Produktionsnotizen zu Quills - Macht der Besessenheit

Gebieterisch, cholerisch, extrem in allem, mit einer zügellosen Imagination, wie man sie noch niemals gesehen hat ... das bin ich, auf einen Nenner gebracht. Also tötet mich noch einmal oder nehmt mich, wie ich bin, denn ich werde mich nicht ändern.

Aus dem letzten Willen und Testament des Marquis de Sade.

TREFFEN SIE DEN MARQUIS: Die Ursprünge von QUILLS

Immer wieder einmal, ganz selten, gibt es einen Menschen, der alle gängigen Ideen der Gesellschaft in Frage stellt, der die Moral in ihren Grundfesten erschüttert, der das Alte ablehnt, die bequemen Vorstellungen davon, was es bedeutet ein Mensch zu sein. Im Lauf der Geschichte wurden solche Menschen stets als gefährlich angesehen - und haben, ironischer Weise, die extremsten und fragwürdigsten Reaktionen herausgefordert.

An der Wende des 18. Jahrhunderts, kurz nach Ende der blutigen Französischen Revolution, war der Marquis de Sade - der Mann, von dessen Name der Ausdruck "Sadismus" abgeleitet wird - definitiv einer dieser gefürchteten Querdenker. Sade war so skandalös, dass er uns selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts, mehr als 200 Jahre später, immer noch schockiert. Seine Hinterlassenschaft ist es, dass wir uns immer noch mit der Frage beschäftigen müssen, wie man denen begegnen soll, die so lustvoll mit den bösartigsten Tabus spielen, die sie bereitwillig brechen.

Quills - Macht der Besessenheit leistet mit seiner Interpretation der letzten Tage des Marqius de Sade einen kühnen Beitrag zu diesem Thema - mal als prickelnde schwarze Komödie, als Kampf zwischen Lust und Liebe, mal als Auseinandersetzung zwischen brutaler Zensur und der freien Entfaltung des Menschen mit all ihren unvorhersehbaren Konsequenzen.

Mit Oscar Gewinner Geoffrey Rush, der Oscar nominierten Kate Winslet, dem Shooting Star Joaquin Phoenix und Oscar Gewinner Michael Caine an der Spitze einer phänomenalen Besetzung entfaltet sich die Geschichte Sades als sinnliche, sinistre und schockierende Mär, die der Marquis höchstselbst erdacht haben könnte.

Als Motivation stand im Kern von Doug Wrights Bühnenstück voll beißendem Humor und der darauf basierenden Filmadaption eine gewagte Idee: Wright wollte des Marquis' blasphemischen Sinn für Bosheit, seine Erotik und seinen kreativen Triumph zu einer bewegenden Geschichte über Wahnsinn und Liebe bündeln. Genau diesen provokativen Ton - zum einen skandalöse Unterhaltung, zum anderen mutige Erforschung - wollte Philip Kaufman für die Leinwand einfangen.

Kaufman, der sich in seiner Karriere sowohl mit literarischen Meisterwerken wie Milan Kunderas "Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins" oder Tom Wolfes "Der Stoff, aus dem die Helden sind" als auch Literaten (Henry Miller und Anais Nin in HENRY AND JUNE) selbst befasst hat, war seit langem fasziniert vom Marquis de Sade: "Extreme Literatur hat mich schon immer gefesselt", gesteht der Filmemacher".

Denn sie hinterfragt unser Konzept, was einen Menschen ausmacht. Keiner demonstriert besser als Sade, wie extremes Verhalten die Heuchlerei jener Menschen entlarven kann, die von sich behaupten, Moralisten zu sein."

Kaufman sah in Quills - Macht der Besessenheit die einmalige Gelegenheit, beide Seiten der Zensurdebatte zu beleuchten - und das feine, symbiotische Zusammenspiel zwischen dem Bösen und der Unschuld, der Radikalität und der Freiheit zu thematisieren. "Der Film ist provokativ", sagt er. "Aber etwas anderes würde sich der Marquis niemals wünschen."

Obwohl er der Komplexität des Stoffes gerecht werden wollte, war Kaufman darauf bedacht, einen leichten Ton anzuschlagen, die komischen Möglichkeiten ebenso auszuleuchten wie den Suspense der Geschichte, während de Sades Ideenwelt nach und nach hervorbricht. Geoffrey Rush erklärt: "Philip Kaufman macht aus diesem Tabu Material etwas Aufregendes und Reinigendes. Nie verlässt einen der Eindruck, dass er ganz absichtlich mit den Erwartungen und Ideen des Publikums spielt und sich darüber lustig macht."

VON DER BÜHNE ZUM DREHBUCH: Doug Wright adaptiert Quills - Macht der Besessenheit

Ist es wirklich deine Aufgabe, Menschheit, zu sagen, was Gut und Böse ist?" Der Marquis de Sade

Doug Wright machte die Bekanntschaft des Marquis de Sade in Form einer Biographie, die ihm geschenkt wurde - ein Geschenk, das die Initialzündung zu einer ein Jahrzehnt umspannenden Faszination und einzigartigen kreativen Reise sein sollte. "Ich war so hingerissen von dem wahnsinnigen Drama des Lebens dieses Mannes, dass ich wie besessen alles las, was der Marquis geschrieben hatte", erzählt Wright. "Ich stellte schnell fest, dass seine Arbeiten zur verstörendsten und extremsten Literatur gehören, die ich je gelesen hatte - egal aus welcher Ära.

Wir glauben, unser Leben in der Schock-Medien-Kultur hätte uns so abgestumpft, dass wir auf Sex und Gewalt abgehärtet reagieren - aber die Schriften des Marquis gingen mir dennoch an die Nieren. Das sind Schriften, die im Lauf der Dekaden nichts von ihrer Ungeheuerlichkeit und ihrem Schrecken verloren haben."

Als er sich intensiver mit dem Leben des Marquis beschäftigte, entdeckte Wright auch die Geschichte von Dr. Royer-Collard, dem Arzt, der von Napoleon los geschickt wurde, ein Gegenmittel für Sades bösartige Feder zu finden. "Als ich über dieses Detail stolperte, war mir sofort klar, dass man eine spannende Geschichte erzählen könnte - eine Geschichte über das, was passiert, wenn man einen eigenwilligen Geist seiner einzigen Ausdrucksweise beraubt", erklärt Wright.

Das war der Startpunkt für Wrights Bühnenstückfassung von Quills - Macht der Besessenheit, die ihre Inspiration im gleichen Maß aus den Arbeiten des Marquis und den Eckdaten seines Lebens bezog. "Ich wollte eine Geschichte voller Melodrama, Schrecken und jener Art von aufwiegelndem Humor, für den Sade bekannt war, erzählen", sagt Wright. "Es ging mir weniger um die Fakten seines Lebens, sondern mehr um seine Lebenseinstellung.

Gleichzeitig wollte ich all die Argumente für und wider Zensur abwägen, und ich wollte die auch heute noch gekämpfte Schlacht zwischen Extremisten und Moralisten - und den Humanisten, die häufig zwischen den beiden anderen Parteien zerrieben werden - mit Leben erfüllen."

Produzent Peter Kaufman meint: "Ich kann mich noch gut erinnern wie Michael Caine sagte, dass ihm die Geschichte deswegen so gut gefiel, weil sie einen völlig auf dem falschen Fuß erwischt. Man denkt, man würde einen Film über den bösen Marquis de Sade sehen und mußs dann feststellen, dass das Gezeigte überraschend humorvoll ist. Natürlich gibt es da auch eine düstere Seite, aber der Witz und der bösartige Humor werden davon nicht beeinträchtigt."

Das Stück wurde von der Kritik gefeiert und brachte Wright einen Obie ein. Außerdem fiel es den Independent-Produzenten Julia Chasman und Nick Wechsler auf, die sofort die filmischen Möglichkeiten des Stoffes erkannten. "Wir waren von dem Stück sehr, sehr bewegt", erläutert Julia Chasman. "Es ging um jemanden, der auch heute noch als schockierend und abstoßend angesehen wird, dessen Geschichte aber auch gerade in unserer Zeit von ungeheurer Relevanz ist.

In dieser wunderschön geschriebenen Mär sahen wir eine Gelegenheit, etwas Wichtiges über die Redefreiheit in den Künsten sagen zu können - und über die bemerkenswerte Idee, dass die Gedanken von Natur aus frei sind: Egal, wie sehr man sich bemüht, sie einzusperren oder zu unterdrücken, sie sind unaufhaltsam und werden sich ihren Weg an die Oberfläche bahnen.

Doug Wright brachte all diese provokativen Inhalte in einem sehr unterhaltsamen Stück unter, das wunderbar auf der Klaviatur der menschlichen Gefühlsskala spielt."

Chasman und Wechsler sahen in Quills - Macht der Besessenheit außerdem eine der seltenen Chancen für Regisseur und Schauspieler, Grenzen in der Gestaltung und im Spiel zu überschreiten. Sie waren begeistert, als sie erfuhren, dass Philip Kaufman Interesse bekundete, Quills für die Leinwand zu adaptieren.

"Wir wussten, dass wir einen ganz besonderen Regisseur finden mußsten. Das Material ist sehr riskant und komplex. Es verlangte regelrecht nach einem Filmemacher, der auf höchstem intellektuellen und künstlerischen Niveau arbeitet", bemerkt Wechsler. Kaufman nahm die Herausforderung an.

Mit Doug Wright stürzte er sich in eine intensive Autor-Filmemacher-Kooperation, die sich über den gesamten Produktionsprozess erstreckte - das höchste Kompliment, das ein Regisseur seinem Drehbuchautor zollen kann.

Wright beschreibt: "Gleich bei unserem Treffen erkannte ich, dass Phil Ton und Humor meiner Kunst auf bemerkenswerte Weise verstanden hatte. Schnell wurde er selbst zu einem Gelehrten in Sachen Marquis. Während ich meine Arbeit am Drehbuch fortsetzte, fand er einen Weg, direkt in meine Seele zu blicken. So gelang es ihm, mich immer weiter herauszufordern und seine Visionen durch mich ins Drehbuch einfließen zu lassen. Er half, meine Reden zu visuellen Rhapsodien umzuformen und mir das Gefühl zu geben, dass immer noch mehr im Bereich des Möglichen lag.

Zunächst hatte ich ein wenig Angst, ich müsste inhaltliche Kompromisse eingehen, um womöglich sensibleren Gemütern den Zugang zur Geschichte nicht zu versperren. Aber es war das genaue Gegenteil: Der Kern des Stückes blieb unberührt, und Phil ermutigte mich, noch tiefer zu gehen, als es mir für die Bühne möglich gewesen war. Er machte mich zum gleichberechtigten Partner im Entstehungsprozess seines Films. Das war eine außerordentliche und sehr wertvolle Erfahrung - die beste, die ein Drehbuchautor machen kann."

Produzent Peter Kaufman meint: "Durch Dougs und Phils Zusammenarbeit hatte die Produktion von Anfang an enorm viel Energie. Dougs verbale Akrobatik, seine sprachliche Geschicklichkeit, seine Begeisterung für Ideen und Fähigkeit, zum emotionalen Kern im Inneren der Geschichte vorzustoßen, waren für alle eine enorme Inspiration."

ZU FIGUREN EINES SCHAUERSTÜCKS WERDEN: Das Ensemble von Quills - Macht der Besessenheit und ihre Rollen

"Wenn dieses schmutzige Element im Akt der Lust für Genuss sorgt, dann kann es gar nicht schmutzig genug sein, denn der Genuss wird dann nur noch grösser sein."
Der Marquis de Sade, "Die 120 Tage von Sodom"

Die historischen Quellen beschreiben den Marquis de Sade als überraschend komplexe und widersprüchliche Person - gleichzeitig brillant und blasphemisch, manchmal liebenswert und sehr sensibel, dann wieder erfüllt von bösartigen Impulsen und rasendem Egoismus. Für die Darstellung einer solch unvergleichlichen Figur suchte Philip Kaufman nach einem Schauspieler, der ein Publikum gleichzeitig schockieren und bewegen können mußste. In Geoffrey Rush, der für sein Porträt des Pianisten David Helfgott in "Shine - Reise ins Licht" einen Oscar gewann, fand er den richtigen Mann für Sade.

Doug Wright sagt: "Die Wahl von Geoffrey Rush empfand ich als sehr inspirierend, weil der Marquis solch eine theatralische Figur und Geoffrey ein Mann des Theaters ist. Wir erhalten die Gelegenheit, ihn in allen denkbaren Extremen zu erleben, von ätzendem Humor über das zutiefst Bewegende bis zum wahrhaft Diabolischen."

Auf die Leichtigkeit, mit der Rush in die rovokative Haut des Marquis de Sade schlüpfte, begründete sich Philip Kaufmans unermessliches Vertrauen in seinen Hauptdarsteller: "Egal, wie sehr er seine Figur - manchmal auch im wörtlichen Sinne - entblätterte, er blieb immer absolut natürlich und entspannt. Er hielt uns die ganze Zeit in Bann."

Wie Kaufman war auch Geoffrey Rush von der furchtlosen Untersuchung moralischer Extreme in Quills - Macht der Besessenheit begeistert: "Für mich geht es um die Debatte über die Kräfte der Unterdrückung. Man fragt sich, ob der Marquis durch und durch subversiv und aufwieglerisch ist oder ob er nur tief verborgene, mysteriöse Impulse bei seinen Lesern wachkitzelt."

Rush war begeistert, dass er die Gelegenheit erhielt, solch eine beeindruckende und ungeheuerlich unkonventionelle Persönlichkeit der Geschichte darzustellen. "Als Darsteller kann man eine Figur nur lieben, die gleichzeitig ungemein eitel, arrogant, angriffslustig, schwierig, neunmalklug, einsam und verzweifelt ist", erklärt der Schauspieler. "Er war ein Mann mit einem messerscharfen Verstand in einem sexuell aufgeladenen Körper. Er steckte voller Zorn und Groll, die sich in seinem vernichtenden Humor entluden."

Geoffrey Rush merkt überdies an, dass die Werke des Marquis immer noch unschätzbaren Einfluss haben und er dadurch auch heute noch von großer Relevanz ist. "Den Marquis umgibt immer noch eine Aura des Geheimnisvollen", beobachtet Rush. "Er feiert gerade eine gewisse Renaissance, weil er einer der ersten war, der an Orte ging, die niemand sonst erforschen wollte."

Um sich auf die Rolle vorzubereiten, arbeitete Rush mit einem psychologischen Berater, der das Leben des Marquis von Kindesbeinen studiert hatte. Gemeinsam versuchten sie, den Ursprüngen der ungewöhnlichen Vorlieben des faszinierenden Mannes auf die Spur zu kommen. "Ich erkannte, dass für den Marquis die Kontrolle über andere Menschen absolut überlebensnotwendig ist. Er versucht dies entweder mit listigem Witz, mit Terror oder mit sexueller Frevelhaftigkeit. Er versucht es bei jedem Einzelnen in Charenton. Er will Madeleine und Coulmier, er will die Körper der beiden, denn das ist die Art und Weise, in der er kommuniziert."

Obwohl die meisten Szenen Rushs in der Enge von Sades Zelle stattfinden, fand er Wege, die stets lebhafte, ereignisreiche und erotische Welt, die im Inneren von Sades Verstand und Seele tobte, nach außen zu tragen. "Das sind die Szenen, in denen ich mich selbst von der Leine lasse und richtig Gas gebe", gibt er zu.

"Der Marquis kann wunderbar charmant sein, aber wenn er einen seiner Wutanfälle hat, dann ist er wilder als ein Zweijähriger in einem Supermarkt."

Julia Chasman fasst zusammen: "Geoffrey erfüllt die Rolle mit einer nachvollziehbaren Menschlichkeit, die das Publikum direkt in das Herz eines Mannes blicken lässt, den man eigentlich immer als den Inbegriff des Bösen akzeptiert hat. Seine Darstellung weckt erst einmal Neugier für den Marquis, und wenn man dann Mitgefühl zeigt, offenbart er die Person in all ihren Schattierungen - auch den negativen."

Peter Kaufman ist ebenso begeistert: " Geoffrey Rush war die perfekte Wahl für den Marquis de Sade. Geoffrey verstand nicht nur die narzisstische Seite seines Wesens, sondern lotete auch die Untiefen der Seele eines Mannes aus, der aufgrund seiner Gedanken in den Kerker gesteckt wurde.

Besonders in der Szene mit seiner Frau lässt uns Geoffrey das Genie des Marquis erkennen: Er ist gleichzeitig witzig, brutal und tragisch."

Einige seiner intimsten Szenen hat Rush bei den Versuchen, die jungfräuliche Wäschemagd Madeleine, gespielt von Kate Winslet, in seine Kammer zu locken. Winslet fiel die schwierige Aufgabe zu, einerseits ihrer Faszination für die abenteuerlichen Geschichten des Marquis Ausdruck zu verleihen, andererseits seine körperlichen Avancen jedoch abzuwehren.

"Das Wundervolle an Madeleine ist, dass sie den Marquis, der sich selbst als sinistren, wilden Typen sieht, einfach abblitzen lässt. Sie durchschaut ihn mühelos", erklärt Philip Kaufman. Kate Winslet stellt das völlig glaubwürdig dar. Sie ist gerade einmal 23 Jahre alt. Und dennoch strahlt sie Weltlichkeit und Artikuliertheit aus und verfügt schon jetzt über die Voraussetzungen, eine unglaubliche Tiefe von Ideen und Gefühlen auszudrücken.

Und das Wort Schönheit ist noch viel zu schwach, wenn man beschreiben will, wie sie auf der Leinwand erstrahlt."

Produzentin Julia Chasman sagt: "Wir hatten richtiges Glück, Kate Winslet für die Rolle zu gewinnen, die das moralische Zentrum der Geschichte darstellt. Denn mit ihr identifiziert man sich sofort. Ich könnte mir den Film ohne sie gar nicht vorstellen."

Für Kate Winslet stellt Madeleine das mäßigende Regulativ zwischen den beiden Extremen des Films - Sade und Dr. Royer-Collard - dar. Sie ist die wahrhaft tragische Figur der Geschichte.

"Madeleine ist ein einfaches Mädchen, das von seiner Mutter den Unterschied zwischen Gut und Böse gelernt hat", meint Winslet. "Auch der Marquis kann daran nichts ändern. Sie bewundert und respektiert den Marquis als hochintelligenten Mann, aber sie liebt ihn nicht. Sie liebt den Abbé, diesen wundervollen Mann, der ihr so viel gibt. Der Abbé ist der Grund, warum sie in dem Irrenhaus bleibt - all der fürchterlichen Dinge zum Trotz, die dort geschehen."

Winslet verbrachte Wochen mit der Lektüre von Texten über das Leben von Frauen der Arbeiterklasse im Frankreich der Postrevolution, um so viel wie möglich über die alltäglichen Kämpfe ihrer Figur zu erfahren und auszuloten, wo die Stärken dieser Frauen lagen - in einer Zeit, in der sie historisch nahezu unsichtbar waren.

"Ich liebe dieser Art von Recherche", gesteht Kate Winslet. "Es war wirklich faszinierend und gab mir Einblicke, wie Madeleines Leben wohl gewesen sein mag, wie sie geredet hat und welche Vision sie für ihr Leben gehabt haben könnte."

Madeleines Träume von Liebe und Abenteuer finden ein abruptes Ende, als Dr. Royard-Collard in Charenton Einzug hält. Er ist der einzige Arzt, der womöglich in der Lage sein könnte, den Marquis de Sade zu ändern - auch wenn seine Heilmethode schlimmer sein könnte, als die Krankheit, die sie bekämpft.

Royer-Collard wird von Michael Caine gespielt, der für seine Rolle des humanen Doktors in Gottes Werk & Teufels Beitrag, (1999) erst im letzten Jahr einen Oscar gewann.

Michael Caine ist in dieser Rolle vollkommen gegen den Strich besetzt, und das macht den Reiz seiner Darstellung aus", erklärt Philip Kaufman. "Wir sahen seine Figur als einen Typen wie Kenneth Starr, der glaubt, er würde der Gesellschaft tatsächlich einen großen Gefallen erweisen, indem er sie von den Schriften des Marquis bewahrt; ein Mann, der sich die Aufrechterhaltung der Tugend aufs Banner geschrieben hat, ohne selbst Tugend zu besitzen.

Michael ging von der Idee aus, dass sich Royer-Collard gut in seiner Haut fühlt, nichts falsches in seinen Handlungen sieht und baute darauf seine Performance auf. Sein Royer-Collard ist wirklich, wie Sade im Drehbuch sagt, ein Mann nach Sades Geschmack. Ich glaube, der Marquis hätte an diesem Porträt abgrundtiefer Heuchlerei seine Freude gehabt."

"Mir gefällt es, Figuren zu spielen, die sinister sind, aber ich suche stets nach Qualitäten in ihnen, die ihnen einen versöhnenden Zug verleihen", beschreibt Michael Caine seine Herangehensweise. "Wenn ich Bösewichte spiele, gehe ich von dem Prinzip aus, dass kein Mensch durch und durch böse ist. Alle Bösewichte halten sich selbst für nette Typen."

Bei der Darstellung des Dr. Royer-Collard wurde diese These auf eine harte Probe gestellt, wie Caine selbst findet: "Ich fühlte mich zu Quills - Macht der Besessenheit hingezogen, weil er ein großartiges Drehbuch, einen großartigen Regisseur und ein großartiges Ensemble hatte. Aber als ich meinen Part zum ersten Mal las, dachte ich mir, dieser Mann ist so böse, dass mir kein Raum für eine differenzierte Darstellung bleibt. Dann las ich das Skript noch einmal, und langsam ging mir ein Licht auf. Fünfzig Prozent meiner Darstellung wird von dem Raum ausgemacht, der sich zwischen den Worten findet."

Dies ist auch der Raum, den Joaquin Phoenix bei seinem Porträt des Abbé Coulmier nützt. Er ist der fortschrittliche junge Priester, der mit der Leitung des Irrenhauses von Charenton betraut ist. Er stimmt mit den Heilmethoden Royer-Collards nicht im geringsten überein und wird später selbst ein Opfer dieser Methoden. Im wahren Leben war der Abbé ein Zwerg mit Buckel. Aber Wright zeichnete ihn als charismatischen und doch unterwürfigen Mann Gottes, dessen eigene Sexualität und Moral durch die Freundschaft zum Marquis und der hübschen Magd Madeleine in Frage gestellt wird.

Für den Abbé suchten die Filmemacher nach einem frischen aber facettenreichen Schauspieler, der in der Lage sein mußste, alle Stationen der heroischen Reise des Abbé vom Idealisten zum Unterdrückten perfekt umzusetzen.

Kate Winslet war es, die die Aufmerksamkeit Philip Kaufmans auf Joaquin Phoenix lenkte, als sie anmerkte, sie hielte ihn für einen der besten Schauspieler seiner Generation. Ridley Scott, der Phoenix gerade in Gladiator, (2000) inszeniert hatte, bestätigte ihre Ansicht.

Phoenix war sofort fasziniert von der Geschichte. "Beim Lesen des Drehbuchs interessierte mich, dass wir immer noch die gleichen Debatten über Sexualität, Religion und Freiheit führen", sagt der junge Schauspieler. "Es war das beste Drehbuch, das ich jemals gelesen habe." Besonders angetan war Phoenix von der komplizierten Hin und Her Beziehung des Abbé mit dem Marquis: "Ihre Beziehung ist wunderbar. Sie basiert auf differierenden Ansichten, herzlichen Streits und großartigen verbalen Schlagabtauschen.

Aber der Startpunkt ihrer Beziehung liegt in einer völlig anderen Welt als der Ort, an dem sie ihr Ende findet." Phoenix fährt fort: "Dieser Film hat so viele Dimensionen. Coulmier steckt zunehmend in der Klemme: Er mußs sich mit Dr. Royer-Collard und seinem eigenen moralischen Wertesystem konfrontieren."

Neben der Beziehung des Abbé mit dem Marquis gefiel Joaquin Phoenix die absolut verbotene Anziehung, die der junge Mann für Madeleine empfindet. "Abbés Beziehung zu Madeleine ist der Schlüssel zu dem, was zwischen ihm und dem Marquis passiert", interpretiert er. "Auf eine gewisse Weise versuche ich die Seele des Marquis zum Vorschein zu bringen und er versucht, den Mann im Abbé zum Vorschein zu bringen. Das ist der Kern unserer Beziehung. Madeleine erweckt ein Verlangen in Coulmier, das ihm fremd ist. Er versteht es nicht - anders als der Marquis, der genau sieht, was sich abspielt. Denn das ist natürlich seine ureigene Spezialität."

Drehbuchautor Doug Wright erklärte Joaquin Phoenix, dass er Coulmier als den Führer für das Publikum durch die schreckliche Welt von Charenton sieht. "Coulmier steht für uns alle. Denn er ist gefangen zwischen den zermalmenden, gnadenlosen Kräften der Regierung, personifiziert durch Dr. Royer-Collard, und der sehr realen Bedrohung des Chaos, für die der Marquis de Sade steht. Er ist die gute Seele in uns allen, zerstört von Mächten, die zu groß sind, als dass wir uns gegen sie zur Wehr setzen könnten."

Für die Darstellung des keuschen aber doch sexuell attraktiven Priesters ließ sich Joaquin Phoenix von Montgomery Clifts nuancierter Leistung als Mann des Glaubens in Alfred Hitchcocks "Zum Schweigen verurteilt" (Ich beichte), 1952) inspirieren.

In dem Moment, als er die Soutane anlegte, ließ er allerdings seine eigene Realität hinter sich: "Ich kam in Jeans zur Arbeit, aber bis ich das Kostüm angelegt hatte und ans Set gekommen war, wo ich all die brennenden Kerzen sah, fühlte ich mich buchstäblich in eine andere Zeit in der Vergangenheit versetzt. Charenton erschien mir wie ein realer, von bizarrem Leben erfüllter Ort - und auch der Abbé nahm ein Eigenleben an."

Produzent Nick Wechsler sagt über Joaquin Phoenix' Schauspielleistung: "Joaquin überraschte uns alle, wie kompromisslos er zum wunden Punkt seines Charakters kam: Er führt uns mit absoluter Konsequenz ans Ende der Reise eines Mannes, dessen Weltsicht in ihren Grundfesten erschüttert wurde."

Um die Besetzung zu komplettieren, versammelte Philip Kaufman ein großes Ensemble erfahrener britischer Schauspieler. Unter ihnen findet sich George Yiasoumi als Feuerteufel Dauphin; Danny Babington als Pitou, der besessen davon ist, seine imaginären blonden Locken zu kämmen; Michael Jenn als Clemente, der von sich glaubt, ein Vögelchen zu sein; und Stephen Marcus als Bouchon, der ehemalige Henker, der bei der Ausübung seines Berufs den Verstand verloren hat.

Einige der kleineren Rollen wurden von Schauspielern übernommen, die tatsächlich körperlich oder geistig behindert sind.

"Ich wollte die Insassen des Irrenhauses als starke, interessante, leidenschaftliche Menschen zeigen", sagt Kaufman. "Mich beeindruckte die Vorstellung, dass sie die Kompagnons des Marquis, seine Schauspielertruppe, waren. Selbst in diesen Gängen des Schreckens findet sich immer noch eine menschliche Schönheit."

Als Kaufman seine Besetzung beisammen hatte, bemühte er sich erneut um jenes Gefühl der Gemeinsamkeit, das bereits seine Arbeit mit Doug Wright gekennzeichnet hatte. Trotz der Restriktionen des Budgets versammelte er seine Schauspieler zu einem mehrwöchigen Probenprozess, bei dem er alle dazu ermutigte, kreative Vorschläge für ihre Rollen einzubringen. Doug Wright war ebenfalls anwesend, und war, mit der Feder in der Hand bereit, spontane, brillante Ideen festzuhalten.

"Es war mir sehr wichtig, dass alle miteinander diskutierten und sich gemeinsam durch das Beziehungsgestrüpp arbeiteten", betont Kaufman. "Die Summe ihrer Beiträge trug zum gemeinsamen Spaß und der kreativen Atmosphäre bei, die die Produktion ausmachte." Als der Dreh von Quills - Macht der Besessenheit begann, filmte Kaufman fast den gesamten Film in chronologischer Reihenfolge, um den Darstellungen den Raum zu geben, sich natürlich zu entfalten. "Wenn man die Szenen in der richtigen Ordnung umsetzt, entwickeln sich die Beziehungen ganz organisch und bauen darauf auf, was unmittelbar davor vorgefallen ist", merkt der Filmemacher an.

"Es gibt einen Aspekt, bei dem Phil keine Kompromisse eingeht. Und das ist die Arbeit mit den Schauspielern", sagt Produzentin Julia Chasman. "Er ließ den Film Einstellung um Einstellung in einem sehr dynamischen Prozess entstehen."

Am Ende dieses Prozesses, als die letzte Klappe längst gefallen war, meinte Schnittmeister Peter Boyle: "Es gibt nichts schwierigeres als den Schnitt großartiger Schauspielerleistungen. Jeder Schauspieler ist es wert, dass man ihm auf der Leinwand stets volle Aufmerksamkeit zollt. Quills - Macht der Besessenheit war einer der schwierigsten - und von meinem Standpunkt spannendsten - Filme, an denen ich jemals gearbeitet habe. Ich hoffe, dass Phil und ich dem überwältigenden Ensemble und ihren wunderbaren Leistungen gerecht geworden sind."

RAUM FÜR DIE GENÜSSE DES MARQUIS: Die Ausstattung von Quills - Macht der Besessenheit

"Wie wunderbar sind die Genüsse der Imagination! In diesen köstlichen Momenten gehört uns die ganze Welt; keine einzige Kreatur kann uns widerstehen, wir verwüsten die Welt."
- Der Marquis de Sade

In Quills - Macht der Besessenheit tritt eine Welt hervor, die sich aus der brillanten Vorstellungskraft des Marquis de Sade speist, einer Welt der hässlichen und der schönen Bilder, einer Welt der Ausschweifung und der harschen Unterdrückung.

Um diese Vision der Welt des Marquis zu verwirklichen, wandte sich Philip Kaufman an den Oscar prämierten Ausstatter Martin Childs, der zuletzt das Alte England in Shakespeare in Love, (1998) gestaltete, und an die Kostümdesignerin Jacqueline West. Wie bei der Arbeit mit den Schauspielern war Kaufman auch bei ihnen ein Gefühl der gemeinsamen Zusammenarbeit wichtig.

Es gab große Meetings, bei denen alle Beteiligten aufgefordert wurden, auch über kleinste Details zu debattieren - wie beispielsweise die Rundung eines Treppengeländers oder der Schwung einer bestimmten Perücke. Mit diesem Team forschte Kaufman nach den originalen Blaupausen von Charenton, studierte Gemälde der Ära und erkundigte sich nach der Geschichte von Irrenhäusern im 19. Jahrhundert.

Sehr früh hatten Kaufman und sein Kameramann Rogier Stoffers den Entschluss gefasst, einen anderen visuellen Ansatz zu wählen als die meisten Filme, die in dieser Ära spielen und auf die allzu typische Farbpalette aus Blau- und Sepiatönen zu verzichten.

Stattdessen entschieden sie sich für ein optisches Konzept, das sie direkt aus den Gemälden der alten Meister übernahmen: eine grünliche, antiquierte Patina, die den Ereignissen, so Kaufman, "einen moosartigen Schimmer" verlieh.

In der Zwischenzeit ging Martin Childs an die Arbeit, um die Extravaganz des Frankreichs des 18. Jahrhunderts einzufangen - ausschließlich in England! Childs war beeindruckt von dem Drehbuch: "So etwas hatte ich noch nie gelesen. Die Originalität war so fantastisch wie Shakespeare in Love und doch ganz anders." Ihm gefiel vor allem die Herausforderung, die sich für ihn durch die konsequente Balance zwischen Realität und Fantasie stellte: "Ich wollte eine Welt schaffen, in der sich die Geschichte glaubhaft abspielen könnte. Ich wollte mit meinen Entwürfen verdeutlichen, wie sich Charenton unter der Führung von Dr. Royer-Collard von einem idealistischen Ort zu einer sehr düsteren Hölle wandelt." Er fährt fort: "Reichtum der Atmosphäre war mir wichtiger als unbedingte Verpflichtung zur Realität.

Weil die Geschichte sich nicht sklavisch an die Fakten hält, konnte ich mir auch künstlerische Freiheiten nehmen und etwas entstehen lassen, was mehr mit meiner Vorstellung als mit der Realität zu tun hat. Gleichzeitig gab ich mir Mühe, die Designs nicht zu absurd erscheinen zu lassen. Die Szenerie sollte das Erzählte verstärken, aber nicht die Aufmerksamkeit auf sich lenken."

Childs fand Luton Hoo, einen ausladenden englischen Landbesitz, als Ersatz für Charenton. Er hatte Glück, denn viele englische Anwesen dieser Zeit imitieren einen französischen Stil. Also mußste er mit Ausnahme einiger allzu britischer Kamine nur wenige Änderungen vornehmen. Die Innenaufnahmen waren eine andere Angelegenheit: Hier war die Childs Kreativität gefragt, der in den Pinewood Studios den nasskalten, heruntergekommenen Wäscheraum, die geschwungenen Zentralkorridore und die Kerkerzellen aufbaute.

Sein "pièce de résistance" war jedoch das Appartement des Marquis, ein üppiger, maßloser Raum, in dessen Dekoration die Vorlieben des Marquis für Wein, Literatur und natürlich die sinnlichen Künste zum Ausdruck gebracht werden. Viele der sexuell eindeutigen Puppen, tantrischen Statuen und phallischen Kunstobjekte kamen aus privaten Sammlungen authentischer Erotika des 18. Jahrhunderts, die Childs und sein Team in mühsamer Kleinstarbeit zusammensuchten. "Wir gingen in unseren Entwürfen so weit, wie wir konnten", bestätigt er.

Besonders stolz ist Childs überdies auf die angsteinflößenden Kerker von Charenton, wo Dr. Royer-Collard seine ungewöhnlichen Heilmethoden am Marquis de Sade erprobt. Die Oscar-prämierte Setdekorateurin Jill Quertier stöberte die historische medizinische Ausstattung auf, die bisweilen tatsächlich die Linie zum, nun, Sadismus überschritt.

Obwohl der Beruhigungsstuhl von Royer-Collard, eine Metallkonstruktion, an die der Patient geschnallt wird, um ihn dann hinüber in einen Wasserzuber zu tauchen, der Imagination von Doug Wright entsprang, waren ähnliche Monstrositäten in der Psychiatrie des 18. Jahrhunderts an der Tagesordnung.

Tatsächlich entdeckten die Filmemacher bei ihren Recherchen im Philadelphia Medical Museum eine gravierte Plakette aus dem Jahr 1811 für einen Stuhl, der, ironischer Weise, als "Rush's Tranquilizing Chair" bekannt war und der helfen sollte, "bei der Heilung von Irrsinn zu assistieren". Der Schöpfer des Stuhls schrieb: "Es fesselt und justiert jeden Teil des Körpers. Wenn man den Rumpf aufrecht hält, wird der Blutfluss zum Gehirn abgeschwächt. Die Applikation von Eis wird leicht gemacht. Der Stuhl fungiert als Sedativ für Zunge und Temperament. In manchen Fällen ist es gelungen, selbst die widerspenstigsten Patienten zu beruhigen." Glücklicherweise existieren keine Beweise, die darauf hindeuten, dass Geoffrey Rushs Vorfahren etwas mit dem Entwurf dieses Folterinstruments zu tun haben.

Childs' Charenton-Designs sollten "ein Interieur andeuten, wie es in den tiefsten Abgründen des Universums existieren könnte", merkt Kaufman an. Der Regisseur und der Ausstatter arbeiteten eng zusammen, um die körperlichen und emotionalen Räume in Quills - Macht der Besessenheit untrennbar miteinander zu verbinden.

Modelle und Storyboards halfen, die Handlung genau durchzuplanen. Das war vor allem wichtig bei der erschütternden Szene, in der Sade eine seiner letzten und vernichtendsten Geschichten schreibt, indem er sie per Flüsterpost durch Löcher in den Zellen weitergibt.

Zu den weiteren Drehorten von Quills - Macht der Besessenheit gehört das Royal Naval College in Greenwich, das für den Raum in Versailles einsprang, in dem Napoleon mit der Literatur des Marquis vertraut gemacht wird. Eine eigenartige Atmosphäre haftete diesem Raum an. Nicht von ungefähr: Es war der von Christopher Wren entworfene Raum, in dem Henry VIII das Todesurteil für Königin Anne Boleyn unterschrieb.

Die von der Rothschild-Familie gebauten Mentmore Towers wurden als Anwesen genutzt, in das Dr. Royer-Collard mit seiner jugendlichen Braut Simone einzieht. Ein Problem galt es dennoch noch für das Kreativteam zu bewältigen: Wie sollte man mitten in England das Frankreich der Revolution auferstehen lassen? "Wir dachten eigentlich, dass wir keine Probleme haben würden, Gebäude mit den großen Steinen zu finden, die man in Frankreich zu dieser Zeit benutzte. Aber alles Zeitgenössische in England war aus Ziegelstein", erinnert sich Kaufman. "Schließlich gelang es uns, in Oxford Drehorte für das alte Frankreich zu finden.

Martin brachte hervorragende Handwerker an Bord, darunter einen begabten Maler, der Wände mit wenigen Strichen seines Pinsels auf alt trimmen konnte." Später stellte man in der Oxford Street eine überlebensgroße Guillotine auf, um die schockierende Eröffnungsszene des Films zu drehen. In einem echten Coup gelang es der Produktion, sich im Wachsmuseum von Madame Tussaud das Kopfmodell zu sichern, das man vom tatsächlichen Kopf der enthaupteten Marie Antoinette gemacht hatte.

Für die Kostümdesignerin Jacqueline West, die mit Philip Kaufman bereits an "Henry und June", (1990) und "Die Wiege der Sonne", (1993) gearbeitet hatte, stellte Quills - Macht der Besessenheit eine Möglichkeit dar, die Extreme der damaligen Mode auszutarieren. "Die Zeit des Marquis de Sade war eine interessante Zeit in der Mode, weil viele Veränderungen stattfanden", erklärt West. "Perücken kamen immer seltener zum Einsatz, weil viele in Enthauptungskörben endeten und dort mit Blut verschmiert wurden. Die Kleider, die zuvor sehr reich verziert waren, wurden simpler und fließender. Es hieß damals, dass viele Frauen an Lungenentzündung starben, weil sie auf einmal so wenig Stoff am Leib trugen."

Aber historische Authentizität spielte für Jacqueline West nur eine untergeordnete Rolle. Wichtiger für ihre Designs waren die von Doug Wright erdachten Figuren. Sie sagt: "Von Anfang an stimmten Phil und ich überein, dass Quills - Macht der Besessenheit ein Anti-Kostümdrama werden sollte, das Gegenteil von gesetzt und anständig. Er wollte, dass die Kostüme aus dem Inneren der einzelnen Figuren kommen sollten, um auszudrücken und zu zeigen, wer sie wirklich sind. Das war sehr aufregend - vor allem, weil die Figuren so bemerkenswert sind."

Obwohl West sich mit Gemälden und in Museen über die Mode der Zeit informierte, war es für die Kostümdesignerin erst einmal wichtig, was die einzelnen Figuren am Morgen nach dem Aufstehen tatsächlich anziehen würden. Im Fall des Marquis de Sade war diese Fragestellung hinfällig: Er trägt im Verlauf des Films immer das gleiche Kostüm, das er anhatte, als er in Charenton eingeliefert wurde - obwohl es dramaturgisch bedingte Veränderungen gibt.

"Der Marquis stellte die größte Herausforderung dar, weil wir wollten, dass sein Kostüm aussieht, als hätte es bereits 25 Jahre auf dem Buckel. Gleichzeitig sollte es aber auch seine ungeheuerliche Persönlichkeit wiedergeben. Es mußste also elegant sein, aber auch als Pergament herhalten können in den Szenen, in denen er es in Ermangelung von Papier beschriftet", erläutert West.

Schließlich entschied sich West für den Entwurf eines eleganten Anzugs auf der Höhe der Mode des späten 18. Jahrhunderts. Dann nahm sie die Hilfe eines Londoner Künstlers in Anspruch, der darauf spezialisiert ist, Kleidung altern zu lassen, und bearbeitete das Schmuckstück, bis es nur noch eine entfernte Erinnerung an den alten Glanz zuließ.

Trotzdem konnte West nicht verhindern, dass der Anzug sofort wieder schick aussah, wenn Geoffrey Rush in anzog. "Geoffrey ist von Natur aus groß und schlaksig, aber in dem Anzug wirkte er noch größer, gerader - er verwandelte sich förmlich in den Marquis."

Für Madeleine arbeitete West eng mit Kate Winslet zusammen und ließ sich von ihrem Wissen über Frauen der Unterschicht dieser Zeit inspirieren. "Ich fand ein Bild eines Mädchens beim Bügeln, das sich Kate sozusagen als Vorbild nahm", merkt West an.

"Bilder von Menschen dieser Schicht beim Arbeiten findet man nur sehr selten. Das war ein regelrechter Fund." West und Winslet stimmten überein, Madeleine zwar als armes Mädchen, aber auch als eigenwillige Seele zu skizzieren. Sie kann sich die neueste Mode natürlich nicht leisten und hängt in ihrer Kleidung der Zeit hinterher: Sie trägt ein für das 18. Jahrhundert typisches Hüftkorsett anstatt der modischen Empire-Hüfte. Aber Madeleine folgt dennoch nicht den Regeln. "Anstatt das Korsett innen zu tragen, trägt sie es über ihrem Gewand", beschreibt Jacqueline West. "Und anstatt eine Kappe aufzusetzen, wickelt sie Leinen um ihren Kopf. Sie hebt sich von den anderen Bediensteten ab, und ihre Kleidung entspricht ihrem romantischen, sehnsüchtigen Wesen."

Madeleine stellte West auch vor die größte persönliche Herausforderung: "Ich machte es mir zum Ziel, das perfekteste Korsett aller Zeiten zu entwerfen." Das Korsett, das mehr Knochen als ein Korsett zuvor besaß, war so fantastisch, dass es von einer englischen Gesellschaft für historische Kleidung gekauft wurde, die es bis heute ausstellt. Madeleines Hauptkleid wurde aus Leinen gefertigt, den man in der Nähe jenes französischen Dorfes kaufte, wo der echte Marquis sein Schloss hatte.

In den Details fand West auch den Schlüssel für Michael Caine Garderobe. Seine Anzüge wandeln ich langsam in dem Maße, in dem die Geschichte an Tragik gewinnt. Von dunklen Tönen wechseln sie zu "Darth-Vader-schwarz". Außerdem verpasste sie Dr. Royer- Collard einen ganz persönlichen Touch: eine Brille mit schwarzem Rahmen, die Erinnerungen an Caines klassische Filmfigur Alfie ebenso weckt wie an zeitgenössische Moralisten. Caine sagt über die Leistung von Jacqueline West: "Wenn man ihre Kostüme trägt, mußs man eigentlich nicht mehr schauspielen."

Joaquin Phoenix' Kostüm ist auf den ersten Blick das simpelste. Als Priester bleibt ihm nichts anderes übrig, als eine Soutane zu tragen. "Natürlich mußsten wir ihn in eine Kutte stecken, aber wir gestalteten sie so sexy und fließend wie nur möglich", merkt West an. "Wenn er durch die Gänge geht, dann sollte sie sehr elegant und nicht allzu streng wirken.

In der Soutane spiegelt sich Coulmiers liberale und fortschrittliche Geisteshaltung wider." Aber selbst West war erstaunt, wie intensiv das Kostüm am Körper von Phoenix wirkte: "Mit der Soutane ließ Joaquin sein Ich zurück und verschmolz förmlich mit dem Abbé. Die beiden könnten nicht unterschiedlicher sein, aber das Kostüm half ihm, diesen Sprung zu machen."

Das Schlüsselwort während der gesamten Produktion war Zusammenarbeit. Quills - Macht der Besessenheit-Cutter Peter Boyle sagt: "Ich hoffe, dass sich die Beleuchtung, die Kameraarbeit, die Sets, die Kostüme und die Musik zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen. Denn dann würden sie das wiedergeben, was alle Beteiligten beim Entstehen des Films empfanden."

FAKT UND FIKTION: Wer war der wahre Marquis de Sade?

"Wahre Glückseligkeit existiert nur in den Sinnen, und Tugend befriedigt keinen von ihnen."
- Der Marquis de Sade (1740 - 1814)

Quills - Macht der Besessenheit versucht, die Essenz des Marquis de Sade einzufangen - und seine provokative Rebellion gegen jegliche Beeinträchtigung seiner Freiheit. Aber nicht jede Facette seines tatsächlichen Lebens wird berücksichtigt. Wer also war der wahre Marquis de Sade?

Der wahre Marquis de Sade wurde am 2. Juni 1740 unter dem Namen Donatien-Alphonse-Francoise de Sade in Paris geboren. Er lebte während einer der ereignisreichsten Perioden der französischen Geschichte, in der die Monarchie nach Jahrhunderten gewaltsam abgeschafft und der moderne Staat geboren wurde. Heute ist er am besten bekannt für ein Wort, für das sein Name Pate stand: Sadismus - sexuelles Vergnügen, das aus dem Zufügen von Schmerz gewonnen wird. Aber der Marquis hatte weitaus mehr zu bieten als den Appetit auf sexuelle Experimente.

Er war ein Autor, der fast sein gesamtes Leben über verfolgt wurde. Er verbrachte 27 Jahre im Gefängnis, in erster Linie für das Verbrechen, es gewagt zu haben, über die dunklere Seite der menschlichen Fleischeslust geschrieben zu haben. 1772 wurde er wegen Sexverbrechen zum Tode verurteilt und entkam nur knapp der Vollstreckung des Urteils. Später schlug er sich auf die Seite der Revolutionäre und entkam während der Regentschaft des Schreckens, in der Tausende als Feinde der regierenden Klasse getötet wurden, erneut nur um Haaresbreite der Guillotine. Nach dem Erfolg der Revolution wurde er frei gelassen, nur um kurz danach wegen der Veröffentlichung erotischer Romane wieder eingekerkert zu werden.

Von Napoleons Administration wurden seine Schriften verboten. Und der Marquis verbrachte das letzte Jahrzehnt seines Lebens hinter den Mauern des Irrenhauses von Charenton.

Obwohl sein Leben längst zum Mythos geworden ist, erinnert man sich an ihn als den ewigen Befürworter des Extremen. Sade-Biograph Neil Schaeffer erzählte der New York Times: "Sade war für den Bodensatz der Literatur zuständig ... das schlimmste, was man sich vorstellen kann. Es ist gut, den Feind zu kennen: den Kern der menschlichen Natur erfassen zu können, zeugt von Gesundheit am Ende dieses gewaltsamen Jahrhunderts." Sade war erfüllt von den größten denkbaren menschlichen Widersprüchen.

In ihrem Buch "At Home with the Marquis de Sade" merkt Francine Du Plessix Gray an, dass Historiker ihn sowohl den "luzidesten Helden des westlichen Denkens", als auch "eine frenetische und abstoßende Ansammlung aller Verbrechen und Obszönitäten" genannt haben. Die Vorstellung, er könne tatsächlich beides gewesen sein, macht seinen Charakter so studierenswert.

Seine berühmtesten Romane waren "Justine", "Juliette", "Die 120 Tage von Sodom", "Aline und Valcour", "Philosophie des Boudoir" und "Verbrechen der Liebe". Er wird von Literaturgelehrten wegen seines konfessionellen, bildlichen Stils und der Mixtur aus Horror und sexueller Besessenheit erwähnt - und als Pionier der Idee, dass Zurückhaltung der Natur des Menschen widerspricht. Obwohl Quills - Macht der Besessenheit die letzten Tage des Marquis de Sade fiktionalisiert, basieren viele der faszinierenden Elemente der Geschichte auf Fakten. Unter den Wahrheiten, die über den Marquis und seine Zeit bekannt sind, befinden sich folgende:

• Sade wurde während der letzten Tage der Französischen Revolution im Gefängnis von Picous eingesperrt (gemeinsam mit anderen Literaten wie Choderlos de Laclos, Autor von "Les Liaisons Dangereuses"). Dort wurde er von seinem Zellenfenster aus Augenzeuge von Tausenden von Hinrichtungen auf der Guillotine, unter anderem der von Marie Antoinette. Er schrieb an einen Freund: "Meine nationale Verfahrung, die Guillotine vor meinen Augen, war für mich hunderte Male schlimmer, als es alle vorstellbaren Bastilles es jemals hätten sein können."

• Sades Ehefrau, Renée Pelagie oder die Marquise de Sade, war eine wohlhabende Dame der Gesellschaft und eine tief religiöse Person, die nichtsdestotrotz die literarischen Talente ihres Mannes unterstützte und fast ihr gesamtes Leben lang für seine Freiheit kämpfte. Einst schrieb sie an Sade ins Gefängnis: "Je mehr ich dich liebe, desto unmöglicher wird es." Sie unterstützte ihn auch während seiner Zeit in Charenton und starb im Jahr 1810 - vier Jahre vor ihm.

• Im Alter von 61 Jahren wurde der Marquis de Sade nach nur kurzer Zeit in Freiheit von Napoleons berüchtigter Polizei verhaftet, womit man die Veröffentlichung seines neuen Romans, "Juliette", verhindern wollte. Es gab keinen Prozess. Um einen öffentlichen Skandal zu vermeiden, sperrte man ihn nicht ins Gefängnis, sondern in Irrenhäuser - bis ans Ende seines Lebens.

• Das Irrenhaus von Charenton wurde in seiner Zeit als eine Modellinstitution angesehen. Der einstige Konvent wurde von einem ehemaligen Priester, Francois Simonet De Coulmier, zum Sanatorium umgewandelt. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ein Refugium für Geisteskranke zu schaffen, wo sie mit humanen, fortschrittlichen Methoden behandelt werden sollten, wobei er auf die neuen "psychologischen Heilverfahren" besonderen Wert legte.

• Zu den üblichen Behandlungsmethoden für Geisteskranke gehörten im 19. Jahrhundert Eisbäder, Blutungen, Zwangsjacken und Einläufe. Viele Asyle beherbergten nicht nur Geisteskranke, sondern auch Epileptiker, geistig Zurückgebliebene, Kriminelle und andere, die aus der Gesellschaft ausgestoßen wurden.

• Anders als Joaquin Phoenix war der reale Abbé Coulmier ein buckliger Zwerg von ein Meter dreißig Größe.

• Abbé Coulmier freundete sich mit dem Marquis de Sade an und ließ ihn die Leitung des Anstaltstheaters übernehmen. Als Form von Therapie wurden in Charenton regelmäßig Stücke mit Insassen als Darstellern aufgeführt, die bisweilen auch vom Marquis selbst geschrieben wurden. Allerdings waren sie weitaus konventioneller als die Schriften, die Sade berühmt-berüchtigt machten.

• Der Marquis de Sade lebte in Charenton in einer Zwei-Zimmer-Suite mit Blick auf den Fluss Marne. Sie war üppig eingerichtet und mit seiner eigenen Kunstsammlung dekoriert. In seiner "Zelle" bewahrte er etwa 250 Bücher auf. Für diese Privilegien zahlte seine Familie der Anstalt ein Entgelt von 3000 Livres im Jahr.

• Antoine Royer-Collard, ein konservativer Doktor und Moralist mit Verbindungen zum Regime Napoleons, trat seine Arbeit in Charenton im Jahr 1806 an. Er war zutiefst schockiert davon, dass Sade in seiner Zelle Manuskripte verfasste und Literaturdiskussionen mit den anderen Insassen führte. Er veranlasste eine Polizeirazzia, bei der fast die gesamte Arbeit Sades konfisziert wurde und als "Serie von unaussprechbaren Obszönitäten, Blasphemien und Schurkigkeiten" eingestuft wurde.

• In seinen Memoiren merkt Napoleon Bonaparte an, dass er "durch das abscheulichste Buch geblättert habe, dass sich eine kranke Imagination habe einfallen lassen können, einen Roman, der die öffentliche Moral derart aufbrachte, dass der Autor eingekerkert werden mußste".

• 1810, vier Jahre vor seinem Tod, wurde Sade sein relativ luxuriöses Domizil genommen. Das Innenministerium Napoleons verbot es ihm überdies, fortan Federkiele, Stifte, Tinte oder andere Schreibinstrumente zu besitzen. Napoleons Gefängniskommission schrieb in ihrem Report, dass Sade "in seinen Reden und Schriften Verbrechen predigt" und "in Gewahrsam bleiben und all seiner Mittel der Kommunikation beraubt werden sollte". Abbé Coulmier protestierte gegen die unmenschliche Behandlung. Schließlich wurde die Quarantäne des Marquis aufgehoben.

• Sade soll sich in Charenton in die 17-jährige Wäschemagd Madeleine Leclerc verliebt haben. Über sie ist nur wenig bekannt, außer dass sie seine Kammer regelmäßig besuchte und er ihr Unterricht im Lesen und Schreiben gab. Zuletzt besuchte sie ihn eine Woche vor seinem Tod. In seinem Tagebuch vermerkte der Marquis, dass Madeleine "zwei Stunden bei mir verbrachte. Ich war sehr zufrieden damit."

• Der Marquis de Sade starb in Charenton am 3. Dezember 1814 an Atemversagen. Obwohl er sich explizit dagegen ausgesprochen hatte, wurde er auf dem Friedhof von Charenton beerdigt.

• Die literarischen Arbeiten des Marquis de Sade blieben in Frankreich bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts verboten. Immer wieder tauchen seine Bücher auf den Listen auf, in denen verbotene Romane geführt werden.

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