Produktionsnotizen zu Haus Bellomont
Von Sehnsucht, Leidenschaft und emotionaler Unerbittlichkeit Beide haben sich mit der Unbarmherzigkeit gesellschaftlicher Normen und der Stellung der Frau in einer von Männern kontrollierten Umgebung auseinandergesetzt: die britische Schriftstellerin Jane Austen (1775 - 1817) und die amerikanische Autorin Edith Wharton (1862 - 1937). Wenn Regisseur Terence Davies die beiden vergleicht, kommt er zu dem Schluss: "Bei Edith Wharton sind die Handschuhe ausgezogen und Blut an den Wänden". Tatsächlich war es der universelle und moderne Appeal, der Davies und seine langjährige Mitstreiterin, die Produzentin Olivia Stewart, an Whartons Roman "Das Haus der Freude" (im dt. Kino als Haus Bellomont) faszinierte.


"It's the obsession with money and with looking beautiful. That's what drew me to The House of Mirth, because it's a savage satire on that. Nothing's changed: we are exactly the same now. The narcissism and the venality - that combination seems to me so awful, because it has no humanity. Do we really need to, on the cover of a magazine, Robbie Williams with no clothes on?"
(Davies im Daily Telegraph Interview)

"Eine universelle Geschichte kann von jeder Zeit aus verstanden werden," sagt Olivia Stewart. "Es gibt bei Haus Bellomont viele Parallelen zur modernen Gesellschaft und heutigen Gruppierungen. Nehmen wir beispielsweise die Besetzungswelt von Hollywood, einem Außenseiter erschließen sich die geheimen Regeln nicht, nach denen bestimmte Schauspieler angesagt oder out sind."

Terence Davies hatte vom ersten Moment an, als er den Roman vor 15 Jahren zum ersten Mal gelesen hatte, von einer Verfilmung geträumt. Dabei war ein strukturelles Moment für ihn von großer Bedeutung, weil ihm der Stoff die Möglichkeit gab, eine starke, lineare Erzählform zu bearbeiten. Schließlich waren seine Filme bis dahin eher assoziativen Gestaltungsprinzipien gefolgt. Stewart: "Terrys Filme handelten von Erinnerungen und der Natur von Erinnerungen, die willkürlich kommen und gehen."

Wer war Edith Wharton? "Wharton, Edith (Newbold), geb. Jones, *New York, 24. Jan. 1862, + Saint-Brice-sous-Forêt (bei Paris) 11. August 1937, amerikanische Schriftstellerin. Aus alter angesehener Familie, wurde in Europa privat erzogen; lebte ab 1907 in Europa, vorwiegend in Frankreich. Schilderte als hervorragende Schülerin von Henry James realistisch-ironisch, in präziser, nuancierender Sprache den Gegensatz zwischen Alter und Neuer Welt, den Niedergang der alten, wohlhabenden Kreise sowie den Konflikt zwischen gesellschaftl. Konventionen, individuellen Begierden und moral. Verhalten. Ihre bedeutendsten Werke sind Haus Bellomont (R. 1905), die, für Wharton untypisch, im ländl. Milieu verarmter Leute in Neuengland spielende leidenschaftliche Liebesgeschichte (R., 1911, dt. 1948) sowie das tragische Geschehen aus der New Yorker Gesellschaft (R., 1920, dt. 1939, 1951 u.d.T. ; Pulitzerpreis 1921). Verfasste zahlreiche Erzählungen, bed. Kurzgeschichten (, 1916), zwei Gedichtbände (, 1909; , 1926), Schilderungen ihrer Reisen in Italien, Frankreich, Marokko sowie ihrer Hilfsaktionen während des Krieges in Frankreich, Literaturkritik (, 1925) und die Autobiografie (1934)."
(aus: Der Literatur Brockhaus)

Edith Wharton zu adaptieren, war für Davies ein großes Vergnügen. Die Autorin, die u.a. "Zeit der Unschuld" geschrieben hat und "Ethan Frome", hat, so Davies "eine ganz bestimmte Stimme. Diese Stimme bestimmt, dass man sich dem Material eher auf einem ästhetischen als auf einem erzählerischen Niveau nähert. Es gibt eine gewisse Dichte, eine sehr spezielle Aura um Wharton, es ist einfach von höchster Wichtigkeit den richtigen Ton zu finden." Davies wendete große Sorgfalt auf, um der Stimme der Autorin zu entsprechen, besonders, wenn es darum ging, Dialoge, die im Roman nicht vorkommen, zu schreiben. Er widerstand der Versuchung, Whartons Sprache zu modernisieren. Eine Haltung, die Produzentin Stewart verstand: "Oft verdunkelt die Modernisierung die Bedeutung anstatt sie einem modernen Publikum klarer zu machen."

"Natürlich fällt einem als erstes Lilys Schönheit ins Auge. Sie ist charmant, dekorativ ihre Komplexität liegt darin, dass sie Elemente von Käuflichkeit in ihrer Persönlichkeit trägt, die, obwohl per se nicht attraktiv, ihre Attraktivität dennoch erhöhen."
Terence Davies

Stewart, die auch Davies' drei vorherige Filmen produziert hat, teilte sich die Aufgabe, das Geld für die Produktion zusammen zu bekommen, mit dem ausführenden Produzenten Bob Last. Das Geld kam von Film Four, the Arts Council of England, the Scottish Arts Council, the Glasgow Film Fund und Granada Films mit Vorverkäufen in Frankreich, Belgien und Deutschland.

Schon für die Finanzierung war die Besetzung für die charakterlich komplexe Rolle von Lily Bart von großer Bedeutung. Davies kommentiert: "Natürlich fällt einem als erstes Lily Schönheit ins Auge. Sie ist charmant, dekorativ ihre Komplexität liegt darin, dass sie Elemente von Käuflichkeit in ihrer Persönlichkeit trägt, die, obwohl per se nicht attraktiv, ihre Attraktivität dennoch erhöhen. Aber sie ist moralisch. Anfangs ist diese Einstellung noch vage, aber die Moral wird immer stärker." Davies kannte die "Akte X"-Serie nicht, aber als er ein Bild von Gillian Anderson sah, fühlte er sich an die Schönheit der Bilder des großen amerikanischen Porträtmalers der Belle Epoque, John Singer Sargent, erinnert.

Gillian Anderson verbrachte gerade ein Paar Urlaubstage in London, als ihr Agent sie telefonisch aufstöberte und ihr ein Treffen mit Davies vorschlug. Zufällig war Anderson nicht nur ein Fan der Davies-Filme, sondern kannte auch Edith Whartons Roman. Sie las das Drehbuch, verliebte sich in den Stoff und der Rest ist, wie Davies sagt, "Geschichte".

Gillian Anderson war begeistert von Davies' Adaption: "Die Schönheit von Whartons Stil liegt in der Subtilität, so viele Themen sind impliziert und brodeln unter der Oberfläche und genau das behält das Drehbuch von Terence bei. Ich tauchte total in den Roman und das Drehbuch ab und erwarb so ein tiefes Verständnis für das Material."

Nachdem mit Anderson die perfekte Lily gefunden war, mußsten die weiteren Rollen besetzt werden. Die nächste wichtige Position war natürlich Lawrence Selden, Lilys erfolgloser Liebhaber. Man entschied sich schnell für Eric Stoltz (Pulp Fiction, Rob Roy). Davies begründet: "Eric verfügt über eine wunderbare, lässige, physische Eleganz und er verstand sofort den Subtext der Dialoge." Die Besetzung wurde durch Dan Aykroyd (Driving Miss Daisy), Laura Linney (Die Truman Show), Anthony LaPaglia (Son of Sam), Elizabeth McCovern (Es war einmal in Amerika), Terry Kinney (Sleepers - Die Lautlosen), Eleanor Bron (A Little Princess) und Jodhi May (Zwei Welten, Der letzte Mohikaner) komplettiert.

"Terrys Filme haben eine Unmittelbarkeit, die vom Grad der Intimität und emotionaler Betonung der Musik eines Kammerorchesters entspricht, und nicht einem gigantischen Orchester in einer großen Konzerthalle".
Produzentin Olivia Stewart

Die Dreharbeiten fanden im Juni und Juli 1999 statt und dauerten neun Wochen. Für die Crew wurden bekannte Künstler wie der Kameramann Remi Adefarasin (Elizabeth), Emmy-Preisträger und Ausstatter Don Taylor (Jane Austen, Little Voice), Kostümbildnerin Monica Howe (die bisher bei jedem Film von Davies dabei war) und Cutter Michael Paker (East is East) gewonnen.

Die Filmemacher hatten eine Anzahl von Drehorten im Kopf, die das New York der Jahrhundertwende auf der Leinwand wiederbeleben sollten: aber amerikanische Städte wie Albany, Philadelphia oder Baltimore fielen weg, als das schottische Glasgow mit seiner grandiosen viktorianischen Architektur dem monumentalen Look der Zeit am nächsten, ins Spiel kam. Gebäude wie die Glasgow City Chambers, ein Meisterwerk des renommierten Baumeisters William Young, das Kelvingrove Museum, das Theatre Royal und eine große Anzahl beeindruckender Wohnhäuser verwandelten sich für die Drehzeit in architektonische Symbole New Yorker Reichtums. Das Team durfte einmalige Drehorte wie das Gosford House, der Wohnsitz des Earl of Wemyss & March (dessen außergewöhnliches Mamorverstibül ebenfalls von William Young entworfen wurde) und Manderston House einsetzen, um die reichen und üppig ausgestatteten Landhäuser auf die Leinwand zu bringen, die der Roman beschreibt.

Großes Augenmerk legten Davies und Stewart auf die Werktreue, wobei sie jedoch die klassischen Fallen von Kostümdramen - Ausstattungsorgien, die die Aussage ersticken - vermieden. "Es liegt eine große Gefahr der Ablenkung in all den Kostümen, Korsetts, Pferden und Kutschen, die sehr leicht Regisseure und Schauspieler hinter sich verschwinden lassen. Terrys Filme haben jedoch eine Unmittelbarkeit, die vom Grad der Intimität und emotionaler Betonung der Musik eines Kammerorchesters, und nicht einem gigantischen Orchester in einer großen Konzerthalle, entspricht. Die Auflösung, für die er sich entscheidet, wie er Menschen filmt, wie sich die Kamera bewegt - das sind die entscheidenden Mittel, den Zuschauer ins Geschehen zu ziehen und die Figuren transparent zu machen."

"Die Geschichte von Haus Bellomont ist von beklemmender Aktualität, eine bittere Satire. Es geht ausschließlich darum, wie man aussieht, wie viel Geld man hat und es geht um Käuflichkeit - wie könnte man unsere heutige Gesellschaft treffender beschreiben?"
Terence Davies

Davies konkretisiert: "Wir leben in einer Welt voller Oberflächlichkeiten und Edith Whartons Welt war genau so. Die glitzernde Fassade der New Yorker Gesellschaft um die Jahrhundertwende verbirgt unter einem nur sehr dünnen Schleier eine erbarmungslose Welt von unzivilisiertem Humor und großer Grausamkeit. Lily ist eine ahnungslose, beinahe Hitchcock'sche Heldin, die so sehr Teil einer Gesellschaft voller Heuchelei und Verrat ist, dass sie die Gefahr dieser Gesellschaft erst erkennt, als es zu spät ist. Die Geschichte von Haus Bellomont ist von beklemmender Aktualität, eine bittere Satire. Es geht ausschließlich darum, wie man aussieht, wie viel Geld man hat und es geht um Käuflichkeit - wie könnte man unsere heutige Gesellschaft treffender beschreiben? Am Ende des vorherigen Jahrhunderts sah es einfach nur anders aus. Aber nichts hat sich geändert. In dieser zeitlosen Wahrheit liegt die Kraft der Geschichte."

Die Handlung spielt im Jahr 1905. Davies bemerkt, dass "die amerikanische Gesellschaft der Jahrhundertwende die britische Gesellschaft nachäfft. So sehr, bis sie geradezu eingefroren war in einem strengen Kanon von Hunderten von rigide kontrollierten Regeln. Daraus entwickelten sich Codices, die ebenso streng wie heuchlerisch waren. Wir können eine große Förmlichkeit im Umgang beobachten, unter deren Oberfläche jede Menge unterdrückte Emotionen brodeln. Daran abzulesen, was Menschen sagen und nicht sagen, was sie meinen und was sie nicht meinen."

Stewart fügt hinzu: "Das Schicksal von Lily, ihr Ausschluss aus einer Welt, die sie vordem hofiert hat, löste in Terry starke Gefühle aus: diese Leidenschaft befeuerte eine emotionale Unerbittlichkeit, die wiederum die Kostüme und Settings im Zeitkolorit transzendierte."

"Uns verband die Sehnsucht, so genau wie nur irgend möglich zu sein." Gillian Anderson über Terence Davies "Lily versteht das Kräftespiel der Gesellschaft nicht", sagt Davies. "Das ist ein Teil ihrer Tragödie. Sie glaubt, sie habe Macht, weil sie schön und charmant ist. Das ist sehr gefährlich - ungefähr so, als glaubten Schauspieler ihre Publicity. Gillian bringt eine große Subtilität in die Rolle ein. Sie kann mit ihrem Gesicht und ihren Augen, mit einer sparsamen Mimik, ungeheuer viel ausdrücken."

Produzentin Stewart teilt Davies' Bewunderung für seine Hauptdarstellerin und ihre Art, ihre Rolle zu interpretieren: "Sie ist nicht nur außergewöhnlich schön, sondern spielt mit einer ihrer Schönheit entsprechenden Intensität, so dass Lily nicht von Anfang an als Opfer erscheint."

Zwischen Regisseur und Hauptdarstellerin herrscht gegenseitiger Respekt. "Er weiß ganz genau, wie er etwas will. Er weiß exakt, wie ein Augenblick aussehen soll," sagt Gilian Anderson. "Dennoch lässt er es zu, dass die Interpretation des Schauspielers in seiner Inszenierung durch schimmert, es gibt also immer noch Raum für Spontaneität. Er liebt es, überrascht zu werden, etwas zu sehen, das er nur in seiner Vorstellung für möglich gehalten hatte. Uns verband die Sehnsucht, so genau wie nur irgend möglich zu sein."

Dirk Jasper FilmLexikon
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