Produktionsnotizen zu Über kurz oder lang
Vorne kurz, in der Mitte dicht und hinten schwungvoll: die Idee zum Film Vor fünfzehn Jahren, als Ruth Jackson TV-Produzentin bei der BBC war, drehte sie den Dokumentarfilm "Blow Dry in Vegas", der die Teilnahme des Teams der British Hairdressing Champions an der Weltmeisterschaft der Friseure in Las Vegas verfolgte. "Ich war vollkommen überrascht von der Welt, die sich da vor mir auftat," sagt Jackson, die Produzentin von Über kurz oder lang. "Da gab es jede Menge Dramen und Spannungen, und gleichzeitig war es ein Riesenspaß, und die extravagantesten Typen liefen herum, so dass ich die Idee hatte, dort einmal eine fiktive Geschichte zu drehen."

Nach ihrem Weggang bei der BBC wendete sich Jackson der Produktion von Spielfilmen zu und gründete mit West Eleven Films ihre eigene Firma. Sie fragte Simon Beaufoy, ob er Lust habe, ein Drehbuch zu diesem Stoff zu schreiben. Der sagte zu, und nachdem sie beide aus Yorkshire stammen, beschlossen Jackson und Beaufoy, die Story dort in der kleinen Stadt Keighley spielen zu lassen, Beaufoys Geburtsort.

Unterdessen war auch Sydney Pollack Mirage Enterprises als Produktionspartner dazu gestoßen. Pollack gefiel das Konzept von Über kurz oder lang. "Die Figuren, die Simon Beaufoy da erschaffen hat, sind sehr präzise, sehr typisch für die Gegend und sehr liebenswürdig," sagt er. "Manchmal ist es ja so, dass ein Film, je einzigartiger seine Figuren sind, ein umso breiteres Publikum anspricht. Schließlich findet man auch auf der ganzen Welt die gleichen Gefühle."

Der irische Regisseur Paddy Breathnach spielte zu dieser Zeit zufälligerweise selbst mit der Idee, eine Geschichte in der Welt der Haarsprays und Lockenwickler zu erzählen, und als Jackson ihn fragte, ob er Über kurz oder lang inszenieren wolle, sagte er sofort zu. "Ich hatte bei den Recherchen zu einem Projekt mit meiner eigenen Firma Treasure Films einen irischen Friseur kennengelernt, der bei der Friseur-Olympiade mitmachte," erzählt Breathnach. "Wir wollten gemeinsam etwas daraus machen, aber irgendwie hat sich die Sache dann zerschlagen. Ich habe später einige Harrschneide-Wettbewerbe besucht und war fasziniert von der großen Leidenschaft und der Aufopferung, mit der diese Menschen an ihre Arbeit herangehen. Sie sehen Haare, und ihre Phantasie ist geweckt. dass die Geschichte von Über kurz oder lang schließlich in Yorkshire spielt, bringt zwei starke Elemente in den Film: Zum einen hat die Welt der Friseure etwas sehr Schräges und Kitschiges, zum anderen ist der Norden aufrichtiger als in London oder anderswo," sagt sie.

"Aber natürlich kann die Rivalität in einer Kleinstadt viel härter sein, weil hier jeder jeden kennt." Griffiths hat die Erfahrung gemacht, dass die Teilnehmer von Friseur-Wettbewerben ihre Sache extrem ernst nehmen. "Sie haben viel Zeit und Geld in ihre Teilnahme gesteckt, und die Veranstaltung ermöglicht ihnen, ihren Kollegen endlich zu zeigen, wer der beste ist." Dennoch ist auch für Griffiths der Kern der Geschichte die Versöhnung der Familie Allen: "Der Film schaut schon sehr genau darauf, was wirklich im Leben zählt, und formuliert die Hoffnung, dass wir unser Beleidigtsein und unsere Animositäten überwinden können. Diese Menschen sind schließlich eine ganz normale Familie, egal wie unkonventionell sie wirken."

Bill Nighy wurde für den Part des Ray Richardson besetzt, des ewigen Rivalen von Phil. Nighy hat viel Zeit der Vorbereitung damit verbracht, Schnitttechniken mit dem Friseur-Champion Glynn Taylor in Yorkshire zu üben. "Das wird mit großem Ernst zelebriert," sagt der Schauspieler. "Ich habe ganze Tage in dem Salon verbracht, die meiste Zeit begleitet vom Gelächter der Friseure. Doch ich habe viel gelernt, vor allem die kleinen Dinge, die Englands gleichzeitig eine sehr rauhe und reale Gegend. Im Herzen der Story steht ein packendes Drama, und die Figuren finden gerade in dieser überdrehten Kunstwelt den Katalysator für ihre Gefühle."

Bunte Schafe,lachende Barbiere: Wie die Darsteller sich auf ihre Rollen vorbereiteten Alan Rickman als verhärmter Kleinstadtfriseur Phil ist eine der Hauptfiguren der Geschichte. Breathnach beschreibt Phil als "Revolverhelden, der seine Pistolen an den Nagel gehängt hat. Seitdem ihn seine Frau wegen einer anderen Frau verlassen hat, hat er sich aus allen Wettbewerben zurückgezogen, obwohl oder weil das Haareschneiden vor Publikum ihm und seiner Familie Spaß und Erfolg gebracht hat. Phil ist im Grunde seines Herzens ein guter Mann, der das Richtige tun möchte, aber seinen Schmerz nicht überwinden kann."

Phils Frau Shelly wird gespielt von Natasha Richardson, die sich für die Rolle auch deshalb eignete, weil ihr Vater, der Regisseur Tony Richardson, in Bradford, Yorkshire, geboren ist. Richardson sagt über ihre Rolle: "Shelly kämpft darum, ihre Familie wieder zusammen zu bringen. Deswegen möchte sie unbedingt, dass man als Team am Wettbewerb teilnimmt. Es ist ihre letzte Chance auf Versöhnung." Als Shellys Freundin Sandra ist die australische Schauspielerin Rachel Griffiths zu sehen, für die Über kurz oder lang schon der vierte Film ist, den sie in Yorkshire gedreht hat. "Als Ortsfremde finde ich die Menschen hier wesentlich dich auf der Leinwand authentisch aussehen lassen ? etwa, wie man den Kamm hält und welchen Rhythmus man beim Schneiden entwickelt. Jetzt kann ich zwar den Anschein erwecken, als wüßte ich, wie man mit einer Schere umgeht, aber Sie lassen mich besser nicht an sich ran! Ich könnte vielleicht ihr Haar föhnen, auch wenn wir hinterher vermutlich beide Tränen in den Augen haben würden."

Das junge Liebespaar des Films, Brian und Christina, wird dargestellt von den amerikanischen Schauspielern Josh Hartnett und Rachael Leigh Cook. "Das ist der Romeo und Julia-Subplot," sagt Produzentin Jackson. "Josh besitzt genau die richtige Mischung aus Charme und Verletzlichkeit, um einen jungen Mann zu spielen, der damit zurecht kommen mußs, was aus seiner Familie geworden ist, und Rachel begegnet ihm da auf Augenhöhe. Erst nachdem wir die beiden besetzt haben, haben wir übrigens gemerkt, dass sie die gleiche Highschool in Minnesota besucht haben ? also haben uns unsere Instinkte nicht belogen."

Während Rachels Figur Amerikanerin bleibt (ihre Mutter ist nach der Trennung von Ray zurück nach Amerika gegangen), unterzog sich Josh Hartnett eines "Sprachkurses" vor Ort, um den Yorkshire-Dialekt zu lernen: Er lebte für einige Wochen bei einer Familie im Ort und ließ sich ebenfalls in Glynn Taylors Salon das Haareschneiden beibringen. Nachdem er in seiner ganzen Karriere erst zweimal mit Engländern gearbeitet hatte, war die Erfahrung für ihn besonders wertvoll: "Wir haben viel mehr geprobt als ich aus Amerika gewohnt war," sagt Hartnett. "Und die anderen Schauspieler sehen ihren Beruf vor allem als eines: als Handwerk."

Rachel Leigh Cook übt im Film ihre Färbetechniken an einer Herde Schafe. Die Erlaubnis dazu gab ein Bauer aus Martson Moor ? und noch Monate nach Ende der Dreharbeiten staunten die Autofahrer auf der A62 nach Huddersfield über die kunterbunten Schafe, die gelegentlich über die Straße trotteten.

Faule Tricks und Psychospielchen: Film und Realität Der Showdown des Films spielt schließlich während der britischen Friseurmeisterschaft in der Stadthalle von Keighley. Durch die Kontakte, die sie während ihres Dokumentarfilms in Las Vegas gesammelt hat, konnte Ruth Jackson für die Saalszenen etliche der besten Friseure und Models Englands als Statisten anheuern, darunter Trevor Mitchell, den schnellsten Friseur der Welt und ehemaligen Landes-und Europameister, der auch als Berater bei der Produktion mitwirkte. Die Firma Redken, die Haarpflegeprodukte herstellt, war ebenfalls beraterisch vertreten und sorgte mit Erfahrung, Produkten und Training für die Schauspieler.

Die Hauptdarsteller besuchten zusätzlich Kurse im Haareschneiden. Breathnach erinnert sich: "Die Schauspieler waren alle sehr engagiert und verbrachten viel Zeit mit Üben, bis sie gut genug waren, um vor der Kamera als echte Friseurmeister durchzugehen. Bei Wettbewerben besteht ein Großteil der Kunst darin, den Gegner mit glänzender Selbstdarstellung und Psychospielchen zu bezwingen ? ein bisschen benehmen sich die Friseure da wie Pfauen beim Radschlagen."

Joan Newton, Ausbildungsleiterin bei Redken England, arrangierte das Training für die Schauspieler und war beeindruckt von deren Fleiß und Engagement. Auf Vorschlag von Alan Rickman wurde sie schließlich als eine der Jurorinnen besetzt ? und fand sich in der Situation wieder, dass sie, die den anderen vorher beibrachte, wie man als Friseur glaubwürdig wirkt, nun fragen mußste, wie man als Schauspieler glaubwürdig wirkt.

Die Darsteller und Teammitglieder waren allerdings gleichermaßen überrascht, wieviel bei solchen Wettbewerben geschwindelt und betrogen wird. "Ein paar der Tricks finden sich im Film wieder," sagt Jackson, "und die sind alle schon in Wirklichkeit passiert. Dort auf dem Parkett herrscht wirklich psychische und physische Kriegführung!"

Jackson selbst kehrte mit den Dreharbeiten, die an mehreren Locations in Yorkshire stattfanden, auch in ihre Heimatstadt Batley zurück. Um den Bahnhof von Batley herum befinden sich eine Reihe einst prächtiger viktorianischer Bauten, die vom vergangenen Reichtum der Gegend zeugen. Viele dieser Gebäude sind heute vom Verfall bedroht, doch die Produktion konnte den schlechten Zustand der Fassaden übertünchen, indem sie dort die beiden rivalisierenden Friseursalons von Shelly und Phil errichtete und die Außenfront anderer Shops integrierte, so dass die Promenade aussah wie eine typische Nebenstraße von Keighley.

Dirk Jasper FilmLexikon
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