Ausführlicher Inhalt zu Ein Mann sieht rosa

Szenenfoto Francois Pignon (Daniel Auteuil), der als kleiner Büroangestellter in einer Kondomfabrik ein bescheidenes, unauffälliges und ziemlich monotones Leben führt, hat ein großes Problem: Er ist tödlich langweilig. Aus diesem Grund hat sich seine Frau Christine (Alexandra Vandernoot), die er immer noch heiß und innig liebt, bereits von ihm getrennt.


Auf seine telefonischen Wiederannäherungsversuche reagiert stets nur ihr Anrufbeantworter, sie steht angeödet daneben. Rückrufe sind nicht vorgesehen. Auch Pignons halbwüchsiger Sohn Franck (Stanislas Crevillén), der bei der Mutter lebt, findet seinen Papa einfach nur zum Gähnen und meidet die wandelnde Schlaftablette tunlichst. Zu den seltenen Pflichtbesuchen bei seinem Erzeuger, der ihm dann immer das gleiche Nudelgericht serviert ("Voilà, Spaghetti, Tomate, Basilikum!"), mußs Franck von der Mutter regelrecht gezwungen werden. Selbst auf seine Arbeitskollegen übt der vereinsamte Familienvater eine geradezu anästhesierende Wirkung aus. Falls sie ihn überhaupt bemerken, verdrehen sie hinter seinem Rücken die Augen, sollten ihnen diese nicht schon vorher zugefallen sein.

Szenenfoto Als Pignon zufällig erfährt, dass er aufgrund seiner einschläfernden Ausstrahlung demnächst entlassen werden soll, beschließt er aus lauter Verzweiflung, sich vom Balkon seiner Wohnung auf die einige Stockwerke tiefer gelegene Straße zu stürzen. Sein neuer Nachbar, der pensionierte Psychologe Belone (Michel Aumont) hält ihn jedoch von dieser letzten und einzigen aufsehenerregenden Tat seines Lebens ab und lädt ihn stattdessen auf einen Drink ein.

Nachdem Pignon ihm sein Herz ausgeschüttet hat, empfiehlt Belone der grauen Maus, sich ganz einfach rosa einzufärben. Denn der Rentner ist überzeugt davon, dass der gleiche Grund, aus dem er selbst vor Jahren seinen Job verloren hat, nun für die Rettung von Pignons Angestelltenverhältnis sorgen wird. Gemeinsam inszenieren die beiden daraufhin ein fingiertes Coming-Out, indem sie unter der Fabrikbelegschaft eine Fotomontage verbreiten, die den bisherigen Langweiler in einer überraschend aufregenden und unzweideutig heiklen Situation zeigt.

Szenenfoto Und das ist auch gut so, jedenfalls zunächst, denn Pignons Chef Kópel (Jean Rochefort) nimmt aus Furcht davor, als intolerant zu gelten, die beabsichtigte Kündigung wieder zurück. Bei seinen Kollegen erfreut sich der sexuell Konvertierte plötzlich größter Beliebtheit. Sogar die Ex-Ehefrau nebst Sohn bekunden wieder Interesse an ihm, nachdem sie ihn im Fernsehen als absurd kostümierten Teilnehmer einer Gay-Pride-Parade bewundern konnten, zu der er als offizieller Randgruppenvertreter der Latexindustrie von seinem Boss entsandt wurde.

Doch das neue Leben als Betriebshomo zeigt bald nicht nur seine rosaroten Seiten: Am anderen Ufer schlagen Pignon unverhofft sämtliche schwulen Klischees sowie Wellen schleimigster P.C.-Toleranz und unverhohlensten Tuntenhasses entgegen.

Szenenfoto So gerät der vormals ent- und nunmehr übersexualisierte Angestellte sofort unter den Verdacht der Päderastie, als Kollegen beobachten, wie er seinen Sohn von der Schule abholt: Ein blaues Auge, eine blutende Nase sowie ein gebrochener Arm sind die schmerzhaften Folgen dieser Unterstellung.

Andere Mitarbeiter wollen von seinen erotischen Neigungen bereits früher gewusst haben: Hat die kleine Schwuchtel nicht immer schon ostentativ mit dem Hintern gewackelt? Was der wohl in seinem Schlafzimmer so alles anstellt? Jaja, stille Wasser sind eben tief! Darüber hinaus droht Pignon von Seiten seiner direkten Vorgesetzten Mademoiselle Bertrand (Michèle Laroque), die sein falsches Spiel zu durchschauen beginnt, die akute Gefahr eines Re-Outings. Zu dem hinterhältigen Zweck, die wahre sexuelle Identität des Pseudo-Gays bloßzustellen, bestellt sie ihn abends zu intimen Überstunden ins Büro, wo es dann auch tatsächlich zu Entblößungen kommt.

Szenenfoto Das schlimmste aber: Angestachelt von seinem Kollegen Guillaume (Thierry Lhermitte) überschlägt sich der raubeinige Trainer der betriebseigenen Rugby-Mannschaft Félix Santini (Gérard Depardieu) förmlich mit warmen Freundschaftsbekundungen gegenüber dem kürzlich erwärmten Bruder, um seinen karriereschädigenden Ruf als chauvinistisches Macho-Schwein loszuwerden.

Santini lädt Pignon nicht nur zum Candlelight-Dinner in einen schicken Gourmettempel ein, sondern verehrt dem Verzauberten zu allem Überfluss auch noch ein zauberhaftes Geburtstagsgeschenk, das er mit zielsicherem Geschmack höchst selbst auswählt: einen zartrosafarbenen Kaschmirpullover. Als Santinis Frau die Rechnung für das sündhaft teure Präsent in der Jackentasche ihres Gatten entdeckt, steht die langjährige Ehe des Rugbytrainers auf dem Spiel.

Durch die rosarote Brille betrachtet, sieht Pignons Welt nun plötzlich gar nicht mehr so heiter aus: Mademoiselle Laroque scheint in ihrem investigativen Elan kaum noch zu bremsen, und der ehemals so mackerharte Santini rückt ihm mit seinen stetig aufdringlicher werdenden Liebesbeweisen immer dichter auf die Pelle. Außerdem steht nach Jahren der Funkstille ein Abendessen mit der verwirrten Gemahlin bevor, die entschieden nach klärenden Worten verlangt. Huch, was macht Mann da bloß?

Dirk Jasper FilmLexikon
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