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" 27 Missing Kisses ist kein Kusturica Verschnitt",
betonen die Produzenten Jens Meurer und Oliver Damian von "Egoli
Tossell Film". Nana Djordjadze und ihr Ehemann Irakli Kvirikadze
gehören für beide zu den großartigen Filmemachern,
die das georgische Kino hervorgebracht hat. "Nana hat eine
Fangemeinde in der ganzen Welt", weiß Meurer.
Die Produzenten schickten das Drehbuch, versandten unzählige Faxe und erhielten nie eine Antwort. Nana Djordjadze bereute bereits ihre "Schnapsidee" von einem Hollywoodkameramann in Georgien. Meurer und Damian gaben jedoch nicht auf. Einen Monat vor Drehbeginn erhielt Oliver Damian plötzlich einen Telefonanruf von Phedon Papamichael, der sich auf dem Weg in den Urlaub nach Griechenland befand und in Frankfurt/Main einen Zwischenstop einlegte. Er hatte das Drehbuch zu 27 Missing Kisses monatelang auf einem Stapel neben seinem Bett liegen gehabt. Vor seinem Abflug nach Europa zwang ihn seine Freundin, wenigstens einen Teil der Drehbücher zu lesen, zu denen u. a. auch Mission to Mars (2000) von Brian de Palma gehörte. Als er dann im Flugzeug das Drehbuch von Nana Djordjadze und Irakli Kvirikadze las, zeigte sich Papamichael so begeistert, dass er nach dem Telefongespräch mit Oliver Damian spontan beschloß, über Athen nach Georgien weiterzureisen. Dort blieb er dann noch weitere sechs Monate. Dreharbeiten in Georgien Gedreht wurde in Tbilissi und Umgebung. Die georgische Hauptstadt erschien den Produzenten wie eine Mischung aus Südeuropa, zaristischem Rußland und Paris. Leider litt die Stadt sehr an den Folgen des Bürgerkrieges, so dass oft noch einen halben Tag lang der Strom abgeschaltet wurde. Das Land hat sich wirtschaftlich noch nicht erholt. Gerade einmal acht deutsche Firmen operieren in Georgien und sind hauptsächlich im Exportgeschäft von Tee tätig. Technische Probleme und logistische Schwierigkeiten Phedon Papamichael brachte aus Amerika einen serbischen Beleuchter mit, der schon mit Emir Kusturica gearbeitet hatte, während seine beiden Kameraassistenten Georgier waren, die nur Russisch und Georgisch verstanden, so dass es zwischen ihnen keine gemeinsame Sprache gab. Dennoch sind sich Jens Meurer und Oliver Damian einig, "Das Team war großartig".Da in Georgien nur noch alle zwei Jahre ein größeres Filmprojekt entsteht, konnte man sich dafür die besten Leute aussuchen. Einzig die Arbeitsweise in Georgien war für die Teammitglieder aus dem Westen anfangs gewöhnungsbedürftig: vormittags wurde organisiert, nachmittags gedreht. Dies geschah übrigens fast ausschließlich an Originalschauplätzen. Das Equipment kam wegen des amerikanischen Kameramannes auch aus dem Westen. In Georgien mußste dann tagelang mit dem Zoll verhandelt werden, um es ausgelöst zu bekommen - ein paar Hundert Dollar wirkten auf einmal Wunder. Das belichtete Filmmaterial wurde mit persönlichen Kurieren in alten Tupolew Flugzeugen ins Kopierwerk nach Babelsberg geschickt. Die Muster kamen dann irgendwann, viel später wieder zurück. Von Georgien nach Griechenland Die Produktion hatte Räume im ehemaligen georgischen Filmstudio angemietet. Der Vorführraum von Jens Meurer und Oliver Damian war derselbe, in dem sich Stalin und Berija Filme angeschaut und über deren Schicksal entschieden hatten. Der Projektor funktionierte nicht mehr, aber das alte Klavier gab es immer noch.Aufgekauft hatte das Studio eine schillernde Persönlichkeit Georgiens, der Produzent und Ex-Filmemacher Temur Babluani, der noch 1993 für seinen Film Die Sonne der Wachenden auf der Berlinale mit einem "Silbernen Bären" ausgezeichnet worden war. Im Keller des Filmstudios hatte Babluani riesige Tiefkühlkammern eingebaut, in denen er belgische Hühnerflügel lagerte. Beim Dreh liefen deshalb oft Arbeiter mit Kisten tiefgefrorener Hühnerflügel über das Set. Temur Babluani ist zudem lokaler Politiker seiner eigenen Partei, der plötzlich auch politische Versammlungen abhalten mußste, als für den Oktober 1999 überraschend Wahlen angesetzt wurden. "Das war dann irgendwann alles nicht mehr so lustig", erinnert sich Oliver Damian. Der Tschetschenienkrieg begann, in Georgien wurden Mitarbeiter des Roten Kreuz entführt und am Set stürzte das Studiodach ein. Die Filmproduktion fing an, unter diesen schwierigen Bedingungen zu leiden. Nach kurzen Vorbereitungen und Absprachen mit dem Auswärtigen Amt und der Deutschen Botschaft in Tbilissi, gelang es in einer Nacht und Nebel Aktion, alle 60 georgischen Mitglieder des Filmteams in einem Bus über die türkische Grenze zu bringen. Mit Schengen-Visa ausgestattet, die innerhalb eines Tages ausgestellt wurden, ging es dann weiter über die griechische Grenze. In Griechenland wurde an 12 Originalschauplätzen gedreht. Manchmal wurden die deutschen Produzenten von der Spontaneität der Regisseurin überrascht. "Wenn Nana plötzlich einen wunderschönen, alten Baum entdeckte, oder einen schönen Felsen sah, fuhr plötzlich morgens der Bus ab und dann wurde dort gedreht, ohne dass wir immer Bescheid wußten" erinnert sich Jens Meurer. "Da mußs man als Produzent früh aufstehen, sonst ist der Bus weg." Als die Produzenten einmal zwei Tage nicht am Set waren, erhielten sie einen Anruf aus Korfu. "Da blieb nur noch schnell hinfahren, das Team wieder einladen und in bezahlbarere Locations ausweichen" erzählt Meurer. Postproduktion in Berlin Geschnitten wurde der Film bei "Egoli Tossell Film" in Berlin. Man stand unter Zeitdruck, weil der im November abgedrehte 27 Missing Kisses zum Filmfestival in Cannes im Mai 2000 fertig sein sollte. Meurer und Damian wußten nicht, dass Nana Djordjadze und Irakli Kvirikadze ihre Filme gemeinsam schneiden.Die sich daraus ergebenden erheblich lautstarken Auseinandersetzungen auf Georgisch verstand keiner der Anwesenden, auch nicht die bulgarisch-deutsche Cutterin Vessela Martschewski, die immerhin Russisch sprach. Besorgte Nachbarn riefen einmal sogar die Polizei. Daraufhin waren Nana Djordjadze und Irakli Kvirikadze völlig erstaunt und sagten lediglich: "Wir diskutieren doch nur über den Film". Cannes Ursprünglich war 27 Missing Kisses für den Wettbewerb in Cannes vorgesehen. Gilles Jacob, der Festivalleiter, zeigte sich von den ersten 45 Minuten sehr angetan und bezeichnete sie als phantastisch und poetisch. Die Szene in der Pjotr Gefahr läuft, unter einer gigantischen Stahlpresse seine Männlichkeit einzubüßen, empfand Gilles Jacob jedoch als obszön.Er schlug vor, diese Szene aus dem fertigen Film herauszuschneiden. Nach einer schlaflosen Nacht, weigerte sich Nana Djordjadze ebenso wie Jens Meurer und Oliver Damian, diese Änderung vorzunehmen. "Es war die Szene, bei der 99,9 % des Publikums lachen. Nur einem Mann auf der ganzen Welt hat sie nicht gefallen" ärgert sich Oliver Damian noch heute. So wurde 27 Missing Kisses der Eröffnungsfilm der "Quinzaine des réalisateurs". Pierre Richard und das Schiff Die Georgier hatten bereits ein ganz einmaliges 80 Tonnen Schiff aufgetrieben. Das Problem war nur, dass es sich 600 km von Tbilissi entfernt, am Schwarzen Meer befand. Auf Tiefladern wurde das Schiff in die georgische Hauptstadt geschafft. Schwierigkeiten beim Transport machten die zahllosen Brücken, unter denen das Schiff nicht hindurch passte, so dass mit Schneidbrennern alle Teile entfernt werden mußsten, die störten.Zwei Monate später als geplant, erreichte der Rumpf des Schiffes Tbilissi, begleitet von einem LKW, der die abgetrennten Schiffsteile geladen hatte. Den entsetzten Produzenten wurde mitgeteilt, dies wäre gar kein Problem, denn es ließe sich wieder zusammenschweißen. Auf dieses Angebot verzichtete Oliver Damian: "Dann hätten die Dreharbeiten, ja noch ein Jahr länger gedauert". So kam in Griechenland ein neues Schiff zum Einsatz, das nur 20 Tonnen wog. Pierre Richard, mit dem Nana Djordjadze bereits 1001 Rezepte eines verliebten Kochs gedreht hatte, war jedoch noch nie in seinem Leben einen Traktor gefahren. Und nun hatte ihm die Produktion ein äußerst altes Exemplar aufgetrieben, dass er über den Acker fahren sollte, mit dem Schiff im Schlepptau. Hätte Pierre Richard den Traktor auch nur einmal abgewürgt, wäre ein ganzer Drehtag dabei verloren gegangen, das Boot mit Hilfe von LKWs wieder rückwärts zu bewegen. Also erklärten Jens Meurer und Oliver Damian ihm geduldig das heikle Zusammenspiel von Kupplung und gleichzeitigem, vorsichtigen Gas geben. Pierre Richard bestand auch diese Prüfung und könne nach dem Dreh Bauer in Griechenland werden, so ist sich Jens Meurer sicher. |
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