Produktionsnotizen zu Ein Mann sieht rosa

Die Spezialität des Autors und Regisseurs Francis Veber sind skurrile und dabei immer auch tiefsinnige Komödien, in denen ganz durchschnittliche Menschen unverhofft in absurde und für sie sehr schwierig zu bewältigende Situationen geraten. Nach diesem Schema funktionierten bislang fast alle von Vebers Filmen, so beispielsweise auch Dinner für Spinner (1998), der auf einem von ihm selbst verfassten Theaterstück basiert. Ein Mann sieht rosa bildet in dieser Hinsicht ebenfalls keine Ausnahme.



Ein Mann sieht rosa erzählt die Geschichte eines kleinen, schüchternen Angestellten einer Kondomfabrik, um den herum die Gerüchteküche seiner Firma plötzlich zu brodeln beginnt. Obwohl er sich um keinen Deut anders verhält als zuvor, wird er von seinen Kollegen auf einmal vollkommen anders wahrgenommen.

Veber fühlt sich zu den scheuen und schwachen grauen Mäusen, die er regelmäßig zu den Protagonisten seiner Geschichten macht, außerordentlich hingezogen. "Diese in der großen Masse nahezu verschwindenden Charaktere interessieren mich deshalb so sehr" erklärt er, "weil es zunächst so scheint, als gäbe es in ihrem Leben keinerlei Magie, ein Eindruck, der sich dann mehr und mehr als Trugschluss herausstellt. Denn, wenn diese Menschen, die in einem mausgrauen Kokon gefangen zu sein scheinen, denen es zumeist an äußerer Attraktivität mangelt und deren Stimmen sich nie über ein Flüstern erheben, unvermittelt in eine existentiell bedrohliche Lage geraten, dann entwickeln sie mit einem Mal Bärenkräfte und gewinnen unerwartet Profil. Im Lichte der Aufmerksamkeit, das nun erstmals auf sie fällt, fangen sie plötzlich an zu strahlen."

Vebers Film stellt am Anfang recht ungeschminkt die verzweifelte Situation eines Mannes dar, der alles verloren hat - seine geliebte Ehefrau, seinen Sohn und, wie es scheint, auch noch seinen Job - und der deshalb Selbstmordgedanken mit sich herumträgt. Der Regisseur folgt damit der Einsicht in ein universelles Prinzip, welches besagt, dass alle Komik stets im Tragischen wurzelt. "Die Annahme, dass Komödien jegliche Ernsthaftigkeit ausschließen könnten, ist ein weitverbreiteter Irrtum", stellt er klar. "In meinen Geschichten kommt immer auch ein tragisches Moment zum Zuge.

Betrachten Sie beispielsweise die Grundkonstellation von "Die Filzlaus" (1973): Ein Auftragskiller und ein Selbstmordkandidat sind gezwungen, im selben Hotelzimmer zu übernachten. Das ist wahrhaftig keine ausgesprochen komische Ausgangssituation, aber sie trägt ein unglaubliches komisches Potential in sich. Oder nehmen sie solche komödiantischen Klassiker wie Ernst Lubitschs "Sein oder Nichtsein" (1942), der im Warschauer Judenghetto während des Zweiten Weltkriegs spielt, oder Chaplins "Lichter der Großstadt" (1931), in dem es um die Begegnung eines blinden Mädchens mit einem bettelarmen Landstreicher geht. Auch hier ist die Lage prinzipiell alles andere als komisch." Für seine Fähigkeit, aus nicht immer rosigen Alltagssituationen witziges Kapital zu schlagen, ist Francis Veber zu Recht berühmt.

Ein Mann sieht rosa handelt von der Ausstreuung eines Gerüchtes und den unglaublichen Wahrnehmungsveränderungen, die es - gewollt oder auch ungewollt - herbeiführt. Für die Aussage des Films ist daher der Umstand von größter Wichtigkeit, dass Pignons Verhalten nach seinem inszenierten Outing keinerlei Veränderung erkennen lässt. Er legt nicht plötzlich eine aufgesetzte Tuntigkeit an den Tag, sondern bleibt der unscheinbare höfliche Herr, der er bis dahin gewesen ist.

Daniel Auteuil, der Darsteller des schüchternen Büroangestellten Francois Pignon, berichtet, dass seine Rolle nicht einfach zu spielen war: "Die große Veränderung, die vor sich geht, betrifft zunächst gar nicht Pignons Verhalten, sie vollzieht sich vielmehr in den Köpfen der anderen. Die anderen stellen eigentlich Pignons vermeintliche Wandlung dar. Ich mußste mich deshalb in meinem Spiel sehr zurücknehmen, was für einen Schauspieler keine leichte Aufgabe darstellt. Erst nach und nach durfte ich die charakterliche Entwicklung, die Pignon dann ja tatsächlich durchmacht, behutsam andeuten."

Ein wesentliches Thema des Films und ein Thema, das Vebers gesamtes Oeuvre durchzieht, ist die Konstruktion der eigenen Person im Spiegel der Umwelt: "Wer man ist", so Veber, "das entscheidet man eigentlich nie selbst, das entscheiden die anderen, diejenigen, mit denen man tagtäglich zu tun hat. Die Wahrnehmung der anderen bestimmt auch darüber, ob man sein angestammtes Verhalten ändert oder ob man - wohlmöglich bis zum Ende seines Lebens - dabei bleibt."

Sich dem nicht immer schmeichelhaften und schwer zu widerlegenden Urteil auszusetzen, das andere längst über einen gefällt haben, ist auf die Dauer ziemlich anstrengend. Auch von Pignon erfordert es viel Kraft, Tag für Tag Arbeitskollegen entgegenzutreten, bei denen er, wie ihm nicht verborgen geblieben ist, das Image eines durch und durch farblosen Langweilers genießt. Veber findet es viel interessanter einen solchen entwicklungsfähigen Charakter ins Zentrum seiner Geschichte zu stellen, als den geborenen Helden.

Ohne die Unterstützung seines Nachbarn hätte Pignon niemals den Mut für seinen so folgenreichen kleinen Betrug aufgebracht. "Die gelassene Heiterkeit, Weisheit und Ernsthaftigkeit des pensionierten Psychologen macht großen Eindruck auf Pignon und überträgt sich schließlich auf ihn. Belone tröstet den vom Schicksal so hart Getroffenen und schickt ihn gestärkt hinaus in den Kampf um sein Glück", formuliert Veber. "Belone stellt nicht nur den einzigen Schwulen in meinem Film dar, sondern auch den stärksten, gefestigsten und klügsten Charakter. Ich wollte unbedingt vermeiden, Homosexualität als solche zum Anlass von Gelächter zu machen, denn Homosexualität ist nun einmal nichts genuin Komisches, auch wenn viele das glauben."

Ein weiteres, innerhalb von Vebers Arbeit ständig wiederkehrendes Thema ist das der Demütigung. Demütigung stellt eine Form der Grausamkeit dar, die in allen Kulturen vorkommt. Diese Tatsache übt auf den Regisseur eine gewisse Faszination aus. "Ich denke, dass das Leben aus einer nie endenden Kette von Kränkungen und Demütigungen besteht", konstatiert Veber. "Wenn du nur das kleinste Handikap aufzuweisen hast, dann ziehst du unweigerlich Hohn und Spott deiner Mitmenschen auf dich, sei es nun in der Schule, beim Militär oder am Arbeitsplatz. Die kleinen permanenten Sticheleien quälen dich und fügen dir Tag für Tag kleine Wunden zu. Genau diesen unbarmherzigen Mechanismus wollte ich sichtbar machen und zugleich denunzieren. Die wahren Bastarde, das sind die, die dich unablässig demütigen."

Daniel Auteuil konnte, während er als Francois Pignon vor der Kamera stand, die Pein des kleinen Angestellten gut nachvollziehen. "Natürlich ist Ein Mann sieht rosa ganz unzweifelhaft eine Komödie, jedoch", so räumt er ein, "war mir während der Dreharbeiten kaum je zum Lachen zumute. Ich war total in meiner Rolle gefangen. Erst als ich den fertigen Film zu Gesicht bekam, ging mir schlagartig der Witz der ganzen Geschichte auf."

Im Verlauf seiner Arbeit am Drehbuch für Ein Mann sieht rosa erfuhr Veber etwas über sich selbst, das er sich zuvor nie eingestehen wollte. "Lange Zeit glaubte ich, dass ich mich und mein eigenes Leben aus meinem Schreiben heraushalten könnte. Jetzt erst habe ich die Unsinnigkeit dieser Ansicht bemerkt", gibt er zu. "Natürlich haben die in meinen Geschichten ständig wiederkehrenden Motive, wie die Vaterschaft in "Le Jouet" (1976) oder die Männerfreundschaft in "Zwei irre Spaßvögel" (1983), etwas mit mir zu tun. Ich habe viel mehr von mir preisgegeben, als mir eigentlich lieb ist."

Vebers unverwechselbare Art, Geschichten zu erzählen, beschreibt sein Hauptdarsteller Daniel Auteuil folgendermaßen: "Alles in Francis' Filmen ist sehr präzise und mit viel Bedacht kalkuliert. Deshalb wirken sie auch so realistisch."

Seit "Le Jouet" (1976) hat Veber erstmalig wieder einen Film gedreht, in dem nicht ein Männerduo, sondern ein einzelner Protagonist im Mittelpunkt steht. "Die Kumpelgeschichten einmal hinter sich zu lassen und sich mit der Erfahrungswelt eines einzelnen Menschen zu befassen, fand ich sehr erholsam und spannend zugleich. Außerdem", so schmunzelt er, "konnte ich mir selbst dadurch versichern, dass meine Storys nicht ganz so vorhersehbar sind, wie manche Leute behaupten."

An erster Stelle agiert in Ein Mann sieht rosa die französische Leinwandlegende Daniel Auteuil. "Daniel", erläutert Francis Veber, "ist für den französischen Film das, was etwa Robert De Niro, Dustin Hoffman und Al Pacino für das Hollywood-Kino darstellen: Ein Mega-Star, der aufgrund seiner unglaublichen Wandlungsfähigkeit praktisch jede Rolle spielen kann. Er verkörpert den Ugolin in Claude Berris "Jean de Florette II" (1986) ebenso glaubhaft wie die brüchigen Helden Sautets. Sein nicht sonderlich auffälliges Äußeres kommt ihm dabei insofern zugute, als es ihn nicht auf einen bestimmten Männertypus festlegt. In Ein Mann sieht rosa bringt Daniel Auteuil das Kunststück fertig, Pignon optisch zunächst fast zum Verschwinden zu bringen, um ihn nach seinem Outing umso deutlicher ins Bild zu rücken."

Veber hegte schon seit langer Zeit den Wunsch, einmal mit Auteuil zu arbeiten, vor allem seitdem er ihn in Berris "Jean de Florette II" (1986) bewundern konnte. "Ich hatte noch nie so etwas Ergreifendes auf der Leinwand gesehen, wie Daniel Auteuil Liebeserklärung an Emanuelle Béart in Claude Berris Film. Obwohl ich bis dahin noch nie mit ihm zusammengearbeitet hatte, wusste ich sofort, dass Daniel Auteuil in eine Reihe mit Depardieu und Villeret zu stellen ist. Diese Kategorie von Darstellern verfügt über eine Art Geheimreserve. Wenn es einem Regisseur gelingt, diese anzuzapfen, dann kann er alles bekommen, was er haben möchte."

Veber ist in seiner Branche als gnadenloser Perfektionist verschrien, der an seine Darsteller die höchsten Ansprüche stellt. Er hat vor allem eine sehr genaue Vorstellung davon, wie die Schauspieler seine Texte zu sprechen haben. Dies verwundert wenig, wenn man weiß, dass Veber sich in erster Linie als Autor begreift. "Beim Schreiben höre ich ganz genau die Melodie der Sätze", verrät er. "Später, beim Drehen, möchte ich diese Sprachmelodie wieder zum Erklingen bringen. Verfügt man über solch talentierte Darsteller wie Daniel Auteuil, Gérard Depardieu und Thierry Lhermitte, um nur einige zu nennen, dann kann man sich sicher sein, dass dieser Wunsch auch in Erfüllung geht."

Hauptdarsteller Daniel Auteuil schreckte der Perfektionsanspruch seines Regisseurs keineswegs ab: "Ich habe, gleichgültig ob am Filmset oder auf dem Theater, die Erwartungen eines Regisseurs an mich noch nie als Einengung empfunden. Im Gegenteil, solche Vorgaben stimulieren mich eher. Meiner Meinung nach besteht die Aufgabe eines Schauspielers darin, irgendwo zwischen den Anweisungen, die ein Regisseur erteilt, den eigenen kleinen Freiraum zu finden und diesen dann kreativ auszufüllen. Das ist genau wie bei einem Musiker, der an die Partitur und den Stab des Dirigenten gebunden ist und dessen individuelle Note trotzdem unüberhörbar bleibt."

Gérard Depardieu stand schon des öfteren unter der Regie Francis Vebers vor der Kamera, zuletzt für "Das Bankentrio" (1989). Der erneuten Zusammenarbeit sah der Filmemacher mit großer Freude entgegen. "Es war ein großartiges Wiedersehen mit einem großartigen Schauspieler", berichtet er begeistert. " Gérard Depardieu hatte sich vor den Dreharbeiten gerade von einer Herzattacke erholt. Als er auf dem Set eintraf erzählte er mir, dass er in dieser Rekonvaleszentphase sehr viel nachgedacht und einige wichtige Entschlüsse gefasst hätte. Einer davon war offensichtlich der, für meinen Film eine außergewöhnliche darstellerische Leistung abzuliefern."

Gérard Depardieu, fährt Veber fort, "ist einer der komplexesten Charaktere, die mir je begegnet sind. Er wirkt so knorrig und stark, das man zunächst annimmt, nichts könne diesen Kerl umhauen. In Wirklichkeit aber ist er sehr sensibel und zerbrechlich. Genau diese Ambivalenz macht ihn zu dem bemerkenswerten Charakterdarsteller, der er ist. Félix Santini, seinem Filmcharakter in Ein Mann sieht rosa, verleiht er eine unterschwellige Melancholie, die er durch wenige Blicke und Gesten zum Ausdruck bringt. Er verhindert dadurch, dass diese Rolle zur Karikatur verkommt."

Ein Mann sieht rosa versammelt einige der bedeutendsten Darsteller des französischen Kinos auf der Leinwand. Neben Daniel Auteuil und Gérard Depardieu sind darin auch noch Thierry Lhermitte, Michel Aumont, Michèle Laroque, Alexandra Vandernoot und nicht zuletzt Jean Rochefort zu sehen. Kein Film Vebers ist bislang mit einer so hochkarätigen Besetzung angetreten.

Besondere Beachtung verdient sicher Michèle Laroque als erste Hauptdarstellerin in einer Francis-Veber-Komödie. Veber hielt Komik bislang für eine ziemlich männliche Angelegenheit. Diese nicht unproblematische Haltung erklärt er folgendermaßen: "Ich habe lange Zeit geglaubt, ich könne die skurrilen und bisweilen auch lächerlichen Rollen in meinen Komödien keiner Frau zumuten. Pierre Richard beispielsweise ist in meinen Filmen auf unzähligen Bananenschalen ausgerutscht und es gab keinen Fettnapf, in den er nicht hineingetappt wäre. Darf man einer Dame so etwas antun? Vielleicht schon. Ich weiß nicht, ob ich in dieser Hinsicht jetzt wirklich weniger Skrupel habe, aber ich wollte bei meinem neuen Projekt unbedingt eine Frau dabeihaben. In nächster Zeit will ich überhaupt viel mehr Rollen für Schauspielerinnen schreiben."

Laroque war für die Besetzung von Vebers erster weiblicher Hauptrolle genau die richtige. "Sie ist eine großartige Schauspielerin", begeistert sich der Regisseur. "Ich brauchte eine Darstellerin, die es versteht, gleichzeitig urkomisch und vollkommen seriös zu wirken. Michèle hat diesen Spagat perfekt gemeistert."

Michèle Laroque verstand sofort, worauf Veber mit seiner Story hinauswollte, denn als populäre Filmschauspielerin ist sie mit Imageproblemen sehr vertraut. "Ich habe erst sehr spät begriffen", erklärt sie, "dass manche Leute gar nicht mit mir kommunizieren, wenn sie auf mich einreden. Sie sprechen lediglich zu dem Bild, das sie sich von mir gemacht haben. Mit dieser Einsicht mußs man erst einmal zurechtkommen. Pignon avanciert im Film über Nacht zum hauptsächlichen Gegenstand des Bürotratsches. Ohne dass er großartig etwas dafür tun müsste, beginnen seine Kollegen damit, alles mögliche auf ihn zu projizieren."

Ein Mann sieht rosa ist der letzte Film Vebers, an dem er mit seinem Freund und Produzenten Alain Poiré zusammenarbeitete, denn Poiré verstarb im Frühjahr 2000. "Dennoch habe ich das Gefühl, dass Alain ständig an meiner Seite ist, um meine weitere Arbeit zu begleiten", sagt Veber. "Alain spielte nicht nur in meinem Arbeitsleben eine bedeutende Rolle, er war ein guter Freund. Als erklärter Komödienfan liebte er es, zu lachen.

Und Alain lachte viel in seinem Leben, er brachte auch andere zum Lachen. Darüber hinaus war er ein ungewöhnlich versierter und kluger Produzent. Als ich beispielsweise Dinner für Spinner nicht machen wollte, weil ich enorme Schwierigkeiten bei der Drehbuchadaption meines gleichnamigen Theaterstückes aus dem Jahr 1993 hatte, trieb er mich mit ganzer Kraft dazu an, diesen Film doch noch zu realisieren. Dafür bin ich ihm heute sehr dankbar."

Dafür, dass das Gelächter im Kinosaal nicht verstummt, wird Francois Veber auch weiterhin sorgen. Die Motivation für seine Arbeit als Drehbuchautor und Regisseur komödiantischer Filme beschreibt er treffend in einem einzigen Satz: "Jeder Lachanfall des Publikums ist für mich wie eine liebende Umarmung."

Dirk Jasper FilmLexikon
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