Produktionsnotizen zu Kiss Of The Dragon
Eine Einleitung von Luc Besson Die ganze Geschichte begann mit Steve Chasman, dem Agenten von Milla Jovovich. Als die Lady ihn aus heiterem Himmel feuerte, fühlte ich Sympathie und Mitleid mit ihm (vielleicht war es auch die Erinnerung an vergangene Dinge, die Reflektion einer Ahnung in seinen Augen). Wir gingen einen trinken, und das brachte uns näher zusammen.


Während unserer vielen langen, tränenreichen Diskussionen redeten wir natürlich auch über die Arbeit. Steve wollte, dass ich einen seiner Freunde und Klienten treffe: Jet Li. Jet hatte gerade Lethal Weapon 4 - Zwei Profis räumen auf (1998) und Romeo Must Die (2000) beendet. Er kam auf einen Tee in mein Büro in Los Angeles.

Er ist nüchtern und direkt, verschwendet weder Zeit noch Energie. Seine Freundlichkeit ist wie ein sanfter, wohltuender Wind. Schwierig zu glauben, dass dieser Mann innerhalb eines Wimpernschlags vier Kerle wie mich erledigen kann. Er sieht eher aus wie jemand, der keiner Fliege was zuleide tun kann. Aber plötzlich blitzen seine Augen, und er explodiert: Er erzählt eine Geschichte, dann eine weitere, er springt auf, spielt mir Actionszenen vor, zerbricht dabei ein oder zwei Dinge um die Sache auf den Punkt zu bringen. Er bewegt sich so schnell, dass es keine Soundeffekte im Hongkong-Stil braucht, um mich zu überzeugen.

Dieser Mann ist sehr geheimnisvoll. Wie eine Elfe, teils Bruce Lee, teils Gandhi. Mit Laseraugen. Ich brauche nichts zu sagen - er durchschaut mich auf den ersten Blick. Man könnte sein Herz auch vor sich hertragen, man kann ihm nichts vormachen. Das gefällt mir, ich fühle mich besser, wenn man die Dinge ohne Umschweife klarstellt, und außerdem zahlt sich Ehrlichkeit immer aus.

Jets Problem war, dass er sechs Monate warten mußste, bis er seinen nächsten Film drehen konnte. Er trägt so viel Energie in sich, dass der Gedanke erschreckte, ein halbes Jahr lang nicht zu tun zu haben. Aber kein Filmstudio kann in dieser Zeit einen Film schreiben und drehen. Sechs Monate sind normalerweise gerade mal genug Zeit, seinen Vertrag auszuhandeln.

Es brauchte schon jemanden, der so verrückt ist wie ich, um diese Herausforderung anzunehmen: "Ich erzähle dir zwei oder drei verschiedene Storylines, und wenn dir eine gefällt, bringen wir den Ball ins Rollen, und am 31. Dezember bist du mit den Dreharbeiten fertig." Jet schmunzelt. Bluffe ich? Bin ich anmaßend oder nur verrückt? Er musterte mich lange, kam zu dem Schluss, dass ich verrückt bin und schüttelte meine Hand: "Wir sind im Geschäft!" Vierundzwanzig Stunden nach unserem ersten Meeting gab ich dem Film grünes Licht.

Ich rief Robert Kamen an, den Drehbuchautor von Léon - Der Profi und Das fünfte Element: "Robert, wir haben sechs Wochen Zeit, ein Drehbuch zu schreiben. Aber mach dir keine Sorgen, ich habe schon eine Storyline und die drei Hauptfiguren." Er bricht in Lachen aus: "Ich habe dich vermisst, Luc!" Das ganze Jahr über arbeitet Robert mit den großen Studios zusammen, schreibt teilweise fünfzehn Entwürfe eines Films, der dann nie realisiert wird. Hier wusste er, dass der Film gedreht werden würde in acht Wochen.

Gott sei Dank war mein alter Freund Tcheky auch verfügbar. Er ist immer bereit für ein Abenteuer und sagte sofort und blindlings zu.

Bei den Überlegungen für die weibliche Hauptrolle kam der Name Bridget Fonda schnell auf den Tisch. Ich habe ihre Arbeit immer sehr gemocht. Nur als ich sie in dem US-Remake meines Films "Nikita" (1990) sah, tat sie mir ein bisschen leid. Sie ist das einzig Gute an diesem Film, und man merkt ihr an, dass sie einen guten Job machen wollte, aber sie schien ohne Regie oder Regisseur zu spielen. Sie schien einsam und unglücklich. Wir trafen uns in Los Angeles und verstanden uns auf Anhieb. Sie nahm den Part der Jessica sofort an, ohne auch nur eine Zeile des Drehbuchs gelesen zu haben (an solchen Momenten erkennt man oft einen wirklich großartigen Schauspieler).

Natürlich haben wir von Anfang an auch nach dem richtigen Regisseur gesucht. Eine schwierige Aufgabe, besonders in Frankreich, wo die "Autorenfilme" regieren und Regisseure, die Auftragsarbeiten annehmen, oft nur wie Angestellte behandelt werden. Als Chefkameramann kümmert man sich nur um die Kameraarbeit, als Set Designer nur um die Sets, aber ein Regisseur mußs in allen Töpfen rühren.

Die beiden verschiedenen Systeme sind sehr interessant: Wenn man mit einem "Autorenfilmer" zusammenarbeitet, ist es die Aufgabe des Produzenten, ihn zu unterstützen, um den Film zu ermöglichen, den er sich vorstellt. Eine "Auftragsarbeit" ist echtes Teamwork, jeder Einzelne hat seinen Job zu erledigen. Der Regisseur mußs die Ziele festsetzen, der Rest liegt an uns. Seltsamerweise kann man durch die Arbeit an einem solchen Film besser lernen wie alles abläuft, denn die moralische Verantwortung fällt weg. Ein "Autorenfilme" fühlt die Last auf seinen Schultern, seine Vision einer größtmöglichen Anzahl von Zuschauern nahezubringen.

Auftragsfilme sind eine lehrreiche Erfahrung, die einem Regisseur die Möglichkeit geben, sich später, in seinen persönlicheren Filmen, besser auszudrücken. Viele große amerikanische Filmemacher von Coppola bis Spielberg haben auf diese Weise ihr Handwerk erlernt. Durch Auftragsfilme kann man lernen, durch persönliche Filme kann man sich mitteilen.

Chris Nahon war der richtige Mann für diesen Job. Er hat durch viele Werbeclips und Musikvideos eine Menge Erfahrung und scheint genau das zu haben, was man für diese Herausforderung braucht.

Die Dreharbeiten begannen, und die Hölle brach los. Die Hölle, weil Jet Li am 31. Dezember 2000 definitiv wieder frei sein mußs - wir haben kein zeitliches Polster, um die Dreharbeiten zu beenden. Jeder Tag, jede Stunde ist ein Rennen gegen die Zeit. Während wir drehten, suchten oder bauten wir andere Sets. Drehpläne, Drehgenehmigungen, das Wetter, sprachliche Barrieren - so viele Hürden, und nur fünfzehn Wochen, um die Dreharbeiten zu beenden. Die ersten beiden Wochen waren sehr schwierig für Chris, der gegen so viele Dinge zu kämpfen hatte. Manchmal dachte ich, dass er unter der Last zusammenbricht. Aber er war stark und widerstand dem stürmischen Wind, der ihm ins Gesicht blies. Langsam fand er sich ein, übernahm die Kontrolle und wurde der Regisseur des Films.

Jet war präzise wie ein Uhrwerk, immer bereit für den Kampf. Immer wach und aufmerksam, er überwachte und verbesserte jede Bewegung und jede Aktion. Er brauchte keinen Titel und keine offizielle Autorität, seine Präsenz und seine Konzentration beruhigten jeden am Set. Schnell wurden sich Chris und Jet einig, dass sie gleichzeitig an verschiedenen Sets arbeiten wollen.

Cory und ich übernahmen die Actionsequenzen, während Chris mit den Schauspielern arbeitete. Es war die einzige Möglichkeit, den engen Drehplan einzuhalten. Jet wechselte von einem Set zum anderen. Cory Yuen und sein Assistent arbeiteten (unter Jets Leitung) die Choreografien für die Kampfszenen aus und zeigten sie uns. Chris machte einige Anmerkungen, wir änderten ein paar Dinge und die Choreografie war genehmigt. Cory und ich waren für die Actionszenen verantwortlich. Chris erzählte uns, welche Hauptaufnahmen er sich bei den Kämpfen vorstellt, und Cory und ich nahmen jeweils eine Kamera, um seine Bilder auf die Leinwand zu bringen. Da die beiden Sets normalerweise dicht beieinander lagen, kam Chris oft zu uns herüber, um auch die Actionszenen zu überwachen - so fühlte er sich nicht, als sei er von diesem Teil des Films ausgeschlossen.

Die Arbeit mit Bridget war anders. Sie ist eine wahre Schauspielerin, unglaublich gründlich, intensiv, präzise, sie untersucht jede Facette von jeder Emotion und von jedem Dialog. Sie mußs von allem total überzeugt sein. Es ist schon komisch, dass eine Schauspielerin wie sie in einem Actionfilm spielt, aber dem Film tut es sehr gut. Die Action ist sehr technisch, und die Schauspielerei wird dadurch essenziell. Dies ist die Herausforderung von Kiss Of The Dragon - einen guten Film mit echten Actionszenen zu drehen und nicht einen Actionfilm, der mit leeren, nutzlosen Szenen gespickt ist, die den Raum zwischen den Actionsequenzen füllen.

Nachdem ich mir den fertigen Film angesehen habe glaube ich, dass das beste an ihm die Figuren sind: Sie sind bewegend und liebenswert.

Zum Schluss ist es an der Zeit, noch ein paar Worte über meinen Freund Tcheky Karyo zu verlieren. Was kann ich über dieses Chamäleon sagen - er ist ein Schauspieler, der alles spielen kann, er ist immer zur Stelle, immer professionell, mit schier grenzenlosem Talent und grenzenloser Güte. Wenn die Wartezeiten zwischen den Szenen zu lang werden und das Team Ermüdungserscheinungen zeigt, greift er zu seiner Gitarre und beginnt zu singen. Jeder Film sollte seinen Tcheky haben.

Künstler sind immer der Trost der Gesellschaft. Der Farbstreifen, der unsere eisernen Masken verschönert, die kleine Stimme, die einen Ton in ein Lied verwandelt.

Dirk Jasper FilmLexikon
© Fotos: Tobis StudioCanal © 1994 - 2010 Dirk Jasper