Die fabelhafte Welt der Amélie
Filmkritik von Julia Franke
Szenenfoto

Die fabelhafte Welt der Amélie Der neue Film von Jean-Pierre Jeunet war in Frankreich ein Riesenerfolg, auf dem Münchner Filmfest rief er als Eröffnungsfilm Begeisterung hervor. Jetzt kommt Die fabelhafte Welt der Amélie (Le fabuleux destin d?Amélie Poulain) auch in die deutschen Kinos.

Der Tag, den dem Lady Di stirbt, verändert ihr Leben. Nicht dass ihr Tod Amélie Poulain, eine junge Kellnerin in einem Café am Montmartre, so ungeheuerlich beeindruckt hätte. Aber an diesem Tag stößt sie auf einen Spielzeugschatz, den ein kleiner Junge vor vielen Jahren in ihrer Wohnung versteckt hat. Sie beschließt, den Eigentümer ausfindig zu machen und zu sehen, wie er reagiert.

Zuvor hatte Amélie (Audrey Tatou) äußerst zurückgezogen gelebt. Ihre Eltern hielten sie für herzkrank, weil ihr Vater, ein Arzt, sie nur bei der allmonatlichen Untersuchung berührte und ihr Herz dann aufgeregt schlug. Sie durfte deshalb nicht zur Schule ? ihre Eltern unterrichteten sie zuhause und so kam sie kaum mit anderen Kindern zusammen. Bald fängt Amélie auch in anderen Bereichen an, sich in das Leben ihrer Mitmenschen einzumischen ? immer schön im Verborgenen. Ob das nun die Kollegen und Stammgäste im Café sind, ihr eigener Vater, der Gemüsehändler um die Ecke oder ihre Concierge: Plötzlich geschehen seltsame Dinge in deren Leben, die sie sich so gar nicht erklären können.

Als sich Amélie in Nino (Matthieu Kassovitz) verliebt, einen jungen Mann, der Fotos sammelt, die andere neben Foto-Automaten einfach weggeworfen haben, wird die Sache komplizierter.

Manche wird der Erzähler aus dem Off stören (in der deutschen Version: Peter Fricke). Doch er hilft, die große Figurenvielfalt zu unterscheiden: er stellt jede Figur mit einigen Phänomenen vor, die sie besonders mag oder verabscheut. So liebt es Amélie, im Kino Dinge zu bemerken, die sonst keiner sieht, hasst es aber, wenn in alten Filmen die Figuren Auto fahren, ohne auf die Straße zu sehen. Joseph hingegen, ein verbitterter Stammgast im Café (gespielt von Jeunets Stammschauspieler Dominique Pinon), freut sich nur noch an dem Geräusch, das eine Luftpolsterfolie macht, wenn man ihre Bläschen zum Platzen bringt. Jeunet liebt solche Aufzählungen. Allerdings sei es trotz seiner endlos langen Listen nicht leicht gewesen, die passenden Vorlieben und Abneigungen für den Film auszuwählen: "Sie müssen einerseits sehr persönlich sein und zu der jeweiligen Figur passen, aber andererseits doch auch jedermann berühren (...). Außerdem müssen sie auch noch optisch zu illustrieren sein".

Während Die fabelhafte Welt der Amélie trotz seiner märchenhaften Stimmung größtenteils in der realistischen Alltagswelt spielt, betören besonders die kleinen Ausflüge ins Fantastische: Der Souffleur etwa, den wir uns alle für eine schlagfertige Antwort wünschten, die Figuren von Michael Sowa, die Amélie gelegentlich aufmunternd zublinzeln, oder die Automatenfotos, die reden und sogar zu viert miteinander diskutieren können.

"Delikatessen" und "Die Stadt der verlorenen Kinder", die er gemeinsam mit Marc Caro realisierte, haben Jean-Pierre Jeunet als Meister der Skurrilen bekannt gemacht. Nach einem Ausflug nach Hollywood ("Alien - die Wiedergeburt") ist er jetzt mit diesem poetischen Großstadt-Märchen wieder nach Frankreich zurückgekehrt. Nach diesen eher düsteren Filmen hatte Jeunet "Lust, einen Film zu machen, der leicht und beschwingt ist, der zum Träumen verführt und einfach Vergnügen bereitet." Wer nicht glücklicher aus dem Kino kommt, als er zuvor hineingegangen ist, hat es nicht anders verdient.

"Dieser Artikel erschien am 12. August 2001 in leicht gekürzter Form im "Sonntag" (Freiburg)."

Dirk Jasper FilmLexikon
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