Der Cuba Coup

Produktionsnotizen

Filmemachen im Zeitalter der Wirtschaftskrise Einen Teil der Requisiten und Kostüme mußste Hauptdarsteller Lohmeyer selbst von zu Hause mitbringen. Auf der vom Import abgeschnittenen Karibikinsel konnten sie nicht beschafft werden. Zum Glück handelte es sich dieses Mal nicht, wie in Díaz Torres' vorausgegangener Produktion "Tropicanita" (1998), um SS-Uniformen und andere Nazi-Devotionalien, die durch den antifaschistischen kubanischen Zoll geschmuggelt werden mußsten. Lediglich harmlose Objekte waren es, wie schwedische Fußballtrikots und die Gesamtausgabe von Pippi Langstrumpf - und auch der deutsche Reisepass.

Episoden aus den Dreharbeiten von Der Cuba Coup beweisen, dass es nicht nur abenteuerlich ist, in Havanna "den Schweden zu spielen". Heutzutage einen Film auf Kuba zu drehen, ist an sich schon Stoff genug für einen Abenteuerfilm.

Das beginnt mit der Finanzierung. Wie die meisten Firmen im sozialistischen Kuba ist das Filminstitut ICAIC ein staatliches Unternehmen, und wie allen staatlichen Firmen fehlt es dort an Geld. Unweigerliche Voraussetzung für fast jeden Langfilm ist es daher, einen ausländischen Produktionspartner zu finden. Häufig führt das zu Differenzen. Die Filmemacher wollen sich ungern auf die Anforderungen des ausländischen Marktes einlassen; die ausländischen Firmen kommen mit der eigenen Auffassung der Kubaner von Arbeitsdisziplin nicht zurecht.

Für die deutsch-kubanisch-spanische Zusammenarbeit bei Der Cuba Coup spricht besonders, dass das Schaffen des Regisseurs Díaz Torres und seines Teams sich in so reibungsloser und uneingeschränkter Weise entfalten konnte. "Die Arbeit mit einem ausländischen Produktionsteam hat meinen Film inhaltlich nur bereichert. Mit Der Cuba Coup habe ich das Kino realisieren können, das ich wirklich aus ganzem Herzen machen möchte", so Regisseur Díaz Torres.

dass zwei spanische Firmen, Igeldo Komunikazioa S. L. und Impala S. A., die in Kuba selbst schwer zu realisierende Postproduktion übernahmen, erklärt sich durch die enge Annäherung der Filmindustrien der beiden spanischsprachigen Länder in den letzten Jahren sowohl was die spanischen Produktionen in Kuba als auch was die Arbeit kubanischer Schauspieler, Kameraleute und Musiker im spanischen Film betrifft. Weitaus ungewöhnlicher für einen kubanischen Spielfilm ist, dass mit Kinowelt ein Koproduzent aus Deutschland hinzugekommen ist.

Der Grund dafür lässt sich dem Werdegang des Regisseurs entnehmen. Als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes verbrachte er ein halbes Jahr in Berlin. Während diesen Aufenthaltes entstand die Idee, einen deutschen Darsteller in einem Film auf der Karibikinsel spielen zu lassen. Dieser Darsteller sollte Peter Lohmeyer sein, der sich maßgeblich um die Vermittlung zwischen deutscher und kubanischer Filmindustrie bemühte und sich, nebenbei gesagt, während der Dreharbeiten zu einem leidenschaftlichen Salsatänzer und Wahlbürger seines Gastlandes entwickelte.

Ein Hindernis für eine Produktion in Havanna stellte der schlechte Zustand der Filmstudios von Cubanacán dar. Ein Dreh vor Studiokulissen ist in Kuba fast unmöglich. Aus dieser Not hat Daniel Díaz Torres eine Tugend gemacht. Sowohl die Außen- als auch die Innenaufnahmen des Films sind fast komplett an Originalschauplätzen in Havanna gedreht, insbesondere im Stadtteil Centro Habana, dem wohl lebendigsten und umtriebigsten Viertel der Hauptstadt.

Es ist gerade dies Ambiente, das Der Cuba Coup seine besondere Authentizität verleiht. Diaz Torres Film ist keine artifizielle Konstruktion eines Schöngeistes, keine retouchierte Verherrlichung des sozialistischen Alltags, sondern dringt ein in das Leben Havannas, wie es sich der Bevölkerung tatsächlich darstellt. Durch eine solche Nähe zur Wirklichkeit erklärt sich auch der überwältigende Erfolg von Der Cuba Coup beim einheimischen Publikum.

Nähe zur Wirklichkeit mußs jedoch nicht zu einer platten Form von Realismus führen. Dafür sorgt der stets die Wirklichkeit ironisierende Humor des Regisseurs und seines Drehbuchautors, besonders aber die Tatsache, dass auf Erden nichts surrealer ist als die Realität Havannas. Denn es gibt sie wirklich, die abgewrackten amerikanischen Luxusschlitten und die giftgrünen Erfrischungsgetränke in Händen dicker Matronen mit Lockenwicklern im Haar, die sich zum Klang afrikanischer Perkussionisten über mehrere Gebäude hinweg schreiend mit der Nachbarin verständigen.

Doch diese stets präsente Kulisse sorgt für die zahllosen Unwägbarkeiten jedes Filmdrehs in Havannas Zentrum und fordert dem Team ein unerhörtes Improvisationstalent ab. Da müssen schon einmal Horden neugieriger und kinowütiger Kinder der Nachbarschaft aus dem Schussfeld der Kamera vertrieben oder per Hand ein defekter Chevrolet vom Drehort geschoben werden, um das Verlegen des Dollys zu ermöglichen. Und nicht selten mußs der Regisseur selbst mit zugreifen, oder spontan einige ausländische Komparsen auf der Straße casten, da er als einziger über die nötigen Englischkenntnisse verfügt.

Der Schauplatz: Centro Habana Eigentlich ist der Schauplatz von Der Cuba Coup, wie der Name es schon anzeigt, das Zentrum Havannas. Gelegen ist es zwischen der berühmten Altstadt Habana Vieja, die unlängst zum Weltkulturerbe erklärt wurde, und dem wohlhabenden Viertel El Vedado, Wohnort der etablierten Teile der Bevölkerung und Sitz mehrerer Ministerien, Hotels und Botschaften.

Hätte die Revolution von 1959 nicht abrupt die in den fünfziger Jahren einsetzende Bautätigkeit und Immobilienspekulation ausländischer Investoren unterbrochen, wäre Centro Habana heute wohl eine geschäftige Wolkenkratzer-City nach amerikanischem Vorbild. Es bestand auch der Plan, aus dem Viertel das Zentrum der Vergnügungsindustrie und der Spielhöllen zu machen. Dieses Projekt fand in der Nachfolge einen Ausweichort auf amerikanischem Staatsgebiet: Las Vegas.

Von solch hochtreibenden Plänen ist heutzutage in Centro Habana nicht mehr viel zu spüren. Vielmehr gilt das Viertel als das hässliche Entlein zwischen den beiden historisch und touristisch bedeutsameren Bezirken. Obwohl in Centro Habana viele ganz normale Leute wohnen, wie etwa der Polizist Amancio oder die Studentin Alicia, gilt es als die Heimat der Straßengangster, Prostituierten und, seit auf den Straßen das Crack zirkuliert, auch der Drogendealer.

Von den Einheimischen wird Centro Habana daher häufig überspitzt als "die kubanische Bronx" tituliert. In Der Cuba Coup kann man das z. B. daran ablesen, mit welcher Besorgnis Alicia und Concha die späte nächtliche Heimkunft des ausländischen Gastes Björn aufnehmen: Sie wähnen ihn Opfer eines blutrünstigen Überfalls.

Dazu gehört freilich ein gewisses Maß an tropisch-barocker Erfindungsgabe und Unkenntnis über die Ausmaße, die die Gewalt in anderen Städten des amerikanischen Kontinents wie Bogotá, Mexico City oder New York annimmt. Bewaffnete Gewalträuber müssen bislang nach wie vor aus der Unterwelt des Auslandes importiert werden. Das ist die ironische Botschaft Díaz Torres. Der Mann mit dem Messer ist niemand anderes als Björn selbst.

Der Cuba Coup ist eine Liebeserklärung an dieses Viertel und seine Bewohner, das auf eine große Geschichte zurückblicken kann. In den vierziger und fünfziger Jahren war es eines der Zentren des weltberühmten Nachtlebens Havannas mit seinen Bars und Nachtclubs, beherbergte zahlreiche Theater und moderne Einkaufszentren, die noch heute dort zu finden sind, wenngleich leerstehend und mit der Patina von über 40 Jahren.

Nicht zu vergessen sind die prunkvollen Bürgerpaläste von Anfang des 20. Jahrhunderts, deren abgeblätterter Charme die Kulisse von Der Cuba Coup ausmacht. Obwohl vielgescholten, ist Centro Habana aber auch die Heimat derjenigen Kubaner, deren Ruf inzwischen die gesamte Welt erobert hat. Die international besten Boxer und Baseballspieler gehören zu ihnen, aber auch berühmte Schriftsteller wie José Lezama Lima oder Musiker des Buena Vista Social Club wie Compay Segundo und Omara Portuondo.

dass das Centro Habana seit einiger Zeit auch für Touristen immer interessanter geworden ist, ist in nicht unbeträchtlichem Maße ein Verdienst des Kinos. Und zwar nicht nur das ausländischer Produktionen, wie der von Wenders, sondern das eines kubanischen Films. Angefangen hat alles mit dem legendären Erdbeer und Schokolade, dem ersten von Kinowelt in Deutschland verliehenen kubanischen Film. Der Hauptdrehort, eine Altbauwohnung in Centro Habana, wurde aufgrund des Filmerfolgs von seinen Besitzern in das erste private Restaurant von Centro Habana umgewandelt.

Um von dem neuen Besuchersegen selbst profitieren zu können, statt die ersten ausländischen Gäste abzuschecken, stellten die Ganoven der umliegenden Straßen ihre krimininellen Machenschaften ein. Zumindest die sichtbaren. Finanzielle Zuwendung von Seiten der Restaurantbesitzer trugen dazu bei. So wandelte sich die Gegend in kurzer Zeit von den "Bronx" zum Flanierviertel. Alicias Bestechung der Mafia von Centro Habana in Der Cuba Coup beruht also auf einer wahren Begebenheit. Das Restaurant "La Guardia" ist heute übrigens eine der ersten kulinarischen Adressen der Stadt.

Zensur oder Ausdrucksfreiheit? Sieht man kubanische Filme der vergangenen Jahre, ist man häufig erstaunt darüber, mit welcher Offenheit sie die politischen und sozialen Verhältnisse in ihrem Land angehen. Ob sie nun die Diskriminierung Homosexueller durch unfreiwillig komische Parteihardliner aufs Korn nehmen "Erdbeer und Schokolade" (1993), ihre Protagonisten auf der Leinwand Marihuana rauchen "Das Leben - ein Pfeifen" (1998) oder sich über die Desorganisation der kommunistischen Bürokratie lustig machen "Guantanamera" (1994) "Kubanisch reisen" (1999) - stets drängt sich die Folgerung auf, dass Vergleichbares etwa in den Ländern des Ostblocks nicht möglich gewesen wäre.

Doch auch dieser scheinbaren Ausdrucksfreiheit sind Grenzen gesetzt. Von höchster Stelle wurden diese einmal 1961 definiert. Der "Comandante en Jefe" Fidel Castro persönlich prägte in einer Rede an die Intellektuellen die Losung: "Innerhalb der Revolution: Alles. Gegen die Revolution: Nichts". Genau festzulegen, was nun "innerhalb" und was "gegen" ist, bedarf jedoch einer Exegese, die gänzlich von der momentanen politischen Windrichtung abhängt.

Zwar gibt es in Kuba keine Zensur- oder Kontrollinstanz, zumindest nicht nach offizieller Verlautbarung. Dennoch hat besser als Daniel Díaz Torres selbst kein kubanischer Filmemacher zu spüren bekommen, was es bedeutet, in die Kategorie "gegen" geordnet zu werden. Als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Kuba 1991 die ideologische Paranoia ausbrach, veröffentlichte er die Satire "Alicia am Ort der Wunder" (1991).

Obwohl bereits in den achtziger Jahren von offizieller Seite abgesegnet, wurde der Film als konterrevolutionär eingestuft. Die Premierenvorstellung wurde künstlich mit Parteifunktionären ausgebucht, dann lautstark ausgebuht und jahrelang nicht mehr aufgeführt. Begründung: Mangelnder Erfolg beim Publikum. Ungewollte Komik der Affäre: Lediglich eine exilkubanische Radiostation aus Miami übertrug ohne Einverständnis des Regisseurs die Tonspur des Skandalfilms - als mehrteiliges Hörspiel.

Abenteuerlich ist also auch die Gratwanderung zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem in einem Land, das seine Künstler nach wie vor einer, wenn auch subtilen, Zensur aussetzt. Um weiter als Regisseur tätig sein zu können, ist Diaz Torres vorsichtiger geworden. Sein heutiges Kino zu sehen bedeutet insofern auch, ähnlich wie beispielsweise vor der demokratischen Öffnung Spaniens im Falle Carlos Sauras, zwischen den Zeilen zu lesen, oder besser: Zwischen die Bilder zu blicken.

Wenn Concha (Coralia Veloz) in Der Cuba Coup in einem Nobelrestaurant vor dem Hauptgang vier amerikanische Coca Cola auf einmal bestellt mit dem Hinweis: "Man weiß ja nie, was noch passiert", so ist damit sicherlich nicht auf mögliche Chilischoten im Essen angespielt.

Das Drehteam und seine Arbeitsbedingungen Mit der kubanischen Revolution verbesserten sich die Arbeitsbedingungen für die gesamte Kinoindustrie schlagartig. Durch die Gründung des staatlichen Filminstituts ICAIC, der Produktionsfirma von Der Cuba Coup, unter Alfredo Guevara, der bis heute dessen Präsident ist, haben Filmemacher die Möglichkeit bekommen, ihr Kino aus öffentlichen Mitteln zu realisieren, was in einem kleinen Land wie Kuba so etwas wie den Anfang einer eigenständigen Filmindustrie darstellt.

Das kubanische Bildungssystem garantiert Regisseuren, Schauspielern, Kameraleuten, Tonmeistern und Produktionsdesignern eine kostenlose und hochqualitative Ausbildung an der Kunsthochschule ISA und der Internationalen Filmschule von San Antonio de los Baños. Trotz der geringen Produktionsmöglichkeiten seit Anfang der neunziger Jahre gehören daher Kubas Filmschaffende zu den angesehensten und am besten ausgebildeten von Lateinamerika und sind über die Landesgrenzen hinaus begehrt.

Am Drehteam von Der Cuba Coup ist das hohe Niveau des kubanischen Kinos abzulesen. Die Hauptdarsteller wie Enrique Molina und Coralia Veloz gehören verdientermaßen zu den großen Filmstars ihres Landes, können aber auch Erfolge im Ausland verbuchen, die sie, ähnlich wie ihre Kollegen aus Erdbeer und Schokolade (1993), inzwischen zu internationalen Größen gemacht haben. Im gleichen Maße gilt das für den Stab, etwa den Kameramann Raul Pérez Ureta und die Kostümdesignerin Liz Álvarez, die im In- wie Ausland gleichermaßen gefragt sind.

Eine Größe im Filmgeschäft zu sein hat in Cuba jedoch einen völlig anderen Stellenwert als anderswo. Während ihre millionenschweren Kollegen in Hollywood sich in ihre Villen zurückziehen können, erhalten Kubas Filmschaffende als Staatsangestellte wie alle ihre Mitbürger nur ein spärliches Gehalt von ca. 30 DM im Monat und sind damit die wohl bescheidensten Filmstars der Welt. Starallüren sind ihnen fremd. An ihrem unprätentiösen Umgang mit der Bevölkerung ebenso wie mit der internationalen Presse ist das gut zu erkennen. Aber auch an der Authentizität, mit der eine Ketty de la Iglesia oder ein Enrique Molina den kleinen Kubaner aus Centro Habana darstellt.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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