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Produzent Mark Canton
bezeichnet Get Carter - Die Wahrheit tut
weh zwar als einen Film mit rasanten Action-Sequenzen, im
Grunde handelt es sich aber um ein Drama mit den Hautptthemen
Familie, Moral und das Recht auf einen Neuanfang. "Unser Jack
Carter ist nicht derselbe Jack Carter, der 1971 im Zentrum der
ersten Verfilmung des Romans von Ted Lewis stand", sagt Canton. "Er
entspricht so gar nicht den stoischen und kaltblütigen
Mietkillern, die wir aus vielen Filmen kennen. Eigentlich geht es
darum, dass dieser Mann Erlösung findet."
Er treibt für Geldverleiher Schulden ein, sieht sich selbst als eine Art Darlehensverwalter. Weil er sich an bestimmte Regeln hält, kommt er über die Runden. Doch langsam wird ihm klar, dass er aufgrund dieser Regeln ein sehr einsames Leben führt. Er lebt nicht schlecht davon, für andere zu arbeiten, aber was hat er schon erreicht? Er hat kein Zuhause, keinerlei Privatleben." Carters Vorgeschichte, vor allem die Beziehung zu seinem Bruder, ist in Stallones Augen der Motor der Handlung. "Es gab Spannungen zwischen den beiden, vor allem, als sie sich in dieselbe Frau verliebten", sagt Stallone. "Sein Bruder hatte Talent, war aber nie so weltgewandt, hatte keine Ambitionen wie Carter. Irgendwann begriff Carter, dass er nicht mehr in diese Welt passte, er haute ab, baute sich ein ganz anderes Leben auf und ließ die Vergangenheit hinter sich." Als sein Bruder stirbt, mußs Carter nach Hause zurückkehren und Kontakt zur Familie aufnehmen. "Er glaubt, dass sein Bruder ermordet wurde", sagt Stallone. "Und es drängt ihn, die Hintergründe aufzudecken, den Schuldigen zu finden. Er spürt, dass er dies der Familie schuldig ist, die er verlassen hat. Und als er seine Nichte besser kennen lernt, versucht er ihr den Vater zu ersetzen. Diese Rolle ist ihm vollkommen fremd - ein sehr wichtiger Aspekt der Story. Denn während er sich daran macht, das Geheimnis um den Tod seines Bruder zu lüften, versucht er sich erstmals in die Gefühlswelt anderer Menschen hineinzuversetzen, sich ihrem ganz normalen, ihm unbekannten Leben anzupassen. Miranda Richardson spielt Gloria, Carters verwitwete Schwägerin. Richardson hat sich mit zahlreichen höchst unterschiedlichen Film- und Fernsehrollen einen Namen gemacht: "The Crying Game", "Verzauberter April", "Das Reich der Sonne" und Sleepy Hollow - Köpfe werden rollen. "Gloria und ihre Tochter haben seit Jahren nichts von Jack gehört, und plötzlich erscheint er bei der Beerdigung in einer Stadt, die ihm fremd geworden ist, und beginnt die Leute aufzumischen", sagt Richardson. "Gloria sieht ihn in seinem teuren Vegas-Seidenanzug als eine Art deplatzierten Ritter, der buchstäblich eine glänzende Rüstung trägt: Er kommt daher und meint, dass er alles in Ordnung bringen kann. Das Ganze erscheint ihr höchst unwirklich, also nimmt sie ihn nicht recht ernst." "Gloria erinnert Jack ständig an all das, was ihm in seinem Leben misslungen ist", sagt Stallone. "Denn sie wirft ihm vor: ,Ach, jetzt kommst du auf einmal zurück? Wo warst du, als dein Bruder dich brauchte? Zu Weihnachten, in den Ferien hast du dich nie blicken lassen, nicht mal zur Geburt deiner Nichte bist du gekommen. Warum fährst du nicht einfach dahin zurück, wo du herkommst?'" Richardson fühlte sich vor allem von den starken Frauenfiguren in der Geschichte angesprochen. "Die Frauen sind nicht nur sehr selbstständig, sie haben auch ein großes Herz", sagt sie. "Sie überwinden ihr Unglück und packen das Leben bei den Hörnern. Ich finde, in dieser Story vertreten sie das Sprichwort: ,Das Leben geht weiter'." Rachael Leigh Cook wurde mit der Teenie-Lovestory Eine wie keine bekannt. Ihr Part in Get Carter - Die Wahrheit tut weh unterscheidet sich in ihren Augen deutlich von den üblichen Teenager-Rollen. "Doreen ist durchaus nicht die typische Jugendliche mit ihren Ängsten und Problemen", sagt Cook. "Solche Problem-Teenie-Rollen werden mir jeden Tag angeboten. Aber in diesem Fall hat Doreen einen konkreten Grund für ihre Angst. Diese junge Frau leidet unter einem echten Trauma, sie ist kein Mädchen, das nur ausflippt, weil es eben ausflippt." Als Carter in Doreens Leben auftaucht, lässt sie sich überhaupt nicht beeindrucken. "Doreens erste Reaktion auf Jack: ,Wer bist du, was willst du hier? Was willst du von mir? Vor fünf, vor zehn Jahren hast du dich nicht um mich geschert - warum also jetzt?'" sagt Cook. "Doreen wünscht sich durchaus, dass sich jemand um sie kümmert, aber sie kapiert nicht, warum das gerade er sein sollte." Carter ist es wahrlich nicht gewohnt, mit einer traumatisierten 16-Jährigen umzugehen. "Er versucht herauszufinden, was mit ihr los ist, denn sie benimmt sich sehr merkwürdig und reserviert", erklärt Stallone. "Wie redet man mit einer 16-Jährigen? Dieser Mann lebt von seiner professionellen Kaltblütigkeit. Er leitet keinen Kinderhort. Aber um mit diesem Mädchen zu kommunizieren, mußs er seine Macho-Fassade fallen lassen, ihm als Mensch gegenüber treten. Und das funktioniert erstaunlich gut." Carter mußs sich nicht nur mit seiner Familie abgeben, sondern auch mit einer Reihe von Typen, die ihn hoffentlich zum Mörder seines Bruders führen. "Ständig wirft ihm jemand Knüppel zwischen die Beine", stellt Stallone fest. "In welche Richtung er sich auch wendet - immer landet er vor einem Prellbock. Aber was er auch einstecken mußs, aufgeben ist nicht seine Sache. Er begreift, dass er hier seine einzige Chance bekommt, seine Fehler wieder gutzumachen. Aber die Vergebung bekommt er nicht auf einem silbernen Tablett serviert." Carter gerät unter anderem mit dem unglaublich reichen Jeremy Kinnear aneinander, den Alan Cumming ("Eyes Wide Shut") darstellt. "Jeremy ist eine reiche, verwöhnte Göre", sagt Cumming. "Während des Computer-Booms hat er Millionen und Abermillionen verdient. Jetzt tut er nur, was ihm Spaß macht, und so benimmt er sich auch. Das ist also eine sehr ergiebige Rolle. Jeremy ist eine vielschichtige Persönlichkeit - wir verstehen nicht sofort, welche Rolle er in dem Komplott spielt." Michael Caine hat in der Originalverfilmung Get Carter - Die Wahrheit tut weh (Jack rechnet ab, 1971) die Titelrolle gespielt. Der preisgekrönte Star zahlreicher Filme spielt diesmal Cliff Brumby, den Chef von Carters verstorbenem Bruder. "Brumby unterscheidet sich von allen meinen übrigen Rollen", sagt Caine. "Er ist völlig undurchsichtig und unberechenbar, man traut ihm alles zu - was ihn sehr gefährlich macht." Ein Indiz für Brumbys ungewöhnliches Kaliber findet sich in seiner Kleidung. "Wenn ich mir seine altmodische Strickweste ansehe, komme ich zu der Überzeugung, dass der nicht ganz richtig tickt", lacht Caine. "Aber er trägt auch einen schicken Sportmantel. Und trotzdem: Irgendetwas stimmt nicht mit ihm; und so spiele ich ihn auch - nicht ganz koscher, etwas exzentrisch, nicht ganz von dieser Welt." Mickey Rourke wurde mit viel gepriesenen Rollen in "Der Pate von Greenwich Village", "Im Jahr des Drachen", "Angel Heart", "9 1/2 Wochen" und "Johnny Handsome - Der schöne Johnny" berühmt. Diesmal spielt er den Clubbesitzer Cyrus Paice, der Carter in mancher Hinsicht sehr ähnelt. "Ich glaube, dass Carter und Cyrus im selben Milieu groß geworden sind", sagt Rourke. "Vielleicht waren sie sogar Freunde, die sich als Profis gegenseitig respektierten. Doch Carter hat sich verändert, weiter entwickelt, sieht das Leben heute mit anderen Augen, während Cyrus praktisch stehen geblieben ist und sich in seiner Lasterhöhle eingerichtet hat. Cyrus bekommt schnell zu spüren, dass Carter auf die Seite der Guten gewechselt ist." Als Carter die Umstände im Fall seines Bruders langsam aufdeckt, stellt er fest, dass wahrscheinlich mehrere Personen an dem Mord beteiligt waren. Der Reihe nach legt er sich mit Brumby (Caine), Cyrus (Rourke) und Kinnear (Cumming) an, um die Wahrheit zu erfahren - wobei er sich diesmal auf Fragen beschränkt und physische Gewalt weitgehend vermeidet. "Ein Held wird erst dann interessant, wenn er nicht von vornherein antritt, um Heldentaten zu vollbringen", sagt Stallone. "Die edelste Form des Heldenmuts besteht darin, sein Leben aufs Spiel zu setzen - und zwar nicht zum eigenen Vorteil, sondern für ein höheres Ideal. Genau das tut Carter für seinen Bruder, seine Nichte, und für das, was er verloren hat." Der Augenblick der Wahrheit kommt, als Carter die Machenschaften aufdeckt, denen sein Bruder zum Opfer gefallen ist, und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht. "Er hat durchaus das Recht, sich gewaltsam an den Leuten zu rächen, die seiner Familie so grausam zugesetzt haben", sagt Stallone. "In diesem entscheidenden Moment wird er entweder zum Ausgestoßenen, der sein Leben lang auf der Flucht sein wird, oder er integriert sich wieder in die Gesellschaft. Ihm ist klar, dass er die Zeit nicht zurückdrehen kann. Aber er hat die Möglichkeit, jemandem das zuzugestehen, was er selbst nie erfahren hat - eine zweite Chance." Auf den Spuren von Jack Carter Produzent Mark Canton schätzt die britische Erst-Verfilmung "Jack rechnet ab" sehr, und so begann er zusammen mit Drehbuchautor David McKenna das Remake zu entwickeln. "David ist ein erstklassiger Autor", kommentiert Canton McKennas Version des Filmstoffs. "Mir gefiel, dass er sich auf das Wesentliche beschränkt und wie er die Figur des Carter entwickelt, vor allem das Verhältnis zwischen Rache und Erlösung und wie er mit seiner Aufgabe wächst."Cantons Bruder Neil war ebenso begeistert vom filmischen Original und war ebenfalls der Meinung, dass es für ein Remake ideal geeignet ist. "Viele Motive wurden in der ersten Version nicht ausgestaltet, zum Beispiel die Figuren Gloria und Doreen, und Carters Verhältnis zu ihnen", sagt Neil Canton. Sylvester Stallone Interesse an dem Projekt gab den Ausschlag, dass der Film schließlich produziert wurde. "Etliche Schauspieler bekundeten Interesse an der Rolle, aber ich wusste schon beim ersten Lesen, dass Sly der Figur auf dem Papier Leben einhauchen konnte", sagt Mark Canton. "Genauso reagierte auch Sly. Ich gab ihm das Skript, und buchstäblich am nächsten Morgen sagte er: Ich habe schon lange nicht mehr ein so gutes Drehbuch gelesen - ich bin dabei." " Get Carter - Die Wahrheit tut weh stellt eines meiner Lieblingsthemen in den Mittelpunkt: Erlösung", sagt Sylvester Stallone. "Carters bisheriges Leben steuert einen selbstzerstörerischen Kurs, doch jetzt gerät er in eine Situation, in der er das Ruder herumwerfen kann. Jetzt bekommt er die Gelegenheit, den Weg einzuschlagen, der ihm verwehrt war - er kann sich für die gute Sache engagieren, ohne wie bisher seinen Egoismus auszuleben." Die Entscheidung für Get Carter - Die Wahrheit tut weh spiegelt auch den Wandel in Stallones Privatleben: "Ich habe zwei Kinder, ich verstehe also Carters Gefühle, als er seine Nichte beschützen will", sagt Stallone. "Das Schicksal des Mädchens gibt ihm eine neue Richtung vor. Dieser Aspekt brachte auch in mir selbst neue Saiten zum Klingen." Natürlich waren die Filmemacher auch an Oscar-Preisträger Michael Caine sehr interessiert, weil er im Originalfilm "Jack rechnet ab" die Hauptrolle gespielt hatte. "Ich bin ein großer Michael-Caine-Fan", sagt Mark Canton. "Er kann mit jeder Rolle etwas anfangen. Sein Auftritt in unserem Film erweist sich als wunderbare Ergänzung zum ursprünglichen Film, der sich zu einem heimlichen Klassiker entwickelt hat und in den USA, Großbritannien und dem restlichen Europa hoch geschätzt wird." Caine mochte das Drehbuch auf Anhieb: "Mir gefiel die Version sofort. Als ich damals Carter spielte, war ich im Sinne der Mafia ein gemachter Mann, einer der Bosse. Der jetzige Carter ist dagegen ein Außenseiter, der es zu etwas bringen will. Er handelt weniger brutal. Denn bei seinem Kreuzzug geht es um Ethik. Sly spielt also einen sehr viel netteren Typen." Stallone fand es bemerkenswert, mit Michael Caine zu spielen, der Jack Carter von drei Jahrzehnten das erste Profil verliehen hatte. "Das war schon komisch", sagt Stallone. "Denn in ein paar Szenen versuche ich Michael einzuschüchtern, er wehrt sich und schreit mich an. Darauf ich: ,Lass das. Du bist zwar stark, hast allerdings überhaupt keine Kondition. Aber ich mach das jeden Tag, ich lebe davon. Also setz dich hin und mach mal halb lang.' Und während ich das sagte, dachte ich: ,Mein Gott, ich drohe dem Originalschurken - Carter persönlich!" Weil die Besetzung aus ebenso berühmten wie unterschiedlichen Darstellern bestand - Miranda Richardson, Rachael Leigh Cook, Alan Cumming und Mickey Rourke, erwies sich die Wahl des Regisseurs als umso wichtiger. Regisser Stephen Kay gab mit "The Last Time I Committed Suicide" sein Kinodebüt, das überall von Kritikern, Zuschauern und Branchenkollegen begeistert aufgenommen wurde. "Wir merkten sofort, dass die Schauspieler seinen ersten Film sehr schätzten - was uns natürlich entgegen kam", sagt Mark Canton. "Wir arbeiten mit einem Nachwuchs-Filmemacher, der eine Menge Talent mitbringt und sich akribisch mit dem Drehbuch auseinander gesetzt hat. Weltklasse-Schauspieler reißen sich darum, mit ihm zu arbeiten." Stallone sprach sich von Anfang an für Kay aus. "Ich war überzeugt, dass wir einen Regissezr finden mußsten, der mit Emotionen umgehen kann, aber gleichzeitig auf dem Teppich bleibt", sagt er. "Sehr, sehr viele Regisseure können bestens mit der Kamera umgehen, aber sie sehen die Kamera als zweidimensionales Medium an. Beim Umsetzen der dritten Dimension mußs man die Figuren mit Leben füllen, das Publikum ins Geschehen mit einbeziehen. Genau das schafft Stephen." "Wir fanden, dass Stephens erster Film sehr stilsicher ist und unsere Gegenwart hervorragend spiegelt", fügt Neil Canton hinzu. "Und darum ging es uns auch: ,Get Carter' soll unsere Zeit abbilden und nicht das Original imitieren." "Im ursprünglichen Film geht es um obsessive Rache", sagt Stephen Kay. "Unser Film zeigt dagegen, wie die Hauptfigur sich allmählich in einen besseren Menschen verwandelt. Die Story hat eine Seele. Denn eigentlich geht es in dieser Rachegeschichte um Vergebung. Das machen wir schon durch die Besetzung deutlich. Wenn ich wetten müsste, dann stünden die Chancen dafür, dass Sylvester Stallone, Michael Caine, Miranda Richardson, Rachael Leigh Cook, Alan Cumming und Mickey Rourke alle zusammen in einem Film auftreten, normalerweise wohl sehr schlecht." Rourke ist seit Jahren mit Stallone befreundet und war höchst erfreut, als der ihm die Rolle des Cyrus Paice anbot. "Ich habe mir die Rolle nicht ausgesucht, sie hat mich gefunden", erinnert sich Rourke. "Sly ist ein Kollege, den ich auch als Menschen schätze, ich freue mich also besonders darüber, dass wir endlich zusammen arbeiten können. Überrascht hat mich am meisten, dass Sly ein ganz intuitiver Schauspieler ist, weil er ja immer in die Schublade ,Action-Star' gesteckt wird. Instinktiv, aus dem Bauch heraus, gelingt es ihm, sich auf die entscheidenden Dinge zu konzentrieren - das trauen ihm viele Menschen gar nicht zu. Stallone ist seiner Eingebung gefolgt und hat mir die Rolle gegeben, damit ich ihr das gewisse Extra verleihen kann." Rourke hat einst als Profi-Boxer gearbeitet und fühlte sich deswegen auch von der Choreografie der Action-Szenen besonders herausgefordert. "Profi-Boxer müssen möglichst fintenreich verbergen, wann sie wie zuschlagen, denn der Gegner soll unvorbereitet sein", sagt Rourke. "Aber beim Film ist das anders - der Zuschauer mußs der Action folgen können. Also hat Stallone mir beigebracht, wie man so zuschlägt, dass die Kamera die Bewegungsabläufe auch mitbekommt." Alan Cumming kann zwar schon reichlich Erfahrung auf der Bühne und vor der Kamera vorweisen, aber mit den Action-Szenen wagte er sich auf ein neues Gebiet. "Wir drehten nachts in einem Wald, mir steckte der Jetlag noch in den Knochen, weil ich erst zwei Tage zuvor aus London eingeflogen war", erklärt er. "Meine Hände waren auf den Rücken gefesselt, ich wurde herumgestoßen und in Löcher geschubst. Manchmal fiel ich aus dem Bild und knallte mit dem Kopf gegen eine Kiefer. Ich beklagte mich bei Sly über diese rauen Methoden. Er sagte nur: ,Willkommen beim Action-Film.'" "Laut Sylvester Stallone bin ich jetzt also zum Action-Held befördert", lacht Cumming. In seiner ersten Filmszene sehen wir Cumming beim Golfspielen, was nicht einfach war, ihm aber die Möglichkeit bot, seinem Sinn für Humor freien Lauf zu lassen. "Von allen Seiten hörte ich: ,Na, du als Schotte mußst doch Golf spielen können!'" erinnert sich Cumming. "Als ob alle Franzosen Pferdefleisch essen und lebende Austern schlürfen würden! Nein, ich verließ mich auf Sly, der mir zeigte, wie man puttet, und dann habe ich es endlich kapiert." Rachael Leigh Cook weiß Stallones Kollegialität ebenso zu schätzen. "Sly ist ein toller Typ", sagt sie. "Das Vorurteil, er sei ein Raubein, nistet sich schnell ein - aber das stimmt absolut nicht. Er spricht vier Sprachen, malt Aquarelle. Und er ist sehr witzig." dass die beiden sich mögen, ist unübersehbar. Cook berichtet von der Szene, in der sie im Hotelbett schläft, während Carter sich ein Video anschaut: "Irgendwie kam Sly auf die Idee, dass es doch komisch sein müsste, wenn er mich vom Bett schubsen würde. Er hob also die eine Seite der Matratze an - wobei ich immer noch brav die Schlafende spielte - und warf mich aus dem Bett." Spontan entschied sich Regisseur Kay, diesen improvisierten Take in seine Schnittauswahl aufzunehmen. Seattle bei Nacht Der Look des Films baut auf blasse Farben und dunkle Schatten - keine leichte Aufgabe für das Produktionsteam. "Ich lege größten Wert darauf, dass jedermann meine Vorstellungen genau im Kopf hat", sagt Stephen Kay. "Alle haben verinnerlicht, dass wir mit nur ganz wenigen Farben arbeiten. Und die werden noch dazu in starken Kontrasten, fast surreal, präsentiert. Die Bilder sind sehr hart und düster."Kay stimmte sein visuelles Konzept mit Kameramann Mauro Fiore, Produktionsdesigner Charles Wood und Kostümbildnerin Julie Weiss ab. "Interessant, wie wir uns zusammenrauften", stellt Fiore fest. "Keiner von uns kannte die anderen. Aber schon in der ersten Woche klappte die Zusammenarbeit auf Anhieb." "Stephen wünschte sich für seinen Film eine Art zeitloser Atmosphäre", erklärt Produktionsdesigner Wood. "Wir wollen nicht besonders darauf hinweisen, dass wir uns im Jahr 2001 befinden, und tatsächlich bezieht das Konzept auch einige historische Designs und Motive mit ein." Es sollte um einen "völlig neuen Ansatz" gehen", erinnert sich Fiore. "Ein Mann mußs seinen Weg finden. Endlich ist er bereit, sich seiner Vergangenheit zu stellen, denn heute sieht er alles von einer anderen Warte aus. Die Atmosphäre sollte dunkel, tunnelartig, von Spiegelungen geprägt sein. Diesen Stil haben wir gemeinsam entwickelt." Wood fügt hinzu: "Die Farbpalette haben wir sehr sorgfältig zusammengestellt. Die Farbtöne sind sehr bedeckt, und Mauro Fiore gestaltet die Farben in seinen Bildern besonders düster. Ich wollte den Film realistisch gestalten, denn wir machen keinen stereotypen Hollywoodfilm. Bei uns stehen die Figuren, die dramatische Geschichte im Mittelpunkt - was wir dazu beitragen können, dient nur zur Gestaltung des Hintergrunds, damit alles stimmig wirkt. Das soll so ansprechend wie möglich aussehen, ohne dass die Ausstattung sich in den Vordergrund drängt. Die Schauplätze sind im Film nicht die Hauptsache - sie passen sich in den Gesamteindruck ein." Was den Stil des Films ausmacht, formuliert Fiore so: "Wenn man das in einem Wort ausdrücken sollte, wäre das ,Spiegelung'. Wie schafft man einen Hintergrund: Man installiert ein Schild mit Neonbeleuchtung, und das Licht wird von dem regennassen Boden und den nassen Mauern reflektiert." Kay und Fiore grübelten darüber nach, wie man der Story einen unverkennbaren Look verpassen konnte. Anfangs überlegten sie, ob man "Get Carter" in Schwarzweiß drehen sollte. "Wir diskutierten die Film-noir-Versatzstücke", sagt Fiore. "Aber wir waren uns einig, dass es zwar ein düsterer Film werden sollte, aber er sollte nicht wie ein Horrorfilm aussehen." Fiores Lösung, mit der er eine fast schwarzweiße Atmosphäre schafft, besteht darin, das Filmmaterial bei der Entwicklung zu bleichen. "Mit diesem Verfahren schaffen wir krasse Kontraste, ohne ganz auf die Farbe zu verzichten", sagt Fiore. "Das Bleichverfahren wäscht die Farben heraus und verstärkt die Kontraste, der Handlung wird dadurch eine sehr düstere und geheimnisvolle Stimmung gegeben." Kostümbildnerin Julie Weiss sollte jeder Filmfigur einen unverwechselbaren Look verpassen. "Falls Sie den TV-Film "Frankie, Dean und Sammy tun es" oder "GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia" mochten, dann werden Ihnen die Kostüme in Get Carter - Die Wahrheit tut weh ganz bestimmt gefallen", stellt Produzent Mark Canton fest. "Julie Weiss bringt großes Talent mit, ihre Entwürfe sind atemberaubend." Stallone trägt im Film glänzende Seidenanzüge, ein Lichtfleck in den ansonsten sehr gedeckten Farben. Stallones Leinwandpartnerin Miranda Richardson mokiert sich über die düsteren Schatten und die spärliche Ausleuchtung des Films, wenn sie sagt: "Ich bin sehr dankbar dafür, dass Sly das strahlendste weiße Hemd der Welt trägt, denn dadurch wird mein Gesicht wunderbar ausgeleuchtet." "Ich habe noch nie einen so schönen Film gedreht, was die Beleuchtung und Kameratechnik angeht", sagt Stallone. "Der Stil ist etwas ganz Besonderes und durchaus zeitgemäß." Cumming darf nicht nur mehrfach einen Cowboy-Hut aufsetzen, auch sein übriges Outfit wirkt reichlich exzentrisch. "Jeremy soll ein paar kleine Macken haben", lacht Cumming. "Also trage ich richtig abgedrehte Klamotten - den Cowboy-Hut, eine Art Poncho und Wellington-Stiefel mit Spikes an den Sohlen. Julie Weiss hat sich echt tolle, irre Sachen für die Rolle einfallen lassen." "Der Star des Films ist meine Spiegelhose", kommentiert Rachael Leigh Cook mit schiefem Lächeln. "Ich trage eine Hose, auf die kleine runde Spiegel genäht sind - immer wenn sie zu sehen ist, stiehlt sie allen die Schau. Einfach zauberhaft. Sly und ich hassen diese Hose wie die Pest." Die Schauplätze wählte man danach aus, wie sie der Story am besten gerecht werden. Das Drehbuch war zunächst in New York und Los Angeles angesiedelt, aber "das passte nicht so recht", wie Produzent Neil Canton sagt. "Uns schwebte etwas anderes vor - Drehorte, die man noch nicht so häufig im Kino gesehen hat. Las Vegas and Seattle werden diesem Anspruch voll gerecht." "Mit Las Vegas können wir Jack sehr gut definieren - seine Kleidung, wie er sich bewegt, der ganze Rest", sagt Kay. "Stilistisch ergibt sich so ein sehr starker Akzent, der die Entwicklung des Films deutlich vorantreibt. Der Unterschied zwischen Vegas mit seiner surrealen Atmosphäre und dem sehr realen Seattle erschien mir für den dramatischen Bogen sehr gut geeignet." Stallone stimmt zu: "Die Stimmung, der Regen, die Wolken in Seattle passen hervorragend zu dem, was die Figuren emotional durchmachen müssen. Der dramatische visuelle Wechsel spiegelt jeweils Carters innere Verfassung." Es bleibt in der Familie Get Carter - Die Wahrheit tut weh entstand innerhalb von drei Herbst- und Wintermonaten an Schauplätzen im kanadischen Vancouver, das Seattle doubelte. Zwei Tage wurde in Las Vegas gedreht. Michael Caine war bereits mit Stallone befreundet - die beiden kennen sich seit den Dreharbeiten zu John Hustons "Victory" (Flucht oder Sieg), alle anderen Beteiligten vor oder hinter der Kamera arbeiteten zum ersten Mal zusammen. "Die Stimmung beim Dreh hätte nicht besser sein können - Schauspieler und Crew kamen bestens miteinander aus", berichtet Neil Canton.Stallone äußert sich über die Zusammenarbeit mit Stephen Kay ebenfalls sehr zufrieden: "Stephen verdanken wir die Herausarbeitung der Schwächen und Verletzlichkeiten unserer Figuren. Unter Schauspielern gibt es ein altes Sprichwort: ,Im Zweifelsfall möglichst laut.' Wer schreit, ist ein guter Schauspieler - natürlich stimmt das überhaupt nicht. Stephen weiß das, er fordert leise Töne, und er schafft es auf die nette Art, seine Darsteller dazu zu bringen, zwei oder drei Gefühle gleichzeitig auszudrücken - dadurch wirken die Figuren sehr viel komplexer. Und auch sein filmisches Konzept ist sehr originell. Der Film wirkt sehr düster, aber die Action-Szenen behandelt er mit großem künstlerischem Gespür. Die Stimmung, die Ausleuchtung, die Art, wie der Regen über die Windschutzscheibe rinnt - all diese kleinen Details rücken durch sein unbestechliches Auge angemessen ins Bild." Auch Miranda Richardson bescheinigt Kay besondere Fähigkeiten, seine Vorstellungen zu kommunizieren, und sie weiß auch, warum: Kay hat selbst Erfahrungen als Schauspieler. "Ich halte Stephen für einen Schauspielerregisseur, denn er hat selbst vor der Kamera gestanden, er kennt die Situation von beiden Seiten. Und er begeistert sich für seine Arbeit. Er ist zwar ein toller Action-Regisseur, aber er verzettelt sich nicht in ewigen Wiederholungen und zig verschiedenen Kamerawinkeln. Dadurch findet er immer den richtigen Arbeitsrhythmus." Alle Darsteller hatten am Ende das Gefühl, an einem ungewöhnlichen Projekt mitgewirkt zu haben. "Ein wenig erinnert der Film an Shakespeare", sagt Alan Cumming. "Es geht um Rache, Vergeltung, Tod in der Familie. Und darum, wie leicht man die Kontrolle verliert, wenn die eigene Familie auf dem Spiel steht. Vernunft gerät dann ins Hintertreffen. Get Carter - Die Wahrheit tut weh ist also ein sehr differenzierter Thriller." "Letztlich geht es um Moral", sagt Caine. "Denn beim Thema Familie spielt die Moral immer eine Rolle - egal wie unmoralisch sich die Beteiligten verhalten. Gangster halten sich ebenso wie Familien an ein Regelsystem. Und darum geht es - um die Familie." Und er fährt fort: "Ich glaube, die Zuschauer werden Jack Carter am Ende sehr sympathisch finden, auch wenn er sich selbst reichlich oft in Schwierigkeiten hineinreitet. Vor allem werden sie feststellen, dass sie einen sehr, sehr gut gemachten Thriller gesehen haben." "Ein bestimmtes Gefühl für Ethik treibt den Film an", sagt Kay. "Was vergangen ist, lässt sich nicht reparieren - man kann es nur in Zukunft besser machen. Um die Zukunft geht es in unserem Film, und falls die Zuschauer dies aus dem Kino mit nach Hause nehmen, wäre ich der glücklichste Mann der Welt." Stallone bezeichnet "Get Carter" als eines der wichtigsten Projekte in seiner langen und reichhaltigen Karriere. "Ein paar Mal hat mir das Spielen auch emotional wirklich großen Spaß gemacht", sagt er. "Bei ,Rocky', bei ,Cop Land' und bei diesem Film." |
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