|
|
|
Alles ist wie immer. Sommer, endlich Sonne, dachte ich, Berlin. Meine beste Freundin Jo und ich sind im Strandbad Wannsee. Sie amüsiert sich mit attraktiven Männern. Und ich? Ich steh im See und friere. Ziemlich sogar. Und vom Frieren bekomme ich natürlich eine Blasenentzündung, weil ich einfach nie auf meine innere Stimme höre. Also gehe ich zu meiner Hausärztin, hoffe auf Antibiotika und bekomme statt dessen den schönsten Anblick meines Lebens präsentiert: Die dunkelhaarige markante Urlaubsvertretung: Dr. Daniel Hoffmann. Dann ist plötzlich alles anders. Von da an bin ich unsterblich verliebt. Mein Leben hat einen Sinn erhalten, ein Ziel: Ihn ...
Das mir. Schlimmer geht's nicht, mit heruntergezogenem Höschen auf einem Grab! Wirklich nicht! Da kann man nicht mehr viel tun. Außer: Größe zeigen. Ruhig bleiben, abwarten und in einem Anflug von maßloser Selbstüberschätzung ihm, demonstrativ, definitiv und vor ihr, die Telefonnummer in die Hand drücken.
Ja. So mußs das sein. Grenzen überschreiten. Euphorisch werden. Ruf an, ruf mich nicht an mir doch egal. Ich gehe in die teuersten Läden der Stadt, komme spätabends nach Hause, bepackt, erschöpft und happy, nur, um zu sehen, dass auf dem Anrufbeantworter die Doppelnull blinkt. Beleidigend.
Was bleibt einem da noch?
Außer jemand der einen bedingungslos versteht. Ich will so schnell wie möglich meine beste Freundin treffen, will ihren Trost, ihr Verständnis, weibliche Solidarität, Sie wissen schon, und erfahre, dass er bei ihr angerufen hat. BEI IHR. Ist das nicht unfassbar? Und dafür wünsche ich ihr nur eins: Den Tod. Ganze 20 Sekunden lang. Dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen. ICH war es. Ich habe ihm Jos Nummer gegeben. Aus Versehen natürlich. Ist das nicht daneben, völlig verrückt? Ja! Ist es. Aber so bin ich. Großstädtisch, neurotisch, 29. Fotografin mit ein bisschen Torschlusspanik. Und auf Jos Anrufbeantworter ist seine Stimme und er sagt es ganz direkt: Er will MICH kennenlernen. Zehn Mal höre ich es an, tanze zu seiner Stimme, will ihn umarmen, ihn lieben und vor allem: Ihn sofort zurückrufen. Aber das verbietet Jo. Sie schreit: NEIN, HALT, STOP und wieder mal höre ich auf sie. Denn schließlich ist Jo die Erfolgreichere, sie weiß, wie man Männer im Griff hat. Sie klärt mich auf: Verliebtsein ist Marketing und nur mit einer guten Strategie kommt man zum Ziel. Das klingt neurotisch, ist aber maximal effizient. Ich plane also vor. Drei Werktage müssen vor dem Rückruf vergehen. Wochenende zählt nicht. Perfekter Zeitpunkt: 20 Uhr 18, kurz nach der Tagesschau, das wirkt gebildet, cosmopolitisch, im Hintergrund läuft Deutschlandfunk, Textbeitrag. Und? Es funktioniert. Wir sind verabredet.
Was macht man, kurz vor dem bedeutungsvollen Date?
Das komplette Beautyprogramm. Der komplette Kleiderschrank. Bis hier bewegt man sich im Bereich des One Night Stands, der Affäre, oder der klassischen 08/15 Nummer. Haltbarkeit? Nie mehr als drei Monate! Nein. Diesmal soll alles anders werden. Keine Sache für eine Nacht, kein Geliebtenstatus, Perspektive: Ewigkeit. Es darf also nicht nur körperlich sein. Er soll die ganze Bandbreite meiner hochkomplexen Persönlichkeit erkennen, er mußs Intellektualität und Spiritualität schätzen lernen. So bin ich auf die Idee mit den Gesprächskarten gekommen.
Prinzipiell ist auch nichts Falsches daran, kleine Kärtchen vorzubereiten. Sie sollen einem nur über peinliche Schweigemomente hinweg helfen. Nur, wenn das Objekt der Begierde sie versehentlich entdeckt und dann auch noch die Dreistigkeit besitzt, sie am Tisch vorzulesen, ist das Date ruiniert.
Tja. Und so verlassen wir das Restaurant, noch bevor wir bestellt haben. Trotzdem ist es ein wunderschöner Abend, mit einem aussagekräftigen Kuss und einer Einladung zum Essen. In drei Tagen bei ihm. Es besteht Hoffnung. Ich bin glücklich.
Was steckt hinter einer Essenseinladung in seiner Wohnung?
Aber diesmal sollte es ja was besonderes werden. Und besonders ist, was schwierig ist. Dazu wiederum braucht man Freunde. Die bittet man, einen kurz vor dem entscheidenden Moment auf dem Handy anzurufen und irgendwas zu wollen. Dann hat man eine perfekte Ausrede, warum man leider nicht weiter verfügbar ist. Schließlich geht man, wenn es am schönsten ist. Oder?
Doch dann ist alles schöner als im schönsten Traum, und der späte Anruf führt zwangsläufig zur misstrauischen Frage: "Wer ruft denn so spät noch auf deinem Handy an?" Da sagt man am besten nur noch eins: "Meine Oma! Sie ist gerade ins Krankenhaus eingeliefert worden. Oberhalsschenkelbruch oder so."
Klingt gut, ne? Problematisch nur, wenn der Geliebte Arzt ist und sich mit Krankenhäusern perfekt auskennt. Wenn er nur das Beste für die Oma will und das noch in dieser Nacht. Er will sie in eine Spezialklinik verlegen und von diesem Gedanken ist er nicht mehr abzubringen, unwiederbringlich stur will er helfen, so lange, bis er herausfindet, dass alles nur eine Lüge ist.
Kann man ihm da noch verübeln, dass er die Welt nicht mehr versteht? Hat er daraufhin nicht das Recht, noch einmal alles grundsätzlich zu überdenken? Ja, das hat er und ich war ihm etwas schuldig: Den besten Sex meines Lebens.
Seit dem sind 3 Tage vergangen, oder besser 72 Stunden. Jetzt bin ich hier. Es ist Samstag, 18.00 Uhr. Noch sechs Stunden bis Mitternacht. Wenn er bis dahin nicht angerufen hat, ist es vorbei, dann kann ich einpacken. Das jedenfalls, sagt mein bester Freund Big Jim, und der mußs es wissen. Schließlich ist er ein Mann.
FAX:
Hallo allerliebstes Coralein!
Wir haben lange über deine Frage diskutiert. Hier die ultimative Antwort: Normalerweise ruft ein Mann eine Frau, mit der er zum ersten Mal Sex gehabt hat, drei Tage später an. Im Regelfall am Abend. Ruft er sie vorher an, ist er eine Memme oder uneingestandener Homosexueller, der nach einem Mutterersatz sucht. Spätestens ruft er sie an dem auf den Geschlechtsverkehr folgenden Wochenende an. In dem Fall, dass der intime Kontakt an einem Freitag, Samstag oder Sonntag stattgefunden hat, kann er sich auch bis zum nächsten Freitag oder Samstag Zeit lassen.
Wenn zwischen dem Sex und dem nichterfolgten Anruf
a) ein Wochenende
oder
b) drei Wochentage liegen
dann kannst du
a) die Sache vergessen und dir einen Neuen suchen
oder
b) ihn anrufen.
Wenn du ihn anrufst, hast du zwei mögliche Zielsetzungen:
Kennst du eigentlich meinen Freund Klaus? Wenn nicht, wird's aber Zeit! Sind zusammen beim Zivildienst im Altenheim gewesen. Er lässt dich herzlich unbekannterweise grüßen und ausrichten, dass er gerne die Frau kennenlernen würde, die sich derart aufregen kann, während sie im Entspannungsbad liegt.
Good luck, girl! Dein Big Jim
P.S. Klaus ist übrigens seit sechs Wochen frisch getrennt und sehr bedürftig. Schätze,
du hättest Chancen bei ihm.
|
|
| © Fotos: Senator Film © 1994 - 2010 Dirk Jasper |