Ausführlicher Inhalt zu Mulholland Drive - Straße der Finsternis

Szenenfoto Hoch über Los Angeles, der Engelsstadt mit dem Hauch von Hölle, kriecht der Mulholland Drive entlang und verbirgt hinter jeder Haarnadelkurve atemberaubende Anblicke oder waghalsige Wendungen. Nur in der Nacht, wenn der filmreife Fotorealismus unter Palmen mitunter schemenhaften Fratzen im Dunkeln weicht und selbst die gleißenden Lichter der Traumfabrik nicht reichen, die Illusionen zu erhalten - dann kann auch auf Mulholland schon hinter der nächsten Biegung der albtraumhafte Fall ins Bodenlose warten.

In einer dieser Nächte zwischen Wahrheit und Wahnsinn gleitet lautlos eine Limousine mit einer attraktiven, anonymen Frau (Laura Elena Harring) durch die Hollywood Hills, bevor ihre komplette Existenz jäh aus der Kurve fliegt. Binnen Sekunden wird sie fast Opfer eines Anschlags und überlebt einen grauenhaften Autounfall. Doch während sie äußerlich bloß eine Platzwunde davonträgt, zeigt sich bald, dass die rätselhafte Femme mit dem Hang zum Fatalen auch ihr Gedächtnis verloren hat.

Ziellos irrt sie umher und findet anderntags zufällig in einer Wohnung Unterschlupf, deren Besitzerin auf Reisen gegangen ist. Aber nur kurz darauf steht mit der furchtbar fröhlichen Betty Elms (Naomi Watts) eine weitere junge Frau in der Tür - gerade erst ist sie aus Kanada in L.A. gelandet, um Schauspielerin zu werden. Ihre Tante hat ihr das leere Haus zur Verfügung gestellt und als Betty hier eine Fremde entdeckt, glaubt sie, dass es sich bei Rita um eine Freundin ihrer Familie handelt. Denn "Rita", so hat sich die schockstarre Schönheit kurzerhand mit einem Blick auf ein Poster des Hayworth-Klassikers "Gilda" genannt.

Während die so genannte Rita und die nichts ahnende Betty ein Haus teilen, wo sich Ungereimtheiten zwischen beiden auftürmen und ihre Schicksale fatal zu verändern drohen, wird auch in anderen Ecken der Stadt den Menschen langsam, aber sicher der Boden der Realität unter den Füßen weggerissen. Sei es ein zu Tode geängstigter Zeitgenosse, der von finsteren Ahnungen geplagt wird und auf dem Parkplatz eines Diners ins Antlitz des monströsen, puren Bösen blickt. Oder ein Auftragskiller, der sich bei der Erledigung eines Mordes so unprofessionell anstellt, dass sich in einer Verkettung grotesker Umstände bald ein paar Leichen häufen. Doch keiner im urbanen Mikrokosmos von Irrsinn und Illusionen scheint so wenig aufs Unerklärliche gefasst wie der allzu hippe Hit-Regisseur Adam Kesher (Justin Theroux).

Szenenfoto Bei einem Business-Meeting wird ihm von Abgesandten seiner Finanziers mehr als deutlich signalisiert, dass Kesher in der Hauptrolle seines aktuellen Filmes eine gewisse Camilla Rhodes besetzen soll. Nicht ahnend, dass die Direktive aus dem tiefsten Zentrum der Macht kommt, ignoriert Kesher latente Drohungen - und mußs zunächst erst mal Prügel und Beleidigungen seiner Frau einstecken, die er gerade mit einem Handwerker (Billy Ray Cyrus) im Bett erwischt hat. So konsterniert wie cool nimmt Kesher auch zur Kenntnis, dass sein Filmprojekt innerhalb von Stunden auf Eis gelegt wurde.

Szenenfoto Und als ihn neuerliche Drohungen sogar in einem schmierigen Hotel in Downtown Los Angeles erreichen, beginnt er seine Impotenz als Künstler und seine Machtlosigkeit als Mensch zu erahnen und trifft an gottverlassenem Orte eine beängstigende Autoritätsfigur, die sich nur "der Cowboy" (Monty Montgomery) nennt. Kesher solle gefälligst die Hauptrolle vergeben, wie es ihm von interessierter Seite geheißen wurde. "Du wirst mich noch einmal treffen", so der Cowboy lakonisch, "wenn du deine Sache gut machst. Und du wirst mich zweimal sehen, wenn nicht."

Zur gleichen Zeit hat die unerschütterlich hilfsbereite Betty begonnen, ihrer neuen Freundin Rita zu helfen, ihr Gedächtnis wiederzuerlangen. Ungeachtet von Warnungen seitens der forschen Vermieterin Coco Lenoix (Ann Miller) lässt sie Rita bei sich wohnen und recherchiert die Nacht, in der auf dem Mulholland Drive die Realität einen Riss erhielt. Es habe sehr wohl einen Unfall gegeben, bringt sie telefonisch beim zuständigen Detective (Robert Forster) in Erfahrung. Doch erst als sich Rita zu erinnern glaubt, dass ihr echter Name Diana Selwyn laute und ein geheimnisvoller blauer Schlüssel von verborgenen Wahrheiten kündet, kommen die beiden Frauen bei ihrer Suche weiter.

Szenenfoto Zuerst absolviert Betty allerdings einen Casting-Termin in einem Filmstudio und verblüfft auch die Branchenhaie mit unglaublich profundem, sinnlichem Schauspiel, das wie aus einer anderen Seele zu stammen scheint. Danach wird sie in ein Atelier geführt, in dem kein Geringerer als der vormals erpresste Regisseur Adam Kesher gerade Probeaufnahmen inszeniert. Wie befohlen, besetzt er seinen Film gegen seinen Willen - nicht ohne vorher lange, unergründliche Blicke mit Betty ausgetauscht zu haben. Fast wirkt es, als ob sich die beiden bereits aus einem anderen Leben kennen.

Statt Geheimnissen auf die Spur zu kommen, verstricken sich Betty und Rita kurz darauf nur noch tiefer in einen Sumpf des Verbrechens und ungeheuerlicher Ahnungen, als sie auf der Suche nach Ritas echter Identität auf die Leiche einer unidentifizierbaren Frau stoßen. Noch unvermittelter verändert sich beider Frauen Verhältnis, als sie in der anschließenden Nacht zu Liebenden werden und nach beklemmend zärtlicher Intimität in unruhigen Schlaf fallen - nach dem nichts mehr ist, wie es vorher schien.

Szenenfoto In einem alten Theater, das die zwei Frauen wie unter einem Bann ansteuern, wirken Zeit und Raum außer Kraft gesetzt. Eben noch verlässliche Gewissheiten lösen sich im Nichts phantasmagorischer Fliehkräfte auf. Und unvermittelt spielen die zwei einander zunehmend verfallenen Frauen neue Rollen, deren Verbindung zu Betty und Rita vorerst ihrer Erklärung harren. Sind die neuerlichen Entwicklungen des labyrinthischen Rätsels imaginiert oder erwachten die beiden vielmehr gerade aus einem weniger bösen Traum? Was verbirgt sich in einer "blue box", zu der Ritas blauer Schlüssel nur zu gut passt?

Und welche Rollen spielen der Auftragskiller und der Regisseur, das Monstrum und der sinistre Cowboy, die zum Teil unter anderen Masken die Bühne betreten? Die Antworten sind verblüffend - und nicht ganz von dieser Welt, möglicherweise ...

Dirk Jasper FilmLexikon
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