Produktionsnotizen zu Lammbock - Alles in Handarbeit
Würzburger Geschichten Realer Hintergrund für fiktive Geschichte

Lammbock - Alles in Handarbeit ist die Geschichte zweier Freunde in Würzburg, die sich hinter einer Fassade aus Coolness und Stilbewusstsein darum drücken, den Verantwortungen des Erwachsenwerdens ins Auge zu blicken. Autor und Regisseur Christian Zübert kennt die Welt nur zu gut, durch die sich seine sympathischen und zumeist ziemlich zugekifften Helden Stefan und Kai bewegen. Er gibt zu: "Unabhängig vom Plot und der Story an sich, entstammt die Ursprungsidee des Buches einer Phase, die meine Freunde und ich vor ein paar Jahren im Alter von Anfang bis Mitte 20 erlebten."

Zübert erklärt den Hintergrund seiner Geschichte: "Ich bin selbst in Würzburg aufgewachsen, wo auch der Film spielt: eine idyllische bayerische Kleinstadt, in der es einem relativ gut geht und man keine allzu großen Sorgen im Leben hat. Ohne existenziellen Druck von außen verwendet man relativ viel Zeit darauf, sich Gedanken darüber zu machen, wer man ist, zu welcher Gruppe man gehört. Es war immer wahnsinnig wichtig, cool zu sein und cool rüber zu kommen und was darzustellen. Und das steckt auch im Urgeist des Films, weil es den beiden Jungs auch immer darum geht, Stil zu haben, nie aus der Rolle zu fallen. Der Plot selbst, die Geschichte mit dem Pizza-Express, das sind Einfälle von mir, die ich durch diese Grundidee gefiltert habe."

Es verwundert nicht, dass auch der eigenwillige Titel seiner Geschichte auf einer Anekdote der eigenen Jugend Züberts basiert: "In Würzburg gab es einen Pizza-Express, der stark frequentiert war und ,Lambo' hieß. Man frage mich nicht, warum. Ein Freund von mir konnte den Namen nicht mehr richtig aussprechen, wenn er stoned war, und sagte dann immer "Lammbock". Das ist alles."

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Richtersohn Stefan, der sich nicht entscheiden kann, welche Richtung er in seinem Leben einschlagen will und mehr und mehr darunter leidet: Soll er sein Slackertum an der Seite seines Freundes Kai durchziehen? Soll er sein Studium endlich abschließen? Soll er Würzburg den Rücken kehren und sich den Traum von der eigenen Karibikbar erfüllen? Diese Probleme kennt auch Christian Zübert, der ebenfalls lange mit sich kämpfen mußste, bis er den Absprung schaffte: "Ich bin einfach weggegangen. Das war die richtige Entscheidung. Zuhause hat man sich immer in seinem sicheren Umfeld bewegt, ein bisschen wie Kai im Film. Man war so etwas wie der König in seinem kleinen Reich. Man wird nicht dazu gezwungen, sich weiterzuentwickeln oder sich für neue Dinge zu öffnen." Zübert selbst entschied sich für den Umzug nach Köln, um sich dort einer Karriere als Drehbuchautor zuzuwenden: "Das war ein Sprung ins kalte Wasser, der mir wahnsinnig viel gebracht hat: Ich mußste wieder auf neue Leute zugehen, mußste mich wieder ein bisschen beweisen. Ich mußs aber auch anfügen, dass ich immer noch sehr gerne zu Hause bin."

Eines der ersten Drehbücher, das der aufstrebende Autor in der Rhein-Metropole zu Papier brachte, war Lammbock - Alles in Handarbeit - ein Stoff, mit dem er Vergangenheitserlebnisse aufarbeitete und sich endgültig von der Würzburger Jugend verabschiedete. dass es eines Tages verfilmt werden könnte, und er damit sogar sein Debüt als Filmregisseur geben würde, hätte er sich zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht im Entferntesten träumen lassen.

Im Becken der kleinen Haie Sönke Wortmann Produktionsfirma Little Shark steigt ein

Den entscheidenden Anstoß für die Verfilmung von Lammbock - Alles in Handarbeit gab Sönke Wortmann, der eigentlich nur nach einem Drehbuchautor für eine geplante Fortsetzung seines Komödienhits Kleine Haie suchte. Wortmann berichtet: "Kleine Haie 2" sollte zehn Jahre nach dem Original angesiedelt sein. Als Autor wurde mir Christian Zübert empfohlen. Ich nahm Kontakt mit ihm auf, und da ich noch nichts von ihm gelesen hatte, bat ich ihn, mir eine Leseprobe zukommen zu lassen. Er schickte mir Lammbock - Alles in Handarbeit."

Die Reaktion von Wortmann war eindeutig: "Das Buch hat mich so umgehauen, dass ich es sofort haben wollte." Zeitweise spielte Wortmann sogar mit dem Gedanken, selbst als Regisseur einzusteigen: "Das war genau der Humor, der mir zusagt. Ich wollte den Film zuerst selbst machen, aber dann hatte ich das Gefühl, dass ich dafür schon zu alt bin, dass ich die Sprache der Figuren nicht mehr spreche. Mir ist aber auch kein anderer Regisseur in Deutschland eingefallen - abgesehen vom Autor selbst."

Für den kam die ungewöhnliche Idee von Sönke Wortmann vollkommen überraschend. Zübert erinnert sich: "Als wir in einer der Besprechungen für "Kleine Haie 2" saßen, meinte er, er wolle nur als Produzent auftreten: Ob ich nicht Interesse daran hätte, der Regisseur zu sein. Spontan habe ich abgelehnt. Ich hatte keinen Gedanken daran verschwendet, Regie zu führen, hatte es noch nie vorher gemacht und traute es mir einfach nicht zu. Ich kannte das Drehbuch einfach zu gut und hatte Angst, ich könnte es versauen."

Sönke Wortmann fand die Reaktion sympathisch und fühlte sich in seiner Idee, Zübert selbst das Drehbuch verfilmen zu lassen, bestärkt: "Ja, er traute sich das nicht zu. Aber gerade seine bescheidene Einstellung hat mich in meiner Meinung bestärkt. Ich konnte ihn zu einer Bedenkzeit überreden und schließlich hat er zugesagt." Christian Zübert bestätigt die Beharrlichkeit seines späteren Produzenten: "Sönke redete weiter auf mich ein, dass er sich keinen besseren Regisseur als mich vorstellen könne, gerade weil der Stoff so persönlich sei. Nach ein paar Wochen habe ich klein beigegeben."

dass Wortmann überhaupt auf die Idee kam, selbst nur als Produzent aufzutreten und einem Newcomer das Ruder zu überlassen, liegt auch an der neuen Ausrichtung seiner 1999 gegründeten Produktionsfirma Little Shark Entertainment: "Anfang 2000 ist Tom Spieß von X-Filme Creative Pool als Geschäftsführer zu Little Shark gestoßen. Da war bereits klar, dass wir nicht mehr nur als Koproduzenten meiner eigenen Regiearbeiten auftreten wollten. Ich bekomme viele Stoffe und Drehbücher auf den Tisch, von denen eine ganze Reihe vielversprechend sind - ich könnte gar nicht alle selbst verfilmen. Also ist die logische Konsequenz, meine Erfahrung und meinen Einfluss als Produzent zu nutzen und junge Talente zu unterstützen."

Nach einer 1999 realisierten Dokumentation über Straßenkinder und dem Kurzfilm "Auf der Couch", der bei den Hofer Filmtagen 2000 seine Premiere erlebte und 2001 mit dem Friedrich-Wilhelm-Murnau-Preis ausgezeichnet wurde, ist Lammbock - Alles in Handarbeit der erste Spielfilm, der von Little Shark - im Rahmen eines First-Look-Deals mit der Senator Entertainment AG - realisiert wird. Auf einen gewissen Stil oder ein besonderes Genre will sich die Company allerdings nicht festlegen. Wortmann sagt: "Unsere nächste Produktion wird "Das Wunder von Bern" sein, bei dem ich Regie führe. Das ist ein wesentlich aufwändigeres Projekt, das sich überhaupt nicht mit Lammbock - Alles in Handarbeit vergleichen lässt. In diesem Spannungsfeld sollen die Filme von Little Shark angelegt sein: Größe, Ton und Budget wird jeweils vom Sujet des einzelnen Projekts vorgegeben."

Genauso wenig will sich Wortmann auf ein gewisses Pensum an Filmen festlegen, die Little Shark jährlich hervorbringen soll. "Auch das hängt voll und ganz davon ab, wie weit wir mit der Entwicklung der einzelnen Stoffe sind", meint er. "Gewiss ist, dass ich bevorzugt Newcomer und vielversprechende Talente unterstützen will. Sollten sich daraus längerfristige Kooperationen ergeben, dann würde ich das natürlich begrüßen."

Im Crashkurs zum Regisseur Autor Christian Zübert wird zum Filmemacher

Um Christian Zübert auf die bevorstehende Arbeit vorzubereiten und ihm die Grundzüge der Regiearbeit beizubringen, wurde er in eine Reihe von Workshops geschickt. Produzent Sönke Wortmann sagt: "Bei Thomas Jahn hat das seinerzeit auch hervorragend geklappt, als er Knockin' on Heaven's Door drehte. Außerdem haben wir Christian zu Matthias Glasner an den Drehort von dessen Schimanski-Krimi geschickt - die beiden kannten sich bereits von Fandango, bei dem Christian während des Drehs noch das Skript überarbeitete."

Letzteres war es, was Zübert am besten auf die Aufgaben des Regieführens vorbereitete, wie er selbst sagt: "Die Workshops für Filmregie haben mir nicht allzu viel gebracht. Das war mir zu technisch, und vieles wusste ich auch schon aus der einschlägigen Fachliteratur, die ich gelesen hatte. Sehr hilfreich war allerdings, dass ich bei einem befreundeten Regisseur, Matthias Glasner, ein paar Wochen am Set mitarbeiten konnte. So konnte ich die Abläufe kennenlernen. Sehr gut war auch ein Schauspiel-Workshop, in dem man selbst spielen mußste. Da das Gelingen des Films voll und ganz vom Spiel der Darsteller abhing, war es gut zu lernen, wie ein Schauspieler denkt. Ohne diesen Kurs hätte ziemlich viel ganz schön schieflaufen können."

Die Matthias-Glasner-Connection war noch in anderer Hinsicht von Bedeutung für Christian Zübert: Durch seine Beteiligung an Fandango kam über Umwege der erste Kontakt zu Sönke Wortmann zustande, und am Set des Films lernte er außerdem auch Sonja Rom, die Kamerafrau von Lammbock - Alles in Handarbeit, kennen: "Hätte ich von ihr allerdings nur Fandango gekannt, wäre ich nicht unbedingt auf die Idee gekommen, sie für Lammbock - Alles in Handarbeit zu engagieren. Mir schwebte ein ganz anderer Look für meinen Film vor. Aber ihre Arbeit an Crazy hat mich absolut überzeugt."

Das größte Lob für Christian Züberts Leistungen als Regisseur kommt von Sönke Wortmann: "Er hat das super hingekriegt. Ich hätte den Film nicht so gut gemacht. Es gibt zwar ein paar Ecken und Kanten, die ein solcher Film aber haben mußs."

Der Regisseur selbst ist ebenfalls zufrieden mit seiner Arbeit: "Ich war anfangs sehr naiv und hatte einfach zu viel Respekt vor dem Beruf des Regisseurs. Ich dachte, wenn da ein Diplomregisseur rangeht, dann wird der das schon richtig machen. Erst bei der Vorbereitung, als ich versucht habe, das Drehbuch nicht mehr mit den Augen des Autors, sondern mit den Augen des Regisseurs zu lesen, habe ich gemerkt, auf wieviel verschiedenartige Weisen man den Film drehen könnte. Instinktiv habe ich mich darauf konzentriert, über die Freundschaft zwischen Kai und Stefan zu erzählen, was mir auch schon im Drehbuch wichtig gewesen war. Man hätte sich aber auch genauso gut die verschiedenen Situationen betonen können, die die beiden erleben. Er hätte viel kühler sein können, viel stylischer, viel hipper. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass ich ihn selbst gedreht habe und das herausstellen konnte, was mir von Anfang an wichtig war."

Es war allerdings kein leichter Weg für Zübert, das Projekt nach seinem Engagement als Regisseur drehbereit zu machen. Ausgesprochen kritisch mußste er sich vor Drehbeginn noch einmal mit dem eigenen Skript auseinandersetzen: "Ich habe vor Drehbeginn noch einige Dinge im Drehbuch geändert, aber ich mußs sagen, das war eine total ekelhafte Arbeit. Ich habe mich einen Monat lang hingesetzt, bin jede einzelne Szene noch einmal durchgegangen und habe sie nach den blöden Lehrbuchfragen abgeklopft: Was will die Figur? Was ist der Konflikt? Was will mir die Szene sagen? Als Autor arbeitet man eher intuitiv und versteckt die Subtexte und Ziele auch automatisch. Es hat mir viel gebracht, das Drehbuch noch einmal auseinander zu nehmen. Danach konnte ich wirklich alle Fragen beantworten, die womöglich auftauchen konnten. Manches mußste ich auch gar nicht umarbeiten. Motive und Bedeutung waren mir beim Schreiben nur noch gar nicht klar gewesen."

Eine klare Vorstellung hatte Zübert allerdings davon, wie sein Film wirken sollte. Er sagt: "Ich hatte mir Lammbock - Alles in Handarbeit von Anfang an sehr lakonisch und lässig vorgestellt. Man sollte als Zuschauer nie das Gefühl haben, dass man etwas erzählt bekommt, sondern sollte mit den zwei Jungs durch den Film gleiten und sie ein Stück begleiten." Um den richtigen Ton treffen zu können, orientierte sich Zübert bei der Inszenierung an dem amerikanischen Indie-Filmer Kevin Smith, bei seinen Filmen ebenfalls stets Autor und Regisseur in Personalunion und erklärtermaßen eines der großen Vorbilder des Regisseurs von Lammbock - Alles in Handarbeit: "Bis auf "Mail Rates", den ich nur halbgut finde, mag ich all seine Arbeiten. Und "Clerks - Die Ladenhüter" war damals so etwas wie eine Initialzündung für mich. Er weckte die Lust in mir, selbst Filme zu machen. Die Urenergie bei Smith' Filmen kommt ja auch aus dem Schreiben, aus den Dialogen, während er eine sehr reduzierte Visualität pflegt. Das spricht mich an."

Mit einem liebevollen Zitat verneigt sich Zübert deutlich vor Smith: Die zwei von Antoine Monot Jr. und Wotan Wilke Möhring gespielten Irren Schöngeist und Frank, die in ihrem Wohnbus hausen und zum festen Inventar des Lammbock - Alles in Handarbeit-Hofes gehören, sind von den New-Jersey-Prolos Jay und Silent Bob inspiriert, die bislang in jedem Film von Kevin Smith Gastauftritte hatten. Die weiteren Einflüsse Smith' sind wesentlich subtiler und beziehen sich vor allem auf dessen stilistische Palette. Dabei ging es Zübert nicht darum, Smith nachzueifern: "Ich finde einfach, dass die langen Zweiereinstellungen von Lammbock - Alles in Handarbeit wunderbar zum Thema passen, die Langsamkeit und das Rumhängen zusätzlich betonen. Lammbock - Alles in Handarbeit ist halt ein Kifferfilm, und da sind die Dinge einfach etwas gemächlicher und träger."

Vor allem aber ging es Zübert um eines: "Ich wollte keinen coolen Film machen, sondern einen Film über Typen, die cool sein wollen. Das ist wichtig. Und dass mir das gelungen ist, habe ich in ganz großem Maß meiner Besetzung zu verdanken."

Talentschuppen Lammbock - Alles in Handarbeit Vorhang auf für Lucas Gregorowicz Früh verständigten sich Christian Zübert und Produzent Sönke Wortmann darauf, dass Lammbock - Alles in Handarbeit essentiell ein Ensemblefilm werden sollte, der ohne große Schauspielernamen auskommt. Wortmann erklärt: "Stars sind für eine persönliche Geschichte wie diese eigentlich nicht nötig. Die Story lebt von den Typen, den Figuren, von ihrer Authentizität. Unbekannte Gesichter, die beim Publikum noch nicht mit Erwartungen belegt sind, funktionieren im Zusammenhang einer relativ kleinen Produktion wie dieser viel besser."

Aufgrund dieser Grundsatzentscheidung verzichtete man darauf, das Drehbuch an bekannte Schauspieler zu schicken. Dafür veranstaltete die Produktion in Köln Castings, bei denen die passenden Darsteller gefunden werden sollten. Am wichtigsten war natürlich die Besetzung der beiden grundsätzlich verschiedenen Hauptfiguren Stefan und Kai, von denen das Funktionieren des kompletten Films abhing.

Einer der jungen Schauspieler, die sich zum Casting einfanden, war Lucas Gregorowicz, der bislang nur auf der Bühne des Bochumer Schauspielhauses aufgefallen war. Er erinnert sich: "Ich bin da mit Alexander Scheer aus Sonnenallee hingefahren. Wir wussten gar nicht so recht, um was es sich da handelte, abgsehen davon, dass es ein Kinofilm ist. Ich hatte das Drehbuch davor nicht gelesen, unsere Texte bekamen wir erst beim Termin. Ich habe vorgesprochen und wir sind wieder heimgefahren."

Auch Christian Zübert hat den Vorsprechtermin noch bestens in Erinnerung: "Ich habe ein Band von Lucas gesehen. Ich mochte ihn sofort. Er hatte ein ganz schräges, selbst gemachtes Demoreel geschickt, weil er ja noch über keinerlei Filmerfahrung verfügte. Er stand einfach nur so rum und erzählte einigermaßen lustlos über sich. Das war ziemlich lässig." Beim Casting sprach Gregorowicz allerdings nicht für die Rolle des Stefan, sondern als Kai vor - und hinterließ keinen allzu bleibenden Eindruck beim Regisseur: "Beim Casting spielte er den Kai, und in der Rolle hat er mir überhaupt nicht gefallen. Danach haben wir uns aber noch unterhalten, weil ich ihn mochte."

Die Angst vor Bekannten Namen Moritz Bleibtreu stellt die Produktion vor Probleme Aber auch die anderen Kandidaten für die Rolle waren nicht so, wie Zübert es sich vorgestellt hatte. Rettung nahte aus ungeahnter Richtung: Moritz Bleibtreu hatte das Projekt bereits seit längerer Zeit verfolgt. Tatsächlich war ihm das Drehbuch ein, zwei Jahre früher bereits in einer frühen Fassung angetragen worden: "Das war ein ganz verrücktes, aber noch nicht richtig ausgegorenes Teil. Ich fand's interessant, aber damals gab es noch keinen Regisseur, und auch Sönke Wortmann war noch nicht an Bord. Ich wollte den Film nicht machen, wenn er nur durch meine Teilnahme zustande gekommen wäre. Das hätte ich schade gefunden."

Ein Jahr später fiel Moritz Bleibtreu eine neue Fassung des Drehbuchs in die Hände - und gleichzeitig die Information, dass Sönke Wortmann das Projekt als Produzent betreut. "So, habe ich mir gedacht, jetzt habe ich noch so einen Verrückten gefunden, der das auch machen will", erinnert sich der Schauspieler. "Jetzt bin ich nicht mehr allein, jetzt mache ich mit. Dazu kommt, dass Christian Zübert ein genialer, wunderbarer Typ ist, der sehr lustig ist und mit dem ich mich gleich beim ersten Treffen super verstanden habe."

Die Produktion reagierte zunächst irritiert, wie Sönke Wortmann berichtet: "Ein bekannter Name wie Moritz Bleibtreu kann die Balance durcheinander bringen: Wenn ein Star mit dabei ist, richtet sich alle Aufmerksamkeit schnell auf ihn. Und das konnten wir bei Lammbock - Alles in Handarbeit überhaupt nicht haben."

Gerade diese Befürchtung war es jedoch, die Bleibtreu besonders anspornte: "Für mich war es eine völlig neue Erfahrung, dass man sagt: Du, Moritz, ich mußs mir überlegen, ob man dich besetzen kann, du bist zu berühmt. Da habe ich gesagt: Entschuldigung, wo kommen wir denn da hin? Wenn ich so etwas höre, dann will ich das erst recht machen. Das kann doch nicht angehen, dass so etwas ein Kriterium wird. Deshalb bin ich sehr froh, dass ich es gemacht habe."

Derart angespornt bewegte Bleibtreu Christian Zübert zu einem Treffen. Der erzählt: "Interessanterweise hatte Moritz die gleichen Befürchtungen wie wir: Er wollte gar nicht der Star der Produktion sein. Hilfreich war wahrscheinlich, dass ich ihm nie hinterher gerannt bin, um ihn zur Mitwirkung zu überreden. Er hat von sich aus gesagt, dass er es gut findet und Lust hätte mitzumachen." Und Bleibtreu sagt: "Natürlich wollte ich nicht, dass da irgendwie Wirbel um meine Person gemacht wird. Lammbock - Alles in Handarbeit ist ein ganz eigener Film im Stil von "Clerks" oder "Smoke" - Filme, bei denen sich die Macher hingesetzt und gesagt haben: Ich erzähle diese Geschichte, weil ich sie geil finde. Wenn man so einen Film macht, will man nicht, dass da ein künstlicher Druck oder Hype entsteht. Das verträgt solch ein Projekt nicht. Lammbock - Alles in Handarbeit ist ein süffiger Film, und ich wollte nie was anderes tun, als einfach mitzuspielen."

Auch Zübert hatte der Begeisterung des Schauspielers wenig entgegen zu setzen: "Ich habe nur kurz abgewiegelt und Zweifel angemeldet, weil wir uns so gut verstanden haben. Wir haben vielleicht fünf Minuten über den Film geredet und dann drei Stunden über Sport. Und beim Casting fiel dann die endgültige Entscheidung, weil er so unglaublich viel besser war als die anderen, die ich für die Rolle des Kai im Auge hatte. Es wäre blöd von mir gewesen, ihn nicht zu nehmen, weil er so bekannt ist. Die Entscheidung war richtig: Ich kann mir nach wie vor keinen besseren für die Rolle vorstellen."

Moritz Bleibtreu sagt über seine Rolle: "Kai ist ein unheimlich lustiger Vogel. Ich habe schon beim Lesen des Drehbuchs wahnsinnig Spaß gehabt. Wer traut sich denn heutzutage, solche Drehbücher zu schreiben? Bei deutschen Drehbüchern erlebt man oft die Sensation, dass man ganz verrückte Figuren hat, die dann in ganz biedere Situationen gesteckt werden. Geklärt wird aber nie, warum die so verrückt sind. Soll wohl hip sein oder jung oder sonstwas, aber man kann es nicht nachvollziehen. Und die Situationen sind dann so langweilig, dass ich nach sechs Seiten einschlafe. Lammbock - Alles in Handarbeit dagegen macht genau das, was Kino machen mußs. Christian Zübert hat sich Situationen ausgedacht, die so verrückt sind, dass man dranbleibt. Die beiden Jungs sind ganz normal, haben bestenfalls ein paar kleine Macken, die man aber nachvollziehen kann. Und sie geraten in diese verrückten Kinosituationen, die ich sehr spannend finde. Oberflächlich gesehen geht es um zwei Jungs, die erwachsen werden und viel Gras rauchen. Und daraus entwickelt sich ein Paradebeispiel für Situationskomik. dass es nebenher um noch viel mehr Dinge geht, mußs jeder mit sich selbst ausmachen. Da mußs man niemanden draufstupsen."

Ein angenehmer Nebeneffekt für Moritz Bleibtreu war, dass Lammbock - Alles in Handarbeit ihm unmittelbar nach der körperlich und psychisch anstrengenden Rolle in Das Experiment - Black Box die Gelegenheit gab, in einem witzigen Film auszuspannen: "Ich würde sagen, es hat sich sehr angenehm ergeben.

Natürlich ist es gut, wenn auf so eine Power-Geschichte etwas ganz anderes, etwas spaßigeres folgt. Es ist interessant, dass sich das Team beider Filme stark überschneidet, etwa 50 Prozent, würde ich sagen. Mit Wotan Wilke Möhring und Antoine Monot Jr. stand ich ja auch bereits in Das Experiment - Black Box vor der Kamera." Gleichzeitig räumt er jedoch auch ein: "Ich liebe meinen Beruf aufgrund seiner spielerischen Komponente. Weil es für mich nicht Therapie sondern Spiel ist, fällt es mir auch leicht, mich von anstrengenden Rollen zu lösen. Wenn überhaupt, dann bin ich traurig, wenn ein Dreh vorbei ist, weil ich eine gute Zeit hatte und die kreative Zusammenarbeit mit Leuten, die ich mag, vorüber ist. Aber es ist nie so, dass eine Rolle an mir nagt und ich nicht mehr weiß, wie ich die abschütteln soll. Wenn ein Film vorbei ist, dann ist er vorbei. Und ich bin auch nach Drehschluss immer wieder Moritz - und Züge der Rollen stecken sowieso teilweise in mir. Im Fall von Das Experiment - Black Box und Lammbock - Alles in Handarbeit war es nur deshalb hart, weil die Drehs der Filme nur drei Wochen auseinander lagen. Und Filmen ist eine anstrengende Sache, nach der ich mich gerne ein bisschen erhole."

Doppelpass zwischen Moritz Bleibtreu und Gregorowicz Der unerwartete Einstieg von Moritz Bleibtreu brachte ironischerweise Lucas Gregorowicz wieder ins Spiel, der von Zübert zum erneuten Castingtermin eingeladen wurde. Diesmal spielte er jedoch den Stefan. "Das hat sofort hingehauen, weil sich die beiden supergut ergänzen", berichtet Wortmann. "Moritz hat wahnsinnig viel Energie, während es Lucas' große Qualität ist, sich hinzusetzen und zu sehen, was passiert. Er reagiert sehr gut. Und aus dieser Spannung heraus ergab sich ein fabelhaftes Duo."

Für Gregorowicz kam das Angebot, den Stefan zu spielen, völlig unerwartet. Seine Zusage entwickelte sich zur Gewissensentscheidung: "Ich hatte für den Zeitraum des Drehs eigentlich bereits bei einem Theater in Österreich fest zugesagt. Ein Okay für den Film hätte eine sichere Konventionalstrafe nach sich gezogen, und ich wusste nicht, ob ich das riskieren sollte. Ich saß also zwischen den Stühlen, habe sogar bei meinen Verwandten um Rat gefragt. Dann stieß ich im Drehbuch auf die Stelle, in der sich Stefan und Kai über Bon Scott, den verstorbenen Sänger von AC/DC, unterhielten. Ich spiele selbst in einer AC/DC-Coverband, die nur Lieder aus der Scott-Ära nachspielt. Und dieser Wink des Schicksals gab den Ausschlag."

Christian Zübert ist ausgesprochen froh darüber, dass er Gregorowicz gewinnen konnte. Denn die Rolle Stefans ist, wie er zugibt, ein komplizierter Balanceakt: "Stefan hätte sehr leicht eine unsympathische Figur werden können. Menschen, die pausenlos über ihr Leben meckern und nichts ändern, können einem auch tierisch auf den Nerv gehen. Bei Lucas hat das aber angenehm hilflose Züge, dass man stets auf seiner Seite bleibt. Ich hatte Angst, man könne Stefan womöglich nicht gerne zugucken. Lucas hat das aber klasse hingekriegt."

Es fügte sich bestens, dass beide Schauspieler die Lebensverhältnisse von Kai und Stefan bestens kannten. Christian Zübert sagt: "Die Figuren standen allen unheimlich nahe. Lucas und Moritz sind in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen wie ich und kannten das, wovon ich erzähle."

Für Gregorowicz war es eine zunächst etwas einschüchternde Erfahrung, bei seinem ersten Filmauftritt gleich neben Moritz Bleibtreu spielen zu dürfen: "Natürlich war ich nervös. Du hast ja keine Ahnung, was auf Dich zukommt. Aber Moritz war super entspannt, total angenehm. Wenn man neben ihm spielt, wird man selbst sofort locker. Er gehörte sofort zum Team und war selbst froh über die angenehme Atmosphäre am Set."

Moritz Bleibtreu genoss die Zusammenarbeit mit dem Kollegen nicht minder: "Für mich spielt es keine Rolle, ob ein Schauspieler schon 200 Filme auf dem Buckel hat oder zum ersten Mal vor der Kamera steht. Ich habe mich mit Lucas von Anfang an bestens verstanden, und ich glaube, das sieht man dem Film auch an. Wir haben unheimlich unterschiedliche Temperamente. Das macht das Ganze so lustig. Lucas ist ein wahnsinnig begabter, sehr lieber Kollege. Er hat eine unglaubliche Energie, und er hat das Talent, richtig zuzuhören und auf das Gehörte auch ernsthaft zu antworten. Das ist selten, weil Schauspieler am liebsten ganz viel spielen und stets das Bedürfnis haben zu zeigen, was sie drauf haben. Lammbock - Alles in Handarbeit funktioniert ja auch deshalb, weil er so natürlich ist und überhaupt nicht gespielt wirkt. Es ist, als würde man neben den Figuren auf der Couch sitzen und ihnen zuhören."

Und Christian Zübert betont: "Wir hatten wahnsinnig großes Glück mit den Schauspielern. Es gab keine Eitelkeiten am Set und überhaupt keinen Stress. Die Mischung aus Newcomern und erfahrenen Darstellern wie Moritz Bleibtreu war einfach perfekt. Ohne das überstrapazierte Wort Familiengefühl beschwören zu wollen, würde ich sagen, dass alle unheimlich Lust auf den Film hatten."

Elmar Wepper und die Roten: Bayerische Markenzeichen in Lammbock - Alles in Handarbeit Zwei ganz spezifisch bayerische Spezialitäten finden sich in der Würzburger Welt von Lammbock - Alles in Handarbeit - eine war ungeplant, aber willkommen, die andere eine Herzensangelegenheit.

Als es an die Besetzung von Stefans Vater ging, schwebte Christian Zübert ein Routinier vor, der Autorität und Warmherzigkeit auf sich vereint. Allerdings hatte der Autor zunächst keine genaue Vorstellung, wer für die Rolle in Frage käme. Er meint: "Meine Regie-Assistentin machte mich beim Durchblättern von Casting-Katalogen auf ihn aufmerksam. Und da sagte ich sofort: Elmar Wepper, ja klar! Die Kultserie "Irgendwie & sowieso" war ein prägendes Ereignis für mich, und "Polizeiinspektion 1" war für mich als Bayer ebenfalls Pflicht."

Die Begeisterung für Wepper geht noch weiter: "Ich habe ihn mir sogar in all den Sachen mit Uschi Glas angesehen. Für mich ist Elmar Wepper ein alter Held. dass er mitgemacht hat, hat mich sehr gefreut. Es gibt ganz wenige Schauspieler in seiner Altersklasse, so um die 50, die einerseits Autorität haben und gleichzeitig noch so viel Wärme und Sympathie ausstrahlen. Ich wollte nicht so einen typischen preußischen Autoritätsknochen. Stefans Haltung zu seinem Vater sollte nicht aus Angst vor ihm resultieren, sondern aus Respekt. Er mag ihn und will ihn deshalb nicht enttäuschen."

Züberts Instinkt wurde nicht enttäuscht, denn Wepper entpuppte sich als Idealbesetzung: "Er ist ein guter Schauspieler. Er ist wahnsinnig präzise, dabei bleibt er aber immer noch sehr lässig und wirkt nie verkrampft. Vielleicht ist er zu unprätentiös und nimmt sich selbst nicht zu ernst. Vielleicht wird er deshalb auch bei Kinoleuten nicht so ernst genommen, wie er das verdienen würde."

Das zweite spezifische bayerische Element fand sich bereits in der ersten Fassung des Drehbuchs: Stefan und Kai sind begeisterte Fans des FC Bayern München und insbesondere von Mehmet Scholl, für sie der Inbegriff des Coolen: "Die meisten Bayern-Fans findet man in der bayerischen Provinz: Alle meine Kumpels und meine Familie sind beispielsweise Bayern-Fans. Ich natürlich auch. Vor dem Dreh wies mich der Ausstatter daraufhin, dass es doch völlig uncool sei, wenn Kai und Stefan Bayern-Fans wären. Sie sollten doch viel besser zu Schalke halten. Aber haargenau darum geht es in meinem Film: Es geht nicht darum, das offensichtlich Coole zu tun, sondern eher das vermeintlich Uncoole. Es bedarf viel mehr Selbstsicherheit, sich hinzustellen und zu sagen, man wäre Bayern-Fan. Man kommt natürlich charmanter rüber, wenn man Löwen- oder Schalke-Fan ist. Alles eine Frage der Attitüde."

Die Dreharbeiten fanden vom 15. August bis zum 26. September statt. Die Außenaufnahmen wurden vor Ort in Würzburg abgewickelt. Die Innendrehs fanden in Köln statt.

Stellt sich nur die Frage, was aus Stefan und Kai wird. Christian Zübert hat eine Theorie: "Stefan wird sein Ding durchziehen und wir geplant auswandern. Vielleicht wird ihm die Sache mit der Strandbar nicht gelingen. Aber er bleibt trotzdem auf dem Weg, den er endlich eingeschlagen hat und zieht sein Ding durch. Kai wird noch ein paar Jahre wie bisher weitermachen und bleibt in Würzburg. Er mußs zusehen, wie all seine Freunde weggehen und sich entwickeln. Nur er bleibt als König in seiner kleinen Welt und wird vielleicht ziemlich unglücklich."

Dirk Jasper FilmLexikon
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