Produktionsnotizen zu Enigma - Das Geheimnis
Mick Jagger wird Filmproduzent Ende der 90er Jahre gründete Rolling Stones-Frontmann Mick Jagger zusammen mit der in Los Angeles ansässigen Produzentin Victoria Pearman die Produktionsfirma Jagged Films mit dem Ziel, zukünftig in den USA wie auch in Großbritannien Filme zu produzieren. Für ihr erstes Projekt versuchten sie, die Filmrechte von Robert Harris international zum Bestseller avancierten Roman zu akquirieren.


Die Handlung seines romantischen Thrillers siedelte Harris in Station X an, jener im Zweiten Weltkrieg vom britischen Geheimdienst eingerichteten streng geheimen Enklave in Bletchley Park, in der ein Heer von Codeknackern im Regierungsauftrag feindliche Funksprüche entschlüsselten und so maßgeblich zum Sieg der Alliierten beitrugen. Als Jagger und Pearman erfuhren, dass Lorne Michaels, Schöpfer der legendären US-Serie Saturday Night Live und zahlreicher erfolgreicher Kino-Spin-Offs, ebenfalls an dem Buch interessiert war, taten sich die beiden Firmen zusammen, um sich gemeinsam die Rechte zu sichern.

Senator Entertainment stieg als Finanzier mit ein, Intermedia Films als Weltvertrieb. Hanno Huth von Senator und Guy East sowie Nigel Sinclair von Intermedia fungieren als Executive Producer.

"Hacker gewinnt den Zweiten Weltkrieg" Das technische Herzstück des Geheimprojekts sind die riesigen, intern "bomb" genannten, Decodiermaschinen, eine Art primitiver Computer. Daher faszinierte Lorne Michaels die Arbeit der Kryptoanalytiker auch durch ihren höchst aktuellen Bezug, schließlich schlug in Bletchley Park damit damals so etwas wie die Geburtsstunde moderner Computer- und Telekommunikationstechnik. "Für ein heutiges Publikum könnte man die Story auch unter dem Slogan ?Hacker gewinnt den Zweiten Weltkrieg' zusammenfassen."

Jagger und Pearman begeisterte an dem Roman vor allem, wie raffiniert zwei Geschichten in ihm verwoben sind - die von der Aufdeckung des geheimen Enigma-Codes und die um das Geheimnis einer wunderschönen Frau. "Die Story spielt 1943, in dem Jahr, in dem ich geboren wurde", erklärt Jagger. "Auf Grund des Official Secrets Act erfuhr niemand bis zum Anfang der 70er Jahre von der Arbeit der Codebrecher, sie war eines der letzten Kriegsgeheimnisse. Ich selbst wusste kaum etwas darüber, bis ich das Buch las und fasziniert davon war." Für Jagger bildete Bletchley Park mit seiner bunt zusammengestellten Mischung aus Männern und Frauen, aus Linguisten, Elektroingenieuren, Mathematikern und den Siegern von Kreuzworträtsel-Wettbewerben eine Art Mikrokosmos der britischen Gesellschaft zu jener Zeit. "Es ist eine großartige Kulisse für ein Drama. Der Krieg an sich intensiviert zudem alle Emotionen, daher ist das Buch sowohl eine große Liebesgeschichte als auch ein historischer Krimi."

Die zweite Karriere des Mick Jagger Obwohl Enigma - Das Geheimnis Jaggers erster Film als Full-Time-Produzent ist, konnte er doch als Schauspieler bereits umfangreiche Erfahrungen auf einem Filmset sammeln. In zahlreichen Filmen übernahm er Hauptrollen, angefangen mit dem psychedelischen Kinoklassiker "Performance" (1979) von Nicolas Roeg und Donald Cammell. Außerdem spielte er in Tony Richardsons "Kelly, der Bandit" (1970), in Geoff Murphys "Freejack - Geisel der Zukunft" (1992) und der Kinoadaption des Bühnenerfolgs "Bent" (1997) über die Gruppe Schwuler im KZ Dachau. Erst vor kurzem stand er für George Hickenloopers "The Man From Elysian Fields" vor der Kamera.

Außerdem ist er stets sehr stark involviert in Produktion der Live-Tourneen und Dokumentationen der Rolling Stones, was, wie er betont, große Parallelen mit dem Filme produzieren aufweist: ein großes Budget verwalten, eine große Gruppe kreativer Menschen für ein gemeinsames Ziel zusammen bringen und über die Zeit auch zusammen halten, um über einen kurzen Zeitraum sehr intensiv miteinander zu arbeiten. Sicher gäbe es Unterschiede zwischen der Musikindustrie und dem Filmbusiness, sagt er, aber eben auch viele Gemeinsamkeiten: "Man darf das Gesamtbild nie aus den Augen verlieren, während man die Details ausarbeitet. Vor allem aber darf man niemals seine ursprüngliche Idee aufgeben."

Nachdem er die Filmrechte an dem Buch erworben hatte, erfuhr Jagger, dass eine der seltenen Vier-Rad-Enigma-Maschinen der deutschen Kriegsmarine bei Sotheby´s versteigert werden sollte, und kaufte sie. Sie wurde bei den Filmaufnahmen eingesetzt, zusammen mit einer Enigma mit drei Rädern und zwei speziell angefertigten Nachbauten.

Urlaubslektüre Jagged Films und Broadway Video entwickelten das Drehbuch, wobei Mick Jagger an Tom Stoppard herantrat, Großbritanniens wahrscheinlich angesehenster Stückeschreiber und frisch gekürter Oscar-Gewinner für sein Drehbuch zu Shakepeare In Love. "Als ich Mick in Frankreich besuchte, bat er mich, ihm Korrekturfahnen des Romans mitzubringen", erinnert sich Stoppard. "Ich glaubte, er wolle bloß ein wenig Urlaubslektüre und kam nicht auf die Idee, er könne Interesse an den Filmrechten besitzen." Als die beiden das Buch diskutierten, stellte sich heraus, dass Stoppard die meisten Bücher, die über Bletchley Park erschienen, bereits kannte.

Mick Jaggers Partnerin in Los Angeles, Victoria Pearman, war hauptverantwortlich dafür, sowohl den Geist des Romans als auch historische Authentizität zu wahren. Sie stellte sich der aufwändigen Aufgabe, einige der damaligen Codeknacker aufzuspüren, die inzwischen alle weit über 80 waren, und einen von ihnen konnte sie sogar zu einem Cameoauftritt in dem Film überreden. "Eines unserer wichtigsten Anliegen war, im Film der Arbeit der Menschen in Bletchley Park gerecht zu werden und ihren Beitrag zum Gewinn des Krieges ausreichend zu würdigen. Wir wussten, dass Tom Stoppard großen Respekt vor der historischen Authentizität der Geschichte hatte. Wir gewannen Robert Harris als Mitglied des Produktionsteams und informierten ihn stes über den aktuellen Stand des Drehbuchs. Im Laufe des Entwicklungsprozesses wurden Tom und er glücklicherweise sogar echte Freunde. Robert versteht, dass Film ein anderes Medium ist als ein Roman und wir im Film nicht sein gesamtes Material verwenden können."

Balance zwischen historischen Fakten und fiktionaler Liebesgeschichte Michael Apted war das zentrale Puzzlestück, als es darum ging, den Stab zusammenzustellen. "Er besitzt große Reputation als Dokumentarfilmer", erklärt Jagger, "aber er besitzt auch ein sicheres Gefühl fürs Geschichtenerzählen. Es war klar, dass er die Authentizität der geschichtlichen Bezüge souverän handhaben würde." Lorne Michaels kennt noch einen weiteren von Apteds Vorzügen: "Er ist ein Regisseur, mit dem alle Schauspieler arbeiten wollten. Er öffnete uns viele Türen."

Apted war begeistert vom geschichtlichen Hintergrund der Story. "In jener Zeit wurde ich geboren, und heute, wo ich in Amerika lebe, fühle ich mich von dieser Phase neuer Geschichte immer stärker angezogen. Es ist ausgesprochen interessant, eine Geschichte quasi auf dem angestammten James-Bond-Territorium zu entwickeln, aber aus einem völlig anderen Blickpunkt zu erzählen - und von real existierenden Helden zu erzählen."

Apted sah seine Herausforderung darin, die richtige Balance zu finden - einerseits die komplizierten Kniffe des Decodierens zu erklären, ohne das Publikum zu langweilen, und es andererseits mit der parallel erzählten Liebesgeschichte zu fesseln: "Stoppards Drehbuch lässt die beiden Geschichten, mehr noch als der ursprüngliche Roman, synchron ablaufen, d.h. dass mit dem Rätsel der Liebesgeschichte auch das Geheimnis der Enigma gelöst ist. Apted findet das Thema der Codes und Chiffren aber auch spannend für die heutige Kinozielgruppe: "Es ist eine Generationensache", sagt er. "Junge Menschen beschäftigen sich damit, beinahe als wollten sie die Älteren dadurch herausfordern, während sich die Älteren meist weigern, sich mit neuen Technologien zu beschäftigen."

Ein Held am Rande des Nervenzusammenbruchs Für die Rolle des jungen Cambridge-Mathematikers Tom Jericho, der Bletchley Park nach einem Nervenzusammenbruch wegen Überarbeitung, aber auch Liebeskummer, ausgelöst durch die geheimnisvolle Claire Romilly, verlassen mußste, suchte Apted nach einem jungen britischen Schauspieler, der mit seiner Präsenz einen ganz Film tragen und auch international Eindruck machen würde. Dougray Scott, der kurz zuvor neben Tom Cruise in M:i-2 - Mission: Impossible gespielt hatte, wurde schon früh für die Rolle ins Auge gefasst. "Das ist seine Zeit", sagt Apted, und Jagger ergänzt: "Als wir ihn besetzten, spürten wir, dass er auf dem Sprung zu einer ganz großen Karriere ist."

Scott kniete sich tief in die Rolle hinein, studierte die entsprechende Geschichtsperiode intensiv, lernte die komplizierten Details des Decodierens und die Funktionsweise einer Enigma-Maschine. "Diese Zeit hat mich unwiderstehlich angezogen, und auch die Rolle gefiel mir, da ich einen solchen Charakter wie Jericho noch nie gespielt hatte. Er ist ein Gehirnmensch, ein Genie, und ich mußste mich sozusagen in seinen Kopf einschleusen, um zu verstehen, wie er funktioniert.

Als Schauspieler sucht man immer nach etwas, das einem helfen kann, eine Person zu verstehen, und hier konnte ich die Enigma und die Codes dazu nutzen. Ich habe mich die gesamten fünf Monate bis zum Drehbeginn damit beschäftigt und kann heute eine Enigma auch bedienen." Er beschreibt die Codeknacker in Bletchley Park als Helden wider Willen: "Was sie leisteten, ist ganz außergewöhnlich. Sie waren nicht tapfer in einem körperlichen Sinne, aber um den deutschen Funkverkehr zu entschlüsseln, haben sie sich selbst bis zur Erschöpfung ausgebeutet. Sie waren der Sache so stark verpflichtet, dass sich einige von ihnen selbst heute, über 50 Jahre später, weigern, genau zu erklären, was sie damals im Krieg gemacht haben. Eine immens große Anzahl von Leuten - am Ende waren es über 12.000 - wurden in diesem kleinen Gebiet, in der Nähe von Milton Keynes, ungefähr 40 Meilen nördlich von London, zusammengezogen, also schufen sie sich ihre eigene soziale Umgebung, um den Krieg erträglich zu machen, gründeten Gesellschaftsclubs, Musik- und Sportvereine."

Scott reizte es, einen Mann zu spielen, der stets am Rande eines nervösen Zusammenbruchs steht, und um dies auch körperlich spüren zu lassen, nahm er für die Rolle an Gewicht ab. Für Mick Jagger als Produzent ist er voll des Lobes. "Er kaufte die Rechte und war entschlossen, den Stoff auch auf die Leinwand zu bringen. Bevor die Filmaufnahmen losgingen, nahm er allen Schauspielern eine Auswahl von Musik aus jener Zeit auf, um uns in die richtige Stimmung zu versetzen. Er kennt sich enorm gut aus mit dem historischen Hintergrund und ist ein echter Enthusiast."

Lebe für den Moment Kate Winslet war schon früh die Wunschkandidatin für die Rolle der Hester Wallace, jedoch wollte sie in dem für die Dreharbeiten von Enigma - Das Geheimnis anvisierten Zeitraum eigentlich die Hauptrolle in der Zola-Verfilmung "Thérése Raquin" spielen, die sie auch produzieren wollte. Doch als sie erfuhr, dass sie schwanger ist, stellte sie jenen Film zurück und sagte für Enigma - Das Geheimnis zu - mit der Anekdote, dass Winslet aber für die Szene, in der man die hochschwangere Hester sieht, selbst noch zu schlank war und ihr Kostüm ausgestopft werden mußste.

Jagger war begeistert von ihrer Arbeit. "Sie interpretiert Stoppards Script einfach wunderbar: Hester ist eine intelligente Frau, die sich unterfordert fühlt." Apted erklärt: "Die Figur von Hester darf sich am Anfang nicht ins Geschehen drängeln, mußs aus dramaturgischem Effekt notgedrungen ein wenig unauffällig bleiben. Aber ihrer Schönheit, ihrem Charme und Sex-Appeal kann man sich nicht entziehen. Kate ist ein brillantes Chamäleon. Sie kann sehr verwirrend aber auch durch und durch normal und gewöhnlich erscheinen - und genau Letzteres macht eine Qualität aus, weil sich das Publikum mit Hester identifizieren kann: Sie verwandelt sich vom Durchschnittsmädchen zur Heldin." Er ist sicher, dass sie eine lange und erfolgreiche Karriere führen wird: "Sie trifft ihre Rollenauswahl sehr intelligent."

Kate Winslet gefiel vor allem, dass der Film in Kriegszeiten spielt. "Es ist ein Abenteuerfilm, der in einer sehr sexy Zeit angesiedelt ist: wo junge Menschen dazu bestimmt sind, ganz für den Moment zu leben. In mancher Hinsicht vergleiche ich Hester mit der George aus Enid Blytons Fünf Freunde-Büchern: Sie liebt Abenteuer, sie gibt nicht auf, bis sie ihr Ziel erreicht hat, und am Ende hat sie es geschafft."

Ganz bewusst hat Winslet sich nicht in die Geheimnisse des Decodierens eingearbeitet: "Hester arbeitet in Bletchley Park eher auf der Verwaltungsebene, also würde sie nichts mit diesen Dingen zu tun haben, und ich wollte nichts verstehen, von dem Hester nichts weiß." Um für ihre Rolle zu recherchieren, traf sich Winslet stattdessen mit einer Reihe von Menschen, die damals in Bletchley Park gearbeitet haben. "Die meisten von ihnen liebten ihre Arbeit, manche haben dort sogar ihre Partner kennen gelernt und geheiratet. Unglaublicherweise waren sich die meisten über die Wichtigkeit ihrer Arbeit damals gar nicht bewusst und begriffen sie auf Grund der Geheimhaltung auf dem Gelände erst viel später. Hester und Claire arbeiten zum Beispiel in verschiedenen Baracken, so dass sie nicht genau wissen, was die andere eigentlich macht."

Ein Haufen schlecht gekleideter, unhöflicher Exzentriker Saffron Burrows besitzt als Claire eine schier unglaubliche Leinwandpräsenz. "Ihre Schönheit und Ruhe lässt jeden anderen in ihren Szenen verblassen", schwärmt Jagger, und Apted ergänzt: "Gleich, wenn man Claire zum ersten Mal sieht, mußs man erfassen, wer sie ist. Obwohl sie insgesamt nur wenige Szenen hat, liegt ihre Person wie ein großer Schatten über dem gesamten Film, und daher suchten wir eine Schauspielerin, die ganz außergewöhnlich verführerisch und unvergesslich ist. Alle Männer im Film - und ebenso das Publikum - müssen ihr auf Anhieb verfallen. Sie ist verführerisch und verlockend - alles Kriterien, die Saffron erfüllt."

Um sicher zu gehen, dass auch die Szenen, in denen an den Codes getüftelt wird, die Zuschauer mitreißen, achtete Apted darauf, dass die Schauspieler ebenso bunt zusammengestellt und ungewöhnliche Typen waren wie die echten Menschen, die damals daran arbeiteten. Damit bezieht er sich auf eine Bemerkung Winston Churchills, der nach einem Besuch in Bletchley eine Rede vor den versammelten Codeknackern hielt, die er allesamt für schlecht gekleidete und unhöfliche Exzentriker hielt. Er habe den verantwortlichen für Bletchley zwar gesagt, sie wollten unter jedem Stein nach passenden Mitarbeitern suchen, erklärte er, aber er habe nicht geglaubt, dass sie ihn so wörtlich nehmen würden ...

Bletchley Park selbst stand der Produktion nicht als Location zur Verfügung. Koproduzent David Brown erklärt, warum: "Obwohl Bletchley Park inzwischen unter Denkmalschutz steht und als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich ist, sind um das Gelände herum eine Menge moderner Gebäude entstanden, und die Baracken sind sehr heruntergekommen." Als Außenansicht von Bletchley Park doubelte man daher Chicheley Hall, ein wunderschönes, großes Anwesen nördlich von London, um das man Baracken aufstellte, wie sie damals den Tausenden, die 1943 auf dem Gelände arbeiteten, als Behausung dienten.

Szenenbildner John Beard und sein Team bauten u.a. sechs große Computer für den "bomb room" nach, die sie nach Ende der Dreharbeiten Bletchley als Ausstellungsstücke schenkten. Als er Hintergrundmaterial für seinen Roman zusammentrug, hatte Robert Harris den ehemaligen MI5-Mitarbeiter Tony Sale kennen gelernt, der die Kampagne gegründet hatte, Bletchley Park 1991 davor bewahrte, abgerissen zu werden. Auch Tom Stoppard holte sich beim Schreiben des Drehbuchs Ratschläge bei Sale, der schließlich von der Produktion als technischer Berater mit an Bord geholt wurde. "Zu wissen, dass stets jemand über deine Schulter schaut, der sich mit der Sache auskennt, war eine immense Erleichterung der Dreharbeiten."

Nicht zuletzt genoss Apted die Vorteile, die die Produzenten Mick Jagger und Lorne Michaels mitbrachten: "Beide sind im Showbusiness unheimlich erfolgreich, künstlerisch wie auch finanziell. Beide haben ein sicheres Gespür dafür, was die Menschen sehen wollen, ihr Feedback ist daher sehr hilfreich."

Dirk Jasper FilmLexikon
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