Produktionsnotizen zu Der Schuh des Manitu

Karl May meets Sergio Leone Nachdem er 1999 mit dem Kassenknüller Erkan & Stefan den Agentenfilm tüchtig auf die Schippe nahm, knöpft sich Comedy-Ass Michael "Bully" Herbig nun sein Lieblings-Genre vor: den Western. Und wie vom Autoren, Darsteller und Produzenten der 1997 überaus erfolgreich in ProSieben gestarteten "bullyparade" zu erwarten, entstand hier ein großartiger Spaghetti-Western im Stil der 60er- und 70er-Jahre. So ist das im Frühsommer 2000 in der südspanischen Wüste und den Münchner Arri-Studios aufwendig gedrehte Cowboy-und-Indianer-Opus ebenso dramatisch wie auch actionreich, ähnlich einem Sergio-Leone-Western.

Traumprojekt für zwei Jahre Doch bis zur Film-Premiere war es noch ein langer Weg - und nicht selten auch ein ziemlich unkonventioneller. Aber wen wundert's, dass bei einer Produktion, für die niemand geringerer als Comedy-Spezialist "Bully" verantwortlich zeichnet, vieles anders lief als üblich? War Der Schuh des Manitu doch bereits seit über zwei Jahren sein erklärtes Lieblingsprojekt. "Es hat alles ganz harmlos mit einer Idee angefangen, die nur verbal formuliert wurde", erzählt der ausgebildete Fotograf, dem nach der Ausstrahlung der ersten "bullyparade"-Folgen plötzlich bewusst wurde, wie gut seine Winnetou-Sketche wirklich beim Publikum ankamen. Wieso also diese nicht einfach zu einer typischen Western-Story ausbauen, mit uralten Versatzstücken der Cowboy-und-Indianer-Mythologie anreichern, das Ganze mit untypischen Elementen durcheinanderwirbeln und einen Spielfilm daraus machen?

"Ich habe das einfach mal so erzählt und plötzlich in leuchtende Augen geblickt." Dennoch verzögerte sich sein Plan zunächst: Bully Herbig nahm wieder Abstand von einer reinen Winnetou-Parodie - und fand mehr Gefallen an eigenen Figuren. Schließlich gab es Abahachi und Ranger bereits lange vor Winnetou und Old Shatterhand. Also setzte er sich mit den Autoren seiner TV-Show Rick Kavanian, Murmel Clausen und Alfons Biedermann zusammen, um das Drehbuch zu schreiben. "Wir hatten in relativ kurzer Zeit die erste Fassung fertig und konnten so unsere Geldgeber von der Qualität des Film überzeugen", staunt "Bully" noch immer. "Es gab keinen Moment, wo die Leute sagten, das funktioniert nicht, oder, es ist nicht komisch." Das Ergebnis sind deutliche Anklänge an die unterschiedlichsten Western, vor allem an Sergio Leone und Karl May. Kein Wunder, dass selbst die Schauspieler sich ihrer Euphorie kaum noch erwehren können. So gesteht Marie Bäumer, dass dieses neue "Bully"-Werk ihr erstes Projekt gewesen sei, "das von Anfang an ein Traum war".

Gleich fünf Funktionen auf einmal? Das geht nun wirklich nicht! Bis zu dem Zeitpunkt, da der Film im Kasten war, mußsten noch viele Hürden überwunden werden. Als man dann am Ende einer langen Suche nach dem geeigneten Drehort auf "dem heiligen Boden von Sergio Leone" in Südspanien landete, war klar, wenn nicht hier, dann nirgends! Vor allem Michael Herbig wollte sonst an keinem anderen Ort drehen. "Dafür habe ich einfach gekämpft. Ich hatte diese Vision und wollte auch keine Kompromisse machen. Entweder ganz oder gar nicht. So kam das mit der Produzentengeschichte zustande. Weil ich nicht wollte, dass dieses tolle Projekt abdriftet."

Als es darum ging, den Regisseur zu besetzen, bot sich Bully an: "Ich würde es natürlich gerne machen, aber ich mußs jetzt mal wissen, wie und wann das passiert." Schließlich geschah tatsächlich das Befürchtete: "Alles ging ganz schnell und plötzlich hatte ich meine vier, fünf Funktionen."

"Einmal bin ich mit ihm, dem Kameramann und den beiden Regieassistenten zusammen ans Set gefahren", erinnert sich Rick Kavanian. "Kaum saßen wir im Auto, als sie auch schon anfingen, eine volle Stunde lang über die Auflösungen zu sprechen. Solange die Fahrt eben dauerte. Als wir ankamen, zog er sich um, ließ sich schminken, telefonierte währenddessen mit dem Co-Produzenten, dann riefen andere an. Dann ist er ans Set, hat mit den Lichtleuten gesprochen und geprobt. Ich habe ihn den ganzen Tag begleitet. Am Abend war ich komplett fertig. Und das hat er 50 Drehtage lang gemacht." Auch Marie Bäumer denkt jetzt noch fassungslos an "Bullys" Einsatz: "Wir sind alle dagestanden und haben gesagt: Das ist normalerweise nicht machbar von einer einzigen Person."

"Es ist phänomenal", erzählt Marie Bäumer weiter, "er ist irrsinnig schnell. Christian und ich standen einmal da und fragten einander: Weißt du jetzt, wo wir gerade sind? - Nee, aber frag' nicht. Er sagt es uns schon, der hat das alles im Kopf." Und das mußste er wohl auch. "Bully" aber nimmt's wie immer locker. Schließlich hatte all der Stress für ihn auch sein Gutes. "Ich habe in der Zeit auch abgenommen, weil ich abends nichts mehr gegessen habe", lacht er schelmisch. "Wenn ich die Bilder von früher sehe, da war ich ja ein ganz schöner Brocken. Jetzt fühle ich mich richtig wohl."

Ein Set voller Narren? Das Erstaunlichste aber, was vor allem für Michael Herbigs humorigen Charakter spricht, ist, dass er sich weder von der Überbelastung seine gute Laune verderben noch seine Teamkollegen darunter leiden ließ. "Es gehört auch zu den Aufgaben eines Regisseurs, die Stimmung im Team und am Set aufrecht zu erhalten", meint Herbig. "Was hast du davon, wenn dein Team mies gelaunt und demotiviert ist und überhaupt keinen Bock mehr hat." Dabei galt vor allem Lachen als die beste Medizin, auch wenn an manchen Tagen Gas gegeben wurde. "Konzentration ist sehr wichtig", bestätigt "Bully", "aber nicht mehr lachen zu dürfen oder nebenbei Späße zu machen, also das wäre ja was."

Dies kann Schauspielkollege Christian Tramitz nur bestätigen. "Nach zwei Tagen hatten sich alle Schauspieler in Cowboys verwandelt, die sich unentwegt duellierten oder versuchten, wie Clint Eastwood auszusehen." Er erinnert sich beispielsweise an einen speziellen Drehtag. "Das Teuflische war, dass in einem Gebiet von tausend Quadratkilometern ausgerechnet an unserem Set immer eine Eule schrie. Eine spanische Eule, die klingt anders. Der Tonmann hat sich vor Wut die Kopfhörer vom Ohr gerissen wegen dieser verflixten Eule. Und Bully dachte wirklich, er holt gleich ein Schnellfeuergewehr und ballert in die einzigen drei Bäume, die da standen."

Die nötige Disziplin stellte sich trotzdem ganz automatisch ein. Schließlich standen alle geschlossen hinter dem Projekt. "Es war schön, immer wieder zu beobachten, wie die Leute Herzblut für den Film entwickeln, weil sie ihn einfach mögen", strahlt Herbig. Es war für die meisten viel mehr als ein Job. Mir selbst macht das dabei noch sehr viel Spaß. Wenn ich plötzlich eine Idee am Set habe, dann setze ich die auch um." Und genau das macht wohl auch einen Großteil von Herbigs Arbeitsweise aus. "Ich liebe es, zu improvisieren und während des Drehs einfach was umzuschmeißen. Im Genre Komödie mußs das auch passieren. Du kannst dir nicht tausendmal die Frage stellen, wer könnte das noch lustig finden. Du machst es einfach."

"Bully ist der Umsetzer", bestätigt Tramitz. "Er ist auch der Pragmatiker. Rick und ich bauen sehr oft sehr komplizierte Sachen ein und sind dann super stolz darauf. Dann geben wir es ihm und er haut erst mal die Hälfte davon weg. Aber im Nachhinein mußs ich sagen, er hat absolut den richtigen Riecher."

Seinen guten Riecher bewies Michael Herbig auch in Sachen Besetzung. Da die Hauptakteure 1:1 aus den Karl-May-Sketchen der "bullyparade" übernommen wurden, war von Anfang an klar, dass er selbst die Doppelrolle Abahachi/Winnetouch übernehmen würde - an der Seite seines Comedy-Partners und Freundes Christian Tramitz. "Im Theater bin ich immer um diese Liebhaber- und Heldenrollen drum herum gekommen", meint Tramitz alias Ranger. "Ich war entweder der Böse oder der Depp. Jetzt hat es mich erwischt und ich bin Held und Liebhaber, was mir angesichts meiner Partnerin doch ganz gut gefallen hat."

Mittlerweile kennen sich die beiden doch auch im Privatleben bereits seit sechs Jahren. Tramitz: "Wir lernten uns bei einer Radioproduktion kennen und haben von dem Zeitpunkt an permanent zusammengearbeitet. Erst beim Radio, dann waren wir im Fernsehen die Bayerncops und zuletzt die "bullyparade". Ich glaube, wir sind einfach super aufeinander eingespielt und wissen fast automatisch wie der andere reagiert. Ein bisschen wie eine alte, gut funktionierende Ehe. Damals lief mir so ein Langhaariger entgegen und ich habe mir gedacht, oh Gott, das darf nicht wahr sein und nun sind wir Blutsbrüder."

Schnell getan war auch die Besetzung ihres Kumpels Rick Kavanian, der Dritte im Bunde der "bullyparade"-Kult-Crew von "(T)Raumschiff Enterprise". "Bully und ich kennen uns schon seit 14 Jahren", erzählt Kavanian, der den Griechen Dimitri verkörpert. "Er war immer der Antreiber. So hat er irgendwann angefangen, auf mich einzureden: Was willst du an der Uni? Von Politik - ich studierte Politikwissenschaft - hast du keine Ahnung. Du kannst dir keine Zahlen merken." Das braucht der in New York zum Schauspieler ausgebildete Kavanian nun auch nicht mehr. Schon gar nicht als Dimitri.

Auch keine Frage bedeutete für Michael Herbig die Besetzung von Bösewicht Santa Maria. "Das Tolle dabei war", schwärmt "Bully", "dass ich schon beim Schreiben zwei Menschen im Kopf hatte, die noch gar nichts von diesem Buch wussten. Das war zum einen Sky Dumont als Santa Maria. Ich wusste wirklich nach 20 bis 30 Seiten, dass es nur einen gibt. Diesen absolut Edlen, der sich die Finger nicht schmutzig macht und seine Bande wie eine Schulklasse führt, indem er solche Ansagen macht wie, 'Jetzt geht mal jeder aufs Klo und dann reiten wir los'. Der Zweite war Hilmi Sôzer, den ich 1997 beim Dreh von "Die Bademeister" kennengelernt habe."

Am schwierigsten zu besetzen sei definitiv die Rolle der Uschi gewesen. "Ich hatte immer das Gefühl, was Blondes passt nicht. Wobei man natürlich Pamela Anderson hätte umfärben können", flachst Herbig. "Aber es wäre doch schade um ihr blondes Image gewesen. Das kann man ja nicht machen. Also war ich immer auf der Suche nach einer wunderschönen Frau, die ein tolles Auftreten hat, komödiantisches Talent besitzt und gleichzeitig ernsthaft und seriös spielen kann."

Bis er zufällig Marie Bäumer bei einer Pressekonferenz in Hamburg sah. "Ich kannte sie vorher nicht. Da steigt sie auf die Bühne und - hey, das ist die Uschi!" Er rief sie an und schickte ihr das Buch, das ihr auch sofort gefiel. Um ganz sicher zu gehen, wollte "Bully" Herbig aber dennoch ein Casting machen. Die Wahl fiel nicht schwer, Marie war die Richtige für diese Rolle!

Pferd mit Übergröße Aber Aktionen, wie eine bekannte Schauspielerin zum Casting zu bitten, waren eigentlich Nichtigkeiten gegenüber dem, was Herbig seinen Darstellerkollegen für Der Schuh des Manitu Der sonst noch abverlangte. So erinnert sich Christian Tramitz noch mit dem Anflug einer Leidensmiene an seinen ersten Kontakt mit den Spanischen Pferden. "Am Anfang setzten mich die Stuntleute auf ein schwarzes Pferd mit Übergröße und einem sehr merkwürdigen Dressurgang. Bereits beim ersten Schritt hatte ich größte Schwierigkeiten, oben zu bleiben. Ich habe es dann ausgetauscht und in dieses Pferd habe ich mich dann sofort verliebt. Es hatte das Temperament eines Bernardiners und hat selbständig alles gemacht was man ihm gesagt hat. Ich glaube, es hat gemerkt, dass Reiten nicht mein Spezialgebiet war und wollte mir helfen."

Aber die Geschichte mit dem Reiten ging noch weiter. Eigentlich sollte Tramitz bei den schnellen Reitszenen gedoubelt werden. Tramitz: "Der erste Stuntman hat sich den Fuß verstaucht, der Zweite hatte, wie drei Viertel des Teams Magenverstim-mung und irgendwann hat Bully gesagt, ja Christian, dann setz du dich mal drauf. Und ich hab's überlebt."

Drehorte Eine schöne Aufgabe war auch die Suche nach geeigneten Drehorten, die Michael Herbig für Der Schuh des Manitu. Der aussuchte. "Der große Kompromiss wäre Jugoslawien gewesen", erläutert er. "Doch das war für mich nicht Western. Am liebsten hätte ich in Amerika gedreht. Ich habe wirklich überall gesucht, Südafrika, Australien, Marokko, und irgendwann sind wir auf dem heiligen Boden von Sergio Leone gelandet. Ich bin hingeflogen, habe es mir angeschaut und gesagt - das ist es, hundert Prozent." So wurde der Großteil des Films schließlich im südspanischen Almeria gedreht. Eine Entscheidung, die auch Kollege Tramitz nur unterstreichen kann: "Wir waren in einer wunderbaren Gegend."

"Bully" Herbig überzeugte schon frühzeitig mit seinen Marketing-Aktivitäten. Bereits nach wenigen Tagen trug das Hotelpersonal ganz stolz T-Shirts mit der Aufschrift Der Schuh des Manitu. Alle waren sehr erfreut, wenn die Filmcrew zahlreich an der Hotelbar versammelt war und einen gelungenen Drehtag begoss. Trotz normaler Katastrophen wie Sandstürmen, Regenfällen, Magenverstimmungen und mittleren Materialschäden entstand mit Der Schuh des Manitu ein Film, von dem das Team absolut begeistert ist. Und nicht nur das Team.

Dirk Jasper FilmLexikon
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