Produktionsnotizen zu Memento

"Zweifellos ist Memento ein intellektuell anspruchsvoller Film", stellt Jennifer Todd fest, die eine Hälfte des Powerduos Team Todd. "Aber es ist ein Stoff, der sich trotzdem auszahlt – er ist einzigartig, regt zum Nachdenken an und wirft einige beunruhigende Fragen auf", fährt sie fort. "Ein wichtiger Grund, warum Suzanne und ich bei diesem Projekt dabei sein wollten, war das Drehbuch. Gerade weil es so eine Herausforderung war, ist die erfolgreiche Umsetzung eine besondere Befriedigung."


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Autor und Regisseur Christopher Nolan hat seine Qualifikation für ernsthaftes, künstlerisch anspruchsvolles Kino bereits im Jahr 1999 mit seinem Debütfilm "Following" unter Beweis gestellt. Jennifer Todd sagt, "es war aufregend, mit ihm zusammenzuarbeiten. Er ist ein Regisseur, der sich völlig in die Story, die Darsteller und die künstlerische Arbeit vertieft. Er hat eine Vision und will sie Wirklichkeit werden lassen. Am Set war er wundervoll – entscheidungsstark, aber trotzdem großzügig und flexibel genug, um allen Beteiligten Raum zum Experimentieren und Erfinden zu lassen. So konnte jeder seinen persönlichen Beitrag in den Film einbringen."

Jonathan Nolan, der Bruder von Christopher, schrieb die Kurzgeschichte, die dem Drehbuch von Memento zugrunde liegt. Er sagt: "Das Thriller-Genre ist zu einer 90minütigen Frage-und-Antwort-Sitzung mit den Zuschauern geworden. Sie alle kennen die entscheidenden Bilder und Tricks vorwärts und rückwärts. Die Hauptfrage in Thrillern ist eigentlich immer: Was passiert als nächstes? Und während auch Memento dem Publikum eine Reihe von überraschenden Sprüngen und Wendungen anbietet, stellt der Film doch noch eine andere Frage. Schließlich wissen wir, was als nächstes passiert, weil die ersten Szenen im Film die letzten Sekunden der Geschichte sind. Die Frage hier ist also: Warum? Was bewegt Leonard dazu, einen eiskalten Mord zu begehen? Der Mord ist vorgegeben. Gefragt ist das Motiv". Jonathan ist der Meinung, dass sein Bruder Christopher bei der filmischen Antwort auf diese Frage zwei Dinge erreicht hat: "Zum einen hat er einen bemerkenswert spannenden Thriller gemacht. Gleichzeitig aber auch einen Film, der uns zwingt darüber nachzudenken, warum wir uns gerne Krimis ansehen. Das ist sehr erschütternd an Memento: Der Film bedient sich der Stilmittel des Thriller-Genres und untergräbt das Genre zur gleichen Zeit."

Regisseur Christopher Nolan schätzte besonders an seinen Stars Guy Pearce, Carrie-Anne Moss und Joe Pantoliano, dass sie sich völlig in ihre schwierigen Rollen vertiefen konnten. Schließlich war die Mehrdeutigkeit ihrer Identität nicht nur das Hauptmerkmal dieser Figuren, sondern auch der Dreh- und Angelpunkt des Films. "Eines unserer Ziele war, den Zuschauer in die Hauptfigur hineinzuversetzen, um ihm die Möglichkeit zu geben, die existenzielle Vorbedingung bei der Identitätsbildung zu untersuchen und den täglichen Vorgang des Lernens und der Ergänzung des Gedächtnisses nachzuvollziehen", sagt Nolan. "Pearce war großartig", betont Nolan. "Seine Leistung in dieser schwierigen Rolle war es, eine stets wiederkehrende Neuentdeckung von sich selbst zu spielen. Und das auf eine Weise, die die Zuschauer anspricht, sie in die Geschichte hineinzieht und sie zum Nachdenken bringt. Er schafft es, dass man sich mit ihm identifiziert und verbreitet gleichzeitig Unbehaglichkeit und Angst."

Memento wurde mit einem relativ kleinen Budget an 25 Drehtagen realisiert. Die Drehorte waren Altadena, Pasadena, Pacoima und Teile des San Fernando Valley. "Mit seinen Einkaufsstraßen, Tankstellen, billigen Motels und seinem Überfluss an Beton war Burbank ideal für unsere anonyme Küstenstadt", erinnert sich Nolan. Abgesehen von der glühenden Hitze des viel zu warmen Herbstes und dem sehr straffen Drehplan verliefen die Arbeiten an Memento reibungslos. "Die ganze Crew stand voll hinter der Vision von Chris und diese wunderbare Erfahrung wird sich kaum wiederholen lassen", erklärt der ausführende Produzent Aaron Ryder.

Neben der Zielstrebigkeit und dem handwerklichen Können des Regisseurs zeigt sich Suzanne Todd sehr beeindruckt von den drei Hauptdarstellern Guy Pearce, Carrie-Anne Moss und Joe Pantoliano. "Guy hat begeistert an seiner Rolle gearbeitet. Er war 100%tig bei der Sache und er trug die Produktion." Der Drehplan erforderte ein Höchstmaß an Konzentration und Vorbereitung. "Guy schaffte manchmal neun Seiten am Tag. Das ist umso beeindruckender, wenn man sich vor Augen hält, wie der Film gedreht wurde. Schließlich spiegelt er die meiste Zeit über Leonards Verwirrung wider."

Pearce mußste erschöpfend lange diese Rolle verinnerlichen und dabei ihren Standpunkt, ihre Motivation und das stets zerbrechliche Verhältnis zwischen ihrem Charakter und ihrem Erinnerungsvermögen beibehalten. "Guy war unsere erste Wahl", sagt Suzanne Todd. "Er mußste gleichzeitig ein Held und eine furchteinflößende Person sein. Jemand, den man bewundert und der gleichzeitig einen Hang zur Gewalt hat und sich furchtbar aufführen kann."

Carrie-Anne Moss, die die zwielichtige Barfrau Natalie spielt, hat seit ihrem Blockbuster- Erfolg Matrix ein rasantes Arbeitstempo vorgelegt. "Carrie hat sich sehr bemüht, um unseren Drehmonat noch in ihrem übervollen Terminkalender unterzubringen", freut sich Suzanne Todd. "Wir waren so glücklich, dass wir sie bekommen haben. Umso mehr, weil sie betont hat, dass sie bei diesem Projekt unbedingt mitmachen wollte." Die Rolle von Moss ist eine ähnlich komplizierte Herausforderung wie die von Pearce.

Christopher Nolan betont, dass der Charakter von Natalie nicht einfach schwarz oder weiß ist. "Es gibt eine fundamentale Ambiguität in ihren Motiven", sagt er. "Ist sie eine bösartige Person, die Leonard jagt oder ist sie im Grunde eine guter, aufrichtiger Mensch, der gezwungen ist, Böses zu tun um zu überleben? Carries Darstellung dieser Zweideutigkeit ist einfach überragend. Sie ist hart aber auch verletzlich, sexy und anziehend und doch auch gleichzeitig grausam und manipulativ."

"Joe sagte uns, er sei der große Glücksfall für unsere Produktion", lacht Suzanne Todd. Aber bei genauerer Betrachtung war dieser saloppe Spruch mehr als nur eine Prahlerei. "Teddy, Joes’ Rolle, ist bedrohlich aber auch humorvoll. Wir brauchten jemanden, der Drohungen mit komischem Timing verbinden konnte." Für die Schurkenrolle brachte Joe große Energie, viel Humor und sein höchst wandelbares Aussehen mit. "Joe ist ein vielbeschäftigter und erfahrener Charakterdarsteller – wir hatten solches Glück ihn mit an Bord zu haben. Jeden Tag waren wir dankbar dafür, dass er genauso überzeugt von unserem Material war wie wir", sagt Suzanne Todd.

Nicht ganz ernst gemeint ist Christopher Nolans Hinweis, Memento sei ein fantastischer DVD-Film – obwohl natürlich einiges dafür spricht: "Die Benutzung von Rückblenden, die die Vergangenheit in einem neuen Licht erscheinen lassen und die Gedächtnisausfälle des Helden machen Memento zu dieser Art Film, bei dem man immer auf Stop gehen, zurückspulen und sich die Szene noch einmal anschauen möchte", lacht er. "Die Kurzgeschichte meines Bruders Jonathan brachte mich auf die Idee, die ich im Drehbuch ausarbeitete: eine Untersuchung der Funktion des Erinnerungsvermögens beim Erzählen einer Geschichte. Die Bildung einer Identität und der Aufbau einer Zukunft aus den Erfahrungen der Vergangenheit ist schließlich etwas, das jeder durchlebt.

Leonards’ Identitätsfindung ist eben nur viel extremer." Jonathan Nolan ist sehr zufrieden damit, wie sein Bruder seine Kurzgeschichte verfilmt hat. "Er ist ein Filmemacher im besten Sinne: keine Gimmicks, keine Special Effects, kein Ausstattungs-Wahn – nur ausgezeichnet fotografierte Bilder und eine engagierte, faszinierende Geschichte.

Memento ist ein klassischer Genre-Film, eine meisterhafte Filmerzählung. Gleichzeitig zerreißt er das herkömmliche Erzählen. Er bricht mit den Geschichten, die wir hören wollen. Und mit den Geschichten, die wir anderen erzählen, um uns selbst daran zu erinnern, wer wir sind.

© Fotos: Helkon © 1994 - 2009 Dirk Jasper