Produktionsnotizen zu Harry Potter und der Stein der Weisen

Von den Romanseiten auf die Leinwand

Über 100 Millionen Bücher mit den Abenteuern des beliebtesten Zauberers der Welt, Harry Potter, sind bereits über den Ladentisch gegangen, sie sind in 46 Sprachen übersetzt worden - ein weltweites Phänomen, das die Fantasie der Leser aller Altersgruppen anrührt und begeistert. Das Buch war kaum erschienen, da war David Heyman, der frühere britische Hollywood-Studiomanager und heutige Produzent so bekannter Independent-Filme wie "Juice" und "The Daytrippers", bereits von der Geschichte hingerissen.



+++ Werbung +++


1996 kehrte Heyman aus den USA nach London zurück, um seine eigene Produktionsfirma Heyday Films zu gründen - er wollte internationale Filme für Europa und die Vereinigten Staaten produzieren. "Ich habe einen Bruder und eine Schwester, die damals zehn und vierzehn Jahre alt waren, deshalb lag mir viel daran, einen Kinderfilm zu drehen, der mir genau so viel Spaß machen würde wie ihnen", erinnert sich Heyman. "Natürlich wussten meine Heyday-Mitarbeiter von meinem Wunsch, und da las die Leiterin der Entwicklungsabteilung, Tanya Seghatchian, einen Artikel über das neue Kinderbuch einer damals unbekannten Autorin. Der Agent schickte ihr ein Exemplar, und meine Assistentin Nisha las es am Wochenende. Nisha berichtete, dieses seltsame Buch handele von einem Jungen, der eine Zauberschule besucht. Ich hielt das für eine wunderbare Idee und las das Buch noch am selben Abend. Das Buch war noch außergewöhnlicher und umfassender als die tolle Grundidee, die mir so gut gefallen hatte. Mir war sofort klar, dass ich hier auf etwas ganz Besonderes gestoßen war, und schon am nächsten Morgen bemühte ich mich um die Filmrechte."

Bei seinem entscheidenden ersten Treffen mit der Autorin J.K. Rowling Anfang 1997 erklärte Heyman, was er vorhatte. "Ich versprach ihr, ganz nah an ihrer Geschichte zu bleiben", sagt Heyman. "Das war und ist mein größtes Anliegen bei der Entwicklung dieses Projekts." Es war jedoch gar nicht so einfach, einen Regisseur zu finden, der die Werktreue ebenso leidenschaftlich wie Rowling und Heyman in den Vordergrund stellen wollte. Nur wenige Regisseure kamen für diese komplizierte, aber natürlich auch prestigeträchtige Aufgabe in Frage. Chris Columbus hat sich mit Riesenhits wie "Kevin - Allein zu Haus" und "Mrs. Doubtfire - Das stachelige Kindermädchen" einen Namen gemacht - er bekam schließlich den Zuschlag.

"Meine Tochter Eleanor las das Buch gerade und bestand darauf, dass ich es mir auch vornahm", erinnert sich Columbus. "Ich fing also an zu lesen, beendete es noch am selben Tag und dachte dann pausenlos darüber nach, wie man daraus einen Film machen könnte. Zu dem Zeitpunkt hatte allerdings bereits ein anderer Regisseur diese Aufgabe übernommen. Doch ein paar Monate später rief mich mein Agent an und berichtete, dass die Produktion einen neuen Regisseur suchte. Es gab nur ein Problem: Inzwischen waren etliche weitere Regisseure an dem Projekt interessiert. Warner Bros. und Produzent David Heyman mußsten nun erst umständliche Gespräche mit den Kandidaten führen. Das hat mich jedoch überhaupt nicht eingeschüchtert. Ich wusste genau, dass ich meine Begeisterung, meine Obsession für den Stoff bestens artikulieren konnte. Wenn ich nur ganz deutlich formulieren würde, wie ich den Film machen wollte, mußsten David und das Studio einfach begreifen, dass ich der Richtige war."

Der nächste Schritt bestand in einem Treffen mit der Autorin J.K. Rowling. "Anfangs war ich natürlich nervös, weil ich von ihren Büchern so begeistert bin", sagt Columbus. "Aber mit Jo habe ich mich auf Anhieb sehr gut verstanden. Ich habe ihr klar gemacht, dass ich ihr Buch intakt auf die Leinwand bringen würde. Außerdem merkte ich, dass Jo von meinem Vorschlag sehr angetan war, sie kreativ in den Arbeitsprozess mit einzubinden. Als Mitarbeiterin war sie unbezahlbar - sie hat mit ihrer Fantasie traumhafte Ideen beigesteuert."

"Zahlreiche Regisseure bemühten sich aktiv darum, "Harry Potter" zu inszenieren", sagt Heyman. "Aber bald stellte sich heraus, dass Chris die Bücher am besten kennt und seine Sache am leidenschaftlichsten vertrat - und er wollte Jos [Rowlings] Vision unbeschadet erhalten." Ebenso wie dem Produzenten Heyman und Warner Bros. lag Columbus nichts daran, Rowlings so sorgfältig erschaffene Welt in irgendeiner Form zu verwässern. "Mir kamen fürchterliche und eigentlich sehr komische Geschichten zu Ohren, wie gewisse Regisseure sich ihre Filmfassung des Romans vorstellten - zum Beispiel sollte der Schauplatz an die Hollywood High School verlegt werden, aus Harry, Ron und Hermine sollten amerikanische Schüler werden, oder der gesamte Film sollte im Computer animiert werden. Mich haben solche Ideen völlig verblüfft. Denn für mich lag die Sache so offensichtlich auf der Hand: Millionen von Kindern und Erwachsenen begeistern sich doch nicht umsonst für die ,Harry Potter'-Bücher. Wenn man also dieses Fundament, diese Figuren leichtfertig aufs Spiel setzt, dann macht das Publikum ganz sicher nicht mit. Ich bestand von vornherein darauf, den Film in England zu drehen, und zwar mit ausschließlich britischen Darstellern."

"Wir haben nie vorgehabt, den Film in Amerika zu drehen", berichtet Heyman. "Trotz der sehr britischen Art des Buches und seiner genau umrissenen Schauplätze handelt es sich aber im Grunde um eine zeitlose, universelle Geschichte."

Sobald Columbus als Regisseur feststand und alle sich einig waren, dass man in England drehen würde, galt es das wohl schwierigste Problem zu lösen: Welcher Junge sollte Harry Potter spielen?

Die Suche nach Harry Potter

Im März 2000 steckten Chris Columbus und David Heyman bereits bis über beide Ohren in den Vorbereitungen. Die Suche nach dem Jungen, der den beliebten Zauberer verkörpern könnte, hatte bisher keine überzeugenden Ergebnisse gebracht. Schon seit 1999 testeten Heyman und die "Potter"-Besetzungschefs erwartungsvolle junge Darsteller. Tausende wurden per Anzeige zu offenen Vorsprechterminen eingeladen, aber DER Harry war nicht dabei.

"Es war nicht einfach, einen Jungen zu finden, der Harry Potter in jeder Hinsicht entsprach", erklärt Heyman. "Wir suchten jemand, der einerseits Neugier und Erstaunen ausdrücken kann, aber auch schon über Lebenserfahrung verfügt, schwere Zeiten durchgemacht hat - eine reife Seele im Körper eines Kindes. Er mußs seiner Umgebung offen und bereitwillig gegenüber treten und gutes Einfühlungsvermögen beweisen. Harry ist kein besonders guter Schüler, er hat durchaus seine Fehler. Aber gerade das macht ihn ja so menschlich, so überzeugend - er ist eben kein Superman, sondern ein Jedermann, in dem aber ein großes Potenzial steckt. Ihm glauben wir gern, dass der Zauber Wirklichkeit werden kann."

Auch Columbus war in diese scheinbar endlose Aufgabe eingebunden. "Wir haben Hunderte von Harry-Potter-Kandidaten getestet, aber ich war dennoch nicht zufrieden", erinnert er sich. "Die erste Besetzungschefin war total frustriert, raufte sich die Haare und sagte: "Also, ich weiß wirklich nicht, was ihr wollt!" Auf dem Regal im Büro stand eine Videocassette mit ,David Copperfield', in dem Daniel Radcliffe die Hauptrolle spielt. Ich nahm die Cassette, zeigte auf Dans Gesicht und sagte: ,Den will ich! Das ist Harry Potter!' Die Besetzungschefin antwortete: ,Ich hab's dir doch schon gesagt: Er steht nicht zur Verfügung - seine Eltern wollen nicht, dass er in diesem Film mitmacht."

Also wurde weiter gesucht. Seltsamerweise beschlossen Heyman und sein "Harry Potter"-Drehbuchautor Steven Kloves ein paar Monate später, sich bei einem Theaterbesuch zu entspannen. "Dort liefen wir einem mir bekannten Agenten über den Weg: Alan Radcliffe", sagt Heyman, dem sofort das Kind auffiel, das neben dem Agenten saß. "In der Pause stellten Alan und seine Frau Marcia ihren Sohn Dan vor. Das lief völlig klischeehaft ab: Der Blitz schlug ein, und die Himmel öffneten sich! Ich konnte mich während der restlichen Akte gar nicht mehr konzentrieren. Aber die Radcliffes waren nach Ende des Stücks schon verschwunden, bevor wir nochmals mit ihnen sprechen konnten - ich verbrachte also eine schlaflose Nacht, bis ich Alan dann am nächsten Morgen anrufen konnte."

Die Radcliffes reagierten wieder zurückhaltend, als es darum ging, ihren einzigen Sohn Daniel in "Harry Potter" mitwirken zu lassen. "Ich konnte ihre Vorbehalte bestens verstehen, denn wenn sie erlaubten, dass ihr Sohn diese Rolle übernahm, würde sich sein Leben zweifellos völlig verändern", sagt Heyman. "Aber dennoch luden wir Dan am selben Nachmittag zum Tee ein. Unser Gespräch dauerte anderhalb Stunden. Er war mit Verve, mit großem Enthusiasmus bei der Sache. Da spürte ich, dass wir unseren Harry gefunden hatten."

"Man mußs den Radcliffes zugute halten, dass sie ganz genau wussten, welche gewaltige Größenordnung dieses Projekt hat. Wegen ihres Sohnes machten sie sich die Entscheidung nicht leicht", sagt Columbus. "Wir haben ihnen unmissverständlich erklärt, dass wir ihren Sohn schützen werden. Für uns stand außer Frage, dass Dan Harry Potter ist. Er hat den magischen Touch, die innere Reife, die dunklen Seiten, die man in einem Elfjährigen sehr selten findet. Er wirkt so weise und intelligent, wie ich es bei Kids seines Alters kaum jemals erlebt habe. Den letzten Anstoß gab Jo [Rowling], als wir ihr das Video mit Daniels Testaufnahmen schickten. Jos Reaktion war etwa: ,Ich komme mir vor, als ob ich meinen verlorenen Sohn wiedergefunden hätte."

Schon einige Monate zuvor hat ein Schulfreund Daniel Radcliffe den Tipp gegeben, dass es einen Vorsprechtermin für diese überaus begehrte Rolle geben würde, doch Daniel rechnete sich keinerlei Chancen aus. "Ich dachte mir schon, dass sich wahrscheinlich Millionen von Jungen um diese Rolle reißen würden - da war klar, dass ich sie sicher nicht bekommen würde!" erinnert sich Radcliffe schmunzelnd.

Daniel absolvierte also mehrere Vorsprechtermine und jene schicksalsschweren Probeaufnahmen. Und endlich bekam er den Anruf, der sein Leben für immer änderte. "Ich war im Bad und redete gerade mit meiner Mum, als das Telefon klingelte. Dad kam herein und sagte, dass ich die Rolle habe", staunt Radcliffe noch heute. "Ich habe vor Freude tierisch geheult! Nachts bin ich dann um zwei Uhr aufgewacht, rüttelte meine Eltern wach und wollte es noch mal hören: ,Stimmt das wirklich? Oder träume ich?' Ich war derart aus dem Häuschen!"

Aller Guten Dinge sind Drei: Ron und Hermine werden besetzt

Chris Columbus und David Heyman wussten natürlich, dass zunächst die Besetzung des Harry Potter fest stehen mußste, bevor sie sich auf die Suche nach Harrys Zauberlehrlingskollegen Ron Weasley und Hermine Granger machen konnten. "Wir haben zwar gleichzeitig auch schon Kandidaten für die anderen Rollen getestet, aber logischerweise stand Harry an der Spitze der Pyramide - ohne ihn machte der Rest der Besetzung keinen Sinn", erklärt Heyman. "Mit etlichen Kindern haben wir Probeaufnahmen gemacht, aber schon sehr bald war klar, wer die drei sein mußsten."

"In Rupert Grint haben wir uns sofort verguckt", sagt Columbus. "Ein äußerst witziger und unglaublich warmherziger Typ. Emma Watson verkörpert Hermine Granger mit Leib und Seele. Als wir Dan, Rupert und Emma zusammen auf der Leinwand erlebten, funkte es ganz gehörig zwischen den dreien. Es knisterte förmlich. Da war eindeutig klar: wir hatten das perfekte Team zusammen."

Rupert Grint hatte noch nicht als Profi gearbeitet, sondern nur bei einigen Schulaufführungen mitgemacht, aber er bezeichnet sich selbst als "größter Harry-Potter-Fan aller Zeiten" und wollte Ron unbedingt spielen. "Ron gehört zu meinen liebsten Hauptfiguren - ich kann mich wirklich gut in ihn hineinversetzen", sagt Grint. "Ich habe selbst massenhaft Geschwister, weiß also, was es heißt, in einer großen Familie aufzuwachsen. Und ich mußs immer noch die Sachen der Älteren auftragen!"

Grint erfuhr aus einer BBC-Nachrichtensendung für Kinder, dass ein Darsteller für Harry Potters besten Freund Ron Weasley gesucht wurde. "Ich sah mir ,Newsround' an, und dort wurde erklärt, wie man für eine Rolle im ,Harry Potter'-Film vorsprechen konnte", erinnert sich Grint. "Ich habe also das Formular und ein Foto eingeschickt, und einen Monat lang passierte überhaupt nichts. Dann entdeckte ich auf der ,Newsround'-Website, dass ein Junge einen Teil des Drehbuchs vor der Videokamera gelesen und die Cassette eingeschickt hatte. Also habe ich auch ein Video zusammengestellt - und bekam den Vorsprechtermin!"

Emma Watson erreicht mit der Darstellung der Hermine Granger den Höhepunkt ihrer Karriere, denn in Schultheateraufführungen ist sie seit Jahren als Schauspielerin, Tänzerin und Sängerin aufgetreten. "Als ich das Buch las, habe ich mir sofort vorgestellt, wie toll es wäre, die Hermine zu spielen", sagt Watson. "Aber ich mußste sehr oft vorsprechen. Das war nicht leicht. Doch eines Tages holten sie Rupert und mich einfach in David Heymans Büro und sagten uns, dass wir die Rollen bekommen hatten. Ich hab's erst gar nicht kapiert. Ich stand nur da und hab' sie bestimmt fünf Minuten blöd angeschaut!"

Was Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu ihrem Part angeht, bemerkt Emma Watson: "Im Gegensatz zu Hermine bin ich nie Klassenerste gewesen. Ganz im Gegenteil! Dabei bin ich sehr rechthaberisch, und mein kleiner Bruder mußs darunter leiden."

Alle Zauberer und Riesen bitte melden!

Natürlich drehte sich die unermüdliche Suche nicht nur um passende Darsteller für die Hauptfiguren Harry, Ron und Hermine - auch die Besetzung der Erwachsenenrollen war ja nicht gerade unwichtig. "Wir haben Jo [Rowling] um ihre Vorstellungen gebeten und fragten, wen sie sich in den verschiedenen Rollen vorstellte. Und soweit das irgend möglich war, sind wir ihren Vorschlägen gefolgt", gibt Heyman zu Protokoll. "Als Hagrid nannte sie beispielsweise sofort Robbie Coltrane, und Robbie haben wir als ersten erwachsenen Darsteller besetzt." "Jo hatte ganz präzise Besetzungsvorstellungen, und die entsprachen in vielen Fällen auch meinen Ideen, die mir während der Buchlektüre im Kopf herumgingen", sagt Columbus. "Ich stellte also meine persönliche Darsteller-Traumliste zusammen. Und jeder Einzelne war einverstanden. So etwas gibt es einfach nicht! Dies ist die absolut beste Besetzung, mit der ich es je zu tun hatte."

Robbie Coltrane gesteht offen, warum er bereit war, den sanften, wenn auch nicht gerade sanft aussehenden Riesen Hagrid zu spielen: "Mein Sohn hätte mich umgebracht, wenn ich abgelehnt hätte. Da gab es also gar nichts zu überlegen!"

Coltrane beschreibt Hagrid als "im gesitteten Umgang nicht gerade versiert. Ich habe den Eindruck, dass er Schwierigkeiten hätte, in einen Golfclub aufgenommen zu werden, aber er ist ein gutmütiger Typ, der blendend mit Drachen und ähnlichen Kollegen auskommt. Furcht kennt er keine, er mag gerade jene wilden Tiere, die den meisten Menschen Angst einjagen. Er ist ein Riese - meistens sind die ja nicht sehr nett, aber bei ihm stimmen die Gene, und er nimmt die Kinder unter seine Fittiche."

Genau wie Chris Columbus lernte Richard Harris, der Darsteller des allwissenden Hogwarts-Professors Dumbledore, die Harry-Potter-Welt über ein Kind kennen, das ihm sehr am Herzen liegt. "Man bot mir die Rolle an, aber eine ganze Reihe von Gründen hielten mich davon ab", erinnert sich Harris. "Doch dann rief mich meine elfjährige Enkelin Ellie an und sagte einfach: ,Opa, wenn du Dumbledore nicht spielst, rede ich kein Wort mehr mit dir!' Mir blieb also keine Wahl!"

Heute behauptet Harris, dass sich Dumbledore als die schwierigste Rolle seiner gesamten Karriere erwies: "Dumbledores Gegenwart ist in allen Büchern praktisch ständig zu spüren, auch wenn man ihn nur selten zu Gesicht bekommt", erklärt Harris. "Er spielt in den Geschichten eine wesentliche Rolle, und ich mußste mich erst in den Rhythmus, das Metrum des wunderbaren Dialogs einfinden, um die Rolle überzeugend darzustellen."

Harris schmunzelt, als er sich an einen magischen Moment beim Vorsprechen erinnert. "Chris Columbus lud mich zu einem Treffen mit den jungen Darstellern ein. Ich fuhr also ins Studio und las eine Szene mit ihnen. Als ich fertig war, wandte sich Rupert Grint - der Junge, der Ron Weasley spielt - an mich und sagte: ,Mr. Harris, das war ein sehr guter Vortrag. Ich finde, Sie könnten die Rolle sehr gut spielen!"

Auch Alan Rickman fühlte sich von den jüngeren Mitgliedern der Potter-Fangemeinde deutlich unter Druck gesetzt, damit er die Rolle des exzentrischen Zaubertrank-Professors Snape akzeptierte: "Ich habe zahlreiche Neffen, und viele meiner Freunde haben Kinder", erzählt Rickman. "Sie waren nicht nur begeistert - sie bestanden ganz einfach darauf, dass ich die Rolle annahm."

Rickman las den Roman zwar erst im Anschluss an das Drehbuch, aber sofort begriff er die Zeitlosigkeit der Geschichte. "Wie jedes große Theaterstück, jeder große Roman folgt die Story bestimmten Gesetzen der Erzählkunst", stellt er fest. "Von der ersten Seite an ist man hingerissen, man kann das Buch nicht mehr aus der Hand legen, man fiebert mit den Hauptfiguren, mußs einfach wissen, wie es weiter geht. Diese Regel ist einfach, aber man braucht eine Menge Talent, um sie auch anzuwenden."

Dame Maggie Smith kannte "Harry Potter und der Stein der Weisen" bereits, als man sie bat, die Rolle der Professorin McGonagall zu übernehmen. "Ich halte es für ein wunderbares Kinderbuch", bemerkt Smith. "Es interessierte mich brennend, wie man den Zauber der Vorlage auf den Film übertragen würde. Die Zuschauer machen sich gar nicht klar, wie selten wir eine solche Rolle angeboten bekommen - wirklich jedermann hat seine Fantasie von dieser Geschichte anregen lassen! Und wie oft darf ich schon als Zauberin in so wunderbaren Gewändern herumstolzieren?" Außerdem bot sich Smith hier die Gelegenheit, mit Daniel Radcliffe, ihrem Kollegen von den Dreharbeiten zu "David Copperfield", erneut zusammen zu arbeiten. "Ich war begeistert, als er die Rolle des Harry bekam", sagt Smith. "Denn er ist wirklich außergewöhnlich talentiert. Alle Kinder in diesem Team erweisen sich als besonders verlässlich. Und alle Beteiligten haben in sich selbst wieder das Kind entdeckt, vor allem Chris Columbus, der wunderbar geduldig und mit großem Enthusiasmus an die Arbeit geht."

Der berühmte Schauspieler Ian Hart übernahm die Darstellung des Professors Quirrell, der in Hogwarts die Abwehr der Schwarzen Künste lehrt und sich mit Snape (Alan Rickman) überhaupt nicht versteht. "Alle Zutaten sind vorhanden, um einen wunderbaren Mythos zu schaffen", sagt Hart, der sich von der Universalität der Geschichte gefangen nehmen ließ. "Der Kampf von Gut gegen Böse, auch die Vergeltung für die Ermordung der Familie. Diese Themen sind zeitlos, werden in der Geschichte jedoch so miteinander verwoben, dass sie äußerst witzig wirken. Obwohl der Film durchaus ernste Aspekte hat, ist er gleichzeitig sehr humorvoll!"

Eine ganz normale Familie: Die Dursleys

In "Harry Potter" mußs sich der Held wie in jedem klassischen Märchen mit seiner bösen Stiefmutter auseinandersetzen - in diesem Fall handelt es sich um seine Tante Petunia. Diese Schlüsselrolle vertrauten die Filmemacher Fiona Shaw an, einer der talentiertesten und angesehensten Bühnendarstellerinnen in Großbritannien. "Ich wollte eigentlich lieber eine Rolle im Zauberreich spielen, aber ich habe sehr schnell begriffen, dass die Welt der Dursleys viel abgedrehter und gruseliger ist als alles, was Harry später erlebt", stellt Shaw fest.

"Die Dursleys sind sehr ordinär, ein äußerst exzentrisches Paar. Mit ihrem eigenen Sohn kommen sie nicht klar, und das wird im Vergleich zu Harry umso deutlicher, denn der ist nun wirklich umgänglich, sehr ehrgeizig, zivilisiert, eine Art geborener Ritter - ganz im Gegensatz zu Dudley, der hoffnungslos verzogen ist. Die Dursleys schwanken ständig zwischen Snobismus und großartigen Flausen im Kopf einerseits und andererseits ihrer Verzweiflung und Enttäuschung darüber, dass ihr Sohn Dudley leider nicht so geraten ist wie Harry."

Es stellte sich bald heraus, dass Shaw an der Darstellung der abgefeimten Petunia großen Spaß hatte: "Das Wesen der Komödie besteht in der Diskrepanz zwischen dem, was Menschen sind, und dem, was sie sein möchten. Die Dursleys besitzen ein Haus, das sie gern als Villa sähen, aber tatsächlich eine kleine Kate ist. Sie verwenden viel Energie darauf, möglichst normal zu erscheinen, aber durch Harrys Augen erleben wir diese Familie als Monster der Normalität."

Richard Griffiths spielt Harrys hektischen Onkel Vernon. Wie Shaw erkennt auch er den Drang zur Normalität als entscheidende Triebkraft seiner Rolle. "Vernon misstraut Harry von Anfang an - ständig vermutet er, dass Harry seltsame Dinge ausheckt", sagt Griffiths. "Davor hat Vernon am meisten Angst - er will nicht, dass den Nachbarn irgendetwas Außergewöhnliches auffällt. Er bekommt Panikattacken bei dem Gedanken, dass die Anderen ihn für merkwürdig halten könnten. Die Dursley wollen um jeden Preis dem absoluten Durchschnitt entsprechen. Also müssen sie es als grauenvoll empfinden, dass ausgerechnet Harry ihrer Obhut anvertraut wird, denn der ist nur wirklich alles andere als gewöhnlich."

Dudley, dem tollpatschigen und verwöhnten Dursley-Sohn, leiht Harry Melling sein denkwürdiges Profil. "Harry ist sich seiner Körperlichkeit voll bewusst", bescheinigt ihm Fiona Shaw. "Er kann äußerst witzig sein, sprudelt nur so vor Ideen - erstaunlich, wie er jede Szene mit viel Fantasie und großem Engagement gestaltet."

"Ich wusste gleich, dass es Spaß bringen müsste, den Dudley zu spielen, denn innerhalb von Sekunden ändert sich seine Laune, er ist traurig, dann plötzlich fröhlich und wieder griesgrämig", sagt der Zwölfjährige, der begeistert neben Fiona Shaw, Richard Griffiths und Daniel Radcliffe auftrat - mit nur einer Einschränkung: "Ich habe einen großen Bammel davor, was die Zuschauer im Kino von mir halten werden, aber ich bin schon sehr gespannt darauf, dass der Film endlich anläuft."

Eine Vision aus Licht und Finsternis

Columbus zögerte keine Sekunde, die Regie eines Films zu übernehmen, bei dem die Erwartungshaltung des Publikums so hoch ist wie bei kaum einem anderen Projekt der gesamten Filmgeschichte. Aber er war sich natürlich darüber im Klaren, dass es Leute gab, die ihm nicht zutrauten, die düsteren Aspekte in Harry Potters Welt angemessen auf die Leinwand zu bringen. "Im Laufe der Jahre hat es - besonders in dem Medien - Stimmen gegeben, die mich als Softie bezeichnen, weil ich eine Reihe von gefühlsbetonten Filmen gedreht habe", sagt Columbus. "Aber zu dem Zeitpunkt entsprach das meiner Persönlichkeit - ich spürte einfach, dass ich diese Filme machen mußste. Als ich diese Geschichten dann verarbeitet hatte, wollte ich wieder dahin zurück, wo ich als Autor angefangen hatte - und da waren sehr viel dunklere Töne angesagt."

Über frühe Einflüsse sagt Columbus: "Ich habe vor allem das britische Kino gemocht - von David Leans Filmen bis hin zu "Adel verpflichtet", emotionalen Dramen wie "Ein Mann zu jeder Jahreszeit" und vor allem den Horrorfilmen des Hammer-Studios, die ich sehr schätzte. Ich fand sie sehr stimmungsvoll und atmosphärisch. Mit ihnen bin ich aufgewachsen, und sie haben meine ersten Schreibversuche beeinflusst."

Als Columbus nun die Regie bei "Harry Potter" übernahm, konnte er sich auf die Gruselelemente jener Filme zurückbesinnen, die er Anfang der 80er-Jahre schrieb, wenn auch nicht inszenierte: "Gremlins - Kleine Monster" und "Das Geheimnis des verborgenen Tempels". "Young Sherlock Holmes' spielte in einem britischen Internat - es ging um zwei Jungen und ein Mädchen, die ein übernatürliches Geheimnis ergründen", berichtet Columbus. "Das war also eine Art Fingerübung für die Potter-Regie."

Natürlich gibt Columbus sofort zu, dass er Harry Potters Welt ohne sein fähiges Produktionsteam niemals hätte in Bilder umsetzen können - er nennt vor allem den Produktionsdesigner und Oscar-Preisträger Stuart Craig, die Kostümbildnerin Judianna Makovsky und Kameramann John Seale. "Mehr als sonst geht es bei diesem Film um Teamarbeit. Aus mehreren Gründen entwickelte er sich zum Höhepunkt meiner Karriere, vor allem aber durch die Zusammenarbeit mit derart begabten Profis. Besonders mein Kameramann John Seale und mein Produktionsdesigner Stuart Craig haben die Vielfältigkeit und Komplexität der Harry-Potter-Welt voll verinnerlicht. Mit Hogwarts wollen wir eine realistische Zauberwelt erschaffen - der Zuschauer soll glauben, dass es eine solche Schule durchaus geben könnte."

Columbus stellte sich für seinen Film einen Hintergrund aus satten, warmen Farben vor. Um dies zu gewährleisten, engagierten er und Heyman den dreifachen Oscar-Preisträger Stuart Craig. "Craig gehört zum Spitzenfeld der heute tätigen Produktionsdesigner", sagt Heyman. "Keiner kann ihm in puncto Geschmackssicherheit und Eleganz das Wasser reichen. Uns lag daran, Harrys Welt so darzustellen, als ob es sie wirklich gibt. Unter Stuarts Händen entstand ein Hogwarts, das in all seiner Pracht dennoch absolut echt aussieht."

Die alles entscheidende Verantwortung des Kameramanns übertrugen die Filmemacher dem mehrfach für den Oscar nominierten John Seale. "Wir sind von Johns sehr unterschiedlichen Filmen echt begeistert - von "Der einzige Zeuge" bis "Der Club der toten Dichter". Natürlich war klar, dass er auch ,Harry Potter' fantastisch ins Bild setzen wird", sagt Heyman. "Beispielsweise wollte Chris in den Innenräumen der Schule möglichst wenig Licht, denn es gibt in Hogwarts keine künstliche Beleuchtung. John hat das besonders ernst genommen und das Set mit Fackeln und Kerzen ausgeleuchtet. Er ist einfach unermüdlich und arbeitet dabei erstaunlich schnell. Dennoch sorgt er jederzeit dafür, dass ein hoher Qualitätsstandard eingehalten wird."

Genauso entscheidend war die richtige Wahl der Kostümbildnerin. "Es ging uns nicht nur um die Sets und die entsprechende Ausleuchtung, wir wollten das Ganze ein Bisschen verrückt und exzentrisch gestalten, und genau dafür hat Judianna Makovsky gesorgt", sagt Heyman. "Nehmen wir zum Beispiel Madame Hooch, die Fluglehrerin: Judianna ging von einem klassischen Professorentalar aus, fügte ihm das Schwarz und Weiß einer Schiedsrichter-Uniform hinzu und wählte den Schnitt dann so, dass die Robe wie ein Vogel flattert."

Eine Zauberhafte Erfahrung

"Die Arbeit an ,Harry Potter' ist der Höhepunkt meiner Karriere", verkündet Chris Columbus. "Ich durfte an atemberaubenden Schauplätzen und Sets arbeiten, konnte mich glücklicherweise künstlerisch und technisch auf die Besten der Filmbranche verlassen. Der Film ist das Resultat der Bemühungen eines sehr fähigen, sehr engagierten und sehr hart arbeitenden Teams. Und ich finde, dieses Resultat spricht für sich selbst."

"Das Schwierigste bei dieser Filmarbeit war die Notwendigkeit, bestimmte Passagen des Buches zu kürzen, obwohl ich sie in den Film übernehmen wollte", fährt Columbus fort. "Wenn es nach mir gehen würde, hätte ich einen sieben- oder achtstündigen Film gedreht. Mein wichtigster Wunsch bleibt es, jeden einzelnen Fan filmisch zufrieden zu stellen - unser Film soll Herz und Gehalt des Buches wahrhaftig wiedergeben, ohne an Geheimnis, Originalität und Charakter zu verlieren."

© Fotos: Warner Bros. © 1994 - 2010 Dirk Jasper