Produktionsnotizen zu Training Day

Training Day ist ein mitreißendes Action-Drama, das die Zuschauer zwingt, Stellung zu beziehen: Was ist notwendig, um die Kriminalität einzudämmen? Was ist eine Heldentat? Und wo ist der Punkt in dieser schillernden Grauzone, an dem der Gesetzeshüter selbst zum Verbrecher wird? Nimmt ein Polizist, der sich an die Gesetze hält, damit in Kauf, Recht und Sicherheit nicht garantieren zu können? Und falls das so ist - erwarten wir, dass unsere Straßen sicher sind, koste es, was es wolle? Wenn wir erwarten, dass die Staatsgewalt uns innerhalb der gesetzlichen Regeln schützt, riskieren wir dann unsere Sicherheit?



Die amerikanische Polizei hat große Probleme, ihr Ansehen von Vorwürfen allgegenwärtiger Korruption, des Drogenmissbrauchs, gefälschter Beweise und exzessiver Brutalität reinzuwaschen. Gleichzeitig soll sie in den schlimmsten Vierteln der USA Recht und Ordnung aufrecht erhalten. Training Day zeichnet ein packendes und realistisches Bild von dieser Großstadtfront - und dem hohen Einsatz, den die Beteiligten dabei zahlen.

Der Film ist das Produkt jener Verhältnisse, in denen er spielt - das Teamwork von Drehbuchautor David Ayer, der in South Central Los Angeles aufgewachsen ist, und Regisseur Antoine Fuqua, der aus dem übelsten Viertel von Pittsburgh stammt. Beide haben die täglichen, potenziell explosiven Konfrontationen zwischen Cops und Kriminellen in den Stadtzentren Amerikas hautnah miterlebt. "Unsere Generation war in Vietnam nicht dabei, Kriege da draußen gab es für uns nicht - wir haben den Krieg drinnen geführt, direkt im Herzen Amerikas", sagt Antoine Fuqua. "Überall im Land kämpft die Polizei gegen die Leute und umgekehrt. Das ist ein Pulverfass, ein Problem, das dringend angepackt werden mußs."

1998 veröffentlichte die "Los Angeles Times" eine Untersuchung über 51 Großstadt-Polizeireviere. Daraus ging hervor, dass man in jedem Revier pro Jahr durchschnittlich damit rechnen mußs, dass "zehn Beamten Missbrauch ihrer Polizeigewalt vorgeworfen wird, fünf wegen schwerer Verbrechen verhaftet, sieben wegen kleiner Vergehen, drei wegen Diebstahls und vier wegen Gewalttätigkeit gegen Familienmitglieder belangt werden." Los Angeles, New York, Chicago, Philadelphia, New Orleans und Washington D.C. gehören zu den zahlreichen US-Zentren, in denen es während der letzten Jahre zu Aufsehen erregenden Polizeiskandalen kam - meistens im Zusammenhang mit der Drogenbekämpfung. Vor allem Los Angeles wurde vor kurzem vom schlimmsten Polizeiskandal seiner Geschichte erschüttert - die Vorwürfe bezogen sich auf Beamte, die im Rampart-Bezirk mit seinen vielen Banden und der hohen Kriminalität brutal vorgingen, Beweise fälschten, in Ermittlungsberichten krasse Lügen verbreiteten, aber auch Verdächtigen Geld und Drogen stahlen.

Der junge Drehbuchautor David Ayer ist derzeit auf dem besten Wege, sich einen Namen zu machen. Er wuchs in eben diesem Viertel von Los Angeles auf und war selbst Zeuge, wie sich abgebrühte Bandenmitglieder mit den ebenso abgebrühten City-Cops ihre Tänze lieferten. Schon lange vor dem Rampart-Skandal hatte Ayer vor, die wahren Verhältnisse in diesen amerikanischen Kriegszonen zu schildern - und dabei darzustellen, wie unendlich schwer es ist, die Grenze zwischen Polizei und Kriminellen zu ziehen, wenn sich keine der beiden Seiten Mitleid leisten kann. 1995 begann er die Arbeit an einem Drehbuch, das sich als prophetisch erweisen sollte. "Ich wollte schonungs- und schnörkellos schildern, was in den Köpfen der Polizisten in den Großstädten abgeht. Wie kann es dazu kommen, und wo führt das hin?" sagt Ayer. "Ich stellte mir die Frage: Wenn ein Cop auf die schiefe Bahn gerät, was passiert dann mit ihm? Und vor allem, welche Auswirkungen hat das auf seine Umgebung, auf seine Stadt?"

Während er an Training Day schrieb, wagte sich Ayer mit Todesverachtung ins Milieu der Banden und verdeckten Ermittler in den schlimmsten Vierteln von Los Angeles. "Ich habe die Menschen in diesen Bezirken lange beobachtet, viele Gespräche geführt", sagt er. "Nur an der Oberfläche zu kratzen - das reichte mir nicht. Ich wollte kapieren, was es bedeutet, ein Cop zu sein, und wie er von den Bürgern eingeschätzt wird."

Ayers Rechercheergebnisse in Bezug auf die dreckigen Polizeimethoden und ihre Gründe flossen in die Figur Alonzo ein. Ayer nennt ihn "einen Typ, der seine Arbeit so hervorragend erledigt, dass er dafür seine Seele verkaufen mußs." Ihm lag daran, Alonzo mit verführerischem Charisma auszustatten - er sollte jemand sein, dem man vertraut, um den man sich Sorgen macht, der aber in einer moralischen Grauzone lebt, wo Recht und Unrecht nicht mehr klar zu trennen sind. "Ich selbst war beim Schreiben hin- und hergerissen", gibt Ayer zu. "Manchmal hielt ich ihn wirklich für den tollsten Typen der ganzen Welt, und dann wieder wurde ich wütend auf mich selbst, weil ich ihm diese Worte in den Mund legte. Eins war mir aber immer sonnenklar: Alonzo ist selbst absolut davon überzeugt, dass er Recht hat. Er sieht sich selbst nicht als Bösewicht - tief im Herzen glaubt er, dass er mit seinem Verhalten alle fair behandelt."

Als Gegenpol erfand Ayer Jake Hoyt, den Neuling, der keine Ahnung hat, was auf der Straße wirklich abgeht. "Interessant ist dabei, dass Alonzo ja einst genauso angefangen hat. Jake ist noch grün hinter den Ohren, er stammt aus dem gut situierten Vorort San Fernando Valley. Er hat sich zum Polizeidienst gemeldet, weil er noch an das Recht glaubt", sagt Ayer. "Doch je länger Jake Alonzo beobachtet, der ihn ungeheuer beeindruckt, weil er absolut effektiv arbeitet und alle Tricks perfekt beherrscht, desto mehr mußs er seine eigenen Überzeugungen in Frage stellen - bis er sich am Ende gezwungen sieht, über Recht und Unrecht selbst zu entscheiden."

Als Ayer diese Protagonisten entwickelt hatte, entschloss er sich, die Story in nur 24 hektischen, Nerven aufreibenden Stunden unterzubringen. "Ich finde es faszinierend, wenn jemand innerhalb eines einzigen Tages erlebt, wie sein ganzes Leben plötzlich Kopf steht", sagt er. "Mir gefiel die Vorstellung, dass Ethan Hawke als Jake morgens aufwacht, seine Frau zum Abschied küsst, zur Arbeit geht und abends als ein anderer Mensch nach Hause kommt. Er hat sich völlig verändert."

Diese schonungslose Intensität, dieser mitreißende Verwandlungsprozess waren es, die die Produzenten Bobby Newmyer und Jeff Silver von dem Drehbuch überzeugten. "Unglaublich, wie realistisch die Story ist - das hat uns begeistert", sagt Silver. "Was es bedeutet, als Undercover-Cop auf der Straße zu arbeiten, erzählt der Film mit derartiger Aktualität - das trifft uns wie ein Schlag in die Magengrube: spannende Unterhaltung, ein echter Adrenalinschub - aber gleichzeitig auch die Geschichte zweier Männer in einem moralischen Dilemma, das uns alle angeht."

Und Bobby Newmyer fügt hinzu: "Man spürt sofort, dass David Ayer seine eigenen Erfahrungen auf der Straße verarbeitet. Die mitreißende Story wirkt absolut authentisch." "Im Grunde geht es in diesem Film um Entscheidungen", sagt Silver abschließend. "Und das gilt auch für den Zuschauer. Man kommt an diesen Fragen nicht vorbei: Gibt es beim Kampf gegen das Verbrechen nur eine Moral oder mehrere? Woran liegt uns mehr: eine Polizei, die Ergebnisse vorlegt, oder eine Polizei, die sich an die Gesetze hält? Und kann es dazwischen einen Kompromiss geben?"

Training Day lebt von seinem Tempo, seiner Intensität - nicht zuletzt dank Regisseur Antoine Fuqua und seiner Vision eines urbanen Albtraums: Er bemüht sich nicht nur zu schildern, was die Cops äußerlich sichtbar erleben - Verfolgungsjagden, Schießereien, gefährliche Situationen auf Leben und Tod - sondern auch, was in ihrem Innern vorgeht, wenn sie in die amoralische Welt der Drogendealer, Mörder, Vergewaltiger und Diebe eintauchen. Fuqua hatte gerade den stilsicher inszenierten Thriller "The Replacement Killers - Die Ersatzkiller" abgedreht, als er sich sofort auf diese schonungslose, kaltblütige Achterbahnfahrt quer durch das Leben jenseits der Legalität stürzte.

Sobald Fuqua David Ayers Drehbuch gelesen hatte, schwebte ihm der hartgesottene Realismus in Filmen wie "Hundstage" und "Serpico" vor - allerdings aufgepeppt durch seinen persönlichen, zupackenden Bildstil. "Was mich sofort überzeugte, waren die Parallelen zu den berühmten Cop-Filmen der 70er-Jahre", sagt er. "Da steckt eine aussagekräftige Botschaft drin. Andrerseits fühle ich mich als Filmemacher herausgefordert, weil ich die Hauptfiguren innerhalb nur eines Tages durch eine unglaublich actionreiche Verwandlung dirigieren mußs."

Mehr als alles andere wollte Fuqua das intuitive Moment im Leben auf der Straße mit der Kamera festhalten: "Für mich kamen nur Originalschauplätze und authentische Komparsen vor Ort in Frage. Ich will ganz klar herausarbeiten, dass manche Menschen so etwas tagtäglich erleben. Wir sollten wirklich nicht verdrängen, wie Cops und Kriminelle im Zentrum der Großstädte leben - so etwas mußs ans Licht der Öffentlichkeit, sollte diskutiert werden." Fuqua brachte genügend persönliche Erfahrungen mit, um für das, was ihn erwartete, bestens gewappnet zu sein. "Antoine Fuqua ist wahrscheinlich der einzige Regisseur, der sich in Hollywood ebenso sicher zu bewegen weiß wie in den heruntergekommenen Straßen von Watts oder Rampart oder Crenshaw", sagt Bobby Newmyer. "Und genau das war die Voraussetzung für diesen Film."

Jeff Silver stimmt ihm zu: "Antoine besitzt die Fähigkeit, den Hexenkessel von L.A. auf ehrliche, dokumentarisch-aufklärerische Art darzustellen - aber er bedient sich dabei einer Optik, die jede Szene aufregend macht, ob es um große Action-Sequenzen geht oder um zwei Typen, die sich in einem Wagen unterhalten."

Auch die Darsteller zeigen sich beeindruckt von Fuquas großem persönlichen Engagement, als es darum ging, dem Glanz und Elend dieser häufig genug übersehenen Stadtteile gerecht zu werden. Dazu Denzel Washington: "Antoines Stil hat Ecken und Kanten, aber er bringt auch sein Herz ein - dadurch entwickelt sich aus dieser Story weit mehr als nur einer der üblichen Cop-Thriller. Was er zeigt, ist ebenso gefährlich wie wichtig."

Auf die Hauptfigur Alonzo Harris passt ein Zitat des schwarzen amerikanischen Schriftstellers James Baldwin, mit dem er die Mission eines Großstadt-Cops definiert: "Jeden Tag, jede Nacht hat er es mit Leuten zu tun, die ihn lieber tot sehen möchten, und das ist ihm voll bewusst. Er bewegt sich wie ein Besatzungssoldat in einem extrem feindlich gesonnenen Land - denn genau das ist er auch."

Rigoros lässt Oscar-Preisträger Denzel Washington sein überragendes Helden-Image hinter sich, um sich einer filigran nuancierten Darstellung zu widmen - voll schwarzen Humors und emotionaler Dynamik. Alonzo ist ein glorreicher Halunke: the Good, the Bad and the Ugly - manchmal alle drei zur gleichen Zeit. "Das Faszinierende an Alonzo: Mancher würde ihn als hervorragenden Cop bezeichnen, weil er weiß, wie man Leute einschüchtert und wie man auf jeden Fall Resultate liefert", sagt Regisseur Antoine Fuqua. "Andere würden allerdings sagen, dass er seine Autorität eindeutig missbraucht und selbst ein Gangster ist. Ich persönlich würde es so formulieren: Wahrscheinlich hat er einst daran geglaubt, Gutes zu tun - aber in der Welt, die sein Wirkungskreis ist, hat er gelernt, sich niemals eine Blöße zu geben, weil er dann nämlich lebendig aufgefressen wird."

Fuqua weiter: " Denzel Washington demonstriert, welch unglaublich menschliche Züge unter Alonzos harter Schale verborgen sind. Er hat sich selten in einen so abgründigen Charakter eingelebt, und bei ihm ist Alonzo natürlich alles andere als eine schwarz-weiß gezeichnete Figur. Denzel gestaltet Alonzo unglaublich echt - was ihn umso bedrohlicher, bedauernswerter und faszinierender macht. Wir haben das Gefühl, der menschlichen Natur auf den Grund zu gehen - im Herzen der Finsternis."

Denzel Washington konnte dieser Rolle auf keinen Fall widerstehen. "Mit jeder neuen Rolle möchte ich einen anderen Weg einschlagen", stellt er fest. "Man könnte sagen, dass ich jetzt erstmals einen Bösewicht spiele, aber eigentlich sehe ich Alonzo nicht als Schurken. Er ist desorientiert, geht zu weit, hat eine gewaltige Wut im Bauch, aber regelrecht böse ist er nicht. Ich finde, dass er seine Arbeit in gewisser Weise zu gut macht. Er hat gelernt, wie man andere manipuliert, wie man Spielräume ausreizt, und in dieser Entwicklung wird er kaltschnäuziger als manche der Typen, denen er auf der Spur ist."

Washington kann durchaus nachvollziehen, wie Alonzo sich im Laufe der Zeit entwickelt hat, um zu dem Mann zu werden, der Jake Hoyt 24 Stunden lang in den Druck-Kochtopf steckt. "Die Situation ist doch folgende: Wenn man es jeden Tag mit gewalttätigen Leuten zu tun hat, mußs man irgendwann ebenso gewalttätig werden", sagt er. "Alonzo war nicht immer so, aber er mußste einfach cleverer und ausgefuchster sein als die Kriminellen, die er aufspürt - und dadurch hat er auch gelernt, wie man Grenzen übertritt. Wenn man das einmal getan hat, fällt einem der Weg zurück sehr schwer."

Washington spürt sogar ganz genau, wie Alonzo sich in diesem Milieu kleiden mußs: "Ich stellte ihn mir von Anfang an mit reichlich Schmuck vor - also Juwelen, goldene Ringe, eine billige Rolex-Imitation", sagt Washington. "Er gehört nicht zu den Cops, die sich heimlich von hinten anschleichen. Er beherrscht das Viertel und arbeitet genauso wie die Drogendealer, denen er ans Leder will."

Außerdem zeigt sich Washington angetan von der zunehmend komplexeren Beziehung zwischen Alonzo und Greenhorn Jake. "Ich nehme an, dass Alonzo Jake zunächst als seine Schachfigur, als potenzielles Mitglied seiner Bande ansieht. Aber gleichzeitig will er Jake beibringen, wie man ein guter Cop wird", erklärt Washington. "Er steht nicht auf langes Gesülze, sondern will Jake sofort reinen Wein einschenken, ihm seine Schwächen austreiben: So läuft das hier auf der Straße und nicht anders. Für Alonzo stellt sich die große Frage, ob er dem Kleinen trauen kann und ob der das Zeug hat, sich im Hexenkessel zu bewähren."

Als den faszinierendsten und gleichzeitig beängstigendsten Aspekt bei der Rollengestaltung bezeichnet Washington die Ausbildung jener Aggressivität, die einen erfolgreichen Undercover-Cop ausmacht. "Wenn man einer Persönlichkeit Aggressivität hinzufügt, erlebt man sie wie von einer Lupe vergrößert", stellt er fest. "Die dunklen Charaktereigenschaften werden sichtbar, und genau das passiert Alonzo. Ich mußste mich also auf dieses düstere Territorium vorwagen."

Über Denzel Washington Darstellung sagt Produzent Jeff Silver: "Es ist äußerst spannend, Denzel in einer so völlig anders gearteten Rolle zu erleben. Gerade weil er beim Publikum ein so positives Image hat, ist Denzel die perfekte Besetzung für Alonzo. Die Zuschauer mögen ihn derart, dass sie ihm auch die Treue halten, wenn er zu weit geht und gefährliche Eigenschaften entwickelt. Indem Denzel diese Rolle akzeptierte, hat er einen mutigen Schritt getan, und ich glaube, das Publikum wird ihn in einem ganz neuen Licht sehen." "Als ich erlebte, wie Denzel Washington Alonzo Leben einhauchte, lief es mir kalt den Rücken hinunter," fügt David Ayer hinzu. "Ich bekam richtig Gänsehaut. Er wurde so sehr eins mit der Rolle, dass ich es echt mit der Angst bekam."

Das Gegenstück zu Washingtons hartgesottenem und hemmungslosem Detective bildet Ethan Hawke als Jake Hoyt. Der Neuling, der glaubt, er würde am ersten Tag vielleicht eine Verhaftung erleben und ein paar grundlegende Ratschläge bekommen. Stattdessen erlebt er einen actionreichen 24-stündigen Albtraum. Wie Denzel Washington spielt auch Hawke erstmals einen Polizisten - einen Cop, dem sein Job völlig über den Kopf wächst. "Man kann sich in dieser Rolle keinen besseren Darsteller als Ethan vorstellen, denn von Anfang an hat man Angst um ihn", sagt Antoine Fuqua. "Er gehört so offensichtlich überhaupt nicht in diese Welt, dass man für sein Leben keinen Pfifferling geben würde. Jake hat ein so gutes Herz, dass man sich sehr schnell fragt, ob er sich das leisten kann, wenn er das Verbrechen bekämpfen will."

Hawke fühlte sich von der atemlosen Action des Drehbuchs ebenso angesprochen wie von der überzeugenden, dokumentarischen Darstellung realistischer Situationen. "Man wird wie in einer Kettenreaktion mitgerissen - ein Funke, und das ganze Leben verändert sich innerhalb nur eines Tages", kommentiert er. "Eine riskante Geschichte - letztlich ist doch die Aussage: Wir zeigen euch, was es bedeutet, 24 Stunden als verdeckter Ermittler zu arbeiten. Das hat mich begeistert, und natürlich wollte ich auch unbedingt einmal mit Denzel arbeiten."

Besonders angetan zeigt sich Ethan Hawke von Jakes Entwicklung mitten im Strudel der Ereignisse an diesem einen Tag. "Morgens denkt Jake noch, dass er eine Riesenchance bekommt - er darf mit dem mehrfach ausgezeichneten, äußerst beliebten Beamten mitfahren, der ihm wahrscheinlich bei seiner Karriere maßgeblich helfen kann", berichtet Hawke. "Aber dann erlebt er mit, wie Alonzo mit Einschüchterungen und Angst regiert. Und er mußs sich fragen, welchen Preis man zahlt, wenn man so handelt wie Alonzo. Vor allem geht es Jake um die Frage: Wenn man Vorschriften schon eigenwillig auslegt - wo hört das auf? Und heiligt der Zweck immer die Mittel?"

"Auf der Leinwand vertritt Jake eigentlich uns, all jene, die noch nie da draußen auf der Straße gewesen sind", stellt Jeff Silver fest. "Das Publikum kann sich also genau in seine Lage versetzen. Und Ethan gehört zu jenen Menschen, die man nur ansehen mußs, um dann zu spüren: Das könnte ich sein. Er wirkt einfach so wie der Junge von nebenan - und mit dieser Eigenschaft gelingt es ihm spielend, uns in dieser Situation vor schwerwiegende moralische Entscheidungen zu stellen. Jedes Mal, wenn Ethan sich fragt, ob er vom rechten Pfad abweichen oder seinen Prinzipien treu bleiben sollte, können wir das ganz klar nachvollziehen."

Die Beziehung zwischen Jake und Alonzo beschreibt Hawke als "gespannt, gefährlich aufgeladen. Sie unterscheiden sich wie Tag und Nacht." Und Fuqua fügt hinzu: "Jakes Ehrgeiz hat einen entscheidenden Schönheitsfehler. Er will unbedingt Detective werden. Doch nichts im Leben bekommt man umsonst, und Alonzo fordert seinen Tribut. Er spürt Jakes dunkle Charaktereigenschaften auf: seine verdrängte Lust auf Frauen, Drogen, Geld, alles Mögliche. Ethan bringt das wunderbar rüber, weil er echte Unschuld repräsentiert, aber gleichzeitig sieht man seinen Augen an, dass er im Leben schon so einiges erlebt hat. Man nimmt ihm den aufrechten und engstirnigen Cop ab, aber wir glauben ihm auch, dass sich unter der Oberfläche ein düsterer Abgrund auftut."

Vor allem gelingt es Ethan Hawke, der vehementen Attacke zu widerstehen, die Denzel Washingtons schillernde Verkörperung des Alonzo darstellt. "Wir stellten fest, dass es praktisch kein Schauspieler mit Denzel aufnehmen kann, wenn Alonzo Jake wirklich übel zusammenstaucht", sagt Bobby Newmyer. "Doch Ethan Hawke gelingt es, ihm Paroli zu bieten, obwohl er gleichzeitig sehr verletzlich und unschuldig wirkt - was ihn in seiner Rolle so sympathisch macht."

Antoine Fuqua unterstützte Washingtons und Hawkes Vorbereitung auf ihre Rollen, indem er sie in einige der berüchtigsten Viertel von L.A. mitnahm und einschlägigen Typen vorstellte: Gang-Mitgliedern und Drogendealern. "Mir lag daran, dass sie ein Gefühl fürs Milieu bekommen, etwas, was sie anfassen und verinnerlichen konnten. Sie erfuhren, was es bedeutet, als normaler Sterblicher mitten in dieser Kriegszone zu leben", sagt er.

Fuqua schlug seinen beiden Hauptdarstellern außerdem vor, mit den verschiedenen Experten des Filmteams über die Polizeiarbeit zu diskutieren. "Es war natürlich von entscheidender Bedeutung, dass Denzel und Ethan echte Cops begleiteten, um sich ihre Meinung anzuhören, um ihre Emotionen mitzuerleben, um zu sehen, wozu sie fähig sind", erklärt Fuqua. "Die beiden können jetzt bezeugen, dass es Leute wie Alonzo wirklich gibt, Cops, die äußerst liebenswürdig und zuvorkommend wirken - aber draußen auf der Straße sind sie extrem gefährlich, echt zum Fürchten. Sie haben es mit den schlimmsten Elementen zu tun, und irgendwann kann man sie selbst dazu zählen."

Die technischen Berater wurden während der Dreharbeiten eingesetzt, um Authentizität zu gewährleisten. Michael Patterson war früher selbst Polizist im Sheriff's Department des Bezirks Los Angeles. Er beriet das Filmteam in den polizeilichen Belangen. Paul Lozada aus San Francisco diente als Berater in Sachen verdeckte Ermittlungen. Er erklärte Denzel Washington die Details bei der Arbeit als verdeckter Drogenermittler. Shiheed "Bone" Sloan übernahm die Aufgabe, das Team in puncto Bandenwesen aus dem Blickwinkel der Straße zu beraten.

Dazu Paul Lozada: "Mir lag daran, dass Denzel Washington begreift, wie das in der Realität abläuft, wenn einem die Angst im Nacken sitzt, wenn man bei einer Drogenrazzia mitmacht, das Chaos, den Adrenalinschub, die Kraftanstrengung unter Hochspannung spürt. Er mußste begreifen, dass es sehr leicht schief gehen kann, wenn man sich nicht hundertprozentig konzentriert. In solchen Situationen darf man nicht eine Sekunde zögern, denn die kostet einen das Leben. So etwas funktioniert nur unter vollem Einsatz, denn wir müssen uns da draußen behaupten. Wer das kapiert hat, der kapiert auch, warum sich manche Typen wie Alonzo entwickeln."

Und Michael Patterson fügt hinzu: "Eines wollte ich den Schauspielern klar machen: Fast jeder Cop verlässt die Police Academy mit dem hehren Vorsatz, endlich etwas zu bewegen, die Stadt sicherer zu machen. Leider lässt sich das nicht immer verwirklichen. Offensichtlich gibt es eine Menge Grauzonen da draußen, und sehr schnell schliddert man in den tiefsten Schlamassel."

Die Besetzungsliste von Training Day enthält außerdem die Namen von Scott Glenn, Cliff Curtis und Tom Berenger, die alle für ihre große Bandbreite überzeugender Darstellungen bekannt sind. Daneben werden die schillerndsten und abgebrühtesten Typen des Films von etlichen Helden der HipHop- und Rhythm-&-Blues-Szene dargestellt: Snoop Dogg, Dr. Dre und Macy Gray - alle drei schreiben Songs über Stadtviertel, die den Schauplätzen in Training Day sehr ähneln.

Snoop Dogg spielt Sammy, einen Gangster im Rollstuhl. "Ich glaube, der Film mußste einfach gemacht werden", stellt Snoop fest. "Es gibt so viele Filme über Bandenkriege, dass es endlich Zeit wird, mal darzustellen, was bei der Polizei abgeht. Meiner Meinung nach ist es wichtig zu zeigen, dass nicht alle Polizisten korrupt sind - ebenso wie nicht alle Banden kriminell sind. Aber einige kommen eben vom rechten Weg ab."

Die sensationell erfolgreiche Musikerin Macy Gray gibt ihr Filmdebüt als Sandmans Frau. "Mir gefällt vor allem, dass die Figuren so direkt sind und hektisches Tempo drauf haben", sagt Gray. "Ich konnte das Drehbuch beim Lesen nicht aus der Hand legen - das war für mich ein gutes Zeichen." Gray schätzt besonders, dass es sich "um einen echten Film von der Straße handelt. Er beschreibt sehr überzeugend, was in den Köpfen der Cops vorgeht, ihre Mentalität, ihr Machtgefühl. Ich glaube, dass die Zuschauer echt darauf abfahren werden."

Die gesamte Besetzung spiegelt wider, wie sehr sich die Filmemacher um wahrhaftige Milieuzeichnung bemühen. "Mir liegt an Darstellern, die im Leben schon etwas erlebt haben - und das trifft auf diese Leute hier zu", sagt Antoine Fuqua. "An die wird man sich erinnern." Und David Ayer: "Ich glaube, dass gerade die Nebendarsteller dem Film die nötige Würze geben. Snoop ist zum Brüllen - er kommt voll rüber; Dr. Dre wirkt fantastisch in Action-Sequenzen - dem Typen möchte man wahrlich nicht im Dunkeln begegnen; und Macy Gray verleiht ihrer Filmfigur eine Tiefe, die niemand anderes ihr hätte geben können. Dadurch bekommt der Film das gewisse Etwas."

dass Training Day so unmittelbar unter die Haut geht, liegt nicht zuletzt an den vor Ort gefilmten authentischen Bildern. Von vornherein strebte Antoine Fuqua einen Film im Stil eines Kriegsepos à la "Apocalypse Now" an, um die Zuschauer tiefer und immer tiefer ins finstere Herz der Stadt zu entführen - dazu war bruchloser Realismus unabdingbar. Deshalb bestand Fuqua darauf, in einigen der gefährlichsten Viertel von Los Angeles zu drehen, in South Central, Crenshaw, Watts, Firestone, Inglewood, Rampart, Echo Park, Lincoln Heights, Downtown Los Angeles und in der berüchtigten Siedlung Imperial Courts. Zunächst hieß es, dass das Filmteam in Imperial Courts aus Sicherheitsgründen nicht drehen könnte. Aber die Anwohner reagierten so begeistert, dass die Dreherlaubnis dann doch erteilt wurde. "Den Bewohnern lag der Film wirklich am Herzen", stellt Jeff Silver fest. "Sie sagten uns: ?Es ist sehr wichtig, dass man auf uns aufmerksam wird, und außerdem brauchen wir die Jobs dringend.' Also haben wir eine Menge Anwohner engagiert - eine tolle Erfahrung. Da arbeiteten wir in einer Gegend, durch die man sich normalerweise nicht mal mit dem Auto trauen würde. Doch wir saßen ganz relaxed da und schlürften unseren Kaffee."

Fuqua wollte das Milieu ungeschönt, ohne den verbrämten Hollywood-Stil einfangen. "Ich will den Dreck, die Graffiti, die Sozialbau-Blöcke, die langsam in sich zusammenfallen. Nichts davon darf nachgemacht sein", sagt er. Dr. Dre empfand das als wahrlich erhebende Erfahrung. "Mich beeindruckt, dass die Filmemacher tatsächlich hier drehen, wo die Sache abgeht", sagt Dre, der ein Mitglied in Alonzos Hofstaat namens Paul spielt. "Sie haben in Imperial Courts, im Jungle, in Crenshaw gefilmt, und niemand hatte Angst, sich die Finger schmutzig zu machen. Als Antoine Fuqua mir gesagt hat, dass er beim Dreh dieses Films die Handschuhe ausziehen würde, hat er es wirklich ernst gemeint."

"Wir haben nur an Originalschauplätzen gedreht", bestätigt Produktionsdesignerin Naomi Shohan. "Was wir an Innenaufnahmen im Studio gedreht haben, wurde mit dem authentischen Material der Originaldrehorte gestaltet, wobei uns die Anwohner der entsprechenden Viertel bei der Recherche unterstützt haben. Das war so eine Art urbaner Anthropologiekurs. Alles im Film entspricht 1:1 der Realität. Die Farben, die Oberflächen verändern sich im Lauf des Films, aber alles, was im Bild zu sehen ist, stammt genau aus den Vierteln, in denen der Film spielt."

Shohan wollte das dokumentarische Prinzip der Story mit ihrem Konzept unterstreichen. "Ich sehe ?Training Day' als eine Art Reise ins Herz der Finsternis und des Chaos - Antoine bezeichnet es als Amerika, das mit sich selbst Krieg führt - den inneren Krieg", erklärt sie. "Der Film entführt uns auf diese Reise, also erscheinen die Schauplätze zunehmend düsterer, mehr und mehr heruntergekommen. Auch Mauro Fiores Kamera trägt dem Rechnung: Er spielt mit dem Licht, um uns nicht nur in die echte Nacht zu geleiten, sondern auch in die düstere Nacht der Seelen."

Auch Kleindarsteller und Komparsen engagierte Fuqua direkt vor Ort an den Schauplätzen. "Ich habe Kontakt zu Banden und Cops aufgenommen, ging sogar in Crack-Häuser und sagte: ,Hier drehen wir'", erinnert sich der Regisseur. "Ich wollte Leute mit echten Narben, echten Schusswunden, die sich täglich mit den Cops herumschlagen."

Fast der gesamte Film wurde in der tatsächlichen Szenenabfolge gedreht, man folgte den Uhrzeigern vom Morgengrauen bis zur pechschwarzen Nacht der Abrechnung. Der Schlüssel des Filmkonzepts lag darin, die intensive Action, die großen Emotionen in diesem kurzen Zeitabschnitt unterzubringen. "Unser größtes Augenmerk lag darauf, die Produktion so zu gestalten, dass sich die Geschichte wirklich glaubwürdig wie an einem einzigen Tag entwickelt", sagt Jeff Silver. "Wir mußsten also darauf achten, dass das Licht jeweils stimmte, dass die Atmosphäre auch emotional den anschließenden Szenen entsprach, und die Dynamik mußste sich dem Tagesablauf anpassen. Wir haben sogar den Kreislauf der Sonne und entsprechend den Einfallswinkel des Lichts mitberechnet."

Silver weiter: "Das dramaturgische Element der tickenden Uhr lag uns sehr am Herzen. Während das Tageslicht verblasst, spüren wir, wie wir immer tiefer in die Kriegszone vordringen. Nicht zufällig spielt der Höhepunkt des Films in einer Gegend von Los Angeles, die man The Jungle nennt - dort weiß man besser ganz genau, wo man hin will, denn sonst trägt man bald seinen Kopf unter dem Arm."

Zwar legen die Filmemacher bei den Straßenszenen zu Training Day größten Wert auf authentische Details, aber viele Szenen spielen ganz simpel im Inneren von Alonzos und Jakes Wagen. Dabei handelt es sich natürlich nicht um ein Allerweltsgefährt. Als verdeckte Ermittler passen sie sich dem Milieu an und fahren einen prächtigen 1978-er Monte Carlo Lowliner, der im Jargon als "G-ride" bezeichnet wird.

Das Design des G-ride stammt von Marc Laidler, der für 310 Motoring arbeitet, eine Firma, die sich auf den individuellen Autoumbau für spezielle Starkunden wie zum Beispiel die legendären Basketball-Stars des Teams L.A. Lakers spezialisiert hat. "Wir wollten einen stilvollen Klassewagen, mit dem Alonzo und Jake im Milieu auch akzeptiert werden", sagt Laidler. "Und nachdem wir den 78-er Monte Carlo gefunden hatten, haben wir ihn mit Hydraulik, reichlich Chrom, getönten Scheiben und einem gewaltigen Mahagoni-Lenkrad aufgemotzt."

Die Protagonisten fühlen sich in diesem hochgezüchteten Schlachtschiff so richtig in ihrem Element. "Der Wagen wird regelrecht zum dritten Hauptdarsteller", sagt Jeff Silver. "Wenn die Cops da einsteigen, sind sie in ihrem Universum zu Hause. Dort reden sie, teilen Privates, streiten sich, um dann wieder auszusteigen und sich auf die reale Welt einzulassen. Aber so lange sie drin sitzen, ist das ihr Kokon."

Aber es geht nicht nur um den authentischen Rhythmus, die optische Stadtatmosphäre im Zentrum von Los Angeles - auch das Klangpanorama sollte zu Training Day passen. Und dafür sind zwei Musikexperten zuständig: John Houlihan und David Ehrlich, Executive Producer bei Priority Records. "Der Soundtrack des Films spiegelt das wider, was derzeit in allen großen amerikanischen Städten abgeht", sagt Jeff Silver. Wenn man durch Los Angeles fährt, hört man an einer Straßenecke vielleicht Rap oder HipHop, an der nächsten dann Latino-Sounds. Diese Musik gibt sehr direkt und intensiv wieder, was in den Menschen vorgeht. Und wir benutzen sie in Training Day, um diese Bandbreite, diese Intensität rüberzubringen."

Auf dem Soundtrack zu Training Day sind Titel zu hören, die HipHop-Superstars Nelly, Snoop Dogg, Dr. Dre, Xzibit und Cypress Hill speziell für diesen Film aufgenommen haben. Hinzu kommt eine ungewöhnliche Teamarbeit von Sean P. "Diddy" Combs und David Bowie, die gemeinsam ein Remake von Bowies klassischem Song "This Is Not America" singen. Außerdem steuern C-Murder und Trick Daddy eine neue Version der klassischen N.W.A.-Hymne "F**k Tha Police" unter dem Titel "Watch The Police" bei. Und die Underground-HipHop-Helden Golden State Warriors haben die brandneue Ballade "Bounce With Golden State" eingespielt.

Dirk Jasper FilmLexikon
© Fotos: Warner Bros. © 1994 - 2010 Dirk Jasper