Der Himmel von Hollywood

Ausführlicher Inhalt

Wenn man Talent und Glück addiert, ergibt das Erfolg. Addiert man dagegen Talent und Pech, ist das Resultat Pech. Kage Mulligan, Tom Greener und Floyd Benson hatten Talent, und sie hatten Pech. Ihre Träume sind irgendwann, den genauen Zeitpunkt haben sie schon längst aus den Augen verloren, in den Tiefen des Stillen Ozeans ertrunken.

Es ist bereits die dreißigste Klappe, die geschlagen wird, und Kage Mulligan (Burt Reynolds) ist dabei, sich zum Gespött der gesamten Filmbranche zu machen. Dabei ist es nur eine einfache Szene in einem schlichten Kriminalfilm: Mulligan, der Streifenpolizist, soll auf der Beifahrerseite aus seinem Wagen springen und mit der Waffe im Anschlag zwei Dealer zur Räson bringen. Doch an diesem Tag hat sich leider mal wieder alles gegen ihn verschworen: Zuerst klemmt die Waffe im Halfter, ein weiteres Mal stolpert Kage und schlägt der Länge nach hin, und schließlich bleibt er gar im Sicherheitsgurt hängen. Zu guter Letzt werden Fahrer und Beifahrer ausgetauscht. Statt Mulligan wird Tom Greener (Tom Berenger) die Drogenhändler bedrohen. Kage soll den Streifenwagen fahren und vorerst im Wagen sitzen bleiben.

Es hätte noch alles gut werden können an jenem Tag, zumal Greeners Freundin Paula gerade einen Agenten für ihr Drehbuch mit dem Titel "Der Himmel von Hollywood" begeistern konnte, doch Kage Mulligan hat sich nach und nach eine satte Portion Gelassenheit angetrunken, und beim nächsten "Action!" schießt der Streifenwagen wie ein Raubtier in die Szenerie. Die Darsteller der Dealer können mit knapper Not noch beiseite springen.

Sieben Jahre später.

In einem schäbigen Hotel in Downtown mietet sich Tom Greener ein. Was er die vergangenen Jahre gemacht hat, darüber würde er am liebsten den Mantel des Vergessens oder wenigstens des Stillschweigens legen. Die paar lumpigen Dollar in seinem Besitz sind schnell aufgebraucht. Seine letzte Hoffnung ist ein Treffen mit Robert Kant (Kay E. Kuter), eine graue Eminenz im Betrieb Hollywoods und ein guter Freund aus Toms früherem, besseren Leben. So wie Kant eine dicht befahrene Straße überquert, ohne nach links oder rechts zu sehen und mit gehöriger Sturheit sowie einem unermesslichen Gottvertrauen, so begegnet er auch Tom. Der erzählt ihm, dass er Paulas Skript "Der Himmel von Hollywood" mit einem Happy End versehen hat, woraufhin ihm Kant anbietet, sich noch einmal für das Projekt einzusetzen und ihm am nächsten Tag gar einen Vorschuss von 500 Dollar zu übergeben.

Zurück in seinem Hotel trifft Tom den alten Kollegen Kage Mulligan, der ebenso out ist, wie er selbst es vor seinem Treffen mit Kant gerade noch war. Vielleicht ist es Übermut, der ihn dazu bringt, Kage zu versprechen, sich bei Kant für ihn zu verwenden, vielleicht ist es aber auch nur Ausdruck jener Hollywood-Mentalität, bei der grandiose Selbstüberschätzung und elender Jammer ohne Übergang ineinander verschwimmen.

Am nächsten Tag stirbt Robert Kant bei einer seiner halsbrecherischen Straßenüberquerungen, und somit sterben auch Toms Zukunftspläne.

Bei der großen Beerdigung auf dem Hollywood Forever Cemetery, begegnen Mulligan und Greener dem alten Floyd Benson (Rod Steiger), irisches Raubein, Oscar-Preisträger und einer der Großen des alten Hollywood. Inzwischen verdingt sich Benson notdürftig als Elektroinstallateur. Warum der Siebzigjährige die Schauspielerei aufgegeben hat, will Tom wissen. "Nicht ich habe die Schauspielerei aufgegeben. Die Schauspielerei hat mich aufgegeben." Die drei alten Männer am Rande dieser Trauerfeier verkörpern den Gemütszustand, in dem nichts mehr geht und alles möglich ist.

Auf der Suche nach einem würdigen Ort, einen Toast auf den Verstorbenen auszusprechen, fahren sie mit Bensons Pick-up zum Hollywood Sign, wo sie sich nicht nur anständig betrinken, sondern auch eine übel zugerichtete Leiche finden. Benson erkennt den Toten als einen Kumpel der Gangster, in deren Villa er in den vergangenen Tagen eine Alarmanlage eingebaut hat. Bei dieser Gelegenheit konnte er beobachten, wie Tino, so der Name des Toten, zwei Koffer voller Geld in besagte Villa brachte.

Der Tote ist für Benson nur die nachträgliche Bestätigung, dass die Bewohner dieses Hauses zwielichtige Gestalten sind und einen großen Coup gelandet haben. Gleichzeitig mit dieser Erkenntnis befürchtet Benson aber auch, dass die Polizei ihn über kurz oder lang zu einer Aussage nötigen könnte: "Wenn die Polizei ihn findet, werden sie alle vernehmen. Sie werden das Haus finden und alle aufspüren, die in den letzten Tagen dort waren. Dann mußs ich zugeben, dass ich Tino gesehen habe. Wenn ich das nicht tue, lüge ich, und dann werde ich wegen Meineid angeklagt. Ich will nicht lügen. Und dann werde ich zum Kronzeugen, davon bin ich überzeugt. Das wird mir die letzten Jahre meines Lebens vergällen, denn ich werde irgendwo untertauchen müssen, vielleicht sogar unter einem anderen Namen, mit einer neuen Identität - irgendeine Nummer in einem Zeugenschutzprogramm."

Neben der Angst ist da aber auch die unbestimmte Ahnung , dass man aus diesem Fund Vorteil schlagen könnte, und so nehmen die Schauspieler diese Leiche erst mal mit und verstecken sie in Bensons Tiefkühltruhe. Nach und nach, fast gegen ihren Willen, nimmt ein aberwitziger Plan Gestalt an, dass sie nämlich den Verbrechern ihrerseits das Geld wieder abjagen sollten, doch dafür müssen sie viel mehr über sie wissen, und deshalb soll Benson bei den Gangstern Wanzen installieren.

Stunden um Stunden quälen sie sich beim Abhören durch nichtssagende Unterhaltungen der drei Männer oder Telefon-Turteleien zwischen Rodney di Giacomo (Al Sapienza), offensichtlich der Chef der Bande, und seiner Geliebten. Immer wieder spekulieren Rodney und die beiden anderen, Muscle (Eric Bruskotter) und Steve (Dominic Keating), aber auch über den Verbleib von Tino. Als Steve und Muscle sich allein glauben, bezichtigen sie sich gegenseitig der Nachlässigkeit bei der Durchsuchung des toten Tino, und das Team Greener-Mulligan-Benson erfährt aus diesen Gesprächen auch, dass Tino in einem Casino in Las Vegas gearbeitet hat und dass dort in der Zentral-Kasse noch eine weitere Komplizin, die Geliebte Rodneys, sitzt.

Tom Greener kommt die ganze Konstellation seltsam bekannt vor. Einer Ahnung folgend ruft er unter einem Vorwand in der Zentral-Kasse des Casinos an, wo sich seine Freundin von vor sieben Jahren meldet: Paula Carver (Jacqueline Kim). Schnell legt Tom Greener auf.

Am nächsten Tag taucht Paula, dem Anschein nach hochschwanger, bei den drei Gangstern auf. Ihr dicker Bauch jedoch ist nur Attrappe und war das 'Behältnis' beim Casinobetrug. Es wird lautstark gestritten, vor allem über Tino, der ein enger Vertrauter der Gangsterbraut war. Sie werfen sich gegenseitig Beschuldigungen an den Kopf: Tino sei wahrscheinlich abgehauen mit dem Schlüssel aber was soll er mit dem Schlüssel, wenn die neun Millionen Dollar noch im Safe sind. Da ist es heraus: Endlich wissen die drei Schauspieler, um welche Gage sie die ganze Zeit gespielt haben. Am liebsten würden Muscle und Steve den Tresor, in dem sich das Geld befindet, einfach in die Luft sprengen und dann abhauen. Doch Paula ist unbeugsam: "Tino wird auftauchen. Wir machen nichts ohne ihn."

Der Enthusiasmus von Tom Greener ist einer übellaunigen Anspannung gewichen. Er kennt die Geschichte, in die er, Mulligan und Benson hineingeraten sind - aber auch Paula, die er noch immer liebt. Es ist der Plot von "Der Himmel von Hollywood", dem Drehbuch, das Paula vor sieben Jahre geschrieben hatte. "Und jetzt versucht sie es im richtigen Leben zu spielen."

Anderntags fährt Paula nach Las Vegas zurück. Tom folgt ihr. Er schleicht sich in Paulas Wohnung und sieht in die Mündung ihrer Pistole. Was er wolle und was er wisse, fragt ihn Paula kalt, und Tom erzählt ihr ihre Geschichte. Er erzählt sie so, wie sie sie vor sieben Jahren geschrieben hat, fügt aber hinzu, dass er auch die Variation kenne, so wie die Wirklichkeit sie in den letzten Tagen geschrieben habe: Auf einem Tape, das Tom ihr vorspielt, hört Paula das Gespräch von Muscle und Steve über den Mord an Tino. Den Schlüssel aber, weswegen Tino gefilzt und schließlich umgebracht wurde, hatte dieser aus Angst und Vorsicht längst per Post zu Paula nach Las Vegas geschickt.

Paula fährt mit Tom zu Floyd und Kage nach Los Angeles, wo sie unverzüglich mit den 'Proben' für eine Performance der Extra-Klasse beginnen: Die drei Schauspieler sollen als Cops getarnt in die Villa der Gangster schneien, sie mit ihrem ganzen erspitzelten Wissen und schauspielerischen Können aus der Reserve und aus dem Haus locken, um danach ungestört und mit Hilfe von Paulas Schlüssel den Tresor ausräumen zu können.

Viele Widerstände sind dabei zu brechen, auch Ängste und Schwächen, Neurosen und Eitelkeiten, doch am Ende werden die drei Akteure zu einer unübertrefflichen 'Echtheit' gefunden haben. Und nicht nur die drei Alten trumpfen mit beeindruckender Grandezza auf, auch Paula erweist sich als großes Talent in puncto Schauspielerführung. Kurz vor der großen 'Premiere' im Haus der Gangster gibt sie ihrer Truppe noch die ermutigende Regieanweisung: "Erinnert Ihr euch, wenn Ihr aufgetreten seid und Panik hattet, dass das Publikum davonläuft, wenn Ihr schlecht seid? Wenn Ihr diesmal schlecht seid, bringt euch das Publikum um."

Mehr braucht es nicht, um die drei Helden zur Höchstform anzuspornen. Lampenfieber und Magengrummeln weichen schnell einer virtuos aufgeführten Improvisation, in der sie Top-Ermittler des Los Angeles Police Departments mimen. Ihre Finten und Fallen, die Schmeicheleien und Drohungen sind wahrlich bigger than life. Am Ende des 'Verhörs' haben Greener, Mulligan und Benson die Verbrecher tatsächlich so weich gekocht, dass sie die Einladung aufs Revier fast artig und wohlerzogen mit Diener annehmen.

Kaum aber sind die drei 'Polizisten' aus dem Haus, bricht unter den Gangstern ein erbitterter Streit los. Kurz danach zerfetzen mehrere Schüsse die Stille in den Bergen über Los Angeles, und dann verlässt Rodney das Haus. Er ist allein.

Doch dies ist kein guter Zeitpunkt für Sentimentalitäten: Paula und Greener, Mulligan und Kage schleichen erneut in die Villa, um das Geld zusammenzuraffen. Als alles getan ist, stehen sie mit vollen Geldkoffern vor ihrem Auto, doch da taucht Rodney noch einmal auf.

Wieder fällt ein Schuss. Mulligan wankt rückwärts.

Mulligan wankt weiter rückwärts und stürzt in den Swimmingpool, als eine Regisseurin das erlösende "Cut" ruft. Vom Regiestuhl erhebt sich Paula Carver und begrüßt zwei Vertreter des Studios, die den Film ins Kino bringen werden. Die beiden Manager äußern ihre Begeisterung über die Story, aber auch ihren Missmut über das Unhappy End. Auf der Dachterrasse wartet bereits der Executive Producer des Films, Mr. Rodney di Giacomo, auf die Abordnung, und vor dem grandiosen Himmel Kaliforniens fixieren die Kreativen mit den Geschäftsleuten die Möglichkeit eines anderen Endes: Warum nicht nach dem Tod Mulligans auf ein Filmset schneiden. Die Schauspieler wären Schauspieler und würden genau das tun, was sie immer wollten: Schauspielern. Die Frau wäre auch glücklich, sie würde die Geschichte inszenieren, die sie immer inszenieren wollte, alles wäre gut, dann aber würden zwei Typen vom Studio auftauchen und.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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