|
|
Alejandro González Iñárritu entwirft mit Amores Perros ein wildes und mitreißendes, raffiniert verwobenes und innovativ erzähltes Drama um Liebe, Betrug, Tod, Vergeltung und Erlösung. Ein schonungsloses und zugleich zärtliches Stück Kino, das von der New York Times euphorisch als "der erste Klassiker des neuen Jahrhunderts" gefeiert wurde. Seit seiner umjubelten Premiere in Cannes hat Iñárrítus Regiedebüt die Runde bei allen wichtigen Filmfestivals der Welt gemacht und überall gleichermaßen Begeisterung bei Jury, Kritik und Publikum hervorgerufen. Das zeigt nicht nur die weltweite künstlerische Anerkennung für den Film, sondern auch seine Fähigkeit, die Zuschauer allerorten in seinen Bann zu ziehen.
Schauplatz des Films ist Mexico City, die größte und am dichtesten bevölkerte Stadt der Welt mit einer entsprechend hohen Rate an Schmutz, Gewalt und Korruption. Wie Iñárrítu immer wieder betont, ist Gewalt ein wichtiger Bestandteil von Amores Perros: Momente von unglaublicher Brutalität werden mit wunderschönen, fast poetischen Bildern kontrastiert. Dabei grenzt sich Amores Perros klar gegen ein gewisses zeitgenössisches Kino ab, das kriminelles Verhalten und Killer als hippe, heroische Gestalten mit "alternativen" Moralvorstellungen verherrlicht.
Obwohl sich der Film auf ähnlichem Terrain bewegt, indem er Menschen porträtiert, die regelmäßig gegen die Regeln verstoßen, stellt er Gewalt keineswegs als glamourös oder verführerisch dar. Amores Perros ist stattdessen ein einfühlsames und intensives Zeugnis menschlichen Verhaltens, in dem Gewalt einen Sinn und Konsequenzen hat. In seinem Erzählstil fast biblisch, unterstellt der Film, dass der Moment der Abrechnung in jedem Leben kommt, und dass das veraltete "Du sollst nicht" immer noch von Bedeutung ist. "Wir versuchen zu zeigen, dass Gewalt bestimmte Konsequenzen nach sich zieht", erklärt Iñárrítu. "Wenn du Gewalt ausübst, wendet sie sich gegen dich."
Die Hundekämpfe, die den ersten Teil von Amores Perros beherrschen, bringen diese biblischen Themen auf verstörende, aber letztendlich erhellende Weise zum Vorschein. Es gibt über eine Million streunende Hunde in Mexico City. In Anerkennung, dass diese Hunde ein wichtiger Teil des heutigen Mexiko sind, stellt Iñárrítu sie in das Zentrum seiner Geschichte.
Untrennbar mit den Figuren und ihrem Schicksal verbunden, dienen die Hunde den ganzen Film hindurch als wichtige Symbole: Unschuldige Opfer in der unendlichen Spirale von Gewalt, werden sie von ihren Besitzern geprügelt und reflektieren deren Aggression und unmoralisches Verhalten. "Der Hundekampf ist grausame Realität", beobachtet Iñárrítu, "aber wir waren eigentlich mehr an der Beziehung zwischen Hunden und Menschen interessiert. Was den Figuren im Film passiert, stößt auch ihren Hunden zu."
Alejandro González Iñárritu weiß, dass die Szenen mit den Hundekämpfen extreme Reaktionen beim Publikum hervorrufen. Das resultiert für ihn daraus, dass Leute oft ein besseres Verhältnis zu ihrem Hund haben als zu anderen Menschen. Das sieht der Regisseur als ein Zeichen dafür, dass der Menschheit langsam die Humanität abhanden kommt. "Es ist beängstigend, dass wir uns mehr um Tiere kümmern als um unsere Mitmenschen. Wenn wir einen Obdachlosen sehen und einen streunenden Hund, haben wir automatisch mehr Mitleid mit dem Hund. Das ist es, was die Figur El Chivo in Amores Perros tut - er rettet eher Octavios Hund als ihn selbst."
Es ist für Iñárrítu unmöglich, sich Amores Perros ohne Hunde vorzustellen. Kein anderes Tier könnte für diesen Film eine ähnliche Bedeutung haben. "Wir benutzen Hunde in unserem Film, da sie uns in der Natur am nächsten sind. Hunde können loyal, treu, demütig, nett und großzügig sein. Aber gleichzeitig können sie töten, wenn sie bedroht werden. Letztendlich ist unsere animalische Natur schlimmer als die der Hunde: Wir töten wegen Geld, Ehrgeiz und Macht - sie nur, um zu überleben."
Dabei war das Team peinlich darum bemüht, dass die Tiere während des Drehs nicht verletzt wurden. "Die Brutalität entsteht alleine durch die Kamera und den Schnitt. Die Hunde tragen einen durchsichtigen Maulkorb, und Hunde, die blutig oder tot auf der Leinwand erscheinen, trugen Make-up und waren für nur 20 Minuten betäubt. Unser Tiertrainer ist sehr angesehen, und dass er mit seinen eigenen Tieren gearbeitet hat, zeigt, dass er wusste, was er tat."
Als er die erste Drehbuchfassung von Guillermo Arriaga las (sie arbeiteten letzendlich drei Jahre lang an 36 Fassungen), war Iñárrítu "bewegt und gleichzeitig verstört. Ich konnte die Figuren vor mir sehen, und ich konnte sie fühlen und spürte, dass etwas unglaublich Menschliches in ihnen steckte. Es war als würden sie aus dem Papier heraustreten und in all ihrem Leid vor mir stehen", erinnert er sich. Arriaga, ein anerkannter Romanautor, ging es in seinem Skript vor allem darum, sich nicht der Tyrannei einer ?political correctness' zu unterwerfen. "Meine Charaktere steigen in ihre eigene Hölle hinab und finden, nachdem sie zwischen Recht und Unrecht gebeutelt wurden, schließlich zu einer Versöhnung mit sich selbst. Ich wollte, dass meine Figuren intensiv leben und auch den Preis dafür zahlen."
Arriagas Story wird durch den verwegenen und ambitionierten Stil von Alejandro González Iñárritu auf geniale und meisterhafte Weise zum Leben erweckt. Der Regisseur hatte von Anfang an klare Vorstellungen davon, wie der Film aussehen sollte und verließ sich ganz auf seinen Kameramann Rodrigo Prieto, der mit ihm zusammen einen einzigartigen und ausdrucksstarken Look entwickelte. "Ich wollte, dass die Kamera ein stiller, aber aktiver Zeuge der realen Ereignisse ist, die sich vor unseren Augen abspielen," erläutert Iñárrítu. "Es sollte fast etwas Dokumentarisches haben. Vielleicht ist der Film deshalb so verstörend und aufwühlend, weil er das Schlimmste in uns zutage bringt - unser wirkliches Ich."
Für Prieto war die Arbeit an Amores Perros eine außerordentliche Herausforderung. "Unser Ziel war es, die Charaktere in einem realistischen, aber dennoch wirksamen Kontext zu zeigen. Wir versuchten, die Kamera von ihren traditionellen Begrenzungen zu lösen und sie zu einer eigenen voyeuristischen Person zu machen. Die Kamera lebt gleichsam mit den einzelnen Figuren und agiert mit ihnen. Dadurch wird der Zuschauer intensiver in das Geschehen miteinbezogen."
Die Besetzung in Amores Perros ist eine Mischung aus angesehenen, bekannten Schauspielern und aufregenden Neuentdeckungen. Emilio Echevarría, einer der beliebtesten mexikanischen Schauspieler, erinnert sich daran, wie er das Drehbuch zum ersten Mal las. "Ich war von der ersten Seite an gepackt und konnte bis zum Ende nicht mehr aufhören. Als ich die letzte Zeile gelesen hatte, entfuhr mir ein ?Bravo', und ich wusste, dass es eines der beeindruckendsten Skripts war, die ich je in Händen gehalten hatte."
"Ich möchte andere und mich selbst rühren", fasst Iñárrítu zusammen. "Ich möchte mich lebendig fühlen, und ich möchte, dass sich die Figuren und die Zuschauer lebendig fühlen. Ich möchte treffen, streicheln, unterhalten, bewegen und provozieren. Ich möchte den Zuschauer auf eine Achterbahnfahrt mitnehmen - auf und ab, ohne Pause." Mit Amores Perros ist er diesem Anspruch gleich mit seinem ersten Film gerecht geworden und hat ein unvergessliches Werk geschaffen, das laut New York Times "Szenen enthält, die wahrscheinlich in die Geschichte eingehen werden".
Iñarrítu ist
aufgrund des Erfolgs von Amores Perros
einer der gefragtesten Regisseure geworden: Als BMW fünf
Filmemacher suchte, die Online-Spots für sie drehen sollten,
wurde der Mexikaner neben so namhaften Kollegen wie John
Frankenheimer, Guy Ritchie, Ang Lee und Wong Kar-wai
ausgesucht.
|
|
| © Fotos: X-Verleih © 1994 - 2010 Dirk Jasper |
