zu stimmen, in dem sie Andrejs Jugend betont: "Er ist doch nur ein Junge, den man nicht ernst nehmen kann." Zufällig belauscht Andrej das Gespräch und zweifelt an Janes Liebe. Als er im zweiten Teil der Aufführung Jane im scheinbar vertrauten Gespräch mit Radlov beobachtet, springt er von der Bühne und greift, rasend vor Eifersucht, den Rivalen an.

Tolstoi wird verhaftet. Um das Ansehen des Generals nicht zu schädigen, verbreitet die Armeeführung, Tolstoi habe ein Attentat auf den ebenfalls im Theater anwesenden Großfürsten verüben wollen. Alle Versuche von Jane, die Sache aufzuklären und mit Tolstoi Kontakt aufzunehmen, scheitern. Der Kadett wird nach Sibirien verbannt. Was er nicht weiß und Jane geheim hält: sie ist schwanger von ihm. dass McCracken jetzt tatsächlich die finanzielle Unterstützung des sibirischen Großherzogs für die Entwicklung seiner Maschine erhält, erscheint ihr wie bittere Ironie.

Zehn Jahre später. Andrej Tolstoi lebt in einem kleinen Dorf, wo er als Friseur sein Leben fristet. Er hat das ehemalige Dienstmädchen seiner Mutter, das ihm in die Verbannung gefolgt ist, geheiratet.

Um ihrem Kind eine ehrbaren Namen zu geben, hat Jane nach ihrer Rückkehr in die Staaten McCracken geheiratet. Dieser will, nach Jahren des Konstruierens, nun endlich den Der Barbier von Sibirien in den sibirischen Wäldern ausprobieren. Jane begleitet ihn, in der Hoffnung, den Vater ihres Sohnes wiederzusehen. Doch als sie sein Dorf findet, ist Andrejs Holzhaus leer. Eine Wiege und Familienbilder sagen ihr mehr, als sie ertragen kann. Jane verlässt das Dorf, ohne Andrej zu sehen und nimmt ihr Geheimnis mit sich. Erst Jahre später, als ihr Sohn die Militärakademie Westpoint besucht, eröffnet sie ihm, wer sein wahrer Vater ist ...

Dirk Jasper FilmLexikon
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