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Vom 10. Januar bis zum 24. April 2001 fanden in München, Kenia und an der Nordsee die Dreharbeiten zu Caroline Links Film Nirgendwo in Afrika statt. Produzent Peter Herrmann zeichnet für die MTM Medien & Television München GmbH verantwortlich, Coproduzenten sind Bernd Eichinger (Constantin Film), Thilo Kleine und Michael Weber (Bavaria Film) sowie Sven Ebeling (Media Cooperation One). Die Finanzierung des Filmes wurde von dem FilmFernsehFond Bayern (FFF), der Filmförderungsanstalt (FFA), durch den Bayerischen Bankenfonds und dem Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und Medien wesentlich mitgetragen.
Der Grund - Kenia ist heute ein typisches Dritte-Welt-Land mit schlechter Infrastruktur, großer Armut und deswegen hoher Kriminalität. Außerhalb der Touristenregionen gibt es kaum Hotels, wenige, sehr schlechte oder fast nicht mehr vorhandene Straßen, das Telefonsystem ist völlig überaltert und vielleicht noch zu zehn Prozent funktionsfähig. Alles keine guten Voraussetzungen für die Produktion eines großen historischen Films. Heutzutage müssen Dreharbeiten effizient und rationell organisiert werden. Einige, wenige Drehtage Verzögerung können ein Budget schon sprengen.
Obwohl Caroline Link und mir bewusst war, dass Kenia als Drehort schwieriger, komplizierter, riskanter, auf jeden Fall viel mühsamer und anstrengender sein würde als beispielsweise Südafrika, waren wir uns immer sicher, dass der Film sehr viel authentischer, stimmiger und besser würde, wenn wir ihn in Kenia, in der Nähe der Originalschauplätze drehen. So begannen die ersten Vorbereitungen im Frühjahr 2000. Im August wurde dann ein Produktionsbüro in Nairobi eröffnet und sechs Monate vor Drehbeginn starteten die konkreten Vorbereitungen.
Die Frage, ob wir in Kenia würden drehen können, stellte sich dann aber ganz anders. Im Sommer 2000 bahnte sich eine Dürrekatastrophe an. Die große Regenzeit im Frühjahr war so gut wie ausgeblieben und es war zweifelhaft, ob im Herbst die kleine Regenzeit kommen oder ob das Land in eine humanitäre Katastrophe abrutschen würde. Im August liefen die ersten Nahrungsmittel-lieferungen der internationalen Hilfsorganisationen für den Norden Kenias, der von der Dürre am härtesten getroffen war, an. Ich hatte mir ausgerechnet, dass es bis spätestens Mitte Oktober regnen müsste, denn dann wäre für uns der "Point of no return" erreicht, also soviel Geld investiert worden, dass ein Abbruch, eine Verlegung nach Südafrika oder eine Verschiebung der Dreharbeiten unmöglich geworden wäre.
Die Dürre traf die Nomaden im Norden, die Turkana, Pokots, N'jem und die Massai am härtesten. Selbst in Nairobi war die Katastrophe schon zu spüren. Die ganze Stadt war voll von Massai mit ihren Herden, die den letzten Rest des spärlichen Grüns am Straßenrand abweideten. Wasser war rationiert und für das Produktionsbüro, eine große Villa in Muthaiga, Nairobi, in der wir auch wohnten, mußsten wir Wasser kaufen. Es wurde mit Tankwagen geliefert. Elektrizität gab es ebenfalls nur unregelmäßig, da der Strom für Nairobi aus Wasserkraftwerken geliefert wird und der Stausee ausgetrocknet war. Nairobi war in diesem Sommer am Rande des Kollapses.
Es sollte erst im November regnen, als wir mit dem Bau der Farmhäuser schon begonnen hatten, als die ersten, künstlich bewässerten Maisfelder schon angelegt und die ganze Organisation schon hochgelaufen war. Irgendwann hatten wir darauf vertraut, dass die Götter Afrikas mit dem Land und dem Film gnädig sein würden.
Nach 52 Drehtagen in Kenia würden wir am Donnerstag vor Ostern fertig sein, so war der Drehplan, der schon im November festgelegt wurde.
Das erste Motiv war Rongai, beindruckend, aber unwirtlich und trostlos Das erste Motiv war Rongai, also die erste Farm der Redlichs. Nach Carolines Vorgaben sollte es eine trockene, fast wüstenartige Landschaft sein. Auf der Leinwand beeindruckend, aber doch so unwirtlich und trostlos, dass jeder Zuschauer Jettels Reaktion "hier kann man doch nicht leben" verstehen würde.Ein ideales Motiv war in Lolldaiga, nordwestlich des Mount Kenia, gefunden worden. Das Motiv hatte ein Problem, es gab keine Unterbringungsmöglichkeiten in der Nähe. Die einzige Lösung war ein Zeltcamp. Das bedeutete - sechsundachtzig Zelte, nicht nur Unterkunft für das hundert Mann Team, auch Zelte für Maske, Kostüm, Produktionsbüros, Ausstattung, Catering, ein Speisezelt sowie ein Barzelt. Eine kleine Zeltstadt. Allein um das Camp am Laufen zu halten brauchte Jock Anderson, der Campmanager zusätzlich 22 Mann, Rolf Schmidt, der Caterer, hatte noch mal 14 Leute, und schließlich die 12 Guards des Kenia Wildlife Service. Da es Elefanten und Löwen in unmittelbarer Nähe des Camps und des Motivs gab, durfte keiner das Camp zu Fuß verlassen, nur in Begleitung eines KWS-Guard. Für drei Wochen Dreharbeiten mußste das gesamte Wasser, nicht nur Trinkwasser, für fast 150 Menschen, außerdem Treibstoff für vierzig Fahrzeuge und Generatoren herangeschafft werden.
Die zweite Etappe, ebenfalls drei Wochen, wurde in Ol Joro Orok, nähe Ngobit gedreht. Während in Rongai der vorherrschende Eindruck Wüste und Trockenheit war, sollte in Ol Joro Orok, das zweite Hauptmotiv, grün und fruchtbar wirken. In einem flachen Tal gelegen, etwa oberhalb eines kleinen Flussbettes, hatten Susann Bieling und Uwe Szielasko ein Farmhaus gebaut und perfekt auf alt getrimmt. Der Kontrast zu Rongai war enorm, denn Ol Joro Orok hat im Film etwas Verwunschenes, fast Magisches. In dieser Zeit wurden alle Szenen in und um das Farmhaus herum gedreht, die Felder, das Dorf der Farmarbeiter wurden gesplittet und im dritten Hauptmotiv Mukutani gefilmt.
"Straße Nairobi" in Nyahururu Doch dazwischen lagen noch zwei andere, schwierige Motive. Der Komplex um das Motiv im Hotel Norfolk, das wir in Nyeri drehten, sowie "Straße Nairobi" in Nyahururu. Massenszenen mit historischen Komparsen. Bis zu zweihundert Statisten hatten wir in manchen Szenen. Mit vielen historischen Komparsen zu drehen ist in Europa schon ein Problem, da bei einem historischen Film der Aufwand für Maske und Kostüm bedeutend ist. In Kenia war das ein richtiges Problem. Erstens war es schwierig, so viele weiße Frauen, Kinder, später aber auch Männer zu finden, die Lust und auch Zeit hatten, im Film mitzuspielen. Zweitens mußsten diese Menschen in der Nähe des Drehortes übernachten, da die Entfernungen und schlechten Straßen es unmöglich machten, so viele Menschen am selben Tag ans Motiv und dann wieder wegzubringen. Adäquate Hotels gab es so gut wie keine. Um das Problem einigermaßen zu lösen, hatte Nik Semjevski mit dem Casting der Komparsen schon drei Monate vor dem Einsatztag begonnen.Das Team von Nanni Gebhardt-Seele und Stefanie Hilke, unseren Maskenbildnern, mußste um fünf Zusatzmaskenbildner aus Deutschland aufgestockt werden. Es gibt keine kenianischen Maskenbildner, die europäische Frisuren im Stil der vierziger Jahre ondulieren können. Gerade die Massenszenen waren für die Kostümabteilung eine Herausforderung. Aus Kostengründen wurde ein Großteil der Kostüme von uns selbst angefertigt. Die Kostümbildnerin Barbara Grupp organisierte in Nairobi eine eigene Nähwerkstatt, mit Jeanette Apel als Leiterin, die vorher in Mexiko eine kleine Textilfabrik geleitete hatte.
Mukutani, das vergessene Dorf Das dritte Hauptmotiv, Mukutani, ist eine Community etwa vierzig Kilometer nordöstlich des Lake Baringo gelegen. Entdeckt hatten wir das Motiv aus dem Flugzeug. Da die Piste nach Mukutani extrem schlecht und nur mit einem guten Allradfahrzeug zu bewältigen war, mußsten wir eine Straße bauen. Etwa 40 Kilometer mit Bulldozern planieren, damit die Lastwagen für Licht und Bühne, die Generatoren und die Tankfahrzeuge für Wasser und Treibstoff zum Motiv durchkommen konnten. Für Notfälle wurde eine Landepiste für Flugzeuge angelegt. Etwa siebenhundert Menschen leben in Mukutani, meist Pokot und N'jem, also ehemalige Nomaden, die sich entlang des Mukutani Rivers niedergelassen haben. Ein abseits gelegenes, vergessenes Dorf. Viele der Einwohner hatten noch nie einen Weißen gesehen.Es war sehr schwer vorher einzuschätzen, wie die Dorfbewohner auf die Dreharbeiten reagieren würden, beispielsweise auf die Zeltstadt, oder auf Scheinwerfer, die die Nacht so hell machen würden, wie sie es noch nie in ihrem Leben erlebt hätten, denn Elektrizität gab es in Mukutani natürlich nicht. Der Ältestenrat stimmte nach langen Beratungen zu. Als Motivmiete wurde der Bau der Straße vereinbart, die dem Dorf große Vorteile und Entwicklungsmöglichkeiten bringen wird. Um uns mit der Sozialstruktur der beiden, teilweise rivalisierenden Stämme besser vertraut zu machen, engagierten wir den Münchner Ethnologen Benedikt Mirow, der bereits im November in das Dorf reiste und dort wohnte, um die Bewohner kennen zu lernen und um für das Projekt zu werben.
Mukutani war die größte Herausforderung. Nicht nur, dass es zumindest vorher sehr schwierig aussah, mit den Pokot und den N'jems zu drehen, auch das Motiv mußste sehr langfristig vorbereitet werden. Es wurden große Maisfelder angelegt, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten drei verschiedene Reifegrade hatten. Junger, niedriger Mais, mittelhoher, grüner Mais und reifer, gelber Mais, um im Film das Gefühl zu vermitteln, dass Zeit vergeht. Im reifen Mais wurde dann der Heuschreckenangriff gefilmt, einer der Höhepunkte des Films. Bereits im November wurde der erste Mais gesät, um im März reifen Mais zu haben. Um das Wachstum des Mais zu überwachen, gab es einen sogenannten Maisbeauftragten, der einmal pro Woche aus Nakuru, etwa hundert Kilometer entfernt, nach Mukutani fuhr.
Der zweite Höhepunkt, zumindest aus organisatorischer Sicht, war die große Nachtzeremonie der Pokots, an der Jettel und Regina im Film teilnehmen. Mehr als vierhundert Pokots spielten mit, in ihren eigenen traditionellen Gewändern. Vorher war völlig unklar gewesen, ob und wie sich diese vielen Menschen, die ja überhaupt keine Kameraerfahrung hatten, die meisten noch nie in ihrem Leben Film oder Fernsehen gesehen hatten, inszenieren lassen würden. Kurz gesagt, sie waren perfekt, geduldig, es wurden alle Anweisungen ausgeführt, es wurde wiederholt, es wurde umgruppiert. Die Leute aus Mukutani waren einfach die besten Komparsen, die ich je erlebt habe. Auch die Dorfbewohner, die richtige Rollen übernommen hatten, wie Kanya Man und Jogona waren großartig. Vorher hatte man uns gewarnt, wie schwierig, gerade die Pokots seien. Doch wir erlebten die Menschen in Mukutani als offen, freundlich und unglaublich hilfsbereit. Die Erfahrungen in Mukutani führten dazu, dass wir in Deutschland einen Verein gegründet haben, der Spenden sammeln und das Dorf unterstützen wird. Neben dem Aufbau und Unterhalt einer Sanitätsstation soll die Straße weitergebaut werden.
In den letzten drei Wochen wurde in und um Nairobi gedreht. Motive wie Bahnhof Nairobi, Internierungslager und britische Kaserne. Trotz vieler unvorhergesehener Ereignisse, Wetterproblemen, einem Überfall, vielen Pannen und Krankheiten waren wir dann, nach 52 Drehtagen, an dem Donnerstag vor Ostern fertig.
Möglich wurde das
durch eine unglaubliche Leistung des gesamten Teams, besonders auch
durch die Leistung der Kenianer, die sich enorm für den Film
eingesetzt haben und beweisen wollten, dass es möglich ist, in
Kenia große Filme zu drehen.
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| © Fotos: Constantin Film © 1994 - 2010 Dirk Jasper |
